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Kritik von Jens Adrian |
Hinzugefügt am 22. Oktober 2026
Originaltitel: Klara and the Sun
Laufzeit: 116 min.
Produktionsland: Großbritannien / Indien / USA
Produktionsjahr: 2026
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren
Regie: Taika Waititi
Musik: Michael Giacchino
Besetzung: Jenna Ortega, Amy Adams, Mia Tharia, Aran Murphy, Natasha Lyonne, Steve Buscemi, Rachel House, Harry Greenwood, Sophia Bryant-Taukiri
Kurzinhalt:
Seitdem es möglich ist, Menschen genetisch zu „verbessern“, ist die Gesellschaft eine andere. Diesen „gehobenen“ Menschen gehört die Zukunft, heißt es, weshalb auch Chrissie (Amy Adams) ihre Teenagertochter Josie (Mia Tharia) hat anheben lassen. Josie ist seitdem nicht nur künstlerisch begabt und ein Mathematikgenie, es fällt ihr auch schwer, sozialen Anschluss zu finden. Sogar zum Nachbarjungen Rick (Aran Murphy), für den sie schwärmt, scheint der Kontakt unterkühlt seit Josies Anhebung. Darum möchte sie eine sogenannte K.F., eine Künstliche Freundin. Diese Roboter sind äußerlich kaum von Menschen zu unterscheiden und sollen ihren Besitzern Gesellschaft leisten bzw. ihnen durch schwierige Zeiten helfen. Josie entscheidet sich für Klara (Jenna Ortega), ein älteres K.F.-Modell, das als beinahe zu menschlich gilt. Klara hat sich nichts sehnlicher gewünscht, als jemandes Freund zu sein und findet gleich einen Draht zu Josie. Aber nicht nur, dass Klara mit der neuen Welt, die sie bei Josie entdeckt, merklich überfordert ist, es gibt auch ein Geheimnis im Haus von Chrissie und Josie. Es ist eines, das es nicht nur schwer für Klara macht, ihre Aufgabe zu erfüllen und Josie eine gute Freundin zu sein, sondern eines, das Klaras Selbstverständnis auf den Kopf stellt …
Kritik:
Taika Waititis sichtbar ambitionierter Klara und die Sonne fühlt sich stellenweise an, als hätte der Filmemacher einen ähnlichen Stoff wie Steven Spielbergs A.I.: Künstliche Intelligenz [2001] genommen und mit Slapstickhumor versehen. Wenn sich das unvereinbar anhört, dann, weil es kaum zusammenpasst und trotz einer tadellosen Inszenierung und einer gut gelaunten, namhaften Besetzung am Ende den emotionalen Kern verliert, der notwendig wäre, damit das tatsächlich funktionieren könnte. Das ist schade, denn Potential für einen empathischen Beitrag in Anbetracht der durchaus zeitgemäßen Story wäre mehr als genug vorhanden.
Die Geschichte spielt in einer nicht näher benannten Zukunft, in der den Menschen nach dem Dritten Weltkrieg das Internet genommen wurde. Dafür gibt es inzwischen die Möglichkeit, Kinder nach der Geburt gezielt genetisch zu „verbessern“, hier „anheben“ genannt. Da insbesondere diese gehobenen Menschen Schwierigkeiten haben, Anschluss zu finden, gibt es sogenannte K.F.s, Künstliche Freunde. Diese Roboter sind äußerlich nicht von Menschen zu unterscheiden und so klug oder dumm, wie ihre Besitzer sie haben wollen. Sie müssen tun, was ihre Menschen ihnen befehlen und bspw. die Schuld auf sich nehmen, wenn ihre Besitzer etwas Straffälliges tun. Klara ist so eine K.F., allerdings ein älteres B1-Modell. Inzwischen werden bereits B3-K.F.s verkauft, weshalb die B1 wie Blei in den Läden stehen. Lange schon betet Klara, nicht nur, weil sie solarbetrieben ist, zur Sonne, die sie für ein göttliches Wesen hält, dass sich ein Mensch für sie entscheidet, damit sie nicht eingeschmolzen wird. Tatsächlich werden ihre Gebete erhört, als Teenagerin Josie ihre Mutter Chrissie überredet, Klara zu kaufen. Fortan bemüht sich Klara, Josie eine gute Freundin zu sein, weit abgelegen auf dem Land. Aber nicht nur, dass Klara alles zum ersten Mal erlebt und entsprechend überfordert ist, Josie ist als Gehobene Klara in der Entwicklung weit voraus. Vor allem aber gibt es in dem Haus ein Geheimnis, das Klaras Aufgabe umso schwieriger macht. Doch sie ist nicht bereit, ihre Hoffnung aufzugeben und davon überzeugt, mit Hilfe der Sonne Josie die beste Freundin zu sein, die sie sein kann.
