Das Ding mit Federn [2025]

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6–8 Minuten
Wertung: 3.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 1. Oktober 2026
Genre: Drama / Fantasy / Horror

Originaltitel: The Thing with Feathers
Laufzeit: 98 min.
Produktionsland: Großbritannien
Produktