Sinn und Sinnlichkeit [2026]

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5–8 Minuten
Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 22. September 2026
Genre: Drama / Liebesfilm

Originaltitel: Sense and Sensibility
Laufzeit: 135 min.
Produktionsland: Großbritannien / USA
Produktionsjahr: 2026
FSK-Freigabe: ab 6 Jahren

Regie: Georgia Oakley
Musik: Roger Goula
Besetzung: Daisy Edgar-Jones, Esmé Creed-Miles, Caitríona Balfe, George MacKay, Herbert Nordrum, Fiona Shaw, Bodhi Rae Breathnach, Frank Dillane, Stacy Martin, Tom Brooke


Kurzinhalt:

Nach Verlesung des Testaments ihres verstorbenen Ehemannes ist die Zukunft von Mrs. Dashwood (Caitríona Balfe) sowie ihren Töchtern Elinor (Daisy Edgar-Jones), Marianne (Esmé Creed-Miles) und Margaret (Bodhi Rae Breathnach) in gewisser Weise besiegelt. Das große Haus wird nicht ihnen zugesprochen, sondern dem Stiefbruder der Töchter, dessen Gattin Fanny (Stacy Martin) keine Zeit verliert, ihre Pläne für das Anwesen kundzutun. Dabei entsteht zwischen Fannys Bruder Edward (George MacKay), der zu Besuch anreist, und Elinor vom ersten Moment an eine spürbare Anziehung, der beide jedoch nicht nachgeben. Darum ziehen die Frauen der Familie Dashwood in ein altes Landhaus von der entfernt verwandten Mrs. Jennings (Fiona Shaw), die es sich zur Aufgabe macht, die jungen Frauen zu verkuppeln. Das umso mehr, da Marianne in dem schweigsamen Colonel Brandon (Herbert Nordrum) einen offensichtlichen Verehrer hat, während Marianne selbst Gefühle für den extravaganten John Willoughby (Frank Dillane) hegt. Als sie die Möglichkeit haben, Mrs. Jennings nach London zu begleiten, sagen Elinor und Marianne zu, in der Hoffnung, in der großen Stadt Edward bzw. John zu begegnen. Doch die Situation gestaltet sich viel komplizierter als gedacht …


Kritik:
In ihrer Adaption des gleichnamigen Romanklassikers von Jane Austen aus dem Jahr 1811 erzählt Filmemacherin Georgia Oakley die Geschichte von zwei Schwestern auf der Suche nach der wahren Liebe und ihrem Platz in der Gesellschaft. Es sind Aspekte, die Sinn und Sinnlichkeit eine unübersehbare Zeitlosigkeit verleihen. Getragen von einer starken Besetzung und erstklassigen Dialogen, ist das ungemein einnehmend, auch dank starker Figuren, zu denen man sofort Zugang findet.

Ende des 18. Jahrhunderts lebt die Familie Dashwood in einem großen Anwesen in Sussex, England. Nach dem Tod des Familienoberhauptes Henry sind nicht seine verwitwete Frau oder seine drei Töchter Elinor, Marianne oder Margaret die Begünstigten im Testament, obwohl sie dort leben, sondern sein Sohn aus einer anderen Beziehung. Dessen Frau Fanny ist darauf aus, das Anwesen ihrem eigenen Sprössling zu hinterlassen und als bei einem gemeinsamen Abendessen mit ihrem Bruder Edward Ferrars Fanny in Anbetracht der Anziehung zwischen Edward und Elinor behauptet, Elinor wäre nicht gut genug für ihre Familie, nehmen die Frauen der Familie Dashwood das Angebot ihrer entfernten Cousine Mrs. Jennings an und verlassen ihre Heimat, um in ein kleines Landhaus zu ziehen. Dort trifft die franke Marianne zuerst auf den verschwiegenen Colonel Brandon, der sichtlich Gefallen an ihr findet, und später auf den extrovertierten Mr. Willoughby. Um letzterem nahe sein zu können, begleitet Marianne Mrs. Jennings nach London, wo die ebenfalls mitgereiste Elinor hofft, Edward näherkommen zu können. Aber in beiden Fällen gestaltet sich die Situation schwieriger, als gedacht, sodass neben ihren Hoffnungen auch große Enttäuschungen auf die jungen Frauen warten.

Welchen Stellenwert Frauen in der damaligen Gesellschaft einnehmen, bringt Regisseurin Oakley an vielen Stellen zum Ausdruck. Sei es beispielsweise, dass die weiblichen Mitglieder beim Erbe übergangen werden und stattdessen von einem stark reduzierten Einkommen abhängig sind, sie faktisch nichts besitzen dürfen oder dass es für alle gezeigten jungen Frauen die einzig erstrebenswerte Option scheint, wohlhabend zu heiraten, wenn sie ihre gesellschaftliche Situation verbessern wollen. Man sieht es aber auch daran, dass die verwitwete Mrs. Dashwood mit Zahlen nicht umzugehen weiß, war sie von finanziellen Dingen wohl bisher ausgeschlossen, bzw. daran, dass die jungen, weiblichen Figuren ihr persönliches Glück vom Glück der Männer in ihrem Leben abhängig machen. Sie sind in einer Abhängigkeit gefangen, in der sie der Gunst der Männer ausgeliefert sind und dem Vertrauen darauf, dass diese ihr Wort halten werden. Dabei stellen die männlichen Figuren keineswegs alle charakterlich schwache oder korrumpierte Personen dar, im Gegenteil. Der von George MacKay gespielte Edward wirkt derart integer und zurückhaltend, dass wenn Elinor um seine persönliche Situation erfährt, man es selbst kaum glauben mag. Ebenso der stets um ein hochachtungsvolles Auftreten bemühte Colonel Brandon, dessen inneren Konflikt man ihm ansieht, auch wenn er selbst Marianne gegenüber nie ein Wort verlieren würde, um sie nicht in Verlegenheit zu bringen.

Insoweit ist Sinn und Sinnlichkeit auch eine Erzählung über Tugendhaftigkeit, die selbst vor 200 Jahren keine Selbstverständlichkeit war. Vor allem jedoch ist die Geschichte mit derart geschliffenen Dialogen zum Leben erweckt, dass man sich nicht nur vom geradezu ansteckenden Rhythmus der Sprache tragen lassen kann, wenigstens im Englischen Original, sondern sich in einem scheinbar harmlos abspielenden Gespräch am Ende ein Wort wiederfindet, das die Unterredung zynisch und bitter werden lässt. Sie werden von einer Besetzung zum Leben erweckt, die man sich passender für die Figuren kaum wünschen könnte. In der Rolle der ältesten Tochter Elinor verkörpert Daisy Edgar-Jones eine Zurückhaltung, der man die innere Qual ob ihrem Unglück in Liebesleben dennoch ansieht. Als Marianne kehrt Esmé Creed-Miles was sie bewegt stets nach außen, tritt frech und vorwärtsgewandt auf. Für zahlreiche Erheiterungen sorgt die zu Beginn geradezu unliebsame Mrs. Jennings, gespielt von Fiona Shaw, deren Figur im Laufe der Geschichte jedoch an Tiefe gewinnt. Es ist ein Ensemble, das, mit Ausnahme von Marianne, kaum Gefühlsausbrüche durchlebt, was in den Figuren jedoch vor sich geht zu jeder Minute greifbar werden lässt. Gerade, weil Elinor ihr eigenes Glück niemals über das von anderen stellen würde, auch wenn sie in keinster Weise naiv ist, trägt sie die Geschichte mit einer Anmut, die einem immer mehr Respekt abverlangt.

In erstklassigen Bildern eingefangen, könnte man viele Momente von Sinn und Sinnlichkeit als Gemälde aus jener Zeit abdrucken. Farben, Ausstattung, Bauten und Kostüme sind durchweg hervorragend getroffen und erschaffen jene Zeit mit sichtlichem Aufwand und Detailreichtum. Gerade deshalb fallen einige Trickeffekte aus dem damaligen London auf, aber nie genug, um die Illusion der Geschichte zu zerstören. Die hat nach all der Zeit nichts von ihrer Aussagekraft und und den Feststellungen zum Stand der Frauen jener Gesellschaft verloren. Emotional, ohne rührselig zu sein, ist dies ein in manchen Momenten unerwartet amüsantes Liebesdrama, das Figuren ins Zentrum rückt, denen man nicht nur bereitwillig auf ihrem Weg folgt, sondern denen man wünscht, dass sie das Glück finden oder erkennen, das vor ihnen liegt. In der Auflösung mag das etwas zu romantisch geraten, doch bleiben die Verantwortlichen dabei lediglich der Vorlage treu.


Fazit:
Wie man es nicht anders von einer Filmadaption von Jane Austens Vorlage erwarten würde, präsentiert Filmemacherin Georgia Oakley Postkartenmotive, ob nun von der malerischen Landschaft, den vornehmen englischen Häusern und ihren erstklassigen Möbeln, oder den Kostümen, die für sich genommen bereits preiswürdig sind. Die Ausstattung ist umwerfend, doch es sind die Dialoge, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Die Sprache allein ist bereits über jeden Zweifel erhaben, die Art und Weise, wie sie vorgetragen wird, verleiht aber jeder Unterhaltung eine erhabene Qualität, dass man die vielen Spitzen und Seitenhiebe darin ebenso überhören kann, wie die Momente, in denen die Figuren in ihre Seele blicken lassen. Was, wenn das Richtige zu tun, bedeuten würde, dass man auf das persönliche Glück verzichten müsste? Die tolle Besetzung bringt diese Konflikte, die teils nicht laut, sondern stumm ausgetragen werden, jede Figur mit sich selbst, so greifbar zum Ausdruck, dass man mit ihnen mitfühlen kann, gerade weil nicht jede ihrer Handlungen, jedes Zögern oder die bewusste Entscheidung zu schweigen, erläutert werden. Auf diese Weise verdienen sich die Charaktere die Emotionen des Publikums und das Interesse an ihnen. Geradezu klassisch und tadellos umgesetzt, ist Sinn und Sinnlichkeit großes Gefühlskino, von dem man gar nicht wusste, wie sehr man es vermisst hat.
 

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