Crazy Old Lady [2025]

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5–8 Minuten
Wertung: 3.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 25. Oktober 2026
Genre: Horror / Thriller

Originaltitel: Vieja loca
Laufzeit: 94 min.
Produktionsland: Argentinien / Spanien / USA
Produktionsjahr: 2025
FSK-Freigabe: ab 16 Jahren

Regie: Martín Mauregui
Musik: Pedro Osuna
Besetzung: Carmen Maura, Daniel Hendler, Agustina Liendo, Emma Cetrángolo, Camila Peralta, Ezequiel Díaz


Kurzinhalt:

Laura (Agustina Liendo) ist mit ihrer Tochter Elena (Emma Cetrángolo) im Auto unterwegs, als sie kurz hintereinander dreimal mit ihrer Mutter Alicia (Carmen Maura) telefoniert. Alicia scheint verwirrt und fragt ihre Tochter mehrmals nach einem Backrezept, das sie ihr bereits gegeben hat. Darum bittet Laura ihren Ex-Freund Pedro (Daniel Hendler), nach Alicia zu sehen und sicherzustellen, dass die ihre Tabletten nimmt. Pedro macht sich auf den Weg und findet Alicia so abweisend wie eh und je vor. Ihre Tabletten hat sie nicht genommen. Kurz darauf wird er von Alicia niedergeschlagen und als Pedro wieder erwacht, ist er an einen Sessel gefesselt. Alicia behauptet, er wäre gar nicht Pedro, sondern ihr Ex-Mann Sessa. Er sei der wichtigste Mann in ihrem Leben gewesen – und der böseste. Es beginnt für Pedro eine Tortur, die immer absurdere und gewalttätigere Formen annimmt …


Kritik:
In seinem alleinigen Spielfilmregiedebüt erzählt Filmemacher Martín Mauregui vor der Kulisse eines Horrorfilms, der darauf aus ist, sein Publikum sich so unwohl wie möglich fühlen zu lassen, im Kern davon, wie Missbrauch und Trauma weitergegeben werden. Inhaltlich klingt das vielversprechend, doch verdienen die beiden Protagonisten in Crazy Old Lady ein Drehbuch, das abseits des Horrors auch an den Themen im Hintergrund interessiert ist. Dass dem nicht so ist, ist aber weniger ärgerlich, als dass die Erzählung nichts zu Ende bringt.

In einer regnerischen Nacht erhält Pedro einen Anruf von seiner Ex-Freundin Laura, die gerade mit ihrer Tochter Elena hunderte Kilometer entfernt unterwegs ist. Sie hat mit ihrer Mutter Alicia telefoniert und den Eindruck, dass es ihr nicht gutgeht, weshalb sie Pedro bittet, nach ihr zu sehen. Insbesondere soll Pedro darauf achten, dass Alicia ihre Tabletten nimmt. Bei Alicia angekommen, muss er feststellen, dass sie in der Tat Anzeichen für Demenz zeigt. Kurz darauf wird er von Alicia bewusstlos geschlagen und gefesselt. Als Pedro wieder aufwacht, behauptet Alicia, er sei ihr erster Ehemann Sessa und sie beginnt eine Abrechnung mit ihm, bei der das psychologische Katz-und-Maus-Spiel alsbald in körperliche Gewalt umschlägt.

Dass mit Alicia etwas nicht stimmt, vermittelt Filmemacher Mauregui bereits während des Prologs, in dem er Lauras Mutter nur dadurch vorstellt, dass Laura mit ihr während der Autofahrt telefoniert. Abgesehen davon, dass Alicia unvermittelt aggressiv klingt, stellt sie dieselben Fragen dreimal, als könnte sie sich nicht erinnern, was wenige Minuten zuvor gewesen ist. Und aus irgendeinem Grund geht sie auch dann ans Telefon, wenn Laura versucht, die Krankenschwester zu erreichen, die bei ihr sein sollte. Das Publikum selbst trifft auf Alicia erst, wenn Pedro ihr gegenübersteht. Dabei wirkt sie zwar abweisend, aber nicht gefährlich. Doch die Situation ändert sich unvorhergesehen, als sie Pedro ohnmächtig schlägt und ihn fesselt. Es ist ab dem Moment, dass Pedro wieder aufwacht, da Crazy Old Lady erzählerisch jedoch überraschend holprig gerät.

Wie würde man selbst reagieren, würde man von einem Menschen überrumpelt, den man zu kennen glaubt, dann gefesselt und beim Aufwachen feststellen, dass dieser einen mit einem anderen Namen anspricht? Man wäre vermutlich außer sich und von einer Mischung aus Schock, Unglaube, Wut und zunehmender Verzweiflung überrollt. Pedro hingegen bleibt vollkommen ruhig und versucht, beinahe mit Engelszungen auf Alicia einzuwirken, die ihn mit einem im Kaminfeuer glühend heiß gewordenen Schürhaken malträtiert. Es ist eine Reaktion seinerseits, mit der man sich schlicht überhaupt nicht identifizieren kann. Auch akzeptiert er in Windeseile, dass Alicia in ihm offenbar jemand anderen sieht und ist sogar bereit, diese „Rolle“ zu übernehmen, in der Hoffnung, dass er so freikommt. Wenn Alicia anfängt, ein sadistisches Spiel mit ihm zu spielen, wirkt Pedro nicht verzweifelt, wenn er erkennt, dass selbst dann, wenn er es gewinnen würde, Alicia ihn nicht freilässt. Er fügt sich vielmehr in diese neue Situation und versucht, auf andere Weise zu entkommen.

