Gentle Monster [2026]

Kategorien: 

, ,

Lesedauer: ca. 

6–9 Minuten
Wertung: 3 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 23. Juni 2026
Genre: Drama

Originaltitel: Gentle Monster
Laufzeit: 114 min.
Produktionsland: Österreich / Deutschland / Frankreich / Schweden
Produktionsjahr: 2026
FSK-Freigabe: ab 16 Jahren

Regie: Marie Kreutzer
Musik: Camille
Besetzung: Léa Seydoux, Jella Haase, Laurence Rupp, Malo Blanchet, Catherine Deneuve, Nils Strunk, Anton Rubtsov, Patrycja Ziółkowska, Sylvester Groth, Regina Fritsch, Rainer Doppler, Katharina Lorenz


Kurzinhalt:

Vor kurzem erst sind die Pianistin Lucy (Léa Seydoux) und ihr Ehemann Philip (Laurence Rupp) zusammen mit Sohn Johnny (Malo Blanchet) von der Stadt aufs Land gezogen. Der Umzug war Teil eines Neuanfangs, da Philip nach einem Burnout immer noch an Depressionen leidet. Auch wenn dies Lucys Karriere nicht einfacher gestaltet, sie arrangiert sich mit dem Landleben und übt auf dem Flügel, der in dem älteren Haus steht. Philip, ein Dokumentarfilmer, hat die Arbeit noch nicht wieder richtig aufgenommen. Als eines Tages die Kriminalpolizistin Elsa Kühn (Jella Haase) zusammen mit ihrem Kollegen Arian (Anton Rubtsov) und weiteren Polizisten vor der Tür steht kann Lucy noch nicht erahnen, was ihrem Mann vorgeworfen wird. Es ist eine Anschuldigung, die nicht nur ihr Leben auf den Kopf stellt, sondern sie hinterfragen lässt, ob sie den Mann, den sie liebt, wirklich kennt oder ihm je wieder vertrauen kann. Was Philip getan haben soll, ist so unvorstellbar, dass Lucy nicht einmal ihre Mutter Eloise (Catherine Deneuve) einweiht, zu der sie mit Johnny flieht …


Kritik:
Marie Kreutzers Drama Gentle Monster versucht, sich eines schwierigen Themas zu nähern und wartet mit einer preiswürdigen sowie einer sehenswerten Darbietung auf. Das ist gut beabsichtigt und greift einige wichtige Aspekte auf, ohne diese aber stringent weiter zu verfolgen. Entscheidungen der Figuren, die keinen großen Sinn ergeben, zusammen mit Dialogen, die teils völlig abwegig klingen, kosten die Erzählung schließlich beinahe jegliche Authentizität. Das Ergebnis ist bestenfalls bemüht, aber durchwachsen.

Im Zentrum steht die französische Pianistin Lucy Weiss. Sie ist mit dem österreichischen Dokumentarfilmer Philip verheiratet und vor kurzem ist die Familie mit dem jungen Sohn Johnny von der Stadt aufs Land gezogen. Es sollte ein Neuanfang sein. Philip hatte einen Burnout erlitten und auch jetzt noch leidet er gelegentlich an Panikattacken. Seiner Arbeit kann er kaum nachgehen und in dem neuen Haus hat er seine Ausrüstung noch nicht einmal aufgebaut, geschweige denn ein Bett. Dafür probt Lucy am Klavier ihre nächsten Auftritte, die ihr große Anerkennung einbringen. Doch dann steht eines Tages die Kriminalpolizei vor der Tür und stellt im Rahmen eines Durchsuchungsbeschlusses Philips Datenträger, Computer und Mobiltelefon sicher. Es ist eine Maßnahme, die Philip nicht zu überraschen scheint und außer seinen Anwalt, den befreundeten Lukas, weiht er nicht einmal Lucy über die Anschuldigungen ein, die gegen ihn vorliegen. Als Lucy die ermittelnde Polizistin Elsa Kühn aufsucht, die im Kommissariat 17 in München tätig ist, kann sie jedoch erahnen, worum es geht. Nicht nur, dass die schwerwiegenden Vorwürfe Lucy hinterfragen lassen, ob sie den Mann, den sie liebt, überhaupt kennt, sie weiß ebenso wenig, ob sie sich der Sicherheit ihres Sohnes gewiss sein kann.

