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Kritik von Jens Adrian |
Hinzugefügt am 22. Mai 2026
Originaltitel: Amélie et la métaphysique des tubes
Laufzeit: 77 min.
Produktionsland: Frankreich / Belgien
Produktionsjahr: 2025
FSK-Freigabe: noch nicht bekannt
Regie: Maïlys Vallade, Liane-Cho Han Jin Kuang
Musik: Mari Fukuhara
Stimmen: Loïse Charpentier, Emmylou Homs, Victoria Grosbois, Marc Arnaud, Laetitia Coryn, Haylee Issembourg, Isaac Schoumsky, Cathy Cerdà, Yumi Fujimori, François Raison
Kurzinhalt:
Ende der 1960er-Jahre lebt die belgische Familie der zweieinhalbjährigen Amélie (Loïse Charpentier / Emmylou Homs) in Japan auf Grund der Arbeit ihres Vaters Patrick (Marc Arnaud). Nach ihrer Geburt war Amélie still und hat am Leben nicht wirklich teilgenommen. Ihre Mutter Danièle (Laetitia Coryn) war dafür in gewisser Weise dankbar, denn mit Amélies älteren Geschwistern Juliette (Haylee Issembourg) und André (Isaac Schoumsky) sind die Eltern in dem fremden Land bereits genügend gefordert. Dann, eines Tages, bricht es aus Amélie heraus und nachdem sie ihrer Großmutter (Cathy Cerdà) begegnet ist, ist Amélie wie ausgewechselt. Die einzige Person, die außer ihr einen Zugang zu dem Kleinkind findet, ist die Haushälterin Nishio-san (Victoria Grosbois). Obwohl Amélie diese große Welt nicht kennt, fühlt sie sich übermächtig und allwissend. Vor allem möchte sie nicht wie ein Baby behandelt werden. Doch dann, nach einem Schicksalsschlag und einer Erfahrung, die sich nachhaltig verändert, beginnt sich Amélies Blick auf die Welt zu verändern …
Kritik:
Der für den Oscar nominierte, französisch-belgische Animationsfilm Die kleine Amélie oder der Charakter des Regens ist eine seltsame Erfahrung. Auf der einen Seite laden die Filmschaffenden Maïlys Vallade und Liane-Cho Han Jin Kuang ihr Publikum ein, die Welt aus Sicht der zweieinhalb Jahre alten Titelfigur zu entdecken. Auf der anderen Seite verpacken sie in mitunter wunderschönen Bildern teils existenzielle Fragen, die ein junges Publikum kaum verstehen wird, während ältere Zuseherinnen und Zuseher sich wünschen, dass hier nicht nur an der Oberfläche gekratzt würde.
Zu Beginn, so erzählt Amélie eingangs aus dem Off zu einer Sequenz, die man am besten als ihre Zeugung bezeichnen kann, war Nichts. Sie wird geboren als jüngstes Kind eines in Japan lebenden, belgischen Ehepaares Ende der 1960er-Jahre. Die ersten Jahre ist Amélie still. Apathisch beobachtet sie ihre Welt, in der sie sich wie Gott fühlt. Sie glaubt, die Zusammenhänge der Welt um sie herum zu verstehen und entscheidet sich vielmehr, nicht daran teilzunehmen. Bis sie mit zweieinhalb Jahren zum ersten Mal ihrer Großmutter begegnet, die aus Belgien angereist ist und ihr weiße Schokolade zu essen gibt. Es ist ein Moment, der Amélie buchstäblich die Augen öffnet. Sie lernt sehr schnell, wobei die von der japanischen Vermieterin vermittelte Haushälterin Nishio-san die wichtigste Bezugsperson in Amélies Leben wird. Sie ist auch gleichzeitig das Bindeglied zwischen Amélies belgischer Abstammung und ihrer japanischen Heimat. Aber auch wenn sie immer noch glaubt, die Welt wäre ihre und sie allmächtig, Amélie lernt zu ihrem dritten Geburtstag, dass es Dinge gibt, die außerhalb ihrer Kontrolle geschehen und dass es die Vergänglichkeit ist, die das Leben so kostbar macht.
Die Überzeugung, mit der Kinder den Erwachsenen etwas erzählen und die Furchtlosigkeit, mit der sie ihre eigenen Fähigkeiten oftmals überschätzen, mögen in gewisser Hinsicht widerspiegeln, wie Amélie hier auftritt. Sie will nicht wie ein Kleinkind behandelt werden und wenn sie sieht, wie die Natur im Frühling aufblüht, dem ersten Frühling, den sie aktiv miterlebt, dann glaubt sie, sie hätte die Kontrolle über die Elemente. Entwickelt sich etwas nicht so, wie sie es möchte, wird sie wütend und oft bekommt sie dann doch ihren Willen. Während ihre Geschwister und ihre Eltern sie immer noch als Baby sehen, besteht zwischen Amélie und Nishio-san ein anderes Verständnis. Die junge japanische Frau scheint in Amélie mehr zu erkennen, auch wenn Amélie aus ihrer kindlichen Perspektive entgeht, was genau. Nishio-san und die Vermieterin Kashima-san verkörpern hier zwei Personen, die während des nicht lange zurückliegenden Krieges unvorstellbare Verluste erlitten haben. Diese Wunden sind nie verheilt, aber während Kashima-san sämtliche Landesfremde dafür verantwortlich macht, möchte Nishio-san dieser Familie keine Erbsünde aufbürden. Sie sieht in Amélie vielleicht sogar die Möglichkeit eines Neubeginns.
