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Kritik von Jens Adrian |
Hinzugefügt am 17. September 2026
Laufzeit: 103 min.
Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 2026
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren
Regie: Lena Stahl
Musik: Volker Bertelmann, Lennart Saathoff
Besetzung: Hannah Herzsprung, Damian Hardung, Alexander Fehling, Christian Friedel, Haley Louise Jones, Imogen Kogge, Leopold Hornung, Agnes Decker, Ludger Bökelmann, Reza Brojerdi, Esther Bechtold
Kurzinhalt:
Nachdem die Sozialsysteme zusammengebrochen waren, hat sich die Methode als neue Ordnung etabliert. Alles in der Gesellschaft ist einem absoluten Gesundheitssystem untergeordnet, Bluttests und Gesunderhaltung verpflichtend. Kern des Systems ist eine umfassende Überwachung, auch dank eines implantierten Chips im Handgelenk. Neurologin Mia Holl (Hannah Herzsprung) ist überzeugt, dass dieses System dem Wohle der Menschen dient, die im kontrollierten Sicherheitsbereich ihrem Alltag nachgehen. Außerhalb, in sogenannten Sperrbereichen, gibt es „Chipgegner“, die die Methode ablehnen, was als Hochverrat gilt. Mias Bruder Moritz (Damian Hardung) stellt sich zwar immer wieder gegen das System, aber als er vom Methodenschutz verhaftet wird, weil er eine Frau vergewaltigt und ermordet haben soll, kann Mia das nicht glauben. Doch die Methode hat ihn bereits überführt, Moritz soll schuldig sein und sogar sein Anwalt Lutz Rosentreter (Christian Friedel), der den ersten Mord seit neun Monaten im Sicherheitsbereich verhandeln soll, glaubt nicht an die Unschuld seines Mandanten. Im Gegensatz zu Mia, die den Fehler im System finden will und sich dafür sogar dem systemtreuen Journalisten Heinrich Kramer (Alexander Fehling) anvertraut. Aber damit gerät Mia selbst ins Visier der Methode …
Kritik:
Mit ihrer sichtbar aufwändigen Adaption von Juli Zehs gleichnamigem, im Jahr 2009 erschienenem Roman beweist Filmemacherin Lena Stahl, dass sich europäische Produktionen nicht hinter solchen aus Hollywood zu verstecken brauchen. Doch ist Corpus Delicti gleichzeitig derart um eine Bedeutsamkeit bemüht, dass dies regelrecht aufstößt, während die Geschichte etwas anderes behandelt, als man vermuten würde und das hinter allem stehende, gesellschaftlich bedeutende Thema geradezu mutwillig ausklammert.
Nachdem die Sozialsysteme zusammengebrochen sind, hat sich eine neue Ordnung etabliert: die Methode. Es ist ein Rechtssystem, das alle demokratischen Prinzipien einem Gesundheitsabsolutismus unterordnet. Regelmäßige Blutwertekontrollen sind ebenso Pflicht, wie ein implantierter Chip, der Kontakte mit anderen Bürgerinnen und Bürgern protokolliert. Kernelement der Methode ist somit eine durchgehende, allumfassende Überwachung bis in die privatesten Lebensbereiche. So schlägt die Zentrale Partnervermittlung mögliche Personen vor, die genetisch am besten zu einem selbst passen würden. In den Sicherheitszonen gibt es dafür keine Krankheiten mehr und dank virtueller Assistenzsysteme haben die Menschen ständige Begleiter. Die Methode, so die Überzeugung, ist unfehlbar und Neurowissenschaftlerin Mia Holl glaubt daran, auch wenn ihr Vater und ihr Bruder Moritz sogenannte Antimethodisten sind. Moritz ist der Auffassung, dass die Methode unfreie Menschen produziert. Eines Morgens steht der Methodenschutz in Mias Wohnung, um Moritz zu verhaften. Ihm wird vorgeworfen, eine Frau vergewaltigt und ermordet zu haben. Da seine DNA an der Leiche gefunden wurde, gilt der anberaumte Prozess eigentlich als entbehrlich. Doch Moritz beteuert seine Unschuld und Mia steht vor dem Dilemma, dass sie ihrem Bruder glaubt, aber gleichzeitig dem System vertraut. Sie beginnt, Nachforschungen anzustellen und gerät selbst ins Fadenkreuz der Methode.
Tatsächlich klingt die Idee einer Gesundheitsdiktatur, die mit einer ständigen Überwachung das Ende der Privatsphäre bedeutet, nach einer dystopischen Vorstellung. Deren Nachteile leuchtet Corpus Delicti jedoch kaum aus. Zugegeben, dass Bewohner in Mias Haus offenbar ausziehen mussten, weil sie sich nicht an die Hygienevorgaben gehalten haben, klingt überzogen. Wenn man jedoch dann hört, dass es keine Krankheiten mehr gibt, Krebs besiegt ist, Kinder sogar „Erkältung“ spielen müssen, weil sie es nicht kennen, und paralysierte Patientinnen und Patienten ihre Gedanken aussprechen können, auch wenn sie die Fähigkeit zur Sprache verloren haben, klingt das nach einem überraschend geringen Preis für all das, was gewonnen wurde. Für letztgenannte Kommunikation ist Mia verantwortlich, die an der Entwicklung eines Chips beteiligt ist, mit dem sich direkt Gedanken von Patientinnen und Patienten auslesen lassen. Ihr nächstes Ziel ist das Lesen des Unterbewusstseins. Was nach einem Quantensprung in der Forschung klingt, könnte jedoch in einem Unterdrückungssystem wie der Methode eine mächtige Waffe darstellen. Dort gilt allein der Zweifel an der Unfehlbarkeit der Methode als Hochverrat.
Wird Mias Forschung eingangs überaus prominent vorgestellt, könnte man meinen, dass Corpus Delicti diesen Aspekt später nochmals aufgreift und tatsächlich wird dies kurz angedacht, kommt dann aber gar nicht zum Zug. Filmemacherin Lena Stahl erzählt auch keinen wirklichen Krimi, denn wer, wenn nicht Moritz, den Mord begangen hat, spielt am Ende keine wirkliche Rolle. Die Ermittelnden stellen nicht einmal Beweisstücke sicher, die Mia nach der Festnahme bei sich in der Wohnung findet. Die Regisseurin rückt auch nicht die Gefahren eines Überwachungsstaates in den Mittelpunkt, in dem am Ende nicht einmal mehr die Gedanken frei sind, wenn sie ausgelesen werden können. Selbst dieser Science Fiction-Aspekt kommt kaum zum Tragen. Insofern fällt es durchaus schwer zu sagen, was genau die Geschichte eigentlich für eine Aussage treffen will. Tatsächlich lässt sich die – wäre man zynisch – so zusammenfassen, dass sich ein Überwachungssystem dem Zustand der Unfehlbarkeit nur dann annähern kann, wenn es buchstäblich über alle Informationen verfügt. Warum die Methode, von der ein Großteil der Menschen so überzeugt scheint, keinen Zweifel duldet, wird ebenfalls nicht deutlich. An sich könnte Moritz’ Strafverteidiger Mias Einwendungen dadurch beiseite wischen, dass er sie fragt, wenn ihr Bruder die Verbrechen nicht begangen hat, sondern jemand mit seiner DNA, wer soll es dann gewesen sein?
All das kaschiert Corpus Delicti mit einer Inszenierung, die zwar einen sauberen Look dieser Zukunft präsentiert, deren Minimalismus jedoch keiner wirklichen Funktion zu folgen scheint. Später kommen Cyberpunk-Elemente hinzu und so etwas wie eine Liebesgeschichte, die so absehbar und plakativ ist, dass man beinahe übersehen könnte, wie wenig man über Mias Partner erfährt und dass das, was man erfährt, kein rundes Bild ergibt. Ebenso wenig blickt die Erzählung über den Tellerrand dieser Sicherheitszone hinaus oder zeigt auf, worin ihre großen Einschränkungen der Freiheit der Menschen liegen. Es ist beinahe, als wären die Verantwortlichen zwar an den Themen interessiert, aber nicht daran, sie tatsächlich vorzustellen. Trotz des sichtbaren Aufwands der Produktion, die oftmals von einer unnötig laut eingespielten Musik überdeckt wird, weiß man darum am Ende nicht, was sie einem eigentlich sagen möchte.
Fazit:
Mantraartig werden manche Aussagen, die den Kern der Methode ausmachen, hier wiederholt. „Wir sind sicher, denn die Vernunft hat gesiegt“, oder „Gesundheit gleicht einem Zustand körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens“. Was diese Aussagen aber im Umkehrschluss bedeuten, erkundet das Drehbuch nicht und stellt selbst offensichtliche Fragen, wie wie viel Freiheit man bereit ist, für die Sicherheit zu opfern, nur hinter vorgehaltener Hand. So unentschlossen die Erzählung mit ihren Botschaften, ist es nur passend, dass der Ausgang des Krimis, ob Moritz die Verbrechen begangen hat oder nicht, tatsächlich anders beantwortet wird, als die Filmschaffenden es hier offenbar selbst glauben. Filmemacherin Lena Stahl stellt diese Zukunftsvision vor, ohne tatsächlich aber darin einzutauchen oder die Figuren entsprechend zu vertiefen. Welche Stellung die ominöse Sylta Falk beispielsweise einnimmt, wird nie auch nur angerissen und Mias Versuch einer öffentlichen Stellungnahme ergibt inhaltlich keinen Sinn. Woher ihre Überzeugung kommt, ihr Bruder sei unschuldig, wird ebenso wenig beantwortet, wie sein Alltag im Gefängnis gezeigt. Der muss so schlimm sein, dass er bei Mias Besuchen wie ein Model gestylt ist. Inhaltlich bedeutungsschwanger, ist Corpus Delicti am Ende weder ein Mahnmal gegen den Überwachungsstaat, noch ergibt die Aussage zur Fehlbarkeit der Methode richtig Sinn. Die Darbietungen wirken dabei so „laut“ und theatralisch, als sollten sie übertönen, dass der Erzählung selbst jegliche Nuancen fehlen. Das Ergebnis scheint bemüht und entsprechend aufgesetzt, statt natürlich. Schade.


