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Kritik von Jens Adrian |
Hinzugefügt am 6. September 2026
Originaltitel: Sorcerer
Laufzeit: 121 min.
Produktionsland: USA / Mexiko
Produktionsjahr: 1977
FSK-Freigabe: ab 16 Jahren
Regie: William Friedkin
Musik: Tangerine Dream
Besetzung: Roy Scheider, Bruno Cremer, Francisco Rabal, Amidou, Ramon Bieri, Karl John, Peter Capell, Anne-Marie Deschodt, Friedrich von Ledebur, Chico Martínez, Rosario Almontes
Kurzinhalt:
Neben den Einheimischen finden sich in dem lateinamerikanischen Ort Porvenir zahlreiche Fremde aus unterschiedlichen Teilen der Welt. Sie alle sind dort, um nicht gefunden zu werden, weshalb sie sich auch andere Namen gegeben haben. Der französische Investmentbanker Victor Manzon (Bruno Cremer) ist aus Paris geflohen, um einer Verhaftung wegen Betrugs zu entgehen, und ist nun als Serrano bekannt. Kassem (Amidou) wird in Israel unter anderem wegen eines Bombenanschlags gesucht ,den er begangen hat, und der mexikanische Attentäter Nilo (Francisco Rabal) hat seine eigenen Gründe, unterzutauchen. So auch Jackie Scanlon (Roy Scheider), der in Porvenir als Juan Domínguez bekannt, aus den USA jedoch geflohen ist, da er von der Mafia gesucht wird. Erst einmal in Porvenir angekommen, fällt es schwer, den Ort wieder zu verlassen, denn die korrupte Polizei nimmt den Männern ein Drittel des Lohns ab.Darum melden sich die vier freiwillig, als Fahrer für einen riskanten Transport gesucht werden. Um ein Feuer auf einem entfernt gelegenen Erdölfeld auszublasen, sollen sechs Kisten Nitroglyzerin 350 Kilometer durch den Urwald transportiert werden. Dafür winkt die Chance auf einen Neuanfang. Doch die unwegsamen Straßen sind kaum befahrbar und der Sprengstoff hochgradig instabil …
Kritik:
William Friedkins Adaption von Georges Arnauds 1949 erschienenem Roman, dessen vorige Verfilmung Lohn der Angst [1953] eine ganze Generation von Filmschaffenden prägte, ist ein Genrehighlight, das zu entdecken sich durchaus lohnt. Selbst dann, wenn Atemlos vor Angst selten das volle Potential ausschöpft, das in ihm steckt und ein Werk darstellt, mit dem der Regisseur selbst lange nie zufrieden war und später nichts daran ändern wollte. Diese Gegensätze sind es, die Sorcerer, so der Originaltitel, für Filmfans so interessant werden lassen, dessen Entstehungsgeschichte mindestens so fasziniert, wie der Film selbst.
Die Erzählung beginnt mit einem unerwartet langen Exposé der vier zentralen Figuren, die sich alle in dem kleinen Ort Porvenir in Südamerika wiederfinden. Es ist ein Ort, in dem die wenigsten Ortsfremden gefunden werden wollen, weshalb sie alle unter anderen Namen untergekommen sind. Der Franzose Victor Manzon, dort bekannt als Serrano, war Investmentbanker, der vor einer Anklage wegen Betrugs geflohen ist. Nilo ist ein mexikanischer Attentäter, der behauptet, nur auf der Durchreise zu sein, während der palästinensische Widerstandskämpfer Kassem aus Jerusalem floh, wo er einen Anschlag verübt hatte, und nun als „Martínez“ auftritt. Jackie Scanlon alias Juan Domínguez war Fluchtfahrer bei dem Überfall einer irischen Bande auf eine Kirche in New Jersey. Da dabei der Bruder eines einflussreichen Mafiosi verletzt wurde, ist auch Jackie geflohen und lebt nun, wie die anderen, in ärmlichen Verhältnissen, während er sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hält. Die werfen nicht genügend ab, um den Ort wieder verlassen zu können, weswegen alle dort hellhörig werden, als der Betreiber einer amerikanischen Erdölbohrstation Fahrer für einen hochgefährlichen Transport sucht. Eine Bohrstation ist explodiert und um den Brand zu löschen, braucht es Nitroglyzerin, um das Feuer auszublasen. Doch der Sprengstoff wurde nicht richtig gelagert, weshalb er hochgradig instabil ist. Mit zwei Trucks sollen je drei Kisten des brandgefährlichen Materials 350 Kilometer durch den unebenen Dschungel zum Erdölfeld transportiert werden. Dafür winkt den Männern ein Lohn, mit dem sie sich eine Zukunft aufbauen könnten, wenn sie es denn überleben.
Auch wenn Atemlos vor Angst der Prämisse der Vorlage treu bleibt, im Gegensatz zur ersten Verfilmung legt Filmemacher Friedkin mehr Wert darauf, die Figuren und was sie an diesen gottverlassenen Ort geführt hat, vorzustellen, anstatt sich auf ihr tagtägliches Leben dort zu konzentrieren. Dieser Prolog, der deutlich länger dauert, als man erwarten würde, wurde in der internationalen Filmfassung ohne Zutun oder Erlaubnis des Regisseurs entfernt und stellenweise als Rückblicke im Verlauf der Erzählung eingestreut. Auch wenn die lange Zeit bekannte, europäische Filmfassung gut 28 Minuten kürzer lief als die US-Kinofassung (lediglich 92 Minuten), enthielt sie doch beinahe 16 Minuten, die nicht in der US-Fassung enthalten waren. Dass William Friedkin diese gekürzte Schnittfassung ablehnte, ist keine Überraschung. Tatsächlich jedoch wirkt das erste Drittel überaus behäbig und stellt Figuren vor, deren Beziehung man zueinander ebenso wenig einzuordnen vermag, wie ihren Werdegang insgesamt. Manche von ihnen erkennt man Porvenir auf den ersten Blick gar kaum wieder.
Durch diese Erzählweise unterstreicht Friedkin aber auch, welche Themen er in Atemlos vor Angst ins Zentrum rücken möchte. Weder sind die vier Männer klassische Helden, noch unverschuldet in ihre Situation gekommen. Mehr noch, sie sind sich nicht einmal gegenseitig sympathisch, geschweige denn dem Publikum. Zwei Jahre nach seinem internationalen Erfolg mit Der weiße Hai [1975] schlüpft Roy Scheider hier in die Rolle eines Gauners, mit dem mitzufiebern anfangs überaus schwerfällt. Dabei war Scheider nicht die erste Wahl für die Rolle, die ursprünglich an Steve McQueen gehen sollte, wie auch viele andere Rollen anders hätten besetzt werden sollen. Über seine Besetzung sagte der Filmemacher selbst, dass er damit nicht zufrieden war und die Stars fehlten, die die Geschichte seiner Meinung nach gebraucht hätte. Clint Eastwood und Jack Nicholson lehnten die Hauptrolle ab, abgeschreckt vom Drehort in der Dominikanischen Republik. Sie sollten insoweit Recht behalten, da die dortigen Bedingungen das Budget in unvorhergesehen Höhen trieben und alle Beteiligten letztendlich aussagten, dass sie nie mehr an einer so anstrengenden Produktion gearbeitet hätten. Dies führte auch zu vielen Spannungen hinter der Kamera, was womöglich nur unterstreicht, weshalb Sorcerer ohne Identifikationsfiguren oder gar emotionale Ankerpunkte im klassischen Sinne auskommt.
Vielmehr finden sich diese Figuren notgedrungen in Situationen wieder, in denen sie aufeinander angewiesen sind, selbst wenn sie sich im Grunde gegenseitig verachten. Nur, wenn sie nicht zusammenarbeiten, werden sie in jedem Fall sterben. Sieht man, wohin das am Ende führt, wirkt das insbesondere in der ursprünglichen Filmfassung überaus zynisch, in der kurz vor Beginn des Abspanns noch ein Schuss zu hören ist, der in den letzten Restaurierungen, die unter Aufsicht des Regisseurs entstanden sind, nicht länger enthalten ist. Die Charaktere scheinen ihrem Schicksal ausgeliefert und mit jedem Versuch, ihre Situation zu verbessern, wie auch durch ihre Flucht nach Lateinamerika, haben sie das Unweigerliche doch nur hinausgezögert oder verschlimmert. Dennoch ist ihre Lage das Ergebnis ihrer eigenen Entscheidungen.
Dieser nüchterne, in gewisser Hinsicht geradezu nihilistische Blick auf die Figuren prägt Atemlos vor Angst nachhaltig und macht den Film für Fans ebenso interessant, wie die packenden Szenen, sobald die vier Männer in die beiden Trucks steigen. Hier gibt es viele Einstellungen und Szenen, bei denen sich einem spürbar die Nackenhaare aufstellen und man sich merklich aufrechter hinsetzt, wenn man beobachtet, wie die Trucks ins Schlingern geraten. Handwerklich ist Sorcerer beeindruckend umgesetzt und lebt von einer Authentizität der Urwaldaufnahmen, die kein Studio in dieser Art reproduzieren kann. Ein Publikum, das sich darauf einlässt, bekommt einige wirkliche Highlights zu sehen, für die man den langen Prolog aber überstehen muss. Ob der wirklich notwendig ist, sei dahingestellt, haben die Hintergründe der Figuren doch keine wirkliche Auswirkung auf das, was sie während ihrer Fahrt erwartet. Für Genrefans interessant ist Friedkins eigener Lieblingsfilm auch nach beinahe einem halben Jahrhundert in jedem Fall immer noch.
Fazit:
Stellt man Sorcerer der ersten Romanverfilmung Lohn der Angst gegenüber, fällt auf, wie sehr die Adaption von den Farben profitiert. Statt den chicen Glanz der Schwarzweißbilder, erwartet einen hier ein düsterer, schmutziger und mitunter gar regelrecht improvisierter Look, der in jeder Hinsicht verdeutlicht, dass die Figuren am Boden angekommen sind. Wie kräftezehrend der Dreh gewesen sein muss, sieht man den Beteiligten durchaus an, auch wenn das Ausmaß an Konflikten und Schwierigkeiten wohl deutlich höher war, als man vermuten würde. Dass die Erzählung die Ölindustrie als Quell der Ausbeutung der Männer und des Landes im Gegensatz zur vorgenannten Verfilmung in gewisser Hinsicht ausklammert, ist schade, dafür konzentriert sich William Friedkin auf Figuren, die an ihrer Misere selbst Schuld tragen in einer Welt, die alle Menschen gegeneinander antreten zu lassen scheint, auch wenn sie nur gemeinsam das Ziel erreichen können. Bedenkt man den dahinterstehenden Aufwand und die Widrigkeiten der Entstehung, ist Atemlos vor Angst ohnehin ein beeindruckendes Filmerlebnis, veredelt durch eine Brückensequenz, bei der einem tatsächlich der Atem stockt. Die Aufnahmen dieser zwölf Minuten sind geradezu Furcht einflößend und auch ein halbes Jahrhundert später unerreicht. Interessenten sollten dem oftmals übersehenen Werk eine Chance geben – es lohnt sich.

