H wie Habicht [2025]

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6–9 Minuten
Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 11. Juni 2026
Genre: Drama

Originaltitel: H Is for Hawk
Laufzeit: 119 min.
Produktionsland: Großbritannien / Singapur / USA
Produktionsjahr: 2025
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: Philippa Lowthorpe
Musik: Emilie Levienaise-Farrouch
Besetzung: Claire Foy, Brendan Gleeson, Denise Gough, Lindsay Duncan, Sam Spruell, Josh Dylan, Emma Cunniffe, Arty Froushan


Kurzinhalt:

Im Jahr 2007 befindet sich die Doktorandin Helen Macdonald (Claire Foy) in Cambridge und hat, kurz vor ihrer Promotion, sogar eine Stelle bei einem renommierten Institut in Aussicht, als eine Nachricht sie vollkommen aus der Bahn wirft. Ihr Vater Alisdair (Brendan Gleeson) ist überraschend gestorben. Während Helens Mutter (Lindsay Duncan) und ihr Bruder James (Josh Dylan) versuchen, ihr Leben so gut es geht weiterzuleben, fällt dies Helen merklich schwer. Immer wieder wird sie an Situationen mit ihrem Vater erinnert, der noch Stunden vor seinem Zusammenbruch voller Leben und Tatendrang war. Als suchte sie zusätzlich zu ihrer Dozentenstelle an der Universität eine neue Aufgabe, bittet Helen den befreundeten Falkner Stuart (Sam Spruell), ihr beim Abtragen eines Habichts zu helfen. Helen nimmt den Raubvogel bei sich auf, um ihn zu trainieren. Es ist eine Herausforderung, die viel Zeit und Kraft kostet. Nicht einmal Helens Freundin Christina (Denise Gough) gelingt es, Zugang zu ihr zu finden und so vernachlässigt sie zunehmend auch ihre beruflichen Verpflichtungen. Je länger Helen die Verarbeitung der Trauer aufschiebt, umso tiefer wird das Loch, in das sie dabei fällt …


Kritik:
Basierend auf den 2014 erschienenen, gleichnamigen Memoiren der Hauptfigur Helen Macdonald erzählt das preiswürdig gespielte, einfühlsame Drama, wie die Cambridge-Dozentin nach dem unerwarteten Tod ihres Vaters versucht, mit einer Trauer umzugehen, die sie selbst nicht annimmt. Stattdessen sucht sie in der Ausbildung eines Habichts eine Aufgabe und isoliert sich zunehmend. H wie Habicht lebt dabei nicht von lauten Konflikten oder Konfrontationen, sondern von leisen Beobachtungen, die all diejenigen mitten ins Herz treffen, die selbst bereits einen geliebten Menschen verloren haben.

Die Nachricht trifft Helen unerwartet. Gerade noch unterhält sie sich mit ihrer Freundin Christina darüber, dass sie ein Angebot erhalten hat, sich für eine Postdoktorandenstelle beim Max-Planck-Institut in Berlin zu bewerben, dann wird ihr der Boden unter den Füßen weggezogen. Ihr Vater Alisdair Macdonald, der selbst im Ruhestand immer noch als Photograph für die Zeitung arbeitete und sich gerade aufgemacht hatte, über einen Sturm zu berichten, ist an einem Herzinfarkt gestorben. Es ist ein Verlust, dessen Ausmaß Helen selbst nicht erkennen kann, wird sie doch überwältigt von Erinnerungen an alltägliche Momente mit ihm. Stets war er aktiv, beim Rasenmähen, in der Natur. Darauf aus, jede Brücke, die über die Themse führt, zu fotografieren. Die Verbindung zwischen ihm und Helen war etwas besonderes. Ein paar Monate später, Helen, ihr Bruder und ihre gemeinsame Mutter versuchen, ihr Leben weiterzuleben, entschließt sich Helen, den Falkner Stuart aufzusuchen. Vor ihrer Promotion hatte sie mit Stuart Falken trainiert und sie erbittet seine Hilfe, einen Habicht abzutragen (zu trainieren).

Ein Habicht ist, so sagt Stuart es Helen hier, ein brutales Raubtier. Sie abzutragen erfordert viel Geduld, Zeit und Vertrauen. Helen scheint diese Herausforderung zu suchen, um sich von dem abzulenken, was im Grunde vor ihr liegt, die Rückkehr in ihr eigentliches Leben. In einigen Monaten endet ihre Doktorandenstelle, doch ihre Bewerbung in Berlin hat sie noch nicht einmal aufgesetzt. Sie lenkt sich mit einer Affäre ab, vernachlässigt ihren Unterricht am Campus und als sie den abzutragenden Habicht schließlich mit nach Hause nimmt, nicht nur ihre Freundschaft zu Christina, sondern auch sich selbst und ihre Wohnung, die ihr noch von der Universität gestellt wird. Filmemacherin Philippa Lowthorpe nimmt sich sehr viel Zeit dies zu zeigen und die ersten gemeinsamen Momente zwischen Helen und dem Habicht zu begleiten. Ohne Worte wohnt man bei, wenn Helen das stolze Tier an ihre Nähe gewöhnt, eine Verbindung zu ihm aufbaut, während der Habicht seinen Fluchtreflex Stück für Stück überwindet. So kann man nicht nur die Schönheit des Tieres in sich aufnehmen, das H wie Habicht beinahe als eine der zentralen Figuren vorstellt, sondern auch, wie Helen in der Aufgabe aufgeht. Sie wirkt ruhig, fokussiert und in sich gekehrt. Gleichzeitig aber auch ängstlich, wenn sie fürchtet, Mabel, wie sie das Tier nennt, würde nach der Jagd nicht zu ihr zurückkehren.

