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Kritik von Jens Adrian |
Hinzugefügt am 19. Juli 2026
Originaltitel: Traffic
Laufzeit: 147 min.
Produktionsland: Deutschland / USA
Produktionsjahr: 2000
FSK-Freigabe: ab 16 Jahren
Regie: Steven Soderbergh
Musik: Cliff Martinez
Besetzung: Michael Douglas, Don Cheadle, Benicio del Toro, Catherine Zeta-Jones, Erika Christensen, Dennis Quaid, Luis Guzmán, James Brolin, Topher Grace, Albert Finney, Clifton Collins Jr., Amy Irving, Miguel Ferrer, Jacob Vargas, Viola Davis, Marisol Padilla Sánchez, Tomas Milian, Benjamin Bratt, D. W. Moffett, Steven Bauer, Peter Riegert, John Slattery, James Pickens Jr., Michael O’Neill
Kurzinhalt:
In Mexiko gelingt es den Bundespolizisten Javier Rodríguez Rodríguez (Benicio del Toro) und Manolo Sánchez (Jacob Vargas), einen Drogentransport auf frischer Tat zu ertappen, doch bevor sie die Verdächtigen ins Gefängnis bringen können, werden sie von General Salazar (Tomas Milian) und seinen Männern gestoppt, die die Verdächtigen und die Drogen an sich nehmen. Salazar ist in Mexiko für die Bekämpfung der Drogenkriminalität verantwortlich und konnte zuletzt, mit dem Tod des Anführers eines Kartells, einen wichtigen Erfolg vorweisen. Aber auch wenn Salazar Javier eine besondere Aufgabe anbietet, durch die er seine Situation verbessern können soll, bleibt Javier skeptisch.
Unterdessen wird der aus Ohio stammende Richter Robert Wakefield (Michael Douglas) vom US-Präsidenten mit der Bekämpfung der Drogenkriminalität in den Vereinigten Staaten beauftragt. Aber nicht nur, dass ihm von Beginn an gesagt wird, es wäre nicht möglich, den Krieg gegen die Drogen zu gewinnen, alle möglichen Interessengruppen versuchen, seine Maßnahmen zu beeinflussen. Wakefield ist beruflich so stark eingebunden, dass er nicht bemerkt, dass seine Teenagertochter Caroline (Erika Christensen) selbst ein Drogenproblem entwickelt und zunehmend die Kontrolle verliert.
In San Diego erringen die Drogenfahnder Montel Gordon (Don Cheadle) und Ray Castro (Luis Guzmán) einen wichtigen Erfolg und können den Drogendealer Eduardo Ruiz (Miguel Ferrer) dingfest machen. Der ist sogar bereit, gegen den Drogenbaron Ayala auszusagen, der für den Import eines Großteils der Rauschmittel aus Mexiko vor Ort verantwortlich ist. Dessen Frau Helena Ayala (Catherine Zeta-Jones) sieht sich nach der Verhaftung ihres Mannes nicht nur der Situation gegenüber, dass was immer sie dachte, womit ihr Mann ihr Geld verdient, eine Lüge war, sondern seine Gläubiger weiterhin bezahlt werden wollen.
Die Entscheidungen all dieser Figuren beeinflussen dabei nicht nur ihr eigenes Leben und sie sind stärker miteinander verwoben, als sie vermuten …
Kritik:
In seiner Spielfilmadaption der preisgekrönten, britischen Mini-Serie Traffik [1989] beleuchtet Filmemacher Steven Soderbergh den illegalen Drogenhandel an der Grenze zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten aus verschiedenen Perspektiven. Traffic – Macht des Kartells wartet dabei mit einem geradezu erschlagenden Ensemble auf, das im Rahmen der beinahe zweieinhalbstündigen Laufzeit teils preiswürdige Darbietungen zeigt. Überaus komplex, ist das vermutlich ein so desillusionierender wie realistischer Blick auf die Situation vor über 25 Jahren, die heute nicht besser geworden ist.
Die Geschichte besteht aus drei an bestimmten Punkten ineinander übergehenden bzw. miteinander verwobenen Erzählsträngen. In einer halten die beiden Polizisten Javier Rodríguez und sein Partner Manolo Sánchez in Mexiko einen Drogentransport an, nur damit ihnen die verhafteten Kuriere und die Drogen von General Salazar abgenommen werden. In der Öffentlichkeit wird Salazar als kompromisslos im Kampf gegen die Drogenkriminalität wahrgenommen und tatsächlich soll kürzlich der Anführer des Juárez-Kartells bei einer Operation gestorben sein. Salazar widmet seine Aufmerksamkeit deshalb dem rivalisierenden Tijuana-Kartell, das von den Brüdern Obregón geleitet wird. In Ohio wird der konservative Richter Robert Wakefield vom US-Präsidenten zum Verantwortlichen für die Bekämpfung der Drogenkriminalität berufen, nicht ahnend, dass seine 16jährige Tochter Caroline selbst eine Drogenabhängigkeit entwickelt. In San Diego gelingt währenddessen den Drogenfahndern Montel Gorden und Ray Castro eine entscheidende Festnahme. Der Dealer Eduardo Ruiz ist sogar bereit, gegen den einflussreichen Drogenkönig Carlos Ayala auszusagen, dessen schwangere Frau Helena nach seiner Verhaftung nicht nur vor den Scherben ihres vorigen Lebens steht, sondern nur eine Möglichkeit sieht, die vielen Gläubiger auszuzahlen, die sie und ihren Sohn nun bedrohen.
