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Kritik von Jens Adrian |
Hinzugefügt am 2. Oktober 2026
Originaltitel: Obsession
Laufzeit: 109 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2025
FSK-Freigabe: ab 16 Jahren
Regie: Curry Barker
Musik: Rock Burwell
Besetzung: Michael Johnston, Inde Navarrette, Cooper Tomlinson, Megan Lawless, Andy Richter, Haley Fitzgerald, Darin Toonder
Kurzinhalt:
Baron „Bear“ Bailey (Michael Johnston) ist bis über beide Ohren in seine Arbeitskollegin Nikki (Inde Navarrette) verliebt, aber er ist zu schüchtern, es ihr zu gestehen, selbst wenn sie ihn offen fragt, ob er sie mag. Nach einem Tag, an dem sie ihm erzählt hat, dass sie gekündigt hat und bald ihren Traum einer Karriere als Schriftstellerin verfolgen will, bringt er es vor lauter Nervosität nicht einmal über sich, ihr ein Geschenk zu überreichen, das er für sie gekauft hat. Es ist ein kleines Spielzeug, das einem einen Wunsch gewähren soll, wenn man es zerbricht. Also zerbricht er es selbst und wünscht sich, dass Nikki ihn mehr liebt, als alles andere auf der Welt. Tatsächlich steht sie schon wenig später neben Baron und ist völlig hingerissen von ihm. Es ist der Beginn einer Beziehung, in der Nikki wie besessen von Baron scheint, was auch ihren Freunden Ian (Cooper Tomlinson) und Sarah (Megan Lawless) auffällt. Obwohl Baron weiß, dass Nikkis Gefühle für ihn nicht echt sind, will er seine „Beziehung“ mit ihr nicht kaputtmachen, doch er ahnt nicht, wie zerstörerisch ihre Besessenheit von ihm tatsächlich ist …
Kritik:
Mit seinem zweiten Spielfilm gelingt dem unter anderem durch seine YouTube-Videos bekannt gewordenen Filmemacher Curry Barker nicht nur eine der erfolgreichsten Independent-Produktionen aller Zeiten. In Obsession – Du sollst mich lieben erzählt er darüber hinaus von der zerstörerischen Kraft einer zwanghaften Liebe und wie sehr die eigne Persönlichkeit davon verdrängt werden kann. Das ist stellenweise amüsant, über weite Strecken beängstigend und mitunter unvermittelt brutal umgesetzt.
Im Zentrum der Geschichte steht der schüchterne Baron „Bear“ Bailey, der in einem Musikgeschäft arbeitet. Mit seinen Kollegen Nikki, Ian und Sarah verbindet ihn eine richtige Freundschaft, wobei er heimlich für Nikki schwärmt. Aber selbst wenn Baron mit Ian probt, wie er Nikki seine Liebe gestehen kann, er bringt es nicht über sich. Nicht einmal dann, wenn Nikki ihm erzählt, dass sie gekündigt hat, da sie Autorin werden will. Auf der Suche nach einem kleinen Geschenk für Nikki besucht Baron ein Esoterikgeschäft und entscheidet sich für einen „One Wish Willow“, ein Spielzeug, das einem einen Wunsch erfüllen soll, wenn man es durchbricht. Doch an diesem Abend ist Baron so von sich selbst enttäuscht, dass er das Spielzeug selbst durchbricht und sich wünscht, Nikki würde ihn mehr lieben, als alles andere auf der Welt. Und tatsächlich, schon Minuten später sitzt Nikki wieder bei ihm im Auto und scheint völlig von ihm hingerissen. Aber nicht nur, dass ihr Verhalten geradezu erschreckende Züge annimmt, immer wieder wirkt sie von sich selbst geschockt, als wäre der Bann gebrochen, nur, um sie kurz darauf wieder einzunehmen. Baron könnte kurze Zeit glücklicher kaum sein und bemüht sich, eine gute Beziehung zu führen. Aber Nikkis Handlungen schlagen immer wieder über die Stränge und sie gerät derart besitzergreifend, dass Baron um seine eigene Sicherheit fürchten muss.
