Bad Apples [2025]

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5–8 Minuten
Wertung: 4.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 4. September 2026
Genre: Komödie / Thriller

Originaltitel: Bad Apples
Laufzeit: 100 min.
Produktionsland: Großbritannien
Produktionsjahr: 2025
FSK-Freigabe: ab 16 Jahren

Regie: Jonatan Etzler
Musik: Chris Roe
Besetzung: Saoirse Ronan, Eddie Waller, Nia Brown, Jacob Anderson, Rakie Ayola, Robert Emms, Sean Gilder, Kerry Howard, Euan Shanahan, Jaye Jacobs


Kurzinhalt:

Nicht erst beim aktuellen Vorfall in der Mostmühle sticht der Teenager Danny Carter (Eddie Waller) aus der Klasse von Lehrerin Maria Spencer (Saoirse Ronan) negativ hervor. Danny gilt als schwierig, ist nicht nur passiv-aggressiv, was sogar seine Mitschülerin Pauline (Nia Brown) erfährt, als er sie die Treppe hinunter schubst. Danny soll suspendiert werden, weshalb Maria mit seinem Vater Josh (Robert Emms) sprechen will. Der ist selbst mit dem Jungen überfordert und als es kurz darauf zu einem Gerangel zwischen Maria und Danny kommt, bei dem Danny ohnmächtig wird, steht Maria vor einem Dilemma. Wenn sie Danny ins Krankenhaus bringt, wird er behaupten, sie habe ihn angegriffen. Darum nimmt sie Danny mit zu sich und sperr ihn im Keller ein. Ohne den Problemschüler taut nicht nur ihre Klasse auf, die ganze Schule entwickelt sich positiv. Marias kurzfristige „Lösung“ stellt sie aber vor neue Probleme, denn die Polizei sucht nach Danny und auf ewig kann sie den Jungen nicht in ihrem Keller verstecken …


Kritik:
Die stellenweise geradezu unerwartet böse, britische Thrillerkomödie Bad Apples (auch bekannt als Bad Apples – Nachsitzen 2.0) erzählt von einem Dilemma, das vielen Menschen aus der Seele spricht. Wie soll man mit einer Person umgehen, die ihr gesamtes Umfeld in den Abgrund reißt? Das ist durchweg amüsant anzusehen und vor allem im letzten Drittel kaum absehbar, aber es nähert sich den Figuren dahinter nur wenig. Wer sich darauf einlässt, wird aber viele Momente vorfinden, in denen man sich fragen wird, wie man selbst entschieden hätte.

Erzählt ist die Geschichte aus Sicht der Lehrerin Maria Spencer. Seit sie sich erinnern kann, war es ihr Traum, zu unterrichten. Für ihren Kollegen Sam ist sie an die Ashton-Brooke-Schule gekommen, sie haben sogar ein Haus gekauft, in dem Maria aber inzwischen allein lebt. Sam hat sie verlassen und der Höhepunkt ihres Tages ist ein Essen allein im Restaurant, gefolgt von einem Abend mit Videospielen vor dem Fernseher. Die Zeit in der Schule hingegen fühlt sich an wie eine Bestrafung, was hauptsächlich auf den Schüler Danny zurückzuführen ist. Der stört nicht nur den Unterricht, er erstickt jeden ihrer Versuche, den Kindern etwas beizubringen, im Keim. Ungemein aggressiv, sucht er einerseits nach Aufmerksamkeit, wird aber beleidigend und abweisend, wenn er sie erhält. Gerade erst hat er seine Mitschülerin Pauline die Treppe hinuntergestoßen, wobei sie sich schwer verletzt hat. Bei dem Versuch, mit Dannys Vater zu sprechen, kommt es, als Maria mit Danny allein ist, zu einem Gerangel, bei dem Danny bewusstlos wird. Sie will ihn ins Krankenhaus bringen, aber da sie befürchten muss, dass Danny sie eines Angriffs beschuldigen wird, nimmt sie ihn mit nach Hause und sperrt ihn im Keller ein. Als kurzfristige Lösung gedacht, bemerkt Maria, dass nicht nur ihre Klasse aufblüht, der ganzen Schule scheint es besser zu gehen nun, da Danny weg ist. Nur, wo soll das hinführen?

Diese Frage stellt man sich selbst ebenfalls, wenn Maria den gewalttätigen Jugendlichen in den Keller packt und die Tür hinter ihm schließt. Abgesehen davon, dass man sich nur schwer vorstellen kann, dass sich der Teenager von seiner doch recht zierlichen Lehrerin herumbugsieren lässt, muss sich Maria doch spätestens dann fragen, was sie mit ihm machen möchte. Zwar hört niemand die Schreie und Geräusche, die Danny im Keller veranstaltet, aber es dauert nicht lange, ehe die Polizei nach ihm sucht. Dannys Vater Josh ist zwar als Kurierfahrer kaum zuhause, aber als sein Sohn vermisst wird, kann man ihm ansehen, wie sehr die Unsicherheit ihn auffrisst. Er beschreibt Danny zuvor als jemand, der von Wutanfällen heimgesucht und mit dem er selbst nicht mehr fertig wird. Man könnte nun vermuten, dass Bad Apples entweder Danny und Maria als Figuren näher beleuchten oder gar einen makabren Thriller im Stile von Teaching Mrs. Tingle [1999] erzählen würde, in dem sich die Psychologie der Gefangenschaft langsam umkehrt. Doch tatsächlich entwickelt Filmemacher Jonatan Etzler die Adaption von Rasmus Lindgrens Roman, dessen Titel übersetzt in etwa „Die Unerwünschten“ lautet, in eine ganze andere Richtung.

Woher Dannys Wutanfälle kommen, wird nie richtig thematisiert, selbst wenn der Film einen kleinen Einblick in seine Figur erlaubt. Auch Marias Charakter wird über ihren Beziehungsstatus hinaus nicht vertieft, vor allem fehlt es an entscheidenden Momenten, die deutlich machen würden, wie Maria Dannys Vertrauen gewinnt, so dass er – wenn auch nicht freiwillig – Wochen in ihrem Keller verbringt. Was sich Maria dabei einfallen lässt und wie sie seine Umgebung gestaltet, ist durchaus gelungen, aber dass er wirklich Vertrauen zu ihr fassen würde, wird nie greifbar. Dafür gewinnt Bad Apples eine ungeahnte Dynamik daraus, dass Marias Geheimnis ans Licht kommt und diese Person nicht davor zurückschreckt, die Situation für sich auszunutzen. Auch hier gäbe es viele Möglichkeiten, Parallelen zwischen jener Person und Danny aufzuzeigen, die sich beide nach Aufmerksamkeit zu sehnen scheinen. Aber auch hier verfolgt das Drehbuch die Ansätze nicht weiter.

In gewisser Hinsicht erscheint Bad Apples diesbezüglich beinahe verschenkt, doch dann biegt die Erzählung in den letzten 20 Minuten in eine ganz andere Richtung ab, die mit deutlich mehr düsterem Humor aufwartet, als zuvor. Es fällt leicht, darüber zu lachen, bis man sich ertappt, dass man sich die Frage stellt, wie man selbst in der Situation reagieren würde. Es sind gesellschaftliche Seitenhiebe, die weit über die Verortung der Geschichte an der Schule hinausgehen. Ist Marias Tat am Ende vielleicht sogar gerechtfertigt, wenn die gesamte Schule von Dannys Abwesenheit profitiert? Sollte in einer aufgeschlossenen Gesellschaft der Ausschluss von sogenannten Störenfrieden einem demokratischen Prozess unterliegen? Es sind Überlegungen, die man mitnimmt, auch wenn der Abspann bereits zu Ende gelaufen ist. Was die Story dabei jedoch vollkommen ausblendet, ist der Aspekt der Resozialisierung. Könnte man es Danny denn ermöglichen, dass er sich einen Platz in der Gemeinschaft zurück erarbeitet? Erst nach dem Verlust seiner Freiheit, scheint er ja überhaupt darum bemüht, Teil des Ganzen zu bleiben. Filmemacher Etzler klammert diesen Aspekt leider aus, weshalb bei allem, was ihm hier gelingt, doch das Gefühl bleibt, dass in der Story mehr Potential steckt.


Fazit:
Nicht erst, wenn es aus Maria herausbricht, was sie getan hat, beweist Darstellerin Saoirse Ronan, weshalb sie eines der größten Talente ihrer Generation ist. Maria ist durchweg anzusehen, wie unwohl sie sich fühlt und wie befreit sie scheint, in einer Klasse unterrichten zu können, in der Danny den Unterricht nicht ins Verderben reißt. Es ist ein starkes Porträt, auch wenn die Erzählung von Jonatan Etzler kaum als Kommentar auf tatsächliche Problematiken an heutigen Schulen verstanden werden kann. Vielmehr steht das Klassenzimmer und Danny im Besonderen für all diejenigen Menschen, die durch ihr Verhalten ihr Umfeld negativ beeinflussen. Aus der Ausgangslage in Marias Keller gestaltet die stellenweise bitterböse Komödie aber keinen Psychothriller oder widmet sich im Kern verletzten, wenn nicht gar gebrochenen Charakteren. Dass bei Danny eine Läuterung einsetzt, scheint nie Ziel der Erzählung zu sein, aber abstreiten kann man es auch nicht. Auch gerät das nie zu einem bissigen oder zynischen Katz-und-Maus-Spiel, selbst wenn man mit einer besonderen Art von Humor über Vieles hier durchaus lachen kann und in manchen Augenblicken gar im Boden versinken möchte. Gerade im letzten Drittel ist das durchweg überraschend und entwickelt sich unerwartet, aber sogar beim Ende bleibt das Gefühl, dass den Verantwortlichen etwas der Mut fehlt, das so böse zu gestalten, wie es möglich gewesen wäre. Hintersinnig und zum Nachdenken anregend, ist es aber ebenso wie durchweg gelungen unterhaltsam.
 

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