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Kritik von Jens Adrian |
Hinzugefügt am 12. Oktober 2026
Originaltitel: Wildwood
Laufzeit: 132 min.
Produktionsland: USA / Großbritannien / Kanada
Produktionsjahr: 2026
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren
Regie: Travis Knight
Musik: Dario Marianelli
Stimmen: Peyton Elizabeth Lee, Jacob Tremblay, Carey Mulligan, Mahershala Ali, Awkwafina, Angela Bassett, Jake Johnson, Charlie Day, Amandla Stenberg, Jemaine Clement
Kurzinhalt:
Es gibt Orte auf der Welt, an die sich Menschen niemals begeben sollten. Dunkle Wälder, in denen die Bäume noch dunklere Geheimnisse bergen. Seit sich Teenagerin Prue McKeel (Peyton Elizabeth Lee) erinnern kann, hat ihr Vater (Jake Johnson) ihr solche Geschichten erzählt, in denen es Magie gibt und eine unpassierbare Wildnis. Inzwischen erzählt er dieselben Geschichten ihrem Baby-Bruder Mac. Dabei liegt direkt vor ihrer Haustüre in Portland, Oregon, ein riesiger, dunkler Wald, der zum Erkunden einlädt. Zwar verspricht Prue ihren Eltern, dass sie mit Mac nicht das Haus verlassen wird, als sie auf ihn aufpassen soll, dennoch geht sie mit ihm nach draußen auf den Spielplatz. Unterwegs trifft sie ihren unglücklich für sie schwärmenden Mitschüler Curtis (Jacob Tremblay). Sie beide müssen hilflos mitansehen, wie ein Schwarm Krähen Mac entführt und mit ihm in Richtung des Waldes fliegt. Mit Curtis im Schlepptau jagt Prue ihnen hinterher, aber sie verschwinden über dem Dickicht der efeubewachsenen Bäume. Darum bleibt Prue nichts anderes übrig, als diesen dunklen Wald zu betreten. Zusammen mit Curtis entdeckt sie eine vollkommen neue, magische Welt …
Kritik:
Travis Knights gleichnamige Leinwand-Adaption des im Jahr 2011 erschienenen Fantasy-Buches Wildwood von Colin Meloy (illustriert von Carson Ellis), ist ein Film, den es gar nicht geben dürfte. Es ist ein Stop Motion-Animationsfilm, was für sich genommen bereits eine Seltenheit ist, aber dieser ist gleichzeitig auf einem kaum zu beschreibenden, riesigen Maßstab umgesetzt, dass einen die Bilder förmlich überrollen. Mit einer Geschichte, die von stillen Tragödien erzählt und von großen Kriegen, ist das bewegend, berührend, witzig und warmherzig, actionreich und mitunter unheimlich – und eines der Ereignisse des Kinojahres.
Im Zentrum der Erzählung steht die Teenagerin Prue McKeel, die mit ihren Eltern und ihrem Kleinkind-Bruder Mac in Portland, Oregon, direkt an der Grenze zum Wald lebt. Wie einst ihr, erzählt Prues Vater nun Mac Gute-Nacht-Geschichten über den undurchdringlichen Wald, in dem es Magie gibt und in dem Menschen nichts zu suchen haben. Wälder, die düstere Geheimnisse bergen. Deshalb sind ihre Eltern auch dagegen, dass Prue mit Mac ohne sie nach draußen geht, als sie auf ihren kleinen Bruder aufpassen soll. Sie tut es dennoch und trifft dabei auf ihren Mitschüler Curtis, der offenbar für sie schwärmt, den sie mit seinem Fable für Spiele aber für nicht interessant hält. Doch dann wird, aus heiterem Himmel, Mac vor ihren Augen von einem Schwarm Krähen entführt und sie fliegen in die Richtung des undurchdringlichen Waldes. Prue und Curtis folgen ihnen in den dicht bewachsenen, von Efeu umrankten Wald. Was sie finden, ist eine Welt jenseits ihrer Vorstellungskraft.
Wie die genau aussieht, sollte das Publikum für sich entdecken, und es soll genügen zu verraten, dass es dort uralte menschliche Siedlungen gibt, Königreiche und Magie sowie anthropomorphe Tiere, die sprechen und aufrecht gehen können. All das klingt bekannt und tatsächlich hat man Vieles von dieser Fantasywelt bereits woanders gesehen. Aber diese ist hier nicht nur unvorstellbar detailliert zum Leben erweckt, sondern wirkt, als gäbe es Jahrhunderte wenn nicht gar Jahrtausende an Geschichte zu entdecken, so reichhaltig und mystisch erscheinen die Umgebung sowie die verschiedenen Stämme und Kulturen. Diese entdeckt das Publikum an der Seite und durch die Augen der jungen Prue, die als Teenagerin mit eben dem Maß an Unverständlichkeit und Überraschung reagiert, wie man es selbst würde. Doch die Herzen des Publikums gewinnt sie bereits zuvor, wenn sie mit Schrecken mit ansehen muss, wie ihr Bruder entführt wird und sie über sich hinauswächst, um ihn zu retten, bevor die Krähen über dem Wald verschwinden. Es ist eine Sequenz, mit der Filmemacher Travis Knight andeutet, was was Publikum später noch erwartet. Sie ist derart tempo- und einfallsreich umgesetzt, dabei voller Details in den unscheinbarsten Einstellungen, dass einem beinahe schwindelig werden kann. Man sollte nicht meinen, dass Wildwood dieses Tempo nebst den Details aufrechterhalten kann – tatsächlich packen die Verantwortlichen bei beidem im Verlauf nur dazu.
Die Story hält dabei neben einem reichhaltigen Hintergrund auch Figuren bereit, die sich spürbar entwickeln dürfen, angefangen von Prue, bis hin zu Curtis und der im Grunde tragischen Gouverneurin Alexandra. Aber auch Nebencharaktere wie ein als Soldat in Ungnade gefallener Kojote oder die Prinzessin eines alten Menschenstammes erhalten ihre Momente. Dabei ist, wessen sie sich gegenübersehen, ihnen geradezu einschüchternd überlegen. Es ist eine Armee, zu Land und aus der Luft, seit langem darauf zusammengestellt und ausgebildet, etwas zu vollbringen, was den Wald für immer verändern könnte. Bis man all dies allerdings versteht, vergeht überraschend viel Zeit. Zeit, die die Verantwortlichen damit verbringen, die unterschiedlichen Stämme des undurchdringlichen Waldes vorzustellen. Die verhalten sich zueinander anders, als man es zunächst denken würde, was nicht nur für überraschend viele witzige Momente sorgt, sondern auch für zahlreiche Überraschungen im Verlauf der Story, bei denen man sich ertappt, dass man unvermittelt betroffen ist, wenn nach einem Erfolg Prues auf der Suche nach ihrem Bruder wieder ein Rückschlag folgt.
All das könnte man beinahe übersehen in Anbetracht der Präsentation, die einen erwartet. Bereits in den ersten Minuten erweckt Filmemacher Travis Knight die Welt mit einer kaum vorstellbaren Akribie zum Leben, dass dem Publikum allein in Anbetracht dieser Welt und Figuren, der greifbaren Textur der Kleidung oder der Haare, der liebevoll gestalteten Gesichtsausdrücke, die alle Emotionen abdecken, des Waldes in all seiner Farbenpracht, oder der fantastischen Wesen, die ihn bevölkern, ein Kloß im Hals entstehen kann. Diese Welt besitzt etwas buchstäblich Greifbares, eine Haptik, die sich mit reiner Computer- oder Zeichentrickanimation nicht erzeugen lässt. Sei es Prues Fahrrad, wenn sie ihrem entführten Bruder hinterherjagt, Alexandras Haar oder die Muskeln des Banditenkönigs Brendan, alles in dieser Welt besitzt ein spürbares Gewicht, mehr nur, als könnte man es bloß anfassen. Gleichzeitig ist es, als könnte man hier stets bis zum Horizont eine Welt erblicken, die auch dann noch weiterexistiert, wenn der Abspann lange vorüber ist.
Wildwood sieht, man kann es nicht anders sagen, gigantisch aus und wen der Detailreichtum bei Prues Fahrt durch Portland eingangs bereits verblüfft, hat noch nichts gesehen. Angefangen von Verließen über einen atmenden Wald, bis hin zu einer Schlacht am Ende, deren schiere Größe der beteiligten Figuren einen atemlos zurücklässt, gibt es hier so unendlich viel zu entdecken, dass einmal ansehen nicht ausreichen wird. Dabei setzen die Verantwortlichen das Geschehen nicht wie einen Animationsfilm, sondern ein episches Fantasyabenteuer in Szene. Großaufnahmen, temporeiche Kamerfahrten oder Totalaufnahmen riesiger, belebter Areale, drinnen wie draußen, gibt es hier ebenso, wie bewusst eingesetzte Tiefenunschärfe. Es gibt keine Leinwand, die groß genug wäre, all das in sich aufzunehmen. Fantastisch!
Fazit:
Man kann es kaum in Worte fassen, was die Animationskünstler von Laika auf die Leinwand bringen. Es sieht in jedem Fall wie der aufwändigste Animationsfilm überhaupt aus. Als wäre Prues Leben in Oregon nicht bereits malerisch genug eingefangen, explodiert die Fantasie förmlich, wenn sie mit Curtis die unpassierbaren Wildnis betritt. Die schiere Menge an Figuren ist beinahe erschlagend, die Geschichte so facettenreich und die Präsentation, angefangen von der majestätischen Musik, über die temporeiche Action, bis hin zum Werdegang dieser Figuren, derart umwerfend, man möchte diese Welt nicht wieder verlassen. Mit einem unvorstellbaren Aufwand gelingt den Verantwortlichen ein unbeschreibliches Filmerlebnis, das eine emotionale Achterbahnfahrt bietet, magisch und lustig ist, tragisch und dramatisch, stellenweise aber auch – und deshalb kein Film für kleine Kinder – wenig zimperlich. Wildwood ist der (düstere) Fantasyfilm des Jahres, der Animationsfilm des Jahres und schlicht einer der besten Filme des Jahres, Punkt. Außerdem ist es der erste Film seit Die Odyssee [2026], den man auf der größtmöglichen Leinwand gesehen haben muss. Filmemacher Travis Knight erkundet seine Welt Stück für Stück und präsentiert die greifbare Magie handgemachter Filmschaffenskunst, die man in dieser Form, so unvorstellbar detailreich, so lebendig und mit einer so packenden Story, heutzutage an sich nicht mehr zu sehen bekommt. Ein Meisterwerk!