Man kann nicht über die erzählerischen Schwächen von Gentle Monster sprechen, ohne weiter ins Detail zu gehen. Wer daher nicht erfahren möchte, was die Anschuldigungen gegenüber Philip beinhalten, um an derselben Stelle wie Lucy in die Erzählung zu starten, sollte nicht weiterlesen.

Allein daraus, dass Philips Datenträger sichergestellt werden und auch Lucy sich zunehmend verzweifelt um das Wohlergehen ihres Sohnes sorgt, kann man bereits schließen, dass Philip verdächtigt wird, kinderpornografisches Material nicht nur besessen, heruntergeladen und geteilt, sondern sogar eigenes hergestellt zu haben. Es ist ein Verbrechen, das so unvorstellbar klingt, wie einen Nachrichten hierzu regelmäßig schockieren. Wie muss es darum sein, wenn man nicht weiß, ob der Mensch, mit dem man eine Familie aufgebaut hat, den man liebt, zu so einer Tat fähig wäre? Und vielleicht schlimmer noch, wie groß muss die Verzweiflung sein, wenn man nicht mit Sicherheit sagen kann, ob das eigene Kind Opfer seines Vaters geworden ist? Anfangs, als die Polizei mit der Sicherstellung beginnt, wirkt Lucy überraschend gefasst, vielleicht auch, weil sie weiß, dass Philip vor langer Zeit wegen Drogendelikten mit den Behörden in Konflikt geraten war und jetzt unter einer schlimmen Phase in seinem Leben leidet. Was sonst könnte es sein? Ihr Mann hingegen scheint, als habe er früher oder später mit der Durchsuchung gerechnet. Dennoch wird er zunehmend panischer und verzweifelt. Die Positionen kehren sich um, als Lucy sieht, womit Polizistin Kühn betraut ist – sexualisierte Gewalt gegen Kinder.

Bricht Lucys Bild von ihrem Mann und ihrer Ehe zunehmend zusammen, beweist Léa Seydoux, weshalb sie eine der authentischsten und eindrucksvollsten Darstellerinnen ihrer Generation ist. Lucys Wut, ihr Unverständnis und ihre Verzweiflung sind buchstäblich greifbar. Als Polizistin Elsa, die mit den unvorstellbar belastenden Themen, mit denen sie tagtäglich konfrontiert wird, unter anderem dadurch umgeht, dass sie jeden Moment der Stille mit lauter Musik erdrückt, zeigt auch Jella Haase eine starke Darbietung. Dennoch zählt ihre Figur zu den rätselhaftesten Elementen der Erzählung. So schwierig die Arbeit für Elsa ist, im Privaten ist ihr Vater eine zusätzliche Belastung. Sei es durch seine kognitive Erkrankung, oder seine ureigene Persönlichkeit, wird er gegenüber seiner Haushaltshilfe immer wieder zudringlich und sogar sexuell belästigend. Doch statt sich hier ebenso strikt schützend vor die Opfer zu stellen, relativiert Elsa die Handlungen und schiebt die Schuld mitunter sogar dem Opfer zu. Gleichzeitig sucht Lucy Kontakt zu Elsa, um sich mit ihr über Philips Fall auszutauschen, da sie glaubt, sich niemand anderem anvertrauen zu können. Statt dass Elsa hier eine klare Trennung vollzieht – auch, um ihre Ermittlungen nicht zu gefährden – geht sie teilweise sogar darauf ein.

So abstrus diese Verbindung von der Idee her bereits ist, sie führt am Ende auch nirgendwo hin. Vor allem wirkt dies aus Sicht der ermittelnden Polizistin derart uncharakteristisch und weltfremd, dass man beinahe übersehen könnte, dass sie und ihr Kollege während des Dienstes in der Dienststelle Alkohol trinken. Dabei stellt Filmemacherin Kreutzer, die auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, mit einer Polizeipsychologin selbst eine Figur vor, mit der sich Lucy austauschen, der sie ihre tiefsten Ängste anvertrauen könnte. Stattdessen fällt sie vollkommen abwegige Entscheidungen, wenn sie Philip Zeit mit seinem Sohn verbringen lässt und gerade dann eben nicht geht, wenn sich bei einem Kurzurlaub ihre schlimmsten Befürchtungen in gewisser Weise zu bewahrheiten scheinen. Kommt die eigentliche Handlung damit nach der ersten Stunde insoweit kaum vom Fleck, verbringt Gentle Monster zusätzlich Zeit mit der Nebenhandlung um Elsa, die aber am Ende ebenso wenig eine klärende Beobachtung bereithält, noch eine Erkenntnis, die für das eigentliche Thema des sexuellen Missbrauchs von Kindern von Belang wäre.

Vielmehr vermischt das Drama dieses unvorstellbar bedrückende und im Grunde wichtige Thema mit dem der sexuellen Belästigung allgemein. Da wirken auch die zwei plakativ eingestreuten, intimen Szenen zwischen Lucy und Philip vollkommen unnötig und fehlplatziert. Gleichermaßen der Rückblick im letzten Drittel, aus dem hervorgeht, dass Philips Verhalten vor zwei Jahren bereits auffällig war. Wirft das Drehbuch hier noch eine Ehekrise mit dazu, die in den unterschiedlich erfolgreichen Stadien von Philips und Lucys Karrieren begründet ist, könnte man beinahe meinen, Marie Kreutzer möchte darin eine Ursache für Philips mutmaßliches Verhalten sehen. Das wirkt so krude und unfertig, man möchte Gentle Monster in Anbetracht des Potentials beinahe zur Vernunft rufen, sich dem schwierigen und wichtigen Kernthema mit der Aufrichtigkeit zu widmen, die die zwei Darstellerinnen im Zentrum der Erzählung zum Besten geben.


Fazit:
Je länger die Erzählung dauert, umso klischeehafter werden die Dialoge, bis irgendwann sogar ein „Ich liebe Dich so sehr, dass es wehtut“ fällt. Das hört sich in dem Kontext und in Anbetracht dessen, was die Figuren bewegt, nicht nur unangebracht, sondern so gestellt und künstlich an, dass man sich sehnlichst zu dem Gänsehaut hervorrufenden Streitgespräch in Anatomie eines Falls [2023] zurückversetzen möchte, das wie aus dem Leben gegriffen klingt. Eine solche Authentizität strebt Regisseurin Marie Kreutzer ganz offenbar an, aber nicht erst, wenn sich die Polizisten absurder verhalten, als in jeder Seifenoper, scheitert die Erzählung geradezu spektakulär daran. Dafür sollen die von Lucy eingespielten Lieder mit ihren die Situation subtil widerspiegelnden oder vorausahnenden Texten die Intellektualität der Geschichte unterstreichen. Das würde aber nur funktionieren, wenn die Figuren sich auch dementsprechend verhalten würden. So nachvollziehbar und klug Lucy dabei anfangs agiert, wenn sie ihre Sachen packt und geht, wohin das Drehbuch sie entwickelt, kann man nur schwer nachvollziehen. Auch ein stimmiges Porträt der Ermittlerinnen und Ermittler in diesem Bereich mag nicht gelingen und scheint auch nicht beabsichtigt. Am Ende von Gentle Monster wartet die Erkenntnis, dass es eine endgültige Sicherheit, ob bzw. was vorgefallen ist, nicht gibt. Wie man damit umgehen und weiterleben soll, verrät das Drama allerdings nicht. Von Léa Seydoux sehenswert und preiswürdig gespielt, ist dies gut beabsichtigt, aber stellenweise so plakativ wie weltfremd und inhaltlich damit am Ende bestenfalls durchwachsen.
 

Tags:


Springen zu:

WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner