Digger [2026]

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6–8 Minuten
Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 29. September 2026
Genre: Satire / Drama

Originaltitel: Digger
Laufzeit: 128 min.
Produktionsland: Großbritannien / Mexiko / USA
Produktionsjahr: 2026
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: Alejandro G. Iñárritu
Musik: Cosmo Sheldrake
Besetzung: Tom Cruise, Riz Ahmed, John Goodman, Sandra Hüller, Michael Stuhlbarg, Jesse Plemons, Robert John Burke, Emma D’Arcy, Burn Gorman, Sophie Wilde, Pip Torrens, Mercedes Hernández, Danny Kirrane, Corey Johnson


Kurzinhalt:

Für Öltycoon Digger Rockwell (Tom Cruise) beginnt der Tag wie jeder andere auch. Er kümmert sich um lebenserhaltende Maßnahmen für seine 30jährige Katze Maggie und telefoniert, noch bevor er überhaupt gefrühstückt hat, mit seinen Angestellten auf Bohranlagen rund um die Welt. Alaska soll eine neue Goldmine werden, doch aus Grönland erfährt Digger, dass eine jüngst entdeckte Spalte in einem Eisschelf größer geworden ist. Nun hat es sogar eine Methanexplosion gegeben und ein Eisschelf 5mal so groß wie Washington, D.C. ist abgebrochen und bewegt sich auf Europa zu. Während Diggers Schwester Emma (Sandra Hüller) fürchtet, dass negative Publicity ihrer neu gegründeten Firma schaden könnte, die eine grüne Zukunft verspricht, beruft der US-Präsident Compson (John Goodman) mit seinem Stab eine Krisensitzung in Diggers Anwesen ein. Ebenfalls anwesend ist Dr. Ganesh (Riz Ahmed), Leiter der Umweltsicherheit in Diggers Firma. Er erläutert die Risiken, die von dem Eisschelf ausgehen und zu einer Katastrophe ungeahnten Ausmaßes führen können. Während sie sich vornehmlich darauf konzentrieren, alle Verantwortung dafür von sich zu schieben, bahnt sich ein viel größeres Unheil an …


Kritik:
Es fällt immens schwer, Alejandro G. Iñárritus neuesten Film Digger einzuschätzen. Wenn nichts anderes, ist es nicht die Art Film, die die Vorschau vermuten lässt und trotz der namhaften Besetzung, die hier mitunter bis zum Äußersten gefordert ist, wird die Erzählung vermutlich nur ein bestimmtes Publikum ansprechen. Das jedoch erwartet eine überaus aktuelle und stellenweise geradezu unbequeme Satire, die inhaltliche Wendungen bereithält, die man so nicht kommen sieht.

Im Zentrum der Erzählung steht der Titel gebende Digger Rockwell, ein Öltycoon, dessen Firma auf der ganzen Welt nach Öl bohren lässt, selbst in Naturschutzgebieten, wo dies an sich nicht möglich sein sollte. Das verdankt er seinen Verbindungen in die höchsten politischen Ebenen. Digger ist so einflussreich und gleichermaßen von sich eingenommenen, dass er seine 30 Jahre alte Katze mit einem persönlichen Leibveterinär am Leben hält. Er umgibt sich bewusst mit Menschen, die Angst davor haben, ihn zu enttäuschen, weshalb er selbst in Gegenwart des US-amerikanischen Präsidenten Compson wirkt, als wäre er dem mächtigsten Mann der Welt wenigstens ebenbürtig. Dass der mit seinem Stab zu einer Sondersitzung im edlen Anwesen des Tycoons anreist, liegt an einer Situation, die Diggers Bohrungen in Grönland verursacht haben. Um die geforderten Fördermengen zu erreichen, wurde alle Warnungen der Experten in den Wind geschlagen, woraufhin sich eine Methanexplosion ereignet hat, die ein riesiges Eisschelf abgebrochen hat. Das bewegt sich nun auf Europa zu und könnte dort zu einer Katastrophe ungeahnten Ausmaßes führen. Da Digger die Situation verursacht hat, soll er sie nun bereinigen. Sein Vorschlag folgt zwar seiner bisherigen Art, jegliche Verantwortung von sich zu schieben, doch ahnt er nicht, dass dies erst der Beginn einer globalen Katastrophe ist.

Digger Rockwell ist der Inbegriff wenigstens des Klischees eines Firmenmagnaten. Er ist vollkommen von sich selbst überzeugt und ein grenzenloser Narzisst. Während er in Gesprächen der Auffassung ist, er habe eine Situation oder ein Problem verstanden, hat er doch tatsächlich die Tragweite dessen, was sich abspielt, gar nicht umrissen. Dabei manipuliert er sein Gegenüber erfolgreich, wenn es darum geht, Verantwortung von sich zu schieben. Mit seinem Öl befriedigt er schließlich doch nur den Bedarf eines billigen Energieträgers, den die Konsumentinnen und Konsumenten haben wollen, oder nicht? Mit seiner ungesunden Mischung aus pathologischer Selbstüberschätzung und grenzenloser Moralvergessenheit ist er den Politikern, mit denen er die Entscheidung trifft, wie auf die drohende Katastrophe reagiert werden soll, nicht unähnlich. Politik und Industrie sind zwei Variablen einer Gleichung, die, wenn sie nicht ausgeglichen wird, zu unsäglichem Leid bei der Zivilbevölkerung führt. Digger macht dies anhand eines fiktiven Szenarios deutlich, dessen Aussagen doch nicht zu überhören sind. Spricht Digger Rockwell hier vor europäischen Politikerinnen und Politikern, fängt dieser ca. 10minütige Monolog die aktuelle Situation unserer Welt und was dazu geführt hat, ebenso gelungen ein, wie wenn Digger vom Chef seiner Umweltsicherheitsabteilung, Dr. Ganesh, die Leviten gelesen werden.