Auch innerhalb dieser drei großen Perspektiven der Geschichte ergeben sich kleinere Nebenhandlungen, so dass es nicht nur mehr als zwei Dutzend wiederkehrende Figuren gibt, sondern Überschneidungen der unterschiedlichen Erzählstränge, die ein aufmerksames Publikum erfordern. Regisseur Soderbergh kleidet diese in eine individuell erkennbare Farbgestaltung, angefangen von einem kühlen Blau der Handlungsebene um Richter Wakefield, über ein ausgewaschenes, sandiges Gelb der Szenen in Mexiko bzw. der mexikanischen Drogenkartelle, bis hin zu natürlichen Farben der dritten Erzählung. Anstatt das lediglich als optisches Gimmick zu verwenden, gibt es hierbei einen fließenden Übergang, beispielsweise, wenn sich Wakefield an der mexikanischen Grenze einen Überblick von der Lage verschafft und auch seine Momente gelblich gehalten sind, oder wenn die letzten Einstellungen der Familie Ayala, die bislang eher neutral gehalten waren, auch einen anderen Farbstich erhalten. Die Präsentation von Traffic ist so speziell, dass man es anfangs als störend empfinden mag, tatsächlich ist dies eine clevere und intuitiv-subtile Art und Weise, die komplexe Story ohne inhaltliche Wiederholungen wie die Nennung der Örtlichkeit zugänglich zu gestalten.
Für diese Zugänglichkeit bedarf es jedoch eines Publikums, das bereit ist, sich auf diese weitläufige Erzählung einzulassen. Traffic ist kein Thriller oder Krimi, sondern ein Drama, das gerade dadurch eine packende Atmosphäre entwickelt, dass das Publikum nicht jedes Detail erklärt bekommt oder die Figuren einen in Worten daran teilhaben lassen, was in ihnen vorgeht. Stattdessen gibt Filmemacher Steven Soderbergh seinen Zuschauerinnen und Zuschauern den Raum, eigene Schlüsse daraus zu ziehen. Am deutlichsten wird dies an Wakefields Tochter Caroline, die in einem behüteten Umfeld und mit allen Privilegien in die Wiege gelegt aufwächst, zu den besten Schülerinnen ihrer Klasse gehört, an einer Privatschule unterrichtet wird, sich aber wie ihre ähnlich situierten Freunde als Opfer der Gesellschaft sieht. Das Drehbuch verurteilt sie nicht, ebenso wenig den von Benicio del Toro herausragend verkörperten Polizisten Javier Rodríguez, der sieht, mit welch grausamen Methoden General Salazar sein Ziel verfolgt, ohne einzuschreiten. Seine eigenen Ambitionen mögen hehre sein, letztlich tut er es Salazar aber gleich. Sollte man ihn dafür verachten oder verurteilen? Eine einfache Antwort darauf gibt es nicht und wenn überhaupt, muss eine jede und ein jeder selbst eine finden. Dasselbe gilt für die anderen Erzählstränge.
Bis in die Nebenrollen namhaft besetzt, verbergen sich hier zahlreiche erstklassige Darbietungen, unter anderem von Catherine Zeta-Jones, deren Telefonat mit einer Figur, die aus Rodríguez’ Erzählstrang bekannt ist, einem einen Schauer über den Rücken jagt. Sie alle sind gefordert und erwecken eine Geschichte zum Leben, die auf eine geradezu beängstigende Art und Weise realistisch klingt. Dass dabei nicht alle Perspektiven abgeschlossen sind oder zu einem Abschluss führen, der das Publikum hoffnungsvoll stimmt, unterstreicht die Glaubwürdigkeit nur. Das Publikum muss sich darauf einlassen können und wollen. Dann jedoch ist Traffic nicht nur überaus sehenswert, sondern hinsichtlich mancher Zusammenhänge geradezu Augen öffnend.
Fazit:
In der gesamten Erzählung, so scheint es, ist Javier Rodríguez die einzige Figur, die mit einem realistischen Blick auf das Geschehen versucht, das Richtige zu tun, auch wenn er dabei nur verliert. Selbst sein Partner Manolo, der glaubt, einen cleveren Weg gefunden zu haben, wie er seine eigene Situation verbessern kann, erkennt nicht seine eigene Lage, von Richter Wakefield ganz zu schweigen, dem sich erst dann erschließt, in welcher Situation sich seine Tochter befindet, als es eigentlich bereits zu spät ist. Zu sehen, wie diese unterschiedlichen Perspektiven zusammengeführt werden, sich überschneiden und gegenseitig beeinflussen, selbst wenn die Figuren daraus nie in Kontakt miteinander treten, ist immens faszinierend und lässt das Drama ungemein packend geraten. Von einem beispiellosen Ensemble mit preiswürdig differenzierten Darbietungen zum Leben erweckt, ist Traffic – Macht des Kartells erstklassig in Szene gesetzt. Auf eine ernüchternde Art und Weise realistisch, gibt es hier keine einfachen Antworten, aber einen Einblick in eine Situation, deren Komplexität eine Lösung von einer „Seite“ aus an sich bereits unmöglich macht. Wichtig und sehenswert, heute wie vor über 25 Jahren.


