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Kritik von Jens Adrian |
Hinzugefügt am 9. Juni 2026
Originaltitel: Disclosure Day
Laufzeit: 145 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2026
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren
Regie: Steven Spielberg
Musik: John Williams
Besetzung: Emily Blunt, Josh O’Connor, Colin Firth, Eve Hewson, Colman Domingo, Wyatt Russell, Henry Lloyd-Hughes, Courtney Grace, Jeremy Shamos, Elizabeth Marvel, Clarke Thorell, Hettienne Park, Elizabeth Stanley, Jim Parrack, Margo Seibert, Eboni Booth, Tommy Martinez
Kurzinhalt:
Es beginnt mit einer seltsamen Begegnung, nach der die Meteorologin Margaret (Emily Blunt) urplötzlich in Sprachen sprechen kann, die sie nie gelernt hat. Ihr Partner Jackson (Wyatt Russell) ist zwar verwundert, ahnt aber nichts Schlimmes, bis Margaret wenig später statt den Wetterbericht im Lokalfernsehen zu verlesen, in unverständlichen, glucksenden Lauten spricht. Kurz darauf entdeckt Margaret nicht nur eine weitere Fähigkeit, sondern eine Verbindung zu dem Whistleblower Daniel Kellner (Josh O’Connor). Der hat sich mit seiner Freundin Jane (Eve Hewson) in einem von Hugo Wakefield (Colman Domingo) organisierten Schutzhaus versteckt, nachdem Daniel streng geheimes Material der Organisation WARDEX gestohlen hat. Dessen Leiter Noah Scanlon (Colin Firth) ist bereit, alles nur Erdenkliche zu tun, damit die Geheimnisse, die seit beinahe 80 Jahren bewahrt werden, weiter verborgen bleiben. Sie würden nicht nur Teile der Geschichte in Frage stellen, sondern den Platz der Menschheit im Universum insgesamt …
Kritik:
Was, wenn die Verschwörungstheorien wahr wären, die Geschichten und Gerüchte, dass seit 79 Jahren bereits nicht nur bekannt wäre, dass wir nicht allein im Universum sind, sondern Außerirdische die Erde immer wieder besucht hätten und ihre Existenz vertuscht wurde? Würde dieses Wissen die ohnehin zerbrechliche Ordnung auf der Welt vollends zerstören, oder dafür sorgen, dass die Menschheit sich eint? In Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit ergründet Filmemacher Steven Spielberg diese Frage und präsentiert gleichzeitig eine Geschichte, deren Botschaft gerade heute so wichtig ist, wie selten zuvor. Das ist großes Kino, mit kleinen Einschränkungen.
Es beginnt damit, wie Daniel Kellner versucht, seine Freundin Jane aus den Fängen der Nichtregierungsorganisation WARDEX zu befreien. Daniel hat streng geheimes Material gestohlen, genau dieses, das er als Cybersicherheitsspezialist an sich für WARDEX schützen sollte. Deren Leiter Noah Scanlon ist bereit, alles zu tun, um das Material wieder zu beschaffen. Dabei steht Daniel in engem Kontakt mit Hugo Wakefield, einem weiteren WARDEX-Mitarbeiter, der sich gegen die Firma gewandt hat. Wie Scanlon erkennen muss, handelt es sich um eine lange geplante Operation, für die auch die Meteorologin Margaret notwendig ist, die bei einem lokalen Fernsehsender das Wetter präsentiert. Von einem Moment auf den anderen kann sie nicht nur in fremden Sprachen sprechen, sondern besitzt noch eine weitere Gabe, die sie unmittelbar mit anderen Menschen in Kontakt treten lässt. Damit ist sie Daniel ähnlicher als sie ahnt. Mit ihrer beider Hilfe kann Hugo endlich enthüllen, was seiner Auffassung nach keine geheime Information sein sollte, sondern ein Geschenk für die ganze Menschheit.
Die Frage, die Regisseur Spielberg dabei stellt, lautet allerdings, wäre es das wirklich – ein Geschenk? Nachdem Margaret statt den Wetterbericht vorzustellen, in einer unverständlichen, glucksenden Sprache spricht, beginnen die Menschen auch in Anbetracht der globalen Spannungen, die so groß sind wie seit der Kubakrise nicht mehr, Hamsterkäufe zu tätigen. Alles, was auf der Welt geschieht, erweckt den Anschein, als stünde das Ende kurz bevor. Wie würden wir reagieren, würden wir erfahren, dass es anderes Leben im Universum gibt, das uns überlegen ist? Würde jede gesellschaftliche, politische oder gar religiöse Ordnung zusammenbrechen, oder würde uns dies zeigen, dass diese Unterscheidungsmerkmale nur menschengemacht sind und uns als Spezies näher zusammenbringen? Disclosure Day stellt diese zwei unterschiedlichen Sichtweisen vor und gibt dem Publikum auf, eine Antwort darauf zu finden. Wenn Steven Spielbergs bisherige Filme aus dem Science Fiction-Bereich eines vermuten lassen, dann, dass er stets hoffnungsvoll bleibt. Diese Hoffnung vermittelt die Erzählung auch hier, nachdem es vor allem der ersten Stunde gelingt, ein Gefühl für Wunder zu erzeugen, das man so lange nicht mehr im Kino empfunden hat. Wovon der Titel gebende Tag der Enthüllung handeln soll, darum macht das Drehbuch von David Koepp kein Geheimnis. Aber welchen Umfang die Vertuschung und die Begegnung der Menschen mit den Außerirdischen tatsächlich einnimmt, kann man lange Zeit nur erahnen. Ebenso, wie die beiden unterschiedlichen Storystränge um Margaret und Daniel zusammengeführt werden.
