Oh la la - Wer ahnt denn sowas? [2024]

Wertung: 4 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 23. Januar 2024
Genre: Komödie

Originaltitel: Cocorico
Laufzeit: 92 min.
Produktionsland: Frankreich
Produktionsjahr: 2022
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: Julien Hervé
Musik: Matei Bratescot
Besetzung: Christian Clavier, Didier Bourdon, Sylvie Testud, Marianne Denicourt, Julien Pestel, Chloé Coulloud, Johann Dionnet, Sophie Froissard


Kurzinhalt:

Es ist das erste Aufeinandertreffen von François’ (Julien Pestel) und Alices (Chloé Coulloud) Eltern. Während François’ Vater Gérard Martin (Didier Bourdon) als Autoverkäufer ein bodenständiges Leben führt und seine Frau Nicole (Sylvie Testud) zuhause ist, sind Alices Eltern von höherem Stand. Ihr Vater Frédéric Bouvier Sauvage (Christian Clavier) ist darauf besonders stolz und lässt es sich nicht nehmen, die Eltern des Freundes seiner Tochter in seinem Familienschloss auf dem vornehmen Landgut zu empfangen. Ein Blick in den adeligen Familienstammbaum ist ebenso Pflicht wie ein Besuch im jahrhundertealten Weinkeller, wobei der Wein selbstverständlich selbst angebaut wird. Alices Mutter Catherine (Marianne Denicourt) ist gleichermaßen stolz auf ihre blaublütigen Wurzeln und so versuchen insbesondere die beiden Väter, sich gegenseitig zu beeindrucken, wobei die Gräben zwischen ihnen unüberwindbar groß sind. Um beiden Elternpaaren eine Überraschung zu präsentieren, haben François und Alice ohne deren Wissen Herkunfts-DNA-Tests anfertigen lassen, deren Ergebnisse sie nun in verschlossenen Umschlägen übergeben. Die Tests fördern Geheimnisse zutage, von denen die Betroffenen nicht einmal wussten, dass es sie überhaupt gibt …


Kritik:
Die französische Komödie Oh la la - Wer ahnt denn sowas? spielt dann ihre größten Stärken aus, wenn sie sich vermeintlich selbst die größten Einschränkungen auferlegt. Über weite Strecken wie ein Kammerspiel aufgebaut, in dem sich die Figuren nicht nur ihrer eigenen Herkunft, sondern auch den Vorurteilen der anderen Anwesenden stellen müssen, verliert die Erzählung gerade dann an Tempo und Zugkraft, wenn sie diese Umgebung verlässt. So schade das ist, der Rest ist überaus unterhaltsam.

Ausgangspunkt von Julien Hervés Geschichte ist das erste Kennenlernen der Eltern von François und Alice. Die Eltern von François, Gérard und Nicole Martin, sind überaus bodenständig. Gérard ist stolzer Besitzer eines Autohauses, in dem selbstverständlich nur französische Autos verkauft werden. Die vielerorts beliebten deutschen Modelle sind für ihn ein Affront. Mutter Nicole ist Hausfrau. Die Eltern der Freundin ihres Sohnes hingegen verkehren in ganz anderen Kreisen, wie sie feststellen müssen, als sie sie das erste Mal besuchen. Auf dem insgesamt mehr als 1.000 Hektar großen Gelände wird Wein angebaut und die Familie Bouvier Sauvage wohnt in einem tatsächlichen Schloss. Familienoberhaupt Frédéric ist überaus stolz auf seine Herkunft und betrachtet sich selbst immer noch als Herzog. Gemälde der Ahnenreihe zieren die Wände, ein Buch mit dem Familienstammbaum ist ausgestellt. Die Unterschiede der Familien Martin und Bouvier Sauvage könnten kaum größer sein, geeint nur in ihrer Überzeugung, waschechte Franzosen zu sein. Alice und François hatten sich daher ein ungewöhnliches Geschenk für die Eltern überlegt und ohne ihr Wissen jeweils einen DNA-Test zur Herkunftsanalyse in Auftrag gegeben. Doch schon nachdem der erste Umschlag geöffnet ist, ist nichts mehr, wie es war und tiefsitzende Ressentiments vergiften das Aufeinandertreffen.

Dass Oh la la trotz der teils boshaften, herablassenden und rassistischen Bemerkungen der Figuren leichtfüßig genug bleibt, ist ein Verdienst des Drehbuchs, das eine gute Balance findet, alle Beteiligten gleichermaßen vorzuführen. Das beginnt bereits mit der geradezu greifbaren, aber immer noch höflichen Ablehnung zwischen Gérard und Frédéric, von denen letzterer der Meinung ist, seine Tochter sei dem Adel verpflichtet und der Sohn eines Autoverkäufers keine geeignete Partie. Der hart arbeitende Gérard hingegen sieht in seinem Gegenüber lediglich einen weltfremden Aristokraten, der nicht nur auf ihn herabblickt, sondern lieber ins Ausland jettet, anstatt Zeit in seiner eigene Heimat vor der Haustüre zu verbringen. Als Gérards DNA-Test dann offenbart, dass er zur Hälfte gar kein Franzose sei, ist für Frédéric die Schmach komplett.

