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Kritik von Jens Adrian |
Hinzugefügt am 19. September 2026
Laufzeit: 105 min.
Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 2026
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren
Regie: Fatih Akin
Musik: Malakoff Kowalski
Besetzung: Eren M. Güvercin, Mariam Dawoud, Anna Bederke, Lama Alhalabi, Carlotta von Falkenhayn, Gabriel-Winner Amorin, Mohamed Achour, David Schütter
Kurzinhalt:
Auch wenn sie sich gerade erst begegnet sind, für die beiden Abiturienten Faris (Eren M. Güvercin) und Farah (Mariam Dawoud) ist klar, dass sie für einander bestimmt sind. Doch als Faris Farah, ihre Freundin Una (Carlotta von Falkenhayn) und seinen Freund Max (Gabriel-Winner Amorin) von der Feier zum mündlichen Abitur nach Hause fährt, kommt es zu einem Unfall. Im Krankenhaus kann sich Faris zuerst nicht erinnern, was geschehen ist, doch als er erfährt, dass Farah den Unfall nicht überlebt hat, ist er am Boden zerstört. Aber Farah ist nicht fort, ihr Geist ist immer noch auf der Erde und kann den Menschen in ihren Träumen erscheinen. So können sie und Faris sich nahe sein. Nur so kann Faris seine Trauer nicht überwinden und trifft schließlich eine folgenschwere Entscheidung …
Kritik:
Fatih Akins Fantasy-Liebesdrama Geister erzählt von einem jungen Paar, das durch den Tod getrennt wird, kaum dass es zueinander findet. Da ihre Liebe aber über den Tod hinaus wirkt, lässt den Zurückgeblieben die Trauer nicht los. Das klingt tragisch und ist sicher gut beabsichtigt. Aber es mangelt an greifbaren Darbietungen ebenso, wie an lebensnahe Dialogen, so dass der einzig rundum gelungene Moment wirkungslos verpufft. Schade ist das um die Talente und das Potential.
Die Geschichte beginnt mit einer Abiturfeier, auf der sich Farah und Faris kennenlernen. Vor nicht allzu langer Zeit hat Farah ihren Vater verloren und zusammen mit ihren Schwestern und ihrer Mutter getrauert. Nun liegt das Leben der angehenden Medizinstudentin vor ihr und mit Faris entwickelt sie sofort eine Verbindung. Doch auf dem Nachhauseweg, als Faris nicht nur Farah, sondern auch ihre beste Freundin und seinen besten Freund mitnehmen will, kommt es zu einem folgenschweren Autounfall, bei dem Farah ums Leben kommt. Faris kann es kaum begreifen und träumt fortan von der Liebe seines Lebens. Doch es sind nicht nur Träume, Farahs Geist kann ihm für eine begrenzte Zeit nach dem Tod erscheinen. Anfangs ist für beide klar, dass Faris so schnell wie möglich zu ihr kommen muss, doch wenn Faris je wieder glücklich werden soll, muss Farah ihn los- und sein Leben leben lassen. Es ist eine Erkenntnis, von der Faris weit entfernt ist und so die Menschen in seinem Leben ebenfalls ins Unglück zu stürzen droht.
Die Geschichte klingt, als würde Fatih Akin in Geister nicht nur von einer Liebe erzählen, die den Tod überdauert und den Schleier zwischen dieser Welt und der nächsten durchbricht, sondern auch über Trauer und Schuld. Immerhin hat Faris den Autounfall verursacht, was das Drama lediglich einmal kurz aufgreift, aber nicht weiterverfolgt. Stattdessen nimmt sich das Drehbuch, an dem Akin ebenfalls mitschrieb, viel Zeit, Begegnungen von Faris und Farah in seinen Träumen zu beschreiben. Nach und nach werden zudem Details zum Unfallgeschehen bekannt und im weiteren Verlauf stellt sich Faris Farahs Familie vor. Bei alledem bleibt Eren M. Güvercins Faris derart entrückt und hölzern, dass nicht nur nie deutlich wird, wie groß seine Liebe für Farah war, sondern wann sein Gefühlsleben kippt. Sein Gesichtsausdruck ist schlicht immer derselbe, ob er sich mit ihr auf der Abiturfeier unterhält, ihr in seinen Träumen nah ist, oder Vorbereitungen trifft, ihr nach dem Tod wieder nah sein zu können. An ihm als Figur hängt die Geschichte mehr noch, als an Farah und mit dieser Darbietung geht sie bedauerlicherweise buchstäblich unter. Das liegt nicht daran, dass Güvercin nicht anders könnte, immerhin gibt es einen Moment kurz vor Schluss, in dem ihn seine Gefühle in einem Telefonat überrollen. Doch dies kommt viel zu spät, wenn man zuvor eineinhalb Stunden gestellt klingenden, melodramatischen Dialogen beigewohnt und sich von getragenen Klängen hat einbalsamieren lassen. Wenn da Faris’ Mutter zu ihrem Sohn sagt, „Bitte verzeih mir“, ist das noch geradezu harmlos und vielleicht eine ganz normale Unterhaltung in einer Hamburger Familie.
Dabei gibt es Elemente, die überaus gelungen sind. Angefangen von der Optik selbst, die mit tollen Bildern aufwartet, deren Farbgebung nicht zufällig gewählt ist. Vieles hiervon ist eindringlich wie malerisch, wenn auch in den dramatischen Augenblick merklich auf- und mit Zeitlupen durchsetzt. Ebenso sind die kulturellen Einblicke wie beispielsweise in die islamische Totenwaschung und Beisetzung interessant. In dieser Hinsicht entfaltet Geister eine greifbare Authentizität, die der Liebesgeschichte und dem Trauerdrama vollkommen fehlt. Bereits bei der ersten Begegnung der beiden Abiturienten hat man das Gefühl, dass die Dialoge zwischen ihnen einstudiert klingen. Farahs Aufrufe an die Menschen in ihrem Leben nach ihrem Tod sind zwar von Mariam Dawoud gelungen verkörpert, aber sie verleihen ihren stellenweise gar wie ein Flehen klingenden Dialogzeilen eine derart übertriebene Dramatik, dass der Geschichte jeglicher Facettenreichtum und Nuancen zu fehlen scheinen.
Trauer ist hochgradig individuell und aktiviert im Körper sogar das physische Schmerzzentrum. Geister könnte insoweit Faris dabei begleiten, wie er diese Phase der Trauer überwindet. Doch die Geschichte springt immer wieder einige Tage oder Wochen weiter und lässt den jungen Mann in seinem kaum begreiflichen Verlust ebenso allein, wie Farahs Familie, der das Drama ebenfalls nur wenig Zeit einräumt. Stattdessen gibt es chice Großstadtbilder zu sehen, Sonnenuntergänge und Feuerwerk, Perspektiven, die mit ihren Aussagen die gesamt Leinwand einnehmen. Das ist handwerklich tadellos, aber da man zu keinem Moment eine Beziehung zu den Figuren aufbauen kann, nie mitreißend oder tatsächlich tragisch. Die Erzählung erinnert an Johann Wolfgang Goethes Die Leiden des jungen Werthers [1774], nur dass Faris hier von der Liebe seines Lebens durch den Tod getrennt ist. Weder verbergen sich hier hörenswerte, neue Einblicke hinsichtlich der Trauerbewältigung des Protagonisten, noch wird die Selbstsucht als zerstörerisches Merkmal der Liebe tatsächlich demaskiert. Schade.
Fazit:
Sieht man, wie gemächlich und mit Pausen versehen Filmemacher Fatih Akin sein leicht fantasylastig angehauchtes Liebesdrama erzählt, kann man nur vermuten, dass er der Geschichte eine überlebensgroße Tragik zuschreibt. Tatsächlich jedoch gelingt es ihm weder, die Liebesgeschichte so greifbar zum Leben zu erwecken, dass man verstehen würde, was Faris und Farah in einander gesehen und entsprechend verloren haben, noch was überhaupt in Faris vorgeht. Man könnte es noch verstehen, würde er sich Vorwürfe über Farahs Tod machen, doch über diesen Aspekt geht die Erzählung so schnell hinweg, als würde er gar nicht existieren. Dafür wird eine vollkommen ausdruckslose Figur mit eingefrorener Mimik ins Zentrum gerückt, die selbst dann nicht an Tiefe gewinnt, wenn man über sie oder Farah mehr erfährt. Eine Aufarbeitung von Trauer und Schuld findet ebenfalls nicht statt und die Figuren verhalten, bewegen sich und agieren so fernab von der Realität, dass man stellenweise nur ungläubig zusehen kann. Geister funktioniert weder als tragischer Liebesfilm, noch als ergreifendes Trauerdrama. Selbst die überzeichnete Melodramatik lässt einen vollkommen kalt. Chic in Szene gesetzt, ist das leider eine Enttäuschung in jeglicher Hinsicht.