Was dieses Geheimnis ist, ist für ein genreaffines Publikum früh absehbar und auch, was Klara im weiteren Verlauf entdeckt, ist keine wirkliche Überraschung. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn Klara und die Sonne stattdessen zeigen würde, wie Klara die Welt sieht, sie diese Mehrklassengesellschaft wahrnimmt. Einen solchen Moment gibt es tatsächlich, wenn Josie eine Party für andere Gehobene veranstaltet, die sich nicht nur den K.F.s gegenüber herablassend verhalten, sondern auch gegenüber normalen Menschen, wie Josies Nachbar Rick einer ist. Dass Josie für den technisch begabten Rick schwärmt, hat sie ihm nicht gestanden, auch wenn für Klara offensichtlich ist, dass die Gefühle auf Gegenseitigkeit beruhen. Rick traut sich schon deshalb nicht, Josie näher zu kommen, da er glaubt, ihr als eine Gehobene nicht ebenbürtig zu sein. Bei der vorgenannten Party destilliert Filmemacher Waititi all seine Aussagen über diese Gesellschaft in wenigen Minuten, zeigt auf, wie die K.F.s wie Sklaven gehalten werden, zur Belustigung der Menschen, die sich selbst in unterschiedliche Klassen unterteilt haben. Das ist für sich auch gelungen, aber diese Beobachtungen hätte man ebenso über Klaras Erkundung ihrer neuen, viel größeren Welt nach und nach greifbar machen können.
Dabei verwendet das Drehbuch viel Zeit darauf zu zeigen, wie Klara durch ihre kindgleichen Augen die Welt sieht. Sei es, wenn sie glaubt, die allmächtige Sonne lebe in einer Scheune, oder sie sich verrenkt, wenn sie zum ersten Mal eine Treppe hinauf oder durch ein Weizenfeld läuft. Dann setzt die Erzählung auf einen Slapstickhumor, der zu den an sich ernsten Themen im Zentrum nicht passen mag, zumal die Art der Gags stets dieselbe bleibt. Zwar streuen die Verantwortlichen auch subtileren Humor ein und Andeutungen an andere Science Fiction-Meilensteine, aber die sind im Vergleich relativ selten. Bei alledem zeigt Klara und die Sonne auch andere Ansätze, wenn Josie als Gehobene ihrer eigenen Mutter gegenüber so herablassend ist, wie Chrissie eingangs gegenüber Klara. Wie sich die Beziehung der abweisenden Mutter zur neuen Freundin ihrer Tochter entwickelt, ist der vermutlich am besten gelungene Aspekt des ganzen Films. Auch deshalb, weil hier Vieles nicht ausgesprochen werden muss, sondern sich zwischen den Zeilen abspielt. Dass die durchaus schönen Aussagen, die die Geschichte findet, dem Publikum am Ende plakativ auf den Weg gegeben werden, bedeutet wohl, dass die Verantwortlichen diesem aber nicht zutrauen, sie auch so zu erkennen.
Dennoch beweist Filmemacher Taika Waititi, dass er nicht nur tolle Bilder findet, sondern auch in der Lage ist, seine Besetzung entsprechend zu fordern. Handwerklich gibt es an Klara und die Sonne nichts auszusetzen. Obwohl die Erzählung ihre Welt kaum auslotet, ist sie greifbar zum Leben erweckt und in den ernsten Momenten zeigen insbesondere Jenna Ortega und Amy Adams, welches Potential in der an sich tragischen Geschichte steckt. Doch an diesem Aspekt scheinen die Verantwortlichen kaum interessiert und viel mehr darauf aus, die Story so leichtfüßig wie möglich zu gestalten. Dass ihr dann allerdings die emotionale Zugkraft fehlt, ist leider keine Überraschung.
Fazit:
„Ein neuer Tag bringt eine neue Hoffnung“, sagt sich Klara, während sie darauf wartet, dass sich ein Mensch für sie als K.F. entscheiden wird. Was im ersten Moment klingt, wie grenzenloser Optimismus, entpuppt sich allerdings, wenn sie bei Josie und ihrer Mutter zuhause ist, als beinahe kindliche Naivität. Über dieses Stadium wächst sie als Figur nie hinaus und entwickelt sich auch kaum. Das heißt nicht, dass sie nicht treu wäre oder sich nicht ganz für Josie aufopfern würde. Aber ihr Verständnis von der Welt, von der sie zwar Manches weiß, ihr aber insbesondere die zwischenmenschlichen Zusammenhänge fehlen, ist am Ende dasselbe wie zu Beginn. Anstatt diese sich selbst fremd gewordene Gesellschaft und die Menschen, die in ihr leben, durch Klaras Augen vorzustellen, ist Filmemacher Taika Waititi mit Klaras Tollpatschigkeit um Leichtigkeit bemüht. Existenzielle Fragen werden zwar angerissen, aber nie so weit verfolgt, dass die schmerzhaften Aspekte der Figuren wirklich bloßgelegt werden. Stattdessen werden die Aussagen über die verschiedenen sozialen Klassen, in denen sich normale Menschen oder die gehobenen zu befinden glauben, mit dem Holzhammer dargebracht. Die guten Absichten bei Klara und die Sonne sind unübersehbar und die Botschaft am Ende ist schön, aber die Erzählung ist nie mutig genug, zum Kern der Story vorzudringen, auch wenn der nicht amüsant wäre, sondern tragisch. Toll fotografiert und gut gespielt, fehlt dem damit das emotionale Gewicht, das nötig wäre, damit hiervon mehr in Erinnerung bleibt, als die verpassten Chancen.