Das erste, was an Obsession auffällt, ist das ungewöhnliche Bildformat. Sind viele Kinofilme in einem Seitenverhältnis von 2,39:1 oder 1,85:1 eingefangen, entscheidet sich Filmemacher Barker für ein Format von 1,5:1. Das klingt im ersten Moment nach einer Kleinigkeit, aber er nutzt die Optik, um seine Figuren in dem hohen Bildausschnitt regelrecht zu isolieren. Über ihren Köpfen ist so viel Platz, es wirkt beunruhigend und durch die statische Kameraführung, die oftmals zwischen den miteinander sprechenden Protagonisten hin und her wechselt, scheinen die Personen regelrecht verloren. Dies spiegelt sich auch in ihren Persönlichkeiten wider, allen voran in der von Nikki. Noch bevor ihr Verhalten geradezu schockierende Züge annimmt, zeugen ihre verkrampfte Gestik und ihre übersteuerte Mimik davon, wie künstlich ihr Auftreten insgesamt ist. Wirkt sie das erste Mal, wenn man ihr begegnet, kumpelhaft und locker, geht sie fortan auf eine puppenhafte Art und Weise aufrecht mit Gesichtszügen, die entweder in einer Haltung eingefroren scheinen, oder aber so rasant zwischen ihnen wechseln, dass einem beim Zusehen warm und kalt wird. Inde Navarrette zeigt in ihrer ersten Hauptrolle eine durchweg beängstigende Darbietung, die einem in manchen Situationen lediglich einen Schauer über den Rücken jagt (man denke daran, wenn Nikki Baron nachts beim Schlafen beobachtet), in anderen aber die Gewalt unvorhergesehen explodieren lässt. Gleichzeitig porträtiert sie Nikki aber als eine Figur, die in ihrem eigenen Körper gefangen scheint, verdrängt von einer Persönlichkeit, die mehr Marionette als eigene Person ist. Es macht, was ihr widerfährt, nicht nur tragisch, sondern unterstreicht den übergriffigen Charakter von Baron, der sich selbst daraus einen Vorteil verschafft.
Der wirkt zu Beginn wie ein hoffnungsloser Romantiker, aber nicht nur, dass früh offensichtlich wird, dass was er Nikki antut, wohlwissend, dass auch ihre körperliche Ergebenheit ihm gegenüber seinem Wunsch geschuldet ist, einen sexuellen Übergriff darstellt, er sieht wieder und wieder, dass die wirkliche Nikki, also die Person, in die er sich verliebt hat, unter der Persönlichkeit, die er ihr aufgezwungen hat, zu ersticken droht – und er tut nichts dagegen. Dass dies nicht breiter in der Geschichte thematisiert wird, ist ein Versäumnis, das man nicht übersehen sollte. Nicht erst am Ende, wenn offensichtlich wird, dass Baron ein Feigling ist, hat er seine Sympathien beim Publikum bereits verspielt. Je mehr die Situation eskaliert, umso weniger Verständnis kann man für ihn aufbringen, bis er endlich auf eine Idee kommt, die man sich selbst bereits früher vorstellen konnte. Obsession spielt insoweit mit dem Publikum, dass Baron zurecht von Nikkis Verhalten zunehmend eingeschüchtert wird, bis man schließlich erkennt, dass er es war, der diese Situation nicht nur hervorgerufen hat, sondern sie selbst dann aufrechterhält, wenn er erkannt hat, wie falsch sie ist.
Man könnte die Aussage des Horrorfilms darum leicht mit einem „Sei vorsichtig, was du Dir wünschst“ zusammenfassen, doch greift dies viel zu kurz. Am Ende steht vielmehr die Frage, wer tatsächlich vom anderen besessen ist, Nikki auf Grund des Wunsches von Baron, oder Baron, der sich die Beziehung mit Nikki selbst dann noch schönredet und zurechtbiegt, wenn er bereits weiß, dass nichts hiervon tatsächlich echt ist? Obsession – Du sollst mich lieben ist stark umgesetzt und geradezu beunruhigend gespielt. Es ist ein Mahnmal einer Liebe ohne Grenzen, auch einer unerwiderten. Ein Publikum, das sich darauf einlässt, erwartet außerdem ein sehenswertes Beispiel, dass es für packende Geschichten kein großes Budget braucht und keine namhaften Stars.
Fazit:
Geradezu chronisch schwach ausgeleuchtet, gibt es hier viele Momente, in denen man in den Augen von Nikki ein Funkeln sieht, das entweder das Böse symbolisieren kann, das von ihr Besitz ergriffen hat, oder die Person, die unter alledem gefangen ist. Ihre Bewegungen, Mimik und Gestik sind mitunter beängstigend, doch trotz der tollen Stimmung erreicht Filmemacher Curry Barker nie ganz die einnehmende Atmosphäre der ersten Hälfte von Kane Parsons’ Backrooms [2026] oder die optisch Brillanz von Ari Asters Hereditary – Das Vermächtnis [2018], dessen Unausweichlichkeit der Geschehnisse sich hier in gewissem Sinne ebenso abzeichnet. Nichtsdestotrotz sorgt die Optik für eine unheilvolle Stimmung, während einen die überaus grafische Gewalt vollkommen unerwartet erwischt. All das ist beeindruckend umgesetzt und Obsession – Du sollst mich lieben ein überaus sehenswerter Genrefilm, der aber Nikki als Opfer einer nicht enden wollenden Folter beinahe ausblendet. Die preiswürdige Darbietung von Inde Navarrette wiegt das großteils wieder auf, doch hier hätte das Drehbuch entschiedener herausarbeiten können und müssen, was für ein Übergriff ihr widerfährt. Selbst wenn es die Geschichte noch deutlich düsterer gestalten würde, als ohnehin schon.

