|
Kritik von Jens Adrian |
Hinzugefügt am 22. Juli 2026
Originaltitel: The Invite
Laufzeit: 107 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2026
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren
Regie: Olivia Wilde
Musik: Devonté Hynes
Besetzung: Seth Rogen, Olivia Wilde, Penélope Cruz, Edward Norton
Kurzinhalt:
Oscar Wilde hat einmal gesagt, man sollte immer verliebt sein – und deshalb nie heiraten. Musiklehrer Joe (Seth Rogen) spricht das aus der Seele. Unglücklich in seinem Job, nimmt er diese Belastung mit in seine Ehe mit Angela (Olivia Wilde). Auch zuhause ist er stets traurig, weshalb Joe und Angela keine Zärtlichkeiten mehr austauschen, sondern sich nur noch streiten. Um ihrer Tochter willen sind sie noch zusammen und sie kennen sich seit vielen Jahren, aber Leidenschaft oder Liebe gibt es zwischen ihnen nicht mehr. Da stört es Joe umso mehr, dass sie regelmäßig morgens um 4 Uhr vom Liebesspiel der jüngst eingezogenen Nachbarn geweckt werden. Bis auf flüchtige Begegnungen kennen sie Joe (Edward Norton) und Pína (Penélope Cruz) nicht, aber Joe sind sie unsympathisch. Das macht es noch schlimmer, dass Angela die Nachbarn ungefragt zum Abendessen eingeladen hat. Der Abend beginnt überaus verkrampft, zumal Joe die Lärmbelästigung unbedingt ansprechen will. Angela hingegen fühlt sich durch die Nachbarn endlich gesehen und genießt die Aufmerksamkeit wie ihre Anerkennung. Ganz zu schweigen, dass Pínas leidenschaftliche Geräusche in ihr ein Verlangen wecken, das sie in ihrer Ehe längst bereits nicht mehr wiederfindet. Je länger der Abend dauert, umso stärker treten die Probleme in der Ehe von Joe und Angela dabei zutage …
Kritik:
Nicht nur in Anbetracht dessen, dass The Invite ein Remake des spanischen Spielfilms Sentimental [2020] ist, erzählt Filmemacherin Olivia Wilde darin eine Geschichte, die man so ähnlich bereits oft gehört hat. Aber sie tut dies nicht nur mit einer tollen Besetzung und geschliffenen Dialogen, sondern mit einer gelungenen Mischung aus Humor und vor allem zum Ende hin entblätternd ernsten Momenten, sodass die Aussagen spürbar ins Schwarze treffen. Ein prüdes Publikum mag das allerdings als unnötig anzüglich wahrnehmen.
Im Zentrum der kammerspielartigen Erzählung stehen die zwei Paare Joe und Angela sowie Pína und Hawk. Joe unterrichtet in einem Konservatorium Jazzmusik, während seine Frau Angela zuhause bleibt. Ihre Tochter ist über Nacht bei einer Freundin, weswegen Angela die Nachbarn Pína und Hawk zum Abendessen eingeladen hat. Sehr zum Missfallen von Joe, den nicht nur über die lauten Liebesgeräusche seiner Nachbarn mitten in der Nacht stören. Seine eigene Ehe scheint an einem Punkt angekommen, an dem sich Joe und Angela nur noch streiten. Einen solchen Streit haben Pína und Hawk auch gerade überhört, weswegen der Abend überaus holprig startet. Das bessert sich erst, als die Nachbarn Joe und Angela verraten, in welchem Zusammenhang die Liebesgeräusche entstehen. So interessiert Angela und Joe dabei sind, ihr Interesse kann doch nicht aufwiegen, wie groß die Probleme in ihrer eigenen Beziehung sind, die immer stärker zum Vorschein treten.
So detailliert wie offen Pína und Hawk über ihr Liebesleben berichten und so anzüglich manche der Informationen sein mögen, die Joe und Angela freier und offener kommentieren, als man erwarten würde, es ist nur ein Aspekt der Geschichte, der das zugrundeliegende Thema unterstreicht: die Erwartungen, die an Beziehungen gestellt werden. Sei es durch einen selbst, oder durch andere. Nicht nur, weil manche Beziehungsformen als gesellschaftlich verwerflich angesehen werden, sondern weil die Menschen selbst Erwartungen an Beziehungen stellen, die in der Form womöglich gar nicht erfüllbar sind. Joe beispielsweise ist sichtbar unglücklich in seinem Job und bringt diese Emotion mit in seine Beziehung, obwohl er privat abgesichert ist. Noch bevor er seine Frage an Psychiaterin Pína stellt, woran man erkennt, dass eine Ehe an ihrem Ende angekommen ist, hat man darum bereits beobachtet, wie wenig sich die beiden Eheleute zu sagen haben. Joe müht sich mit einem Fahrrad auf dem Weg nach Hause ab – durch das hügelige San Francisco wohlgemerkt – und sackt in der Wohnung mit Rückenschmerzen erst einmal zu Boden. Eine Nachfrage Angelas, wie es ihm geht oder dass sie beide sich gegenseitig fragen würden, wie ihr Tag gewesen ist, gibt es nicht. Es ist beinahe, als würden sie beide die Situation des jeweils anderen kennen und kein Gespräch provozieren wollen, um dessen Verlauf sie ohnehin bereits wissen.
Doch als Angela Joe eröffnet, dass in wenigen Minuten die Nachbarn eintreffen werden, entbrennt aus dem Moment ein Streit, in dem die zugrundeliegenden Verletzungen doch nur angerissen werden. The Invite stellt Joe und Angela als ein Paar vor, das mehr aus der Gewohnheit der gegenseitigen Anwesenheit heraus zusammengehalten wird, als durch die tatsächliche Gesellschaft. Treffen Pína und Hawk ein, tritt Joe derart schroff auf, dass die meisten Gäste vermutlich bereits nach Minuten die Flucht ergreifen würden. Angela hingegen blüht auf, strahlt, als sie insbesondere von Hawk Komplimente für die Wohnungseinrichtung erhält, die einen Großteil ihres Lebensinhalts ausmacht, hat sie doch ihre Leidenschaft, die sie im Kunststudium auslebte, auf Grund des Familienlebens hinten angestellt. Hier erfährt sie eine Aufmerksamkeit und Wertschätzung, die bei Joe ausbleiben, dem zwar auffällt, wenn sie umdekoriert oder sich neue Kleidung kauft, der dies aber meist mit der Frage verbindet, wie teuer der Gegenstand war. So vertraut dieses Ehepaar miteinander ist, das die Beweggründe und Gedanken des jeweils anderen zu kennen scheint, so distanziert sind sie aber gleichzeitig. Tatsächlich gibt es nur ein paar Momente überhaupt, in denen sie einander berühren, an ein liebes Wort ist gar nicht zu denken.
Bei den Eheleuten bleibt so Vieles unausgesprochen, dass Pína und Hawk wie ein Gegenentwurf dazu erscheinen. Sie gehen offen mit ihren Wünschen und Sehnsüchten um, ihrer Sexualität und dem, was sie bedrückt. In mancherlei Hinsicht scheinen Joe und Angela sich nach einer solchen Offenheit zu sehen, darum, endlich aus sich herausgehen zu können, ohne Angst haben zu müssen, jemand anderen zu verletzen. Ist es aber soweit, dass sie es könnten, zögern sie doch und haben Bedenken. Filmemacherin Olivia Wilde gelingen hier feine Beobachtungen des zwischenmenschlichen Zusammenlebens, die stellenweise zotig anmuten, sich aber vor allem im letzten Drittel an den Kern dessen herantasten, was eben dieses Zusammenleben so herausfordernd macht. Eine jede und ein jeder hat eigene Vorstellungen davon, wie das Leben verlaufen soll. Wo man erfolgreich war und wo nicht. Diese unterschiedlichen Vorstellungen mit den anderen Menschen in Einklang zu bringen, ist eine Herausforderung. The Invite verpackt das überaus amüsant, mit viel Wortwitz und einem geradezu improvisiert erscheinenden Stakkato an Dialogen, das stellenweise eine regelrecht packende Dynamik entwickelt. Seth Rogen, Olivia Wilde, Penélope Cruz und Edward Norton finden daran sichtlich Gefallen und sorgen dafür, dass dieser konfliktreiche Abend wie im Flug vergeht. Dabei hätte sicherlich die Möglichkeit bestanden, die dunklen Seiten aller Figuren auszuleuchten. Aber auch so ist das mehr als nur unterhaltsam, es hält dem Publikum gelungen einen Spiegel vor.
Fazit:
Aufgewachsen mit einem Verständnis klassischer, gesellschaftlich akzeptierter Beziehungsformen, sehen sich Joe und Angela der Situation gegenüber, dass ihre eigene Ehe mehr als nur festgefahren ist. Wäre es nicht für ihre Tochter, gäbe es keinen Grund, dass sie zusammenbleiben würden. Pína und Hawk scheinen da eine andere Perspektive zu bieten. Doch es gibt einen Unterschied zwischen Fantasie bzw. Wunsch und dem tatsächlichen Verlangen. Und was ist, wenn die Fantasie doch nur das Symptom bekämpft, statt der Ursache? Der Sex steht insoweit stellvertretend für ein tieferliegendes Problem. Zusammen mit ihrer sichtbar gut aufgelegten und gleichermaßen geforderten Besetzung erzählt Regisseurin Olivia Wilde von Herausforderungen in Beziehungen und vor allem der Erwartungen daran. Das ist inhaltlich nicht wirklich neu, aber spritzig und durchweg unterhaltsam umgesetzt mit einem Auf und Ab der Stimmung an diesem Abend. Vor allem, wenn die ernste Seite der zugrundeliegenden Konflikte ins Zentrum gerückt wird, gewinnt The Invite merklich an Tiefe, während die ersten beiden Drittel trotz der geschliffenen Dialoge durchaus hätten bissiger ausfallen können. Ein Publikum, das selbst in Beziehungen lebt, wird sich darin stellenweise wieder erkennen – da kann man die Botschaft der Dramödie durchaus als Weckruf verstehen, oder sich einfach von der temporeichen Erzählung mitnehmen lassen.


