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Kritik von Jens Adrian |
Hinzugefügt am 6. Juni 2026
Originaltitel: Ai no korîda
Laufzeit: 109 min.
Produktionsland: Japan / Frankreich
Produktionsjahr: 1976
FSK-Freigabe: nicht unter 18 Jahren
Regie: Nagisa Ōshima
Musik: Minoru Miki
Besetzung: Eiko Matsuda, Tatsuya Fuji, Aoi Nakajima, Yasuko Matsui, Meika Seri, Kanae Kobayashi, Taiji Tonoyama, Kyôji Kokonoe, Naomi Shiraishi, Komikichi Hori
Kurzinhalt:
Tokio im Jahr 1936. Nachdem sie als Geisha und Prostituierte gearbeitet hat, findet Sada Abe (Eiko Matsuda) eine Anstellung in einem regulären Hotel. Dessen Besitzer Kichizō Ishida (Tatsuya Fuji) ist wie betört von der jungen Frau und beginnt eine Affäre mit ihr, die Sada nicht ablehnt, auch wenn Kichizō verheiratet ist. Hemmungs- und tabulos geben sie sich einander hin, wobei Sada zunehmend besitzergreifend und eifersüchtig auf Kichizōs Ehefrau wird. Wie berauscht von ihrem Liebhaber, sucht Sada, wenn der Reiz des Neuen zu verfliegen beginnt, Möglichkeiten, ihren Rausch zu steigern. Aus der anfänglichen Lust wird eine Besessenheit, zu der sich zunehmend Schmerz als Aphrodisiakum gesellt, bis es nur noch eine Grenze gibt, die sie noch nicht überschritten haben …
Kritik:
Als Filmemacher Nagisa Ōshima seinerzeit sein überaus explizites Drama Im Reich der Sinne vorstellte, sorgte er für Kontroversen, die bis heute anhalten. In zahlreichen Ländern damals entweder gekürzt oder direkt verboten, zählt das Werk heute als Stellvertreter einer Kunstform, die sich im Umbruch befand, insbesondere in Japan in den 1970er-Jahren. Aus heutiger Sicht ergründet die auf wahren Ereignissen beruhende Geschichte den feinen Grat zwischen Lust und Obsession, zwischen Befreiung und Selbstaufgabe. Das Publikum, an das sich dies richtet, wird es feiern, ungeachtet der Schwächen der Erzählung.
Die ist, das sei den geneigten Zuseherinnen und Zusehern vorab gesagt, rückblickend weit weniger bedeutend, als die Bedeutung des Werkes an sich. Die Geschichte spielt in Tokio im Jahr 1936. Sada Abe, früher als Prostituierte in mehreren Städten unterwegs, arbeitet inzwischen als Dienstmädchen in einem Hotel. Dessen Besitzer Kichizō Ishida ist fasziniert von der Schönheit der jungen Frau und initiiert eine Affäre, gegen die sich Sada nicht wehrt. Angezogen von ihrer gegenseitigen, körperlichen Lust, verfallen sie wie in Trance, so dass Kichi-san für Sada sogar seine Frau verlässt. Sada wird dabei immer besitzergreifender und eifersüchtig, während Kichi-san bereit ist, alles zu tun, was Sada von ihm verlangt. Zunehmend vermischt sich in ihrer hemmungslosen Beziehung Lust mit Schmerz und wie ihre Liebe keine Grenzen kennt, gilt das gleichermaßen für alles, was sie füreinander tun.
Wie in anderen Ländern auch zeichnet sich die Japanische Neue Welle durch Filme aus, die Grenzen verschieben und mit Konventionen brechen. Es war eine Rebellion der Filmschaffenden gegenüber einer Obrigkeit bestehend aus Medienaufsicht und etablierten Studios, die für Zensur und die Kontrolle künstlerischer Freiheit stand. In diesem Kontext ist Im Reich der Sinne zu sehen und erst dann erschließt sich, weshalb Regisseur Ōshima in beinahe all seinen Entscheidungen auf Konfrontation zu setzen scheint. Seine Erzählung verzichtet auf eine greifbare Struktur und scheint wie die Hauptfiguren lange Zeit in einem Schwebezustand zu existieren. Dafür schockiert er bereits in den ersten Minuten mit Einstellungen, die weit über das hinausgehen, was das Publikum gemeinhin in erotischen Erzählungen traditioneller Vertriebe erwartet. Auch heute noch. In Anbetracht der nicht nur expliziten Darstellung, sondern auch der vielfältigen Anzahl sexueller Handlungen, die hier – nicht simuliert, sondern von der Besetzung tatsächlich vor der Kamera ausgeführt – gezeigt werden, stellt sich die Frage, ob dies noch künstlerisch ist, oder bereits pornografisch? Kann es beides sein?