Anstatt das Mysterium der Außerirdischen als eine grundlegende Bedrohung vorzustellen, etwas, das uns von Natur aus feindselig gegenübersteht, vermittelt Regisseur Spielberg vielmehr die Neugier, die uns allen ebenso gemeinsam ist, wie die Angst vor Veränderung. Das Böse bringen erst die Menschen in die Situation, die mit allen Mitteln am jetzigen Status festhalten wollen. Nicht unbedingt aus politischem Kalkül, sondern aus Furcht. Wie man dieser Furcht begegnen kann, stellt Disclosure Day auf so eindrucksvolle wie unausgesprochene Weise vor und wie wichtig dem Filmemacher diese Botschaft ist, sieht man bereits daran, wie viel Zeit er darauf verwendet, sie seinen Zuseherinnen und Zusehern mit auf den Weg zu geben, wenn Margarets zweite Gabe bei ihrer Begegnung mit Scanlon offensichtlich wird. Es ist eine Aussage, die gerade heute, in einer Zeit, die sich so schnell wandelt, dass viele Menschen immer größere Angst um ihre Existenz und die Zukunft haben, wichtiger kaum sein könnte.
Vieles hiervon findet im zweiten Drittel der Erzählung statt, das auf den ersten Blick weniger packend gerät, als der Auftakt, in dem das Publikum mitten in eine Situation geworfen wird, ohne zu verstehen, was genau geschieht. Die erste Stunde von Disclosure Day zählt mit zum Stärksten, was Steven Spielberg seit langem auf die Leinwand gebracht hat, übertroffen nur von den letzten 30 Minuten, in denen er eindrucksvoll zeigt, weshalb er in vielerlei Hinsicht ein unerreichter Meister seines Fachs ist. Es gelingt ihm, das Publikum als ein emotionales Kollektiv zu einen. Zu erleben, wie ein Kinosaal voller Menschen über einen so langen Zeitraum genau dasselbe empfindet in Anbetracht dessen, was geschieht, zeigt uns mehr, als nur die Kraft des Kinos. Es zeigt uns, dass Spielbergs Wunsch für die Menschheit, Empathie als unsere größte Stärke zu erkennen und zu nutzen, nicht unerreichbar ist. Das ist eine kaum zu beschreibende Erfahrung, für die es im Grunde die größtmögliche Leinwand braucht und einen Saal voller Menschen, die bereit sind, sich auf diese gemeinsame Erfahrung einzulassen.
Fazit:
Es heißt, es fällt schwer, jemanden zu hassen, wenn man sich für fünf Minuten vollends in dessen Lage versetzt hat. Empathie ist keine Schwäche, auch wenn sie in der heutigen Zeit, in der die Menschen zunehmend gegeneinander gestellt werden, anstatt miteinander zu stehen, im Schwinden begriffen ist. Filmemacher Steven Spielberg erzählt eine Geschichte, die aktueller kaum sein könnte und Hoffnung bietet, wo es schwerfällt, diese zu erkennen. Sie ist gespickt mit vielen handwerklichen Highlights, von denen die Autoverfolgungsjagd ebenso hervorsteht wie Janes Begegnung mit Scanlon in dem abgelegenen Haus, die geradezu beängstigend gerät. Doch so packend diese Momente sind, die teils gruseligen Trickeffekte, insbesondere bei den eine zentrale Rolle einnehmenden Tieren, stören ebenso die Illusion wie manche Nebenfiguren kaum zur Geltung kommen. Wie in den letzten 30 Jahren, zeichnet sich Spielbergs Inszenierung dank Kameramann Janusz Kaminski überdies durch überstrahlende Lichter und eine geradezu kalte Farbgebung aus, die hier kaum passen mag. Das ist schade, denn Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit ist ein stark gespieltes Plädoyer dafür, dass es kaum etwas Entwaffnenderes gibt, als die menschliche Verbindung, und Empathie unsere größte Stärke ist. Wenn das Wissen, dass wir nicht allein sind im Universum, dafür sorgen könnte, dass wir als Menschen enger zusammenrücken, um statt auf unsere Differenzen zu blicken, mit einer Stimme zu sprechen, was hindert uns daran, es jetzt bereits zu tun? Klasse!


