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Kritik von Jens Adrian |
Hinzugefügt am 7. Oktober 2026
Originaltitel: Sacrifice
Laufzeit: 101 min.
Produktionsland: Großbritannien / Griechenland / Zypern / USA / Frankreich / Italien / Australien
Produktionsjahr: 2026
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren
Regie: Romain Gavras
Musik: GENER8ION
Besetzung: Chris Evans, Anya Taylor-Joy, Vincent Cassel, Salma Hayek, Ambika Mod, Sam Richardson, John Malkovich, Charli XCX, Yung Lean, Jade Croot, Miriam Silverman, Jeremy O. Harris
Kurzinhalt:
Für Joan (Anya Taylor-Joy) sind die Zeichen unübersehbar. Die Welt wird in zwei Tagen enden, wenn ein Vulkan auf einer griechischen Insel ausbrechen und die ganze Welt vernichten wird. Doch ist sie überzeugt, dass das Unheil abgewendet werden kann. Mit ihren Geschwistern und weiteren Mitstreitenden macht sie sich daher schwerbewaffnet zu einer nahegelegenen Insel auf, wo erlesene Prominente eine Klimaschutz-Benefiz-Gala veranstalten, auf der der reichste Mensch der Welt, Ben Bracken (Vincent Cassel), ankündigt, ein Mittel gegen den Klimawandel gefunden zu haben. Das befindet sich auf dem Meeresgrund, weshalb dieser das nächste Ziel der Ressourcen ausbeutenden Industrie sein soll. Brackens Frau Gloria (Salma Hayek), ebenfalls auf der langen Gästeliste, ist aber viel mehr an Schauspieler Mike Tyler (Chris Evans) interessiert, der mit seinem Agenten Oliver (Sam Richardson) angereist ist und hofft, durch seinen Auftritt ein Comeback möglich zu machen, hat er doch zuletzt für schlechte Publicity gesorgt. Doch dann wird die Gala von Joan und ihrem Gefolge unter Waffengewalt gekapert. Sie verkündet den Gästen das Ende der Welt und, dass es drei Opfer braucht, um es abzuwenden. Für Tyler klingt das zunächst absurd und er sieht die Situation eher als Möglichkeit, sich zu profilieren. Aber er spürt eine Verbindung zu Joan, weshalb er beginnt, an seinen Überzeugungen zu zweifeln …
Kritik:
Romain Gavras’ Sacrifice ist, wenn nichts anderes, ein Film, über den man bereits während des Ansehens und auch danach diskutieren kann. Vornehmlich darüber, was die Verantwortlichen, angeführt von einer namhaften Besetzung, damit wohl aussagen wollen. Dass die Erzählung den Einfluss des Menschen auf Mutter Natur aufgreift und ganz wortwörtlich in den Raum stellt, dass dieser sie auch besänftigen könnte, unterstreicht zwar die inhaltliche Aktualität. Dies als Satire zu gestalten, ohne deutlich zu machen, auf welcher Seite diese steht, ist aber mehr als nur gewagt.
Die Erzählung beginnt mit einem brutalen Ritual, das man erst im späteren Verlauf besser einzuordnen vermag. Anschließend macht sich die bewaffnete Gruppe um Joan, die sich als „Hüter des uralten Verlangens der Erde“ bezeichnen, zu einer Klimaschutz-Benefiz-Gala auf einer griechischen Insel auf, zu der Hunderte Prominente geladen sind. Im Zentrum der Gala steht der reichste Mann der Welt, Ben Bracken, der behauptet, mit seiner Firma „Poseidon Alliance“ das Problem des Klimawandels gelöst zu haben, indem am Meeresboden in großem Stil Ressourcen geschürft werden sollen. Dafür wird er von der Prominenz gefeiert, bis auf den vor einem Jahr nach einem medienwirksamen Auftritt in Ungnade gefallenen Schauspieler Mike Tyler, der sich nach einem kürzlichen Besuch bei Mönchen wieder gefangen zu haben glaubt. Er moniert die Anwesenden als verlogen und wird dafür von Joan ausgewählt. Denn ihre Gruppierung, die die Gala zwischenzeitlich gekapert und die Gäste in ihre Gewalt gebracht hat, ist der Überzeugung, dass in zwei Tagen, wenn ein Blutmond aufgeht, der aktive Vulkan auf einer nahegelegenen Insel die ganze Menschheit vernichten wird. Um das zu verhindern, bedarf es drei Opfer. Joans Schwester muss einen König töten, ihr Bruder seine Angebetete und ein Held muss sich selbst opfern – letzteren glaubt Joan, in Mike gefunden zu haben.
Das ist, man kann es nicht anders sagen, doch sehr viel und tatsächlich braucht es relativ lange, ehe sich Sacrifice dem nähert, was die Gruppierung überhaupt möchte. Viel Zeit verwendet Filmemacher Gavras eingangs darauf, Mike vorzustellen, der die Gala mit seinem Agenten besucht und an sich nur darauf aus ist, durch einen gelungenen Auftritt ein Comeback möglich zu machen. Darum versucht er, sich zu profilieren und tut sich – nicht ahnend, dass er in Joan und ihren allesamt jungen Mitstreitenden einer Gruppe Terroristen gegenübersteht – als Klimaschützer hervor, auch wenn ihm das Thema bis kurz vor der Gala an sich nicht ansatzweise so wichtig war, wie sein dünner werdendes Haar. Er ist ein Opportunist, der ohne ein Gefühl für Timing in der Gunst der Öffentlichkeit immer weiter abstürzt, aber in Joan jemanden findet, die an ihn glaubt. Dabei ist sein Timing buchstäblich so schlecht, dass er Joans Ansprache vor der Benefiz-Gala, die Welt würde in zwei Tagen untergehen, sogar verpasst und sich als Star wähnt, als er für „eine besondere Aufgabe“ ausgewählt wird. Während Mike durch sein Auftreten definiert wird, stellt die Satire Joans Hintergrund überwiegend gesammelt in einer Art Rückblick vor, der merklich aufgesetzt scheint. Sie als überzeugte Fanatikerin zu porträtieren, wäre eines, wenn ihre Überzeugungen im Verlauf der Geschichte in Frage gestellt würden, doch das geschieht nur ganz am Ende und so kurz, man könnte es beinahe übersehen.
Die übrigen Beteiligten kommen darüber hinaus nur wenig zur Geltung und finden sich in einem Szenario wieder, das von einer merklichen Überspitzung der gesamten Situation lebt. Sei es der Filmstar, der sich als Feigling entpuppt und stets auf seinen eigenen Vorteil und sein Image bedacht ist, über den Milliardär, der sich selbst als König sieht, dem niemand etwas antun kann, bis hin zu dessen Ehefrau, die sich unverhohlen an Mike heranmacht, während überall Kameras um sie herumschwirren. Oder die Terroristin Joan, die niemand ernst nimmt, weil die High Society ihren Auftritt als Teil einer Performance sieht. Die Gala, die eine Ansammlung von Heuchlern darstellt, ist eine durchaus passende Bühne, treffen sich hier doch die Wohlhabenden, die einen Weg feiern, die Zukunft des Planeten zu retten, der für sie keinerlei Einschränkung ihres klimaschädlichen Lebensstils bedeutet.
Die Frage, die einen aber am Ende beschäftigt, lautet, was soll oder will einem Sacrifice als Satire mit diesem Porträt der Reichen und Schönen auf der einen Seite und den einem unwissenschaftlichen Glauben verfallenen „Ökoterroristen“ auf der anderen Seite sagen? Es ist gar nicht so leicht, dies zu deuten, denn keiner Seite wird die Maske, die sie alle nach außen tragen, heruntergerissen. Stattdessen bedient die Erzählung viele Klischees, ist surreal, satirisch, aber nur selten bissig und lässt ab der Hälfte Figuren wie Salma Hayeks Gloria vollkommen außen vor, nur um neue Charaktere wie den von John Malkovich gespielten Gunnar vorzustellen, dessen Reise aber ebenfalls nicht abschließend begleitet wird. Handwerklich ist das nicht schlecht umgesetzt und wartet mit einem Chris Evans in einer Rolle auf, die auf Grund ihres überzogenen Charakters eher für Nicolas Cage geschrieben scheint. Zusammen mit Anya Taylor-Joy ist er zwar der beste Grund, hier hinzusehen, was man aber zu sehen bekommt, ist am Ende doch ein Rätsel.
Fazit:
Wer sind nun die größeren Heuchler, die Elite, die sich selbst und die Welt belügt und vom Wohle von Mutter Natur spricht, während man sie durch den eigenen Lebensstil zu Grunde richtet, oder Klimaaktivisten, die vom Ende der Welt fantasieren, um zu rechtfertigen, dass sie ausufernd brutal dem Fanatismus verfallen sind? Filmemacher Romain Gavras gibt darauf keine deutliche Antwort, erzählt seine Satire dafür mit Figuren, die sich hier vollkommen überzogen verhalten und wer glaubt, dies könnte surrealer kaum sein, sollte abwarten, bis John Malkovich auftritt. Das liegt nicht an ihm, doch was dann geschieht, ergibt inhaltlich noch weniger Sinn als zuvor. Optisch durchaus gelungen und mit sehenswerten Perspektiven versehen, kommt trotz des buchstäblichen Endzeitszenarios nie eine unausweichliche Dringlichkeit auf, weswegen immer noch Zeit für absurde Dialoge oder mitunter durchaus amüsante Kommentare bleibt. So funktionieren die Bilder in einer Vorschau besser, als in der vorliegenden Zusammenstellung. Man hat den Eindruck, als wären sowohl das Drehbuch als auch die handwerkliche Umsetzung ein paar Überarbeitungen davon entfernt, die Geschichte und die Figuren vollends zur Geltung zu bringen. Sacrifice ist in seinen Aussagen nicht subtil, sondern nutzt dafür ein Megaphon und ist um eine Botschaft nicht verlegen, ob man die nun verstehen mag, oder nicht. Vielleicht kann man das Ende am ehesten so deuten, dass im Angesicht der Verantwortung für das große Ganze eine Läuterung doch möglich ist. Es ist besser als die Alternative – sich einzugestehen, dass die konvolutartige Story, trotz der anerkennenswerten, eigenwilligen Umsetzung, ein großer Murks ist.


