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Kritik von Jens Adrian |
Hinzugefügt am 11. September 2026
Originaltitel: Primetime
Laufzeit: 110 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2026
FSK-Freigabe: noch nicht bekannt
Regie: Lance Oppenheim
Musik: Ari Balouzian
Besetzung: Robert Pattinson, Merritt Wever, Skyler Gisondo, Phoebe Bridgers, Matthew Maher, Bokeem Woodbine, Anna Faris, Jonathan Lipnicki, Tony Revolori, Alex Winter, Eric Rahill, Sean Bridgers
Kurzinhalt:
Im Jahr 2006 ist die NBC-Fernsehsendung „To Catch a Predator“ mit Moderator Chris Hansen (Robert Pattinson) ein riesiger Erfolg. Darin konfrontiert er nach teils monatelanger Vorbereitung pädophile Triebtäter, die sein Team in ein mit versteckten Kameras präpariertes Haus lockt, vermeintlich, um Jugendliche zu treffen, ehe die Polizei zuschlägt. Das Publikum sieht gebannt zu, weshalb das Studio die Chance sieht, den Quotenprimus eines anderen Fernsehsenders vom Thron zu stoßen. Dafür soll Chris mit Produzentin Andie (Merritt Wever), die ebenso maßgeblich für den Erfolg der Sendung verantwortlich zeichnet wie der für die Recherche und die Anfütterung verantwortliche Xavier (Matthew Maher), die Show nochmals spektakulärer gestalten. Mithelfen soll unter anderem der neue Lockvogel, Jungschauspieler Dan Plumb (Skyler Gisondo), der anfangs gar nicht weiß, worauf er sich eingelassen hat. Was er findet, lässt ihn in menschliche Abgründe blicken, sowohl bei den Tätern als auch bei Moderator Chris, der vom Streben nach Erfolg so sehr angetrieben ist, dass er auch bereit ist, Grenzen zu überschreiten …
Kritik:
Filmemacher Lance Oppenheim widmet sich in Primetime einem Kapitel des US-amerikanischen Reality TV, das Geschichte geschrieben hat. Moderator und Journalist Chris Hansen taucht darin in eine abgründige Welt ab, darauf aus, pädophile Triebtäter vor laufenden Kameras zu ertappen. Von seinem Wunsch nach Ruhm im Rampenlicht angetrieben, überschreitet er mit seinem Team zunehmend Grenzen, von denen es kein Zurück mehr gibt. Sein Privatleben droht währenddessen, sein Image und das seiner Sendung nachhaltig zu beschädigen.
To Catch a Predator [2004-2007] heißt die Sendung, mit der der Fernsehsender NBC nach dem Ende überaus erfolgreicher Sitcoms endlich wieder Zuseherinnen und Zuseher an sich binden kann. Darin locken Schauspielerinnen und Schauspieler, die sich als minderjährige Jugendliche ausgeben, pädophile Männer, die sie über das Internet kennengelernt haben, in mit versteckten Kameras präparierte Häuser, wo Moderator Hansen sie schließlich mit ihren verbrecherischen Absichten konfrontiert. Das Format ist so erfolgreich, dass NBC es sogar gegen eine der erfolgreichsten Fernsehserien antreten lassen will. Hansen, der vollkommen von sich eingenommen ist, sieht darin eine Chance, endlich den Platz in der Medienlandschaft einzunehmen, den er seiner Auffassung nach immer schon verdient hat. Aber nicht nur, dass er mit seiner Art seine Produzentin Andie verprellt, die am Erfolg der Sendung maßgeblich beteiligt ist, auch andere Teammitglieder wie der junge Schauspieler Dan Plumb, der durch seine Rolle als Lockvogel hofft, endlich der Schauspielergewerkschaft beitreten zu können, fragen sich zunehmend, wie weit sie für den schockierendsten Beitrag gehen können oder sollen, damit die Sendung den Platz zur besten Sendezeit auch dauerhaft behalten kann.
Obwohl Chris Hansen die zentrale Rolle in der Erzählung einnimmt, Primetime fühlt sich nur stellenweise wie eine Biografie seiner Person an, was auch daran liegt, dass man am Ende nicht erfährt, was aus ihm geworden ist, als wie ein Porträt dieses speziellen Reality TV-Formats. Doch auch hier geht die Erzählung bedauerlicherweise nicht auf die Hintergründe ein, sondern beginnt vielmehr mitten in einer Sendung, in der ein Mann vor laufenden Kameras eines Treffens mit einer vermeintlich Minderjährigen überführt wird. Die Polizei ist in diese Treffen eingeweiht und ergreift die Täter, nachdem Hansen sie vor laufender Kamera gestellt hat. Wie sich das Format entwickelt hat, das im Hintergrund über einen entsprechend großen Stab an Mitarbeitenden verfügt, die die Täter in Online-Chaträumen ausfindig machen und bis zu einem Treffen anfüttern, wird hingegen nicht erläutert. Auch nicht, wie groß die gesellschaftliche Wirkung der Sendung ist, wie viele potenzielle Opfer also geschützt wurden. Stattdessen geht Regisseur Oppenheim auf die Arbeitsweise des Teams ein und diejenige von Hansen, der sich vor den Konfrontationen ebenfalls intensiv vorbereitet. Was ihn zu dieser ungewöhnlichen Art der Recherche motiviert, beleuchtet das biografische Drama später und zeichnet so das Bild eines Journalisten, der durchaus von Idealen und eigenen Dämonen getrieben ist. Gleichzeitig läuft er Gefahr, nicht nur sein Image, sondern auch das der Sendung zu ruinieren, als seine außerehelichen Verhältnisse drohen, publik gemacht zu werden.
Das wäre aber nur dann ein Story-Element, das für zusätzlich Spannung sorgen würde, würde deutlich, was eine Veröffentlichung für die Sendung und seine Ehe bedeuten würde. In welchem Zustand sich letztere befindet, kann man bestenfalls erahnen und da Hansen die gesamte Situation vor seiner Produzentin geheimhält, kann man auch zu möglichen Konsequenzen für die Sendung kaum eine Aussage treffen. So faszinierend der Blick auf die Entstehung einzelner Beiträge dieser Fernsehsendung ist, es gibt keinen wirklichen Spannungsbogen innerhalb der Erzählung, bei dem man entweder aus Sicht der möglichen Opfer eine Gefahr für diese erkennen könnte, noch etwas, das greifbar der Sendung oder Hansen selbst schaden könnte. Wie nahe sie dem großen Ziel kommen, die quotenstärkste Sendung zu werden, wird nie aufgegriffen und Hansen als Figur kaum derart vertieft, dass man sein überbordend auf sich bezogenes Verhalten tatsächlich einschätzen könnte. Dafür kleidet Regisseur Lance Oppenheim seine Geschichte in einen Look, der einerseits die Zeit, in der all dies spielt, perfekt einfängt, aber auf Dauer gleichzeitig ungemein anstrengend gerät.
Primetime sieht in jeder Hinsicht aus wie eine Fernsehsendung, die Anfang der 2000er-Jahre auf Video aufgenommen wurde. Die Farben entsprechen genau jenem Spektrum, helle Bildbestandteile überstrahlen, während dieses insgesamt immens weich wirkt, inklusive Doppelkonturen und chromatischer Aberration. Das trägt zur Authentizität ungemein bei, zusammen mit der gezeigten Technik und Mode. Da aber sämtliche Bilder so aussehen, nicht nur diejenigen, die durch die (versteckten) Kameras während der Fernsehaufzeichnungen eingestreut werden, wirkt die gesamte Erzählung in gewisser Hinsicht wie eine Videodokumentation jener Fernsehsendung. Das mag beabsichtigt sein, doch der Stil ist gerade in an sich ruhigen Momenten derart auffällig, dass er merklich vom Inhalt ablenkt. Hinzu kommt, dass man in Anbetracht der musikalischen Untermalung nicht wirklich sagen kann, ob das Gezeigte nun dramatisch wirken oder eine satirische Überzeichnung darstellen soll. So interessant das Porträt damit am Ende ist, eine wirkliche Einordnung fällt ungemein schwer.
Fazit:
So wie Moderator Chris Hansen die hier dargestellte Fernsehsendung To Catch a Predator nachhaltig geprägt hat, steht Lance Oppenheims Porträt derselben ganz im Zeichen von Robert Pattinson. In der Hauptrolle verkörpert er den Journalisten und Moderator mit einer derart brodelnden Unruhe in sich, dass es schwerfällt, sich dem zu entziehen. Später wird deutlich, was ihn bei der Enttarnung von Triebtätern tatsächlich antreibt, doch tatsächlich nahbarer wird die Figur dadurch nicht. Ebenfalls ein Highlight ist Skyler Gisondo in der Rolle des aufstrebenden Jungschauspielers Dan, der am ehesten eine Identifikationsfigur darstellt. Was das biografische Drama allerdings vermissen lässt, ist eine greifbare Dramaturgie. Das bedeutet nicht, dass das Gezeigte nicht faszinieren würde, im Gegenteil. Doch beginnt der Abspann zu rollen, hat man nicht wirklich das Gefühl, die Geschichte wäre auserzählt, oder man hätte alles gesehen, was es zu sehen gäbe. Primetime ist stark umgesetzt und einnehmend verkörpert, aber so anstrengend der Stil auf die beinahe zwei Stunden Laufzeit ist, wenig hiervon nimmt emotional wirklich mit oder bleibt nach dem Film in Erinnerung. Es fällt sogar schwer zu sagen, was überhaupt die Kernaussage sein soll, ob nun eine Kritik an den Medien oder Moralvorstellungen – oder dass Hansen als Journalist so lange Triebtäter gejagt hat, bis er im übertragenen Sinne selbst einer wurde. Am ehesten ist es alles zusammen.

