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Kritik von Jens Adrian |
Hinzugefügt am 16. August 2026
Originaltitel: Ghost School
Laufzeit: 88 min.
Produktionsland: Pakistan / Saudi Arabien / Deutschland / Großbritannien
Produktionsjahr: 2025
FSK-Freigabe: ab 6 Jahren
Regie: Seemab Gul
Musik: Anna Bauer
Besetzung: Nazualiya Arsalan, Samina Seher, Adnan Shah Tipu, Vajdaan Shah, Tutu Baba, Ziarat Gul, Taha Khan, Kehan Naqvi, Tariq Raja, Muhammad Zamaan, Muhammad Zayan
Kurzinhalt:
Die 10 Jahre junge Rabia (Nazualiya Arsalan) freut sich so sehr, dass sie nach den Ferien wieder zur Schule gehen kann, dass es sie umso mehr trifft, als sie vor verschlossener Türe steht. Die Schule ist geschlossen, wird ihr gesagt, und ob sie je wieder öffnet, weiß niemand. Der Lehrer (Muhammad Zamaan) sei krank, besessen von einem Dschinn, die Schule selbst verflucht. Rabia möchte sich damit nicht abfinden und sucht den Lehrer auf, der ihr davon erzählt, wie er den Schulleiter (Adnan Shah Tipu) bestechen müsste, um wieder arbeiten zu können. Rabia forscht weiter, obwohl ihre Mutter Abhya (Samina Seher) es ihr untersagt, und unterhält sich mit Erwachsenen wie ihrem Onkel (Taha Khan), die ihr sagen, dass die sogenannte Geisterschule nur eines von vielen leerstehenden Gebäuden ist. Sie erzählen von Politikern, die den Menschen etwas versprechen, um gewählt zu werden, sich dann aber nicht mehr interessieren, wenn sie gewählt sind. Rabia versucht, all das einzuordnen und kommt zu dem Schluss, dass sie selbst aktiv werden muss, sonst wird sich nichts ändern …
Kritik:
In ihrem Regiedebüt erzählt die Filmemacherin Seemab Gul die Geschichte eines zehnjährigen Mädchens, das nach den Ferien feststellt, dass ihre Schule geschlossen ist. Die Aussage, dass es dort spuken soll, mag sie nicht so recht glauben und beginnt, selbst nachzuforschen. So blickt Ghost School durch die Augen eines Kindes auf eine Gesellschaft, die von Korruption und einem Ungleichgewicht der Macht geprägt ist. Das ist ruhig und langsam erzählt, aber voller treffender Beobachtungen und am Ende ernüchternder, als erhofft.
Rabia freut sich nach den Ferien wieder auf die Schule und darauf, wieder etwas lernen zu dürfen. Ihre Schuluniform ist ihr zu klein geworden, doch für eine neue hat die Familie kein Geld. Stattdessen soll Rabia die Nähte auftrennen, damit die Kleidung länger erscheint. Als Rabia und ihre Mitschülerinnen und Mitschüler vor dem Tor der Schule stehen, sagt ihnen der Wachmann, dass die Schule geschlossen sei. Der Lehrer – der einzige, der inzwischen noch übrig war – sei krank, von einem Dschinn besessen. Zwar gibt es im Nachbardorf eine andere Schule, doch die dürfen nur Jungen besuchen. Die Nächste Mädchen- oder gemischte Schule ist zu weit weg und allein darf Rabia das Dorf nicht verlassen, da es nicht sicher ist. Weil Rabias Mutter Abhya arbeiten muss, macht sich Rabia auf, den Lehrer zu besuchen, um zu sehen, ob das Gerücht stimmt. Auch soll die Schule selbst verflucht sein. Alle, die sie trifft, fragt sie, was sie tun kann, damit die Schule wieder öffnet. Die Antworten, die sie erhält, erzählen von einer Welt der Erwachsenen, in der manche nur nehmen, während andere immer mehr geben sollen.
Dabei mag Rabia noch nicht vollends verstehen, was die Worte bedeuten, wenn sie sie womöglich zum ersten Mal hört. Wenn der tatsächlich kranke Lehrer ihr beispielsweise erzählt, dass er dem Schulleiter und Landbesitzer Geld dafür geben soll, unterrichten zu dürfen, oder wenn der Schulleiter ihr sagt, es wäre nicht seine Aufgabe, Lehrer zu suchen, sondern die des Bezirksvorstehers. Aber Rabia begreift sehr schnell, was Korruption bedeutet, was Bestechung tatsächlich ist und vor allem, wer der Leidtragenden sind. Ghost School beleuchtet das Leben in diesem pakistanischen Dorf unweit der Großstadt Karatschi, in dem viele Menschen arm sind und kaum wissen, wie sie das Essen auf den Tisch bringen sollen. Rabias Vater verdient seinen Lebensunterhalt als Fischer und ist wenig zuhause. Der Wachmann der Schule, der nun keine Arbeit mehr hat, weiß ebenfalls nicht, was er tun soll. Er kann als Schafhirte arbeiten oder in der Ziegelfabrik. Er selbst bezeichnet sich als ungebildet und selbst Rabias Onkel, der auf einem Stand im Dorf Lebensmittel verkauft, hat die Schule ohne Abschluss verlassen.
Es ist ein Muster, das sich durch die Gesellschaft zieht. Die Menschen sind arm und haben so gut wie keine Schulbildung erfahren können. Abhya selbst kann ebenfalls nicht lesen und braucht die Hilfe ihrer Tochter, um zu wissen, welche Medikamente sie ihrem Baby verabreichen darf. Bildung bzw. das Fehlen derselben, ist ein effektives Mittel der Wohlhabenden, ihren Wohlstand zu erhalten. Der Schulleiter und Landbesitzer beispielsweise ist der Auffassung, Bildung sei ein Privileg, das den Armen nicht zuteil werden sollte. Wenn jeder gebildet wäre, wer würde dann noch die Felder bestellen, wer die Fische fangen? Insofern ist die Geisterschule kein Zufall, sondern das Ergebnis bewusster Misswirtschaft, die Schwächsten klein zu halten. Es ist ein Vorgehen, das nicht nicht nur Schulen betrifft, sondern auch andere Einrichtungen, die entweder nie zu Ende gebaut wurden, oder halbfertig verfallen. Jedes dieser Gebäude soll verflucht sein, ein Dschinn darin wohnen – denn wenn das Volk Zusammenhänge nicht versteht, bleibt es abergläubisch.
Diese Beobachtungen verwebt Filmemacherin Gul stellenweise so subtil, dass man es in Anbetracht der ruhigen Erzählung beinahe übersehen könnte. Doch anstatt die arme Bevölkerung mit ihrem Glauben und ihren Überzeugungen vorzuführen, lässt sie auch Figuren zu Wort kommen, die unterstreichen, dass die Menschen erkannt haben, wer für ihre Situation verantwortlich ist. „Wir sind ungebildet, aber nicht dumm“, sagt der Kutschenfahrer und in seiner Stimme schwingt eine gewisse Entschlossenheit mit, die bei denen kaum mehr zu vernehmen ist, die sich fragen, wo die Revolution geblieben ist, die vor einigen Jahren mit den Händen zu greifen war. Durch Rabias Augen nähert sich Ghost School großen gesellschaftlichen wie auch politischen Themen und behält dabei eine Perspektive bei, die geradezu entwaffnend ehrlich klingt. Umso mehr, da das Drama gleichzeitig hervorhebt, wie unterschiedlich die Situation für Mädchen und Jungen ist.
Für Rabia scheinen ihre Möglichkeiten klar vorgegeben. Sie kann in ein paar Jahren heiraten, wie ihre Nachbarin, oder sie arbeitet wie ihre Mutter als Haushaltshilfe für eine wohlhabende Familie. Jungen scheinen mehr Freiheiten zu haben, mehr Möglichkeiten eingeräumt zu bekommen. Dies hier auf eine so greifbare wie entblätternde Art und Weise gezeigt zu bekommen, stimmt einen nicht nur traurig, es führt einem auch vor Augen, was für ein Glück all diejenigen haben, die in einem Land aufwachsen, in dem sie eine Schule besuchen und lernen dürfen. Das Drama fängt dies in guten Bildern und tadellos gespielt auf eine geradezu dokumentarische Art ein. Doch bleibt Ghost School auf Grund dieser Geschichte und der ruhigen Umsetzung eher einem kleinen Publikum vorbehalten. Das jedoch sollte sich die Erzählung nicht entgehen lassen.
Fazit:
Macht sie sich auf zu erfahren, weshalb ihre Schule geschlossen wurde, findet die zehnjährige Rabia Erwachsene vor, die alle die Verantwortung dafür nur auf andere schieben. Dabei stellt sie kluge Fragen, die aber immer so klingen, wie wenn Kinder sie stellen würde. Wenn diejenigen, die Land besitzen, hart dafür gearbeitet haben, weshalb haben dann nicht alle, die hart arbeiten, Land? Dies ist so entwaffnend, dass man sich der zugrundeliegenden Wahrheit nicht verschließen kann. Rabia bleibt beharrlich und versucht, wenigstens die anderen Kinder zu motivieren, sich für die Schule einzusetzen. Das Ergebnis ist ernüchternd, aber ein gelungenes Bild für eine Gesellschaft, in der fehlendes Verständnis irgendwann in eine solche Gewalt umschlägt, die selbst das vernichtet, was man zu erhalten versuchte. Rabias Mutter sagt hierzu, „Lieber ist man Analphabet, als ein gebildeter Diener“. Es ist ein Satz, der ebenso nachwirkt, wie der Schlusspunkt, bei dem einem der Stand der Rechte von Frauen und Mädchen so bildlich vorgeführt wird, wie selten sonst. Ghost School ist insofern schließlich trauriger, als man erhoffen würde, aber ein Appell, selbst für das einzutreten, was einem wichtig und erhaltenswert ist. Langsam erzählt und inhaltlich wichtig, ist dies gerade durch Kinderaugen greifbar und sehenswert. Stark!