Dabei gelingt es Crazy Old Lady durchaus, die „Verrückte Alte“, wie der Originaltitel heißt, nicht nur als Täterin, sondern gleichzeitig als Opfer darzustellen. Denn was ihr widerfahren ist, hat sie schließlich zu dem gemacht, was sie heute ist und Pedro ruft durch sein Erscheinungsbild Erinnerungen in ihr hervor, die die Gewaltspirale gegen ihn überhaupt erst auslösen. So interessant das auf den ersten Blick klingen mag, Martín Maureguis Erzählung hakt hierbei an mehreren entscheidenden Stellen. Zum einen wurde Alicia bereits vor Pedros Auftritt gewalttätig und zum anderen wirkt Alicia nur selten verwirrt oder als würde sie glauben, sie lebte in einer Zeit vor 50 Jahren. Dass der Film damit auf ein dunkles Kapitel in der Geschichte Argentiniens anspielt, ist löblich, aber der Aspekt verpufft, wenn Alicia stets klar und in Kontrolle auftritt. Dann ist sie eben kein Opfer, gefangen in den Schrecken dessen, was ihr angetan wurde, sondern eine Täterin, die Gewalt durchgehend gegen Unschuldige richtet, die sich ihr gegenüber nicht einmal wehren dürfen. Insofern fehlt es der Erzählung schlicht an notwendigen Facetten, damit die Tragik der Figur tatsächlich zum Ausdruck kommen würde.

Dafür fängt Regisseur Mauregui das Geschehen in düsteren und durchaus interessanten Perspektiven ein, die mitunter an den bisher größten Hollywood-Film von J.A. Bayona erinnern, der hier auch produziert. Der Look entschädigt für Manches ebenso wie die Besetzung, bei der Daniel Hendler und Carmen Maura als Pedro und Alicia sichtlich gefordert sind. Dass sie beide nicht aus sich herausbrechen dürfen, vor allem die Darstellung von Pedro zurückhaltend ausfällt, kann man den Beteiligten selbst nicht zum Vorwurf machen. Ebenso wenig, dass die deutsche Synchronisation die Figuren bedauerlicherweise ebenfalls nicht in ein gutes Licht rückt. Die Vertonung selbst klingt bereits dumpf, als würde ihr jegliche Räumlichkeit fehlen, aber auch die Art und Weise, wie die Dialoge eingesprochen sind, lässt nie Emotion aufkommen. Am deutlichsten wird das, wenn Pedro 10 Mal hintereinander „Alicia“ in exakt demselben Tonfall sagt oder eine andere Figur ihr gegenüber geradezu gelangweilt ausruft „Ich bring Dich um“, als wäre es das Normalste von der Welt. Wer kann, sollte auf die Originalfassung mit Untertiteln zurückgreifen. Vielleicht bleiben einem dann auch ein paar der Übersetzungsfehler erspart.


Fazit:
Wie soll man mit jemandem verhandeln, der verrückt ist? Oder die Person davon überzeugen, dass man nicht jemand ist, von dem sie behauptet, man wäre es? Filmemacher Martín Mauregui erzeugt von Beginn an eine bedrückende Stimmung und findet viele Momente, in denen einem zunehmend unwohl wird. In einem besonders, der eine Grenze überschreitet, die nicht hätte überschritten werden müssen. Die Ausgangsidee klingt interessant und könnte ein intensives, psychologisches Kammerspiel sein. Stattdessen setzt die Erzählung auf Humor, der nur selten zündet, und stellt die Titel gebende Alicia als an sich tragische, gebrandmarkte Figur vor. Gut gefilmt und gut gespielt, ist der Film an diesen Aspekten seiner Geschichte aber kaum interessiert und weiß am Ende nicht, wie er irgendetwas zum Abschluss bringen soll. So bleibt Crazy Old Lady eine Wiedergutmachung oder wenigstens ein Gerechtigkeitsgefühl vollkommen schuldig, wenn sich die Gewalt gegen Unschuldige richtet, die sich nicht wehren dürfen. Alicia mag eine regelrecht gallige Person sein, aber weder aus ihr, noch aus den übrigen Figuren macht das Drehbuch mehr, als in den ersten Minuten ihres Auftretens. So kurzweilig das für ein geneigtes Publikum in der dunklen Jahreszeit sein mag, in der Story steckt ein besserer Film, als am Ende herausgekommen ist.
 

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