Ein Talent fürs Morden [2026]

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5–8 Minuten
Wertung: 4.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 19. September 2026
Genre: Krimi

Originaltitel: A Talent for Murder
Laufzeit: 106 min.
Produktionsland: Schweiz / Australien / Italien / USA / Großbritannien
Produktionsjahr: 2026
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: Anton Corbijn
Musik: Dickon Hinchliffe
Besetzung: Helen Mirren, Alden Ehrenreich, Olivia Cooke, Juliet Stevenson, James Faulkner, Brid Brennan, Maddalena Vallecchi Williams, Alma Leiberg


Kurzinhalt:

Es ist das Jahr 1995. Die berühmte amerikanische Schriftstellerin Patricia Highsmith (Helen Mirren), insbesondere bekannt für ihre Romanfigur Tom Ripley, die sie in ihrer beinahe 40jährigen Schaffenszeit mehrmals in ihren Büchern aufgegriffen hat, lebt zurückgezogen in der Schweiz. Sie gilt als schwierig und es heißt, sie würde Menschen generell nicht mögen. Dass sie derzeit an einer Schreibblockade leidet, hat sie nicht umgänglicher gemacht, weshalb ihr Verlag aus Amerika mit Edward Ridgeway (Alden Ehrenreich) nun den zweiten Mitarbeiter entsendet, um sie zur Unterschrift auf einem Vertrag für ein weiteres Buch zu bewegen. Edward ist nicht nur ein großer Fan, sollte er die Unterschrift nicht erhalten, ist sein Traum, irgendwann einmal selbst Verleger zu werden, dahin, wie er der Zufallsbekanntschaft Clementine (Olivia Cooke) auf dem Weg zu Miss Highsmith anvertraut. Bei der Autorin angekommen, steht sie ihm nicht nur unvorstellbar abweisend gegenüber, sie erzeugt eine regelrecht feindselige Umgebung. Zögerlich willigt sie ein, dass sie beide gemeinsame eine Geschichte für ein weiteres Buch entwickeln, doch in ihren Gesprächen vermischen sich Fiktion und Realität zunehmend, wenn es um die Motivation und die Abgründe der Figuren geht …


Kritik:
In Ein Talent fürs Morden erzählt Regisseur Anton Corbijn basierend auf dem Theaterstück von Joanna Murray-Smith eine fiktive Geschichte über die letzten Tage von Autorin Patricia Highsmith. Das Ergebnis ist ein im besten Sinne altmodischer Krimi, der sich seinen Figuren auf behutsame Weise nähert und sich dank erstklassiger Dialoge an ein aufmerksames Publikum richtet. Das wird die Auflösung(en) zwar absehen können, faszinierend mitanzusehen ist es dennoch.

Die insbesondere für ihre fünf Romane um Hauptfigur Tom Ripley (die sogenannte „Ripliade“) bekannte amerikanische Krimi- und Thrillerautorin Patricia Highsmith lebt zurückgezogen in der Schweiz. Ihr Verleger möchte sie um jeden Preis für ein weiteres Werk unter Vertrag nehmen und entsendet, nachdem der letzte Angestellte nach einem Besuch bei Highsmith verschollen ist, den jungen Edward Ridgeway, um sie zur Vertragsunterschrift zu bewegen. Für ihn hängt seine Zukunft im Verlag daran und er ist außerdem ein großer Fan von Highsmiths Werken. Aber auch er ist der Auffassung, dass ihre letzten nicht so gut waren sie die vorigen. Vor allem fehlt es an einem Abschluss für ihre Ripley-Reihe. Doch Highsmith, die bekannt dafür ist, keine Menschen zu mögen, lässt ihn kaum auch nur in ihrem Haus bleiben und spottet darüber, als er seine Hilfe anbietet, eine Geschichte zu entwickeln. Nach und nach scheint sich ihr Umgang zu verbessern, wobei Highsmith ihrem Gegenüber immer einen Schritt voraus ist. Edward hingegen verarbeitet in die Geschichte, die er mit der Autorin entwirft, nicht nur eine Begegnung, die er während der Zugfahrt hatte, es ist beinahe, als ob Realität und Fiktion sich miteinander vermischen würden.

Eine tieferliegende Frage könnte auch sein, wo das eine aufhört und das andere beginnt. Lebt ein Autor bzw. eine Autorin nicht immer zu einem gewissen Teil in seiner bzw. ihrer eigenen Kreation? Filmemacher Corbijn stellt Patricia Highsmith als jemanden vor, die vorgibt, mit ihrer bekanntesten Figur, die sie über ein halbes Jahrhundert in ihren Werken immer wieder besucht hat, abgeschlossen zu haben. Und doch ist unübersehbar, dass Tom Ripley ein Charakter ist, den sie nicht loswird, als sei er bereits ein Teil von ihr geworden. Hierfür schildert Ein Talent fürs Morden nicht nur die Begegnung zwischen Highsmith und Ridgeway, sondern lässt, sobald diese eine Geschichte um die zukünftig wohlhabende Erbin Clementine und einen namenlosen jungen Mann entwerfen, der sich ihr Vermögen aneignen möchte und dafür vor nichts zurückschreckt, die fiktive Erzählwelt ebenfalls entstehen. In die Rolle von Clementine schlüpft Edwards Zufallsbegegnung aus dem Zug und in die Rolle ihres Liebhabers Edward selbst, wenn auch ohne Brille und mit einem selbstbewussteren Auftreten. Dass es sich bei dem jungen Mann um Tom Ripley handeln soll, auch wenn sein Name nie ausgesprochen wird, ist offensichtlich. Auf diese Weise entsteht vor den Augen des Publikums in gewisser Hinsicht ein letztes Werk um diese prägende Figur, wobei in den Dialogen zwischen Edward und Highsmith viele der Charakterzüge und Verhaltensweisen dieser manipulativen und stets um ihren Vorteil bedachten Persönlichkeit aufgegriffen werden, die sich auf der übergeordneten Ebene widerspiegeln.

Der Austausch zwischen diesen Personen ist es, der Ein Talent fürs Morden so interessant werden lässt, selbst wenn die Geschichte und ihre Auflösung für ein krimierfahrenes Publikum keine große Herausforderung darstellt. Viel wertvoller sind die Beobachtungen, die über Highsmith und Ridgeway gemacht werden. So ist die kontaktscheue Autorin zwar einerseits vollkommen von sich überzeugt und bezeichnet sich selbst als Genie, dennoch treffen sie Edwards Bemerkungen, dass ihr erster Roman um die Titel gebende Figur, Der talentierte Mr. Ripley [1955] ihr bester war und sie ein Leben lang vergebens versucht hat, ihren frühen Erfolg wieder einzuholen, unmittelbar und persönlich. Sie ist enorm abweisend und wirkt doch, als würde sie das Image der Exzentrikerin, das ihr zugeschrieben wird, genießen. Stellenweise setzt Anton Corbijn sie geradezu diabolisch anmutend in Szene, zeigt sie bösartig und doch mysteriös, wenn es den Anschein hat, sie würde Edward Schaden zufügen wollen und ihn bis zum Selbstzweifel verunsichert. Es ist eine Dynamik, die sich im Verlauf der Erzählung umdreht, wie auch zuvor bereits in Dialogen, die wie ein Pingpong-Spiel anmuten.

Wie erstklassig diese in manchen Momenten sind, wird auf einer Party deutlich, zu der Edward eingeladen wird und auf der er trotz seines bemühten Auftretens fehlplatziert wirkt. Dort begegnet er einer Person, die ihn schon deshalb durchschaut, weil sie beide sich ähnlicher sind, als Edward sich eingestehen mag. Es ist ein Abschnitt, in dem sich bereits im Hintergrund abzeichnet, worauf dies inhaltlich hinausläuft. Diese erzählerische Finesse zeichnet Ein Talent fürs Morden in Augenblicken aus, in denen augenscheinlich nicht viel passiert. Ein Publikum, das sich darauf einlässt, kann hier viele Facetten in den Figuren entdecken und eine Story, die am Ende auf drei verschiedenen Ebenen erzählt wird. Das mag nicht ganz so unvorhersehbar sein, wie die Verantwortlichen hoffen, aber es ist so toll umgesetzt, dass Fans ruhig erzählter Krimis hier ganz auf ihre Kosten kommen können.


Fazit:
„Glückliche Menschen stellen nur nicht genug Fragen“, sagt Autorin Patricia Highsmith zu ihrem Besucher, den sie nicht einmal willkommen heißt. Es erklärt nicht nur ihren Faible für Mord und Waffen, sondern auch ihre Sicht auf die Welt. Filmemacher Anton Corbijn erzählt hier ein Porträt dieser prägenden Schriftstellerin, indem zwei Geschichten parallel in die Abgründe der zentralen Figuren blicken. Diese geraten zunehmend düsterer, wenn ihre Geheimnisse ans Licht kommen oder man diese wenigstens erahnt. Edel bebildert und authentisch in der Darstellung der Szenerie, ist das insbesondere von Helen Mirren und Alden Ehrenreich stark und facettenreich gespielt, zumal sich die Beziehung zwischen diesen Charakteren und wer die Oberhand behält, merklich umkehrt, nachdem sie zu Beginn sichtlich mit ihm spielt. Als Blick auf eine Künstlerin, die den Schatten ihrer größten Kreation nie abschütteln kann, vielleicht auch, weil sie womöglich immer bereits ein Teil von ihr war, ist Ein Talent fürs Morden ein mit tollen Dialogen veredelter, klassischer Krimi, der sich gleichzeitig wie ein würdiger sechster Teil um die Hauptfigur Tom Ripley anfühlt. Nicht nur für Fans ist das gelungen, sondern auch für solche, die es werden wollen.
 

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