The Beauty of Ballroom [2025]

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5–8 Minuten
Wertung: 4 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 30. August 2026
Genre: Dokumentation

Originaltitel: 10s Across the Borders
Laufzeit: 100 min.
Produktionsland: Philippinen / Singapur / Deutschland
Produktionsjahr: 2025
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: Chan Sze-Wei
Musik: Panos Chountoulidis, Koppi Mizrahi
Personen: Xyza Pinklady Mizrahi, Teddy Oricci, Aurora Sun Labeija


Hintergrund:

Die Ursprünge der Ballroom-Szene werden im späten 19. Jahrhundert vermutet, als Angehörige der LGBTQ-Gemeinschaft in New York und anderen großen Städten Nordamerikas erste Drag Balls veranstalteten. New York selbst gilt als Geburtsstätte der Ballrooms in den 1970er-Jahren. Dort konnten die Teilnehmenden ihre Sexualität und Geschlechtsidentität offen ausleben. Oft von ihren leiblichen Familien ausgestoßen oder ausgegrenzt, finden sie in sogenannten Häusern ein Zuhause, treten bei den Bällen, die früher oft im Untergrund stattfanden, in verschiedenen Kategorien wie dem Ausdruckstanz des Voguing gegeneinander an und geben einander Halt auf ihrem Weg, die Person zu werden, die sie in sich sehen. In Südostasien begleitet Chan Sze-Wei drei prägende Persönlichkeiten der dort erst kürzlich auflebenden Ballroom-Szene – Xyza Pinklady Mizrahi, Teddy Oricci und Aurora Sun Labeija – und gibt Einblicke in ihren persönlichen Werdegang sowie die Herausforderungen der Gesellschaft, der sie sich auch heute noch gegenübersehen …


Kritik:
Der nicht-binäre Filmschaffende Chan Sze-Wei taucht in der Dokumentation The Beauty of Ballroom in eine Kulturszene ein, die einem breiten Publikum vermutlich kein Begriff ist. Zwar begleitet die Erzählung die kürzliche Entstehung der Szene in Südostasien, weltweit ist sie aber wohl eher über 100 Jahre alt. So faszinierend dieser Blick ist, in diese reichhaltige Geschichte taucht der Dokumentarfilm ebenso wenig ein, wie er die verschiedenen Aspekte tatsächlich vorstellt. Sehenswert und interessant ist das dennoch.

Beginnt Chan Sze-Wei, fühlt man sich von dem Gezeigten beinahe erschlagen. Eine bunte Gruppe aus Drag Queens, Homosexuellen, Transpersonen, People of Color und weiblichen Beteiligten tanzt auf einer Bühne oder posiert auf einem Laufsteg. Sie reden von „Müttern“ und „Vätern“, von „Häusern“ und dem Voguing. Es gibt Tanzschulen, Veranstaltungen in Untergrundeinrichtungen, sogenannte Bälle mit verschiedenen Titeln und Punktevergaben. Dabei springt der Dokumentarfilm zwischen Teddy in Malaysia, der vor der Gewalt seines Vaters geflohen war und in der Ballroom-Szene seine Heimat fand, zur Filipina Xyza, die Model werden wollte und nach einer Ablehnung auf Grund ihrer dunklen Hautfarbe ebenfalls in der Szene eine neue Gemeinschaft fand. Zuletzt wird der queere Sun in Thailand vorgestellt, der als Kind einer Thailänderin und eines Norwegers einen Hintergrund besitzt, der ihn in vielerlei Hinsicht in Thailand privilegiert, ihm als Performancekünstler aber auch Vieles gibt, was er aufzuarbeiten versucht.

Sich in dieser Szene zurecht zu finden, ist nicht wirklich einfach und lange Zeit fragt man sich, wann The Beauty of Ballroom beginnt, die Kultur der Ballrooms wirklich auszuloten. Zwar stellt Chan Sze-Wei vor, dass diese Szene in New York begann, als Bewegung der amerikanischen LGBTQ-Szene, in der afro- und lateinamerikanische queere Menschen auf sogenannten „Balls“ in verschiedenen Kategorien miteinander wetteiferten. Ein großer Ball in New York wird sogar besucht, aber wie dies tatsächlich entstanden ist oder welche Ausprägungen die Szene umfasst, wird gar nicht beleuchtet. So muss man sich erschließen, dass es außer Tanz, Modellaufen, Face, Lipsync und Drag weitere Kategorien gibt, in denen die Teilnehmenden der Bälle gegeneinander antreten und auch, was es mit den verschiedenen Häusern auf sich hat, wird nie deutlich. Dass es sich dabei um ein familiäres Netzwerk handelt, in dem sich die Mitglieder jeweils zusammenfinden, angeführt von einer sogenannten Mutter oder einem Vater, wäre eine ebenso wichtige Information, wie eine Vorstellung der Hierarchien innerhalb der Szene. Dass es sich beim Voguing um einen expressiven Tanzstil handelt, der vor einem halben Jahrhundert in der ausgegrenzten homosexuellen Subkultur in Harlem, New York, entstand, mag man sich dabei noch erschließen können, dass dieser aber auch in der Szene genutzt wird, wenn sich die Rivalen in Wettkämpfen duellieren, wird hingegen nicht klar.

