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Kritik von Jens Adrian |
Hinzugefügt am 6. Mai 2026
Originaltitel: Huo zhe yan
Laufzeit: 113 min.
Produktionsland: Hongkong / China
Produktionsjahr: 2025
FSK-Freigabe: ab 18 Jahren
Regie: Kenji Tanigaki
Musik: Olivia Xiaolin
Besetzung: Mo Tse, Joe Taslim, Yang Enyou, Jeeja Yanin, Brian Le, Joey Iwanaga, Yayan Ruhian
Kurzinhalt:
Wang Wei (Mo Tse) führt ein einfaches Leben und arbeitet als Handwerker in den weniger gut betuchten Vierteln der Stadt. Wie seine Tochter Rainy (Yang Enyou), die ihn während der Sommerferien besucht, ehe sie in Kürze zu ihrer Großmutter nach China zurückkehrt, sieht auch Wei, dass die Gewalt gegen die Schwächsten immer mehr um sich greift. Dann wird Rainy auf offener Straße entführt und Wei setzt alles daran, seine Tochter trotz der korrupten Polizei wieder zu finden. Bei seinen Nachforschungen trifft er auf Navin Pham (Joe Taslim), dessen Ehefrau Matia (Jeeja Yanin) als Journalistin eine Reihe von Kindesentführungen untersuchte, ehe sie selbst verschwand. Gemeinsam nehmen es Wei und Navin mit einem Menschenhändler und seinen Schergen auf, nicht ahnend, dass die Fäden von jemand ganz anderem gezogen werden, der nicht nur besser vernetzt ist, sondern sogar noch gefährlicher …
Kritik:
Der in englischer Sprache gedrehte Hongkong-Actionfilm The Furious wartet mit einer so einfachen wie packenden Prämisse auf, dass es nicht überrascht, wie sehr insbesondere das erste Drittel mitnimmt. Aber nach den Ereignissen des zweiten ist die Story im Grunde zu Ende erzählt und was dann folgt, ist nicht nur noch brutaler, sondern inhaltlich so hanebüchen, man könnte meinen, der Film gerät zur eigenen Karikatur. Immerhin, langweilig ist das nie und die Stunts rauben einem teilweise schlicht den Atem.
Die Erzählung beginnt damit, wie die Journalistin Matia Pham davon berichtet, dass in einer nicht näher benannten Stadt eines südostasiatischen Landes reihenweise Kinder verschwinden. Sie alle stammen aus ärmlichen Verhältnissen und dementsprechenden Gegenden. Wenig später wird die Tochter Rainy des lange Zeit namenlosen Wang Wei auf offener Straße entführt, in die Falle gelockt von einem Jungen. Wei ist stumm und stammt aus China, wohin Rainy in Kürze zurückkehren sollte, um wieder bei ihrer Großmutter zu leben, da ihre Mutter gestorben ist. Rainys Vater verdient sein Geld als Handwerker, aber als seine Tochter vor seinen Augen entführt wird, entfesselt das in ihm eine Kraft, die er sonst verborgen hält. Da die korrupte Polizei nichts unternimmt, stellt Wei eigene Nachforschungen an und trifft auf den Journalisten Navin, Matias Ehemann, der die Arbeit seiner inzwischen ebenfalls verschwundenen Frau fortführt. Navin erklärt Wei, dass Mr. Song der einflussreichste Menschenhändler der Stadt ist. Aber wenn sie Rainy und Matia finden wollen, werden sie es nicht nur mit Songs Schergen aufnehmen müssen, sondern auch mit den einflussreichen Mächten, die im Hintergrund die Strippen ziehen.
Die Geschichte von The Furious ist alles andere als neu. Dass sie dennoch funktioniert, ist zum großen Teil Hauptdarsteller Mo Tse als schweigsamem Helden zu verdanken, den bereits dann eine rätselhafte Aura umgibt, bevor sein Leben ins Chaos gestürzt wird. Filmemacher Kenji Tanigaki gelingt es dabei, aus so alltäglichen wie beengten Umgebungen wie der Ladeklappe eines kleinen Transporters eine Kampfarena zu machen. Sieht man insbesondere den ersten Kampf oder wenn Wei beim zweiten Haushaltsgegenstände als Waffen verwendet, dann bekommt man durchaus das Gefühl, als würde jeder Schlag tatsächlich treffen. Die Sequenzen sind ungemein intensiv, auch wenn die immer gleichen Tongeräusche bei den Schlägen ein wenig fehlplatziert wirken. Die gezeigte Brutalität nimmt dabei stetig zu und über das Geschehen sollte man besser nicht nachdenken. Die meisten Schläge oder der Aufprall der Figuren auf dem Boden würden Knochen brechen, tödliche Hirnblutungen verursachen und die Beteiligten würden vor allem nicht wieder aufstehen. Über all das kann man solange hinwegsehen, wie die Story entsprechend flott erzählt ist. Aber während vor allem der Auftakt angemessen ernst und düster präsentiert wird, wandelt sich dies im Verlauf merklich und nicht erst, wenn Schurken die Bühne betreten, die ihre Opfer mit einer geradezu übertriebenen Grausamkeit dahinmeucheln, oder Fahrradeinzelteile ins Kampfgeschehen integriert werden.
Woran es der Erzählung darüber hinaus spürbar mangelt, ist ein greifbarer Bösewicht. Zu Beginn hat es noch den Anschein, als würde sich die Geschichte auf Menschenhändler Mr. Song als Widersacher konzentrieren, der über einen hühnenhaften Gehilfen verfügt, der sich gar selbst als Rammbock in den Kämpfen einbringt. Aber nach und nach rücken die Hintermänner ins Licht, wobei die zentrale Figur hier im letzten Drittel in einer derart übertrieben dargestellten Sequenz auch eine körperliche Überlegenheit beweist, dass man sich zunehmend fragt, worauf das lange Finale überhaupt hinarbeiten soll. Was er in einer von ihm provozierten Konfrontation beabsichtigen will, wird nicht nur erst spät deutlich, es ergibt inhaltlich nur wenig Sinn. Beinahe, als wüsste The Furious nicht, wohin sich die Geschichte tatsächlich entwickeln soll. In der Vorschau mutet das an wie eine Mischung aus The Raid [2011] und 96 Hours [2008], tatsächlich jedoch betreten Wei und Navin die sogenannte Schlangengrube, in der die Kinder festgehalten werden, erst nach einer Stunde und verlassen sie keine 25 Minuten später wieder.
Der Abschnitt im Haus zählt dabei zu den schwächsten des Films, da die Kämpfe hier kaum über ein Gemenge hinausgehen und die beeindruckende Körperbeherrschung und Kampfkunst der Besetzung nur wenig zu sehen ist. Selbst wenn manche Szenen in The Furious merklich computerunterstützt sind, die körperlichen Auseinandersetzungen sind durchweg beeindruckend. Regisseur Tanigaki bleibt dicht an den Figuren und beweist eine tolle Choreografie, insbesondere, wenn beim Finale eine ungleiche Anzahl an Charakteren gegeneinander antritt. Diese handwerkliche Finesse leidet aber spürbar unter der Musik, die nicht nur allzu aufdringlich eingespielt ist, sondern klingt, als wären mehrere Komponistinnen bzw. Komponisten am Werk, so dass eine durchgehende Handschrift spürbar fehlt. Ebenso sorgen die zunehmend comicartigen Einfälle in den Kämpfen dafür, dass deren Wucht in der zweiten Filmhälfte merklich nachlässt. Das geht soweit, dass am Ende von dem starken Auftakt der Erzählung kaum mehr etwas übrig bleibt. Gerade in Anbetracht dessen, was möglich gewesen wäre, ist das überaus schade.
Fazit:
Sieht man das überaus starke erste Drittel, das deutlich schwächere zweite Drittel und das völlig überzogene letzte Drittel, das inhaltlich überhaupt keinen Sinn ergibt, könnte man beinahe selbst wütend werden. Filmemacher Kenji Tanigaki beweist ein gutes Gespür für mitreißende Choreografien und insbesondere Wang Weis Verzweiflung ist eingangs geradezu greifbar. Dem gegenüber stehen Schurken, die im Verlauf immer comicartiger und geradezu abstrus reagieren, während Weis Mitstreiter Navin kaum entwickelt wird. Aus der Idee der Suche nach den entführten Kindern macht der harte Actionthriller daher überraschend wenig und obwohl die Stunts durchweg beeindrucken, die Szenen wiederholen sich spürbar. Die Hintergrundstory um einen Kreis der Mächtigen, der im Verborgenen die Fäden zieht, bleibt ebenso auf der Strecke, wie irgendwelche Charakterentwicklungen. Spätestens, wenn die Figuren nicht mehr an die Gesetze der Physik gebunden sind, verliert The Furious viel von seinem Reiz. Das ist nie langweilig, aber in der zweiten Filmhälfte deutlich weniger mitreißend, wenn die Verantwortlichen offenbar nicht wissen, in welcher Art und Weise sie die an sich simple Story überhaupt erzählen wollen. Zunehmend Gewalt verherrlichend und brutal, mögen Genrefans dabei auf ihre Kosten kommen, schade ist es aber ums Potential.



