Bitteres Fest [2026]

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5–8 Minuten
Wertung: 3 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 4. Juni 2026
Genre: Drama / Unterhaltung

Originaltitel: Amarga Navidad
Laufzeit: 111 min.
Produktionsland: Spanien
Produktionsjahr: 2026
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: Pedro Almodóvar
Musik: Alberto Iglesias
Besetzung: Bárbara Lennie, Leonardo Sbaraglia, Aitana Sánchez-Gijón, Victoria Luengo, Patrick Criado, Milena Smit, Quim Gutiérrez, Carmen Machi, Gloria Muñoz, Rossy de Palma, Amaia Romero


Kurzinhalt:

Zum verlängerten Weihnachtswochenende im Jahr 2004 wird die Werberegisseurin Elsa (Bárbara Lennie) von einem so heftigen Migräneanfall heimgesucht, dass ihr Freund Beau (Patrick Criado) sie ins Krankenhaus bringen muss. Doch was immer die Ärztinnen und Ärzte versuchen, Elsa geht es kaum besser. Ein Gespräch mit ihrer Schwester Patricia (Victoria Luengo) bringt Elsa schließlich darauf, dass es sich bei ihrer Migräne um eine Panikattacke handeln könnte. Tatsächlich arbeitet sie seit einem tragischen Verlust vor einem Jahr unermüdlich und schiebt doch ihre eigentliche Leidenschaft unverrichtet vor sich her. Als sie sich daran macht, ein neues Drehbuch für einen Film zu schreiben, verarbeitet sie in dem Skript nicht nur ihre eigenen Erlebnisse, sondern auch diejenigen der Menschen in ihrem Umfeld. Das versucht im Jahr 2026 ebenfalls Regisseur Raúl (Leonardo Sbaraglia), der nicht nur seinen Assistenten und Lebensgefährten Sati (Quim Gutiérrez), sondern auch seine ehemalige Assistentin und Lektorin Mónica (Aitana Sánchez-Gijón) vor den Kopf stößt, als er Schicksalsschläge ihres Umfelds für seine eigenen Zwecke verwendet. Aber ist nicht genau das die Freiheit der Kunst?


Kritik:
Filmemacher Pedro Almodóvar erzählt in Bitteres Fest im Grunde dieselbe Geschichte mit sechs zentralen Figuren zweimal. Das bedeutet aber auch, dass er am Ende jeweils zweimal an denselben Aussagen ankommt. Zwar gibt er sich auf dem Weg dorthin überraschend ehrlich und beinahe schon selbstkritisch, doch das ändert nichts daran, dass die Story viel weniger bietet, als es auf den ersten Blick scheint. Vor allem fehlt es an Figuren, denen man auf ihrer Reise gerne folgen möchte.

Die beginnt im Jahr 2004, als Werberegisseurin Elsa bei einem Gewitter einen Migräneanfall erleidet. Ihr Lebensgefährte Bonifacio, genannt Beau, bringt sie schließlich ins Krankenhaus, aber auch die Medikamente, die ihr dort gegeben werden, bringen kaum Linderung. Im Gespräch mit ihrer Schwester Patricia äußert die, dass Elsa womöglich an Panikattacken leide und tatsächlich helfen ihr die Medikamente, die dafür verschrieben werden. Elsa stürzt sich daraufhin wieder in die Arbeit und möchte einen dritten Spielfilm drehen, auch wenn ihre ersten beiden kein Erfolg waren. Sie beginnt mit dem Schreiben eines Drehbuchs, in dem sie eingangs den Tod ihrer Mutter verarbeitet, die vor einem Jahr verstorben ist, aber auch ihre Beziehung zu Beau, den sie zu dieser Zeit kennenlernte. Zunehmend bezieht Elsa aber auch persönliche Schicksalsschläge von Menschen in ihrer Umgebung in die Geschichte mit ein und stößt damit nicht nur ihre Schwester vor den Kopf.

Das allein klingt bereist nach einer Geschichte, die ein solches Drama ausfüllen könnte, doch ergänzt Filmemacher Almodóvar seine Story um eine zweite Ebene, die im Jahr 2026 spielt, und in welcher der Filmregisseur Raúl seit Jahren an einer Schreibblockade leidet. Nun hat er sich endlich aufgemacht, ein neues Werk zu schreiben, greift dafür aber nicht nur auf Erfahrungen seines eigenen Lebens und das seines Lebensgefährten Santi zurück, sondern auch das der Familie seiner Lektorin seit Jahrzehnten, Mónica. Die möchte ohnehin eigene Wege gehen, doch als sie davon erfährt, dass Raúl Tragödien ihres Umfeld in sein Drehbuch einarbeitet, kommt es zum Streit. Das klingt inhaltlich wie ein Spiegelbild der Erzählung aus dem Jahr 2004 und das nicht ohne Grund. Aber auch wenn Bitteres Fest im Kern die Grenze zwischen dem wahren Leben und der Kunst auslotet und wie beides einander beeinflussen kann, man kann kaum übersehen, dass auf Grund der ureigenen Idee der Geschichte sämtliche Wegstationen zweimal passiert werden und die Figuren am Ende an denselben Erkenntnissen angelangen.

