Sunny Dancer [2026]

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5–8 Minuten
Wertung: 6 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 19. Juni 2026
Genre: Drama / Komödie

Originaltitel: Sunny Dancer
Laufzeit: 106 min.
Produktionsland: Großbritannien / Deutschland
Produktionsjahr: 2026
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: George Jaques
Musik: Zachary Dawes, Este Haim
Besetzung: Bella Ramsey, Daniel Quinn-Toye, Ruby Stokes, Earl Cave, Jasmine Elcock, Conrad Khan, Neil Patrick Harris, Jessica Gunning, James Norton, Shalom Brune-Franklin, Louis Gaunt, Josie Walker, James Blunt


Kurzinhalt:

Ivy (Bella Ramsey) nennt es abschätzig „Chemo-Camp“, ein Ferienlager für Jugendliche, die eine Krebserkrankung überstanden haben. Ihre Eltern jedoch hoffen, dass Ivy dort wieder Kontakt zu anderen knüpft, anstatt sich nur in ihrem Zimmer zu verkriechen. Seit sie ihre Krankheit überstanden hat, hat sie sich von allen und jedem distanziert. Im Camp angekommen, ist Campleiter Patrick (Neil Patrick Harris) für Ivy nicht weniger peinlich als ihre Eltern, aber nach ein paar Tagen findet sie dank ihrer Zimmergenossin Ella (Ruby Stokes) in ihrer Clique um Jake (Daniel Quinn-Toye), Ralph (Earl Cave), Maisie (Jasmine Elcock) und Archie (Conrad Khan) Gleichaltrige, die nicht nur dasselbe durchgemacht haben, wie sie selbst, sondern mit demselben zynischen Humor damit umzugehen versuchen. Zusammen erleben sie unbeschwerte Momente und tatsächlich kommen sich Ivy und Jake sogar näher. Aber nicht nur in den Psychotherapiestunden, die Ivy auf Anweisung von Patrick über sich ergehen lassen muss, wird sie immer wieder mit den Erfahrungen ihrer Erkrankung konfrontiert, sondern auch im Gespräch mit ihren neu gewonnenen Freunden. Nicht erst da wird deutlich, wie vergänglich die Momente des Glücks tatsächlich sind …


Kritik:
George Jaques’ Sunny Dancer über eine Gruppe von Jugendlichen in einem Feriencamp, die allesamt eine Krebserkrankung überlebt haben, ist ein besonderes Erlebnis. Angetrieben von Darbietungen, die zu den besten gehören, die man dieses Jahr auf der großen Leinwand wird bestaunen können, stellt sich das Drama nicht nur sehr schwierigen Themen, sondern scheut nicht davor zurück, seine Figuren und das Publikum emotional Höhen und Tiefen ausloten zu lassen, die man lange nicht vergessen wird.

Im Zentrum der Erzählung steht die Teenagerin Ivy, die sich so sehr zurückgezogen hat und keinen Kontakt mit anderen, geschweige denn Gleichaltrigen pflegt, dass ihre Eltern Bob und Karen entscheiden, sie solle im August für vier Wochen das CRF-Camp besuchen. Es ist ein Ferienlager für Kinder und Jugendliche, die eine Krebserkrankung überlebt haben. Ivy ist seit 10 Monaten in Remission. Dass sie an dem Camp nicht teilnehmen will, versteht sich von selbst und auch der bisweilen schmerzhaft um einen jugendtauglichen Auftritt bemühte Campleiter Patrick kann sie nicht vom Gegenteil überzeugen. Die geplanten Aktivitäten wie Zelten oder eine Talentshow schon gar nicht. Aber auch wenn sich Ivy anfangs immer noch wie eine Außenseiterin fühlt, dank ihrer Zimmergenossin Ella erhält sie Zugang zu einer eingeschworenen Gruppe, der auch Ralph, Maisie, Archie und Jake angehören. Nach und nach taut Ivy auf, obwohl sie immer wieder mit dem Camppersonal aneinandergerät und keinen Sinn in den Therapiesitzungen sieht, die Patrick ihr aufgezwungen hat. Mit Jake findet sie sogar jemanden, der sich für sie so sehr interessiert, wie anders herum. Selbst wenn die Jugendlichen allesamt ihre schwere Erkrankung besiegt haben mögen, die Gefahr eines Rückfalls schwebt wie ein dunkler Schatten über ihrer zerbrechlichen Unbeschwertheit.

Man könnte sogar meinen, ihre Unbeschwertheit ist nur oberflächlich und sobald Erinnerungen sie einholen, sie sich über ihre Erlebnisse austauschen, blättert der dünne Lack ihres meist als bitteren Zynismus getarnten Panzers ab, den sie sich als Schutzschild zugelegt haben. Ivy selbst mag die Eloquenteste sein, wenn es darum geht, die Wut, die in ihr brodelt, zum Ausdruck zu bringen. Aber wie fragil die Situation ist, sieht man bereits, wenn Maisie und Ralph anfangs feststellen, dass einige Teilnehmende überraschend nicht wiedergekehrt sind, obwohl sie die letzten Jahre doch dabei waren. Den Grund dafür kann man sich denken. Filmemacher Jaques nähert sich seinen Figuren dabei behutsam, beobachtet sie bei ihrem Alltag im Camp, der immer wieder von ausgelassenen Situationen geprägt ist. Aber dann, wenn sie zur Ruhe kommen, beginnen sie miteinander zu sprechen über ihre Erfahrungen und Erlebnisse. Über Dinge, die sie außerhalb des Camps nie jemandem anvertraut haben, weil sie der Meinung waren, das nicht zu können. Wie soll man ihnen das verdenken? Selbst wenn sie den Kampf gegen ihre Krankheit gewonnen haben mögen, was sie erlebt haben, wäre zu viel für jede und jeden Erwachsenen. Wie viel schwieriger muss es für einen jungen Menschen sein, dessen Jahre einer idealerweise unbeschwerten Kindheit ihr bzw. ihm geraubt wurden?

