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Kritik von Jens Adrian |
Hinzugefügt am 12. Juli 2026
Originaltitel: To My Sisters
Laufzeit: 99 min.
Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 2026
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren
Regie: Faek Falak
Musik: Karzan Mahmood
Personen: Sepan Khalil, Haval Berxwedan, Zekija Kacar
Hintergrund:
Filmemacher Faek Falak erzählt über den Kampf von kurdischen Frauen in einer patriarchalen Gesellschaft, die von Gewalt und Unterdrückung geprägt ist. Dabei beleuchtet er die ausschließlich weibliche Volksverteidigungseinheit YPJ, die 2013 nach Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs gegründet wurde, lässt aber auch eine Überlebende des Islamischen Staates erzählen, was sie in ihrer jahrelangen Gefangenschaft in der Terrororganisation erlitt. Während der Islamische Staat dabei weit zurückgedrängt wurde, gewinnt die Organisation inzwischen wieder an Einfluss, auch in den Flüchtlingscamps in der Region, wo neue Kämpfer rekrutiert und Frauen wie Kinder mit Ideologien indoktriniert werden, die schließlich auch die Freiheit und die Selbstbestimmung im Rest der Welt gefährden können.
Kritik:
Faek Falaks Dokumentarfilm To My Sisters wartet neben einer ungewöhnlichen Perspektive mit einem derart schockierenden Zeugenbericht auf, dass man ihn im Grunde verpflichtend allen politischen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern mit auf den Weg geben möchte. Dabei unterstreicht der Filmemacher auch, welche Gefahr die Terrororganisation des Islamischen Staates, sollte sie nicht eingedämmt werden, in und für Europa bedeuten kann. Doch gerade dieser Aspekt kommt merklich kurz.
Nach Beginn des syrischen Bürgerkriegs 2011 verliert das herrschende Regime die Kontrolle über kurdische Regionen, in denen eine Selbstverwaltung eingerichtet wurde. Um die Menschen dort zu beschützen, wird die Volksverteidigungseinheit YPG ins Leben gerufen. Zwar werden sie mitunter als syrische Fraktion der verbotenen, kurdischen Arbeiterpartei PKK angesehen, die Führung der YPG unterstreicht jedoch ihre Unabhängigkeit und gibt an, nicht der PKK anzugehören. Im Jahr 2013 wird eine eigenständige, ausschließlich weibliche Volksverteidigungseinheit gegründet, die YPJ. Ihr Ziel ist die Freiheit für Kurden und Menschen aller Nationen, dem Schutz von Frauen kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Ab 2014 gewinnt der Islamische Staat (IS) zunehmend an Einfluss und erobert weite Teile des Iraks und Syriens. Mit Hilfe aus dem Ausland wird die kurdische Bevölkerung angegriffen, mit dem Ziel, diese „Ungläubigen“ zu vernichten und zu vertreiben. Es wird Jahre dauern, ehe der Einfluss des IS zurückgedrängt und bedeutend weniger Zeit vergehen, ehe die Terrororganisation wieder auf dem Vormarsch sein wird.
Faek Falak widmet sich in seinem Dokumentarfilm zum einen der YPJ selbst und begleitet die 22jährige Soldatin Haval Berxwedan zuerst bei einem Besuch zuhause bei ihren Eltern, beim Rekrutentraining oder bei Kampfhandlungen an der Front. Um zu verstehen, weshalb sie kämpfen, lässt er aber auch die 26 Jahre junge Sepan Khalil erzählen, was ihr widerfahren ist, als sie 2014 vom IS gekidnappt und verschleppt wurde. Ihr Bericht prägt To My Sisters mehr, als die Bilder von weiblichen Soldaten, die Raketenwerfer in der Hand halten, oder mit Scharfschützengewehren in im Krieg beschädigten oder zerstörten Häusern ihren Dienst verrichten. Khalil erzählt, wie sie die Gefangenschaft des IS überlebte. Als der IS kam, wurden Mädchen versklavt, die Männer, darunter einer ihrer Brüder und ihr Vater, ermordet. Auch die älteren Frauen wurden vor den Augen ihrer Kinder getötet. Es beginnt eine Tortur, die von sexuellem Missbrauch über körperliche sowie psychologische Folter reicht und selbst wenn die junge Frau dabei nicht ins Detail geht, doch erahnen lässt, durch welche Hölle sie mit den übrigen, versklavten Mädchen und Frauen gegangen ist. Sie beschreibt dabei auch, wie der Anführer des IS, in dessen Haus sie verschleppt wurde, darauf aus war, ihre Persönlichkeit zu brechen, sie selbst zur Extremistin zu manipulieren und ihr zu nehmen, was sie ausmachte.
Auch Berxwedan hat die Gräueltaten gesehen, die die Terrororganisation verübt hat und die Menschen, die sich geopfert haben, um anderen das Leben zu ermöglichen. Die Motivation der Soldatinnen des YPJ arbeitet To My Sisters greifbar heraus, doch an ihrem tatsächlichen Alltag lässt der Dokumentarfilm das Publikum kaum teilhaben. Dafür sorgt der Regisseur mit vielen Texteinblendungen, die den Aufstieg des IS in der Region erläutern, für einen Kontext, der einem selbst dann fehlt, wenn man die Situation in den vergangenen 10 Jahren in den Nachrichten verfolgt hat. Doch verlagert er den Fokus auf die Flüchtlingscamps, wo nicht nur diejenigen untergebracht sind, die auf der Flucht vor dem IS um ihr Leben fürchten, sondern wo sich viele Unterstützerinnen und Unterstützter der Terrormiliz finden, verliert Falaks Schilderung merklich an Fokus. Die YPJ sucht dort zwar nach Waffen, doch der Indoktrinierung durch den IS, der dort Ideologien pflanzt und rekrutiert, haben sie nichts entgegen zu setzen.
In diesem Zusammenhang stellt der Dokumentarfilm die in Serbien geborene und aus Stuttgart stammende Zekija Kacar vor, die nach ihrer Aussage von ihrem zweiten Ehemann verleitet wurde, nach Syrien zu reisen. Statt ihren Werdegang aufzuarbeiten, der deutlich komplexer ist, als hier dargestellt, stellt sie lediglich die Gefahr des IS heraus und was für eine Menschen verachtende Ideologie er in die Köpfe von manipulierbaren Opfern einsetzt. Eine Gefahr, die auch bis nach Europa getragen wird. Doch die Eindrücke der gewaltbereiten Kinder und Frauen im Camp bleiben vage, Kacars Bericht, die sich eine Rückkehr nach Deutschland wünscht, die derzeit jedoch ausgeschlossen ist, da sie sich dem IS angeschlossen hatte, zu wenig kommentiert oder wenigstens hinterfragt. To My Sisters stellt die Situation aus Sicht der YPJ vor und was die dort aktiven Soldatinnen auf sich nehmen, untermauert diesen Aspekt mit einer Schilderung der Schreckensherrschaft des IS und mit Kacars Aussagen, dass diese Gefahr auch für Europa gelten kann, wenn man die Terrororganisation nicht bekämpft. Das kann man auch kaum kritisieren, doch letztlich bleibt der Eindruck, dass Letzterem zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet wird, während das Porträt der YPJ kaum über die anfängliche Vorstellung hinausgeht. Das ändert nichts daran, wie wichtig das Thema dennoch ist, und wie einzigartig dieser Blick darauf.
Fazit:
Wenn Soldatin Berxwedan sinngemäß sagt, dass wenn Frauen nicht frei sind, sie keinen freien Willen haben und Entscheidungen treffen können, das Land insgesamt nicht frei ist, fasst sie auf eine unbeschreiblich treffende Weise die zerstörerische Kraft des Patriarchats insgesamt und des Islamischen Staates im Besonderen zusammen. Der Blick auf die YPJ ist überaus interessant, wird aber kaum vertieft. Ähnlich ist es mit der Vorstellung einer deutschen Frau, die sich freiwillig dem IS anschloss und nun die Konsequenzen dafür tragen muss. Auch ihre Geschichte wird nicht umfassend aufgearbeitet oder dergestalt beleuchtet, dass man glaubt, Ihre Aussagen einordnen zu können. Weder die betreffend ihren Werdegang, noch in Bezug auf die systematische Indoktrinierung durch den IS in Flüchtlingscamps. Dies allein wäre bereits einen Schwerpunkt wert. Aber auch wenn der Dokumentarfilm, der in vielen Einstellungen länger verweilt, als es notwendig wäre, hier jeweils mehr verspricht, als er einlöst, erzählt die Jesidin Sepan Khalil von ihrer sieben Jahre dauernden Tortur in der Gefangenschaft des IS und wird am Ende gesagt, dass immer noch tausende Mädchen und Frauen in der Gewalt der Terrororganisation sind, ist das nicht nur deshalb schockierend, da man sieht, wie schwer es dieser Überlebenden fällt, von ihren Erlebnissen zu berichten. Es macht vielmehr fassungslos, wenn man sich vor Augen führt, dass der IS heute in vielen Gebieten wieder auf dem Vormarsch ist und seine Schreckensherrschaft ausdehnt. To My Sisters erzählt aus erster Hand, was das bedeutet und macht dadurch nicht nur betroffen und wütend. Es ist ein Denkmal für diejenigen, die sich gegen dieses Unterdrückungsregime auflehnen und ein Mahnmal für uns alle, nicht wegzusehen und stumm zu bleiben, wenn Gewalt und Unterdrückung, die Versklavung von Mädchen und Frauen ein gängiges Mittel geworden ist, sondern dagegen einzutreten und die Politik zum Handeln aufzufordern. Das ist wichtig, sehenswert und wertvoll, aber inhaltlich nicht einfach.