Den eigentlichen Clou der Erzählung verrät Pedro Almodóvar, der auch das Drehbuch liefert, erstaunlich früh und hält somit für das Publikum keine wirklichen Überraschungen bereit. Die gibt es allenfalls im letzten Streitgespräch zwischen Raúl und Mónica, in dem der Regisseur in gewisser Weise mit sich selbst und seinen Entscheidungen diese Geschichte betreffend abrechnet. Doch genau diese Meta-Ebene ist es, die Bitteres Fest am Ende so frustrierend geraten lässt. Denn nicht nur, dass das Publikum lange Zeit versucht, einen Zugang zu Figuren zu finden, die aber letztlich nur stellvertretend für die eigentlichen Charaktere der Erzählung stehen. Vielmehr benennt das Drehbuch die eigenen Schwächen, wie Nebenfiguren, die spät eingeführt werden und letztlich keine wirkliche Auswirkung auf die Geschichte entfalten, und erwartet schließlich, dass das Publikum für diese Offenheit Anerkennung zollt, anstatt diese Schwachpunkte am Ende erzählerisch aufzuwiegen. So führt der letzte Dialog, der überaus treffsicher den Kern der unterschiedlichen Charaktere offenlegt, nicht zu einem letzten Drittel, in dem der Filmemacher beweist, dass er all die Schwächen der Erzählung erkannt hat, um sie nun zu beheben, sondern lediglich zu einem Epilog, der eine neue Richtung verspricht, anstatt sie auch zu aufzeigen.

Möchte man die elementaren Bestandteile der Erzählung nicht vorwegnehmen, kann man zwar nicht mehr in die Tiefe gehen, es soll aber genügen zu sagen, dass eine der beiden Erzählebenen rückblickend nicht wirklich notwendig ist, sondern vielmehr zu einer unnötigen Wiederholung führt, die sich eingangs als cleverer, erzählerischer Schachzug tarnt. Lange möchte man das Bitteres Fest nicht übelnehmen, da die Besetzung merklich bemüht ist, die Figuren und ihre Welt greifbar zu machen. Bárbara Lennies Elsa fasst nach ihren körperlichen Qualen zu Beginn neuen Lebensmut und findet eine Schaffenskraft wieder, die sie auch dann bitter verteidigt, wenn sie dadurch die Menschen, die ihr wichtig sind, zu verlieren droht – bis hin zu Beau, der ab der Hälfte spürbar aus der Erzählung herausgeschrieben wird. Die letzten Dialogen zwischen Leonardo Sbaraglia als Raúl und Aitana Sánchez-Gijón als Mónica entwickeln dafür eine Dynamik, dass man sich wünschen würde, das Drehbuch würde ihnen mehr zu tun geben.

Tadellos in Szene gesetzt, gelingt es der Geschichte trotz der doppelten Erzählung der zentralen Elemente nicht, Figuren vorzustellen, die tatsächlich greifbar werden. Zu groß bleibt die Distanz, zu oberflächlich die Charakterisierung, die über den nicht verwundenen Verlust der Mutter nie hinausgeht. Das schmälert nicht die gelungenen Beobachtungen oder die engagierte Besetzung, es macht es nur unnötig schwer, einen Zugang zu einer Geschichte zu finden, bei der man sich am Ende die Frage stellt, wofür man sich überhaupt die Mühe gemacht hat.


Fazit:
Wie das reale Leben und die Geschichten, die erzählt werden, einander inspirieren, ist Kern vieler Erzählungen. Dies hier mit einer übergeordneten Ebene zu kombinieren, bei der der Filmemacher in gewisser Weise sich selbst und seine Zunft auf die Anklagebank setzt, ist gewagt, aber es ermöglicht ihm, einige schwache Ideen der Story gleich selbst aufzudecken. Nur ist das zwar auf der einen Seite entblätternd, wiegt andererseits aber nicht auf, dass Regisseur und Autor Pedro Almodóvar keine wirkliche Dramaturgie entwickelt, keinen Spannungsbogen und letztlich auch keine Konflikte, die über diejenigen hinausgehen, die die Figuren mit sich selbst austragen. Im Ergebnis mäandriert Bitteres Fest inhaltlich spürbar ziellos vor sich hin und erforscht die Grenze zwischen Fiktion und Realität, enttäuschtem Vertrauen und der Freiheit der Kunst auf eine Art und Weise, die nur ein kleines Publikum ansprechen wird. Das darf sich auf eine tolle Besetzung freuen, wird sich aber wünschen, dass sie mehr an die Hand bekommen würde, als eine Geschichte, die letztlich nirgendwo hinführt.
 

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