Dafür nimmt sich der Dokumentarfilm viel Zeit, vorzustellen, was die Ballroom-Szene für die Teilnehmenden bedeutet, wie sie in den Häusern eine Familie finden, nachdem sie zuhause entweder ausgegrenzt bzw. verstoßen wurden, oder ihnen ihr Umfeld gesagt hat, dass sie so, wie sie sind, nicht hineinpassen würden. Rassismus, Homophobie und Transphobie gehören auch heute noch zum Alltag der LGBTQ-Gemeinschaft und in den Tanzschulen sowie den Häusern finden sie mehr als nur Gleichgesinnte. Sie treffen auf Menschen, die wie sie eine Gemeinschaft suchen, die sie so akzeptiert, wie sie sind und in der sie vor allem sie selbst sein können. Hier liegt die Stärke von The Beauty of Ballroom, zumal nicht nur den drei zentralen Personen Raum gegeben wird, ihren Werdegang vorzustellen, sondern auch ihren „Kindern“, Mitgliedern ihrer Häuser.

Darüber hinaus zeigt Chan Sze-Wei nicht nur Eindrücke der verschiedenen Ballrooms in Südostasien in den vergangen Jahren, sondern auch, wie sehr diese Gemeinschaft während der Corona-Pandemie florierte. Die Pandemie war ein Katalysator mit den Sozialen Medien als Brennstoff. Es ist ein anderer Blick auf eine Zeit in der jüngsten Vergangenheit, die die Menschheit so stark geprägt hat. Wie sich die Kulturszene aber überhaupt organisiert oder gar finanziert, erwähnt The Beauty of Ballroom nicht. Dabei wäre es durchaus interessant zu wissen, wie groß der Zulauf der südostasiatischen Ballroom-Szene ist. Dass diejenige in New York deutlich größer ist, wird zwar deutlich, aber auch hier gäbe es mehr zu sagen, als der Dokumentarfilm preisgibt.

Dieser Eindruck zieht sich durch die insgesamt etwas mehr als eineinhalb Stunden, die zu einem großen Teil aus Bildern der verschiedenen Ballrooms bestehen, die zwar unterschiedliche Arten des Voguing zeigen, ohne aber auch hier verschiedene Stilrichtungen wie den „Old Way“, „New Way“ oder „Vogue Fem“ vorzustellen. Je mehr man sich mit der Szene selbst beschäftigt, umso deutlich wird, wie selektiv der Blick ist, den The Beauty of Ballroom darauf wählt und wie viel davon ausgeblendet wird. Insofern eignet sich das eher für ein Publikum, das bereits wenigstens über rudimentäre Kenntnisse verfügt, als für eines, das einen Einstieg in die Ballroom-Szene sucht.


Fazit:
Auf den ersten Blick wirkt Chan Sze-Weis Dokumentation, wie auch die Szene, die sie porträtiert, geradezu schrill, dabei zeigt sie lediglich eine unvorstellbar bunte Gemeinschaft, die auch nach Jahren noch nach Anerkennung strebt, nach Akzeptanz, sie selbst sein zu dürfen. Ihren Raum haben die Mitglieder stellenweise unter Einsatz ihres Lebens erkämpft und finden in der Community Menschen, die ihren Werdegang teilen oder nachvollziehen können. Insbesondere in Anbetracht dessen, dass offene oder gar staatliche Homophobie in manchen Ländern Queer-Feindlichkeit begünstigt bzw. legitimiert, kann man verstehen, was die Ballroom-Szene für die Teilnehmenden bedeutet und was für einen wichtigen Teil ihres Lebens dies einnimmt. Aber während der Dokumentarfilm diesen persönlichen Aspekt herausstellt, fällt das Porträt der Szene selbst überraschend unvollständig aus. Zwar werden Hintergründe beleuchtet, aber nicht die unterschiedlichen Ausprägungen, Wettkämpfe, Performances oder gar die innere Organisation. Dabei erweckt all das einen immens aufwändigen Eindruck und die auf den ersten Blick beinahe unkoordiniert anmutenden Bewegungen sind doch ein hintersinniger Ausdruckstanz, der eine unvorstellbare Körperbeherrschung erfordert und gleichzeitig politische Aussagekraft besitzt. Als Dokumentarfilm ist The Beauty of Ballroom weniger erschöpfend, als man sich wünschen würde und eignet sich am ehesten für ein Publikum, das bereits grundlegende Erfahrungen der Szene besitzt. Interessant ist es dennoch und für Aufgeschlossene sehenswert, die mit vielen offenen Fragen zurückbleiben, so dass dies vielleicht auch nur ein Sprungbrett ist, sich mit den Ballrooms näher zu beschäftigen.
 

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