Filmemacher Nagisa Ōshima hat dies insoweit beantwortet, dass er über Im Reich der Sinne selbst sagte, „seine Existenz ist pornografisch, unabhängig von seinem Inhalt“. Er verlagert damit die Prüfung auf sein Publikum, dessen persönliches Empfinden der Obszönität immer wieder aufs Neue herausgefordert wird, wenn es sich auf die Erzählung einlässt. Die Grenze dessen, was man selbst im Rahmen der Geschichte akzeptieren würde, wird stets verschoben, während man doch mit den Figuren zunehmend allein gelassen wird. Anfangs werden sie bei ihrem Liebesspiel oft beobachtet und scheinen davon gar erregt zu werden. Doch je stärker die anfängliche Lust durch etwas Zerstörerisches ersetzt wird, wenn Sada und Kichizō zu der Überzeugung gelangen, dass man dem Tode nahe sein muss, um die größtmögliche Ekstase zu erleben, bei der sie tatsächlich miteinander verschmelzen, umso isolierter werden sie, bis man selbst als Voyeurin bzw. Voyeur etwas beiwohnt, das noch privater erscheint, als alles zuvor.
Im Reich der Sinne ersetzt die Frau als Objekt der Begierde in pornografischen Darstellungen durch eine Figur, von der aus selbst die Begierde ausgeht und die dieses Gefühl bis zur Vollendung ausleben möchte. Aus Lust wird Besessenheit, bei der trotz der Darstellung der sexuellen Handlungen im Vordergrund steht, was die Figuren im Innern antreibt. So erklärt sich nicht nur, weshalb sich Sada und Kichizō gleichermaßen auf Handlungen einlassen, die schließlich zum Undenkbaren führen, sondern was Nagisa Ōshimas Erzählung von pornografischen Produktionen unterscheidet. Doch ändert das nichts daran, dass die Geschichte selbst kaum etwas über die Figuren verrät und sich so sehr auf die beiden Protagonisten konzentriert, dass Nebencharaktere wie Kichizōs Ehefrau urplötzlich keine Rolle mehr spielen. Sadas Werdegang, vor wie nach dem Ende des Films, wäre dabei vermutlich interessanter, als was hier erzählt wird. Auch stellt das Drama die sexuelle Beziehung seiner Charaktere in den Mittelpunkt, anstatt ihre Entwicklung ins Zentrum zu rücken. So entsteht der Eindruck, als bestünde der Mittelteil aus nicht mehr als einer Aneinanderreihung von expliziten Sexszenen, die darüber hinaus immer stets grafischer werden und die Grenze des Obszönen weiter verschieben.
Diese Schwachpunkte sind auch aus heutiger Sicht nicht zu übersehen, was die gesellschaftliche Bedeutung von Im Reich der Sinne als ein Werk seiner Zeit nicht schmälert. Bewusst provoziert und schockiert Nagisa Ōshima mit Darstellungen, die auch heute noch weiter gehen, als man es in filmischen Erzählungen erwarten würde, oder die gar notwendig wären. Er bringt damit aber auch zum Ausdruck, wie der Skandal um die tatsächliche Abe Sada damals die Bevölkerung gespalten hat und wie viele von denjenigen, die was im Zusammenhang damit berichtet wurde, als obszön empfanden, sich doch nicht abwenden konnten.
Fazit:
Reduziert man Nagisa Ōshimas Inszenierung auf die vielen überaus expliziten Szenen, in denen die Besetzung tatsächlich sexuelle Handlungen vor der Kamera ausübt, fällt es leicht, seinen Film als Pornografie abzutun. Aber nicht nur, dass er bei alledem nicht aus den Augen verliert, was die Figuren hierzu bewegt und wie sehr ihr Verhalten mit der grenzenlosen Begierde in Zusammenhang steht, die sie Zug um Zug zerstört, er versetzt das Publikum in dieselbe Situation wie die Bevölkerung Japans, die 1936 die Berichterstattung um den wahren Fall verfolgte. Gefangen zwischen Voyeurismus und Erregung, Abscheu und Neugier. Im Reich der Sinne erzählt von Liebe, Lust, Sexualität und Schmerz, von Tabus und der Befreiung von Konventionen. Das ist Konfrontationskino für ein ganz bestimmtes Publikum, das sich auch nicht daran stören wird, dass die Geschichte nie wirklich packend gerät und sich lange Zeit mehr um die sexuellen Handlungen dreht, als die Figuren. Genau dieses Publikum wird die Bedeutung des Werkes aus filmhistorischer Sicht erkennen und verstehen, dass die Wirkung manchmal wichtiger ist, als die Botschaft. Von dieser Aussagekraft hat der Film auch nach einem halben Jahrhundert nichts verloren.