Es ist ein Aspekt der Geschichte, der berühren kann und soll, dessen Wirkung jedoch aus zweierlei Gründen beinahe vollends verpufft. Zum einen erkennt man hinsichtlich des Aussehens keinen großen Unterschied zwischen Amélies Familie und Nishio-san, während Kashima-san auch auf Grund ihrer Kleidung deutlichere asiatische Charakterzüge aufweist. Dass sie und Nishio-san ähnliche Erfahrungen gemacht haben, ist damit nicht greifbar. Zum anderen wird dies in der Erzählung lediglich zweimal aufgeworfen, als wäre es etwas, das man zur Ausschmückung der Geschichte hinzugefügt hat, anstatt es als ein zusätzliches Kernelement der Story zu sehen. Die kleine Amélie oder der Charakter des Regens konzentriert sich stattdessen stark darauf, wie Amélie ihre Welt wahrnimmt, in der sie Freude und Verlust erfährt, die Bedeutung von Gefahr am eigenen Leib spürt sowie Wut und Unverständnis Hand in Hand gehen. Die Überzeugung, mit der Amélie ihre Sicht auf die Dinge beschreibt, sich eingangs gar als höheres Wesen sieht, selbst wenn sie das Konzept des Göttlichen noch gar nicht verstehen kann, ist durchaus faszinierend. Auch deshalb, da die Erzählung greifbar macht, wann sich ihre Perspektive zu verändern beginnt. Stück für Stück, wenn sie etwas beobachtet, das ihrem Weltbild nicht entspricht, bis es einen tatsächlichen Wendepunkt gibt, von dem aus es kein Zurück mehr gibt.
Maïlys Vallade und Liane-Cho Han Jin Kuang vermitteln dem Publikum durchaus greifbar, wie sich das Verständnis der jungen Hauptfigur entwickelt, präsentiert vor den farbenfrohen Hintergründen einer Welt, in der Amélie sogar glaubt, übermenschliche Kräfte zu besitzen. Doch so schön und malerisch viele Eindrücke hier sein mögen, die Frage bleibt doch, an wen sich die Erzählung richten soll? Kinder werden die das Wesen des Menschseins betreffenden Aussagen kaum einzuordnen wissen und für Erwachsene ist das zwar interessant, aber gleichzeitig mit Aspekten wie den Verletzungen und damit einhergehenden Ressentiments der japanischen Bevölkerung versehen, die kaum ins Gewicht fallen und stärker hätten beleuchtet werden können. Selbst Amélies Eltern und ihre Geschwister werden kaum vorgestellt und irgendwann ist die Erzählung zu Ende, ohne dass man eine Aussage mitnehmen könnte, die wirklich bei einem bleibt. Es gibt sicher ein Publikum für Die kleine Amélie oder der Charakter des Regens, doch es wird vermutlich eher ein kleines sein.
Fazit:
Nicht nur auf Grund des kulturellen Rahmens, in dem die Geschichte erzählt wird, wirkt der erste abendfüllende Spielfilm von Regisseurin Maïlys Vallade und ihrem Ko-Regisseur Liane-Cho Han Jin Kuang befremdlich. Die französischen Filmschaffenden rücken die Geschichte einer belgischen Familie in Japan im Jahr 1969 in den Mittelpunkt – doch wozu? Weder spielt die Nationalität von Amélie und ihrer Familie eine zentrale Rolle, noch werden die persönlichen Traumata der vom Krieg gezeichneten japanischen Figuren entsprechend thematisiert. Einzig der Animationsstil erinnert an Animes. Das Design ist dabei durchaus einfallsreich und auch eindrucksvoll, manche Perspektiven geradezu beeindruckend schön. Man mag den Beteiligten auch die guten Absichten nicht absprechen, dem Publikum die Welt durch Kinderaugen nahezubringen. Welche Bedeutung die Erinnerung hat und dass alles vergänglich ist, sind dabei die wichtigsten Lektionen, doch diese werden sich zusehenden Kindern kaum erschließen. Erwachsene hingegen werden sich die ersten Minuten fragen, worauf Amélies Bezeichnung von sich selbst als Gott hinauslaufen soll, und was die Geschichte einem mit auf den Weg geben möchte. Das ist schließlich weniger, als vermutet, so dass Die kleine Amélie oder der Charakter des Regens zwar einnehmend umgesetzt ist, aber über das Anfangsstadium der Faszination für die Herangehensweise und die Idee, doch kaum hinauskommt.