Diese Momente leben von den Darbietungen, die sie zum Leben erwecken, wie auch derjenige, in dem Präsident Compson den Bezug zur Realität hinter sich lässt. John Goodman spielt diesen Monolog auf eine geradezu entfesselte Art und Weise, dass einem beinahe Angst wird. Gleichermaßen beeindruckend ist Hauptdarsteller Tom Cruise, der trotz der aufwändigen Maske eine Bandbreite zeigt, wie er es lange nicht mehr durfte. Dabei ist es nicht allein die vollkommen überzogene Persönlichkeit von Digger Rockwell, mit der er glänzt, sondern der Kontrast zu den ernsten Momenten seiner Figur. Aus dem ohnehin überragenden Ensemble stehen diese zwei preiswürdigen Darbietungen am meisten hervor. Sie spielen vor einer Szenerie, die bereits in den ersten Bildern künstlich erscheint, beinahe, als wäre Digger ein auf Leinwand gebanntes Theaterstück. Selbst die in seinen Armen verwesende Katze Maggie ist sichtbar eine Puppe. Zusammen mit dem gewählten Bildausschnitt haftet Iñárritus Inszenierung damit etwas Artifizielles an, was aber durchaus beabsichtigt ist. Hinzu kommt, dass die Beteiligten ihre Figuren mit einem geradezu überdrehten Enthusiasmus zum Leben erwecken, als wollten sie auch die Zuseherinnen und Zuseher auf der hintersten Reihe im Saal erreichen. Das passt zwar zum satirischen Charakter der Erzählung, ergibt aber auch aus künstlerischer Sicht durchaus Sinn. Ob ein breites Publikum sich davon wird ansprechen lassen, steht jedoch auf einem anderen Blatt.

Ebenso, ob Digger insbesondere in den Vereinigten Staaten entsprechenden Anklang finden wird, destillieren die Verantwortlichen doch die Überheblichkeit und den Pathos der US-amerikanischen Politik in der Darstellung einer politischen Garde, die wie ein Kult organisiert ist, bis, wenn auf die Katastrophe so lange nicht reagiert wurde, dass sie unabwendbar geworden ist, es der Glaube richten soll. Das ist treffend und stellenweise geradezu bissig, aber es nimmt lange emotional nicht mit, auch auf Grund der erzählerischen Wendungen der Geschichte. Doch im letzten Akt geht all das in eine ganz andere Richtung, so dass man Alejandro G. Iñárritus Werk an sich ein weiteres Mal sehen müsste, um es vollends zu verstehen. Schade ist darum, dass die Aussagen der Story zum Ende hin so deutlich ausgesprochen werden, dass auch die letzten Personen im Publikum nicht sagen können, sie hätten nicht verstanden. Das traut dem Publikum weniger zu, als es in der Lage ist, zu erkennen.


Fazit:
Es mag zynisch klingen, aber wirkt die ganze öffentliche Diskussion über die Klimakatastrophe nicht wie ein großes Theater? Seit weit über einem halben Jahrhundert besteht am menschengemachten Klimawandel kein wissenschaftlicher Zweifel mehr und doch gibt es immer noch Menschen, die wie Digger Rockwell die Wahrheit kennen, aber um des Profits willen offen lügen, um ihre Ziele zu erreichen. Statt Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen, wird versucht, das Narrativ zu bestimmen, um selbst in einem besseren Licht dazustehen. Was immer man im Vorfeld von Digger erwartet, Filmemacher Alejandro G. Iñárritu gelingt es, das Publikum kalt zu erwischen. Inhaltlich hochaktuell, ist das in der Art der Erzählung mutig wie einzigartig. Wer sich darauf einlässt, wird womöglich die eigenen Überzeugungen in der stellenweise bissigen Satire bestätigt sehen, nur um einen Spiegel vorgehalten zu bekommen, in dem eine unbequeme Wahrheit auf einen wartet. Oscarreif gespielt, allen voran von John Goodman und Tom Cruise, ist das Filmkunst auf dem Höhepunkt des Schaffens aller Beteiligten, mit einem Schluss, der bei einem bleibt, auch wenn der Abspann lange vorüber ist. Dies mag kein Film für ein breites Publikum sein, aber für das richtige Publikum ist es vermutlich einer der besten Filme des Jahres. Darauf muss man sich einlassen und dass den Zuschauerinnen und Zuschauern letztlich zu wenig zugetraut wird, die Botschaften zu erkennen, ist bedauernswert, sehenswert und stellenweise geradezu grotesk ist diese Überspitzung des Zustands unserer Welt aber dennoch. Auch, wenn die emotionale Wucht währenddessen weniger spürbar ist, als im Nachgang.
 

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