Die scheinbar so geerdeten oder hoch angesehenen Charaktere verhöhnen sich hier gegenseitig mit sämtlichen Vorurteilen, die man sich nur vorstellen kann. Sie definieren sich jeweils darüber, wo sie herkommen, als würde ihnen per Geburtsrecht ein Charakter verliehen, und verhalten sich dabei doch fernab jener erhabenen Zivilisiertheit, die sie für sich in Anspruch nehmen. Das regelrechte Stakkato an bitterbösem Wortwitz, das sich hier entzündet, wird insbesondere von Christian Clavier und Didier Bourdon fabelhaft zum Leben erweckt. Ihnen zuzusehen, wie sie immer wieder den Spieß umdrehen, um den jeweils anderen entweder direkt oder indirekt mit verbalen Nadelstichen zu piesacken, ist eine wahre Freude. Und gleichzeitig ungemein entlarvend, denn wer hat nicht selbst schon von den vermeintlichen Wesenszügen gehört, die beispielsweise Franzosen, Deutsche, Italiener oder Portugiesen ausmachen sollen? Wie viel von diesen Vorurteilen projizieren wir in Menschen hinein, ohne sie überhaupt zu kennen? Dass es bei alledem so etwas wie eine reinblütige Herkunft in einem endlichen Genpool gar nicht gibt, arbeitet Oh la la außerdem heraus.

Je länger sich das immer wieder von neuem selbst befeuernde Gespräch in dem noblen Anwesen hinzieht, umso mehr Alkohol fließt und umso lockerer sitzen die Zungen der Beteiligten. Doch anstatt Oh la la - Wer ahnt denn sowas? als reines Kammerspiel in dieser abgeschlossenen Örtlichkeit zu erzählen, schildert der Filmemacher im letzten Drittel die Nachwehen der Ereignisse und wie Frédéric, Catherine, Gérard und Nicole mit den Erkenntnissen umzugehen versuchen. Das ist aber mehr albern als witzig und verwässert in gewisser Hinsicht die durchaus entlarvenden Charakterzüge, die zuvor blankgelegt wurden. Ohne die zuvor beherrschende Bissigkeit, fügen die Verhaltensweisen der vier den Figuren im Nachgang nichts wirklich Neues hinzu.

Sieht man darüber hinweg, bleibt insbesondere der herrliche Wortwitz der ersten Stunde in Erinnerung, der nicht nur sämtliche Klischees über unterschiedliche Nationalitäten und was man gemeinhin damit verbindet offenlegt, sondern auch die Oberflächlichkeit der rückwärtsgewandten Mentalität der beiden Elternpaare. Ihre Selbstgefälligkeit das betreffend, wozu ihr Herkunft sie entweder ermächtigt oder befähigt, führt dem Publikum mitunter treffend den Spiegel vor Augen. Gerade in einer Zeit, in der in sämtlichen Schichten der Gesellschaft anderen Menschen, die nicht aus dem eigenen Land stammen, das Recht auf ein menschenwürdiges Leben abgesprochen wird, ist das mehr als nur zeitgemäß. Es ist auf eine beinahe unangenehme Weise entblätternd.


Fazit:
So fortschrittlich sich die vornehme Catherine nach außen gibt, sie ist auf ihre vermeintlich adeligen Wurzeln derart bedacht, dass es für sie eine schockierende Kränkung darstellt, sie sei genetisch mit der Haushälterin verwandt. Wie ihr Mann Frédéric oder Gérard definiert sie sich über eine Herkunft, die sie nicht beeinflussen kann, um sich dadurch über die Menschen um sie herum zu erheben. Ihrer aller Verhalten ist so entlarvend wie die Ressentiments und Vorurteile, die sie zur Schau stellen, beschämend. Die Dynamik, die Regisseur Julien Hervé in den fantastischen Dialogen entwickelt, hält die Geschichte leider im letzten Drittel nicht durch. Dann weichen die boshaften und teils hintergründigen Kommentare einem allzu plakativen Humor. Nichtsdestotrotz ist Oh la la - Wer ahnt denn sowas? eine toll ausgestattete, spritzige und entblätternde Gesellschaftskomödie, in der man sich zum Teil stärker widergespiegelt sieht, als seinem recht ist.