Zwar beleuchtet Sunny Dancer nicht alle Figuren gleichermaßen, blickt das Drama jedoch auf Ivy, Jake oder Ralph, berührt das nicht trotz ihrer scheinbar zurückweisenden Art, sondern gerade deshalb, wenn man versteht, weshalb sie so auftreten. Ungeachtet ihrer persönlichen Erfahrungen haben sie Menschen kennengelernt, die den Kampf nicht gewonnen haben, oder erfahren, dass sie von ihrem Freundeskreis anders behandelt wurden auf Grund ihrer Erkrankung. Ganz zu schweigen von den vielen Anteilnahmsbekundungen, die wie ein Hohn klingen müssen, wenn die Personen doch nicht nachempfinden können, wie es den Erkrankten tatsächlich geht. Es ist eine Wut, die sich gegen Vieles richtet, die Ungerechtigkeit der Krankheit selbst, wen sie letztlich verschont und wen nicht, gegen sich selbst, wenn die Schuld der Überlebenden einsetzt, oder das eigene Umfeld, das einem fremd geworden ist und einen mehr als „kranke Tochter“, denn als „Tochter“ sieht. Gleichzeitig bietet Jaques aber auch die Perspektive derjenigen, die nur zusehen können, wenn geliebte Menschen so schwer erkranken. Die eine Machtlosigkeit verspüren, die sich kaum in Worte fassen lässt und keinen Zugang finden lässt zu denen, denen man helfen möchte. Als Campleiter Patrick zeigt Neil Patrick Harris dabei nicht nur eine preiswürdige Darbietung, sondern bringt einige der besten Dialoge zum Ausdruck, die einem so unmittelbar nahegehen, dass einen die Emotion förmlich überrollt.

So erstklassig die Besetzung insgesamt ist, Bella Ramsey (The Last of Us [seit 2023]) trägt die Geschichte mit einer Tour de Force, die nicht erst zum Ende hin mitnimmt, sondern einen die Höhen und Tiefen ihrer Zeit im Camp unmittelbar miterleben lässt. Dies wirkt so rau und ungeschönt, es ist schwer zu beschreiben. Diese Aufrichtigkeit macht die Wechsel zwischen den unbeschwerten Momenten und denen, die einem förmlich den Boden unter den Füßen entziehen, umso schwerer zu ertragen. Sunny Dancer ist ein Film, von dem man nicht wusste, dass man ihn gebraucht hatte, der einem verpackt in etwas mehr als eineinhalb Stunden vor Augen führt, weshalb das Leben – so schwer und vielleicht sogar unerträglich es sein mag – so unersetzlich ist. Nicht obwohl es das Schönste und Schlimmste bereithalten kann, das man sich nur vorstellen kann, sondern gerade deshalb. Das zu sehen ist wertvoll, wenn auch nicht immer einfach.


Fazit:
Es gibt viele Gefühle, die einen überwältigen können. Das Gefühl unbändigen Glücks und der Liebe, aber auch der Angst und der Trauer. Erst dadurch, dass sie alle auftreten können, lassen sie uns erkennen, was wichtig und kostbar ist im Leben. Filmemacher George Jaques erzählt eine Geschichte über das Erwachsenwerden, über Verlust und Liebe, Trauer und Machtlosigkeit. Er tut dies auf eine so direkte und aufrichtige Art und Weise, dass sogar manch ungeschliffene Dialoge nicht ins Gewicht fallen. Die Besetzung erweckt eine Geschichte zum Leben, bei der nicht nur diese Jugendlichen von den Abgründen gezeichnet sind, in die sie geblickt haben, sondern auch ihre Familien. Ivy und die anderen glücklich zu sehen, zaubert einem ein warmes Lächeln ins Gesicht, selbst wenn man bei manchen Jugendlichen ahnt, dass ihr Glück nicht von Dauer sein wird. Schlägt diese beinahe unbeschwerte Stimmung, die man diesen Jugendlichen so sehr gönnt, von einem Moment auf den anderen um, trifft das unvermittelt. Dank dieser Figuren packt die Geschichte früh und lässt einen nicht mehr los. Gerade deshalb bricht Sunny Dancer einem das Herz, um es wieder zusammen zu fügen und es nochmal zu brechen. Das ist schwierig und emotional anstrengend. Wie das Leben manchmal auch. Aber Ivys Erfahrungen zeigen uns auch auf großartige Weise, weshalb es sich dennoch so ungemein lohnt.
 

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