Sie richtet zunehmend ihr ganzes Leben nach dem Habicht aus, schottet sich weiter von allen anderen Menschen in ihrer Umgebung ab, bis hin zu ihrer Mutter, der sie am Telefon ausweicht. Beginnt die Phase in Mabels Training, in der Helen den Vogel an die Außenwelt zu gewöhnen versucht, indem sie mit ihm auf dem Arm durch die Stadt läuft, ist es beinahe, als würde auch Helen selbst zum ersten Mal wieder unter Menschen gehen. Aber sei es hier, oder wenn sie später mit anderen Dozentinnen und Dozenten an einem Treffen teilnimmt, Helen wirkt vollkommen fehl am Platz. Nur in den Momenten mit Mabel erscheint sie glücklich, selbst wenn oder gerade weil sie dem eigentlichen Leben spürbar ausweicht. Es ist eine Reaktion, die man ihr kaum verdenken kann, sieht man, wie sie ganz gewöhnliche Situationen an ihren Vater erinnern und die Emotionen sie zu überwältigen drohen. Nur dadurch, dass sie diesen belastenden Empfindungen ausweicht, verschiebt sie nicht nur eine mögliche Verarbeitung ihrer Trauer in die Zukunft, sondern auch alle anderen Entscheidungen in ihrem Leben.

H wie Habicht arbeitet nicht auf ein großes Konfliktgespräch hin und präsentiert auch keine Konfrontationen, wenn Helens Umgebung erkennt, auf welchem Pfad sie sich befindet. In Christina kann sie vielmehr auf eine Freundin zählen, die selbst dann für sie da ist und ihr hilft, wenn Helen im Grunde keine Hilfe annehmen möchte. Es dauert lange, ehe sie selbst erkennt, dass sie Hilfe benötigt und dass die Art, wie sie ihr Leben lebt, nicht nachhaltig ist. Dem beizuwohnen, ist weniger bedrückend, als nach den faszinierenden Momenten zwischen Helen und Mabel in der ersten Hälfte, in der zweiten ungemein berührend. Filmemacherin Lowthorpe begleitet Helen mit einem geradezu entwaffnend ehrlichen Blick und sprudeln manche Emotionen aus ihr heraus, erscheint dies auf eine ergreifende Art und Weise aufrichtig. Claire Foy zeigt eine Darbietung, die selbst in unscheinbaren Momenten greifbar macht, wie sehr sie der Verlust quält, den sie nicht verwinden kann. Als Helens Vater ist Brendan Gleeson zwar nur wenig zu sehen, doch verleiht er der Figur eine Wärme und ein Charisma, dass was seine Familie verloren hat, umso offensichtlicher wird. Es gibt Menschen in unseren Leben, die uns das Gefühl vermitteln, wir wären etwas Besonderes. Erst, wenn diese Menschen nicht mehr bei uns sind und man erkennt, dass sie dieses Gefühl auch bei anderen hervorgerufen haben, wird offensichtlich, wie einzigartig und besonders diese Menschen gewesen sind. Und wie unersetzlich ihr Verlust. Diese Erkenntnis bringt das Drama auf eine Weise zum Ausdruck, dass wer selbst bereits einen geliebten Menschen verloren hat, sich hier wiederfinden kann. Das ist schmerzhaft, aber wertvoll.


Fazit:
In gewisser Weise ist Helens Habicht ein gelungenes Sinnbild für die Trauer, die sie empfindet. Als Raubvogel ist Mabel wild, unbezwungen und in vielerlei Hinsicht auch unbezwingbar. Helen muss Mabel eine Haube aufsetzen, die sie blind macht, damit sie in ungewohnten Umgebungen nicht unruhig wird. So, wie man vor Trauer die Welt um sich herum oft ausblendet. Helen flüchtet nicht nur vor unangenehmen Gesprächen, sondern davor, überhaupt am Leben weiter teilzuhaben. Regisseurin Philippa Lowthorpe fängt das in teils malerischen Bildern ein, in denen Helen oft regelrecht verloren wirkt. Sie macht so greifbar, dass ihre Hauptfigur jemanden verloren hat, zu dem sie ein Vertrauensverhältnis aufgebaut hatte, wie mit niemand anderem. Etwas ähnliches versucht sie nun bei Mabel. Doch wohin Trauer, die nicht aufgearbeitet wird, führen kann, holt Helen irgendwann ein. Anstatt sie zu begleiten, wie sie das überwindet, erzählt das Drama davon, wie sie mit ihrer Situation umzugehen versucht. Gerade in den leisen Momenten ist das ergreifend und zeigt, dass es die alltäglichen Situationen sind mit den Menschen, die wir lieben, Augenblicke, denen wir kaum Bedeutung beimessen, die so unersetzlich kostbar sind, wenn sie für immer vergehen. H wie Habicht wirkt wie ein ehrlicher Blick auf Helens Leben nach ihrem Verlust. Ungeschönt und zurückhaltend, ist das einfühlsam präsentiert und durch die sehenswerten Darbietungen am Ende ungemein berührend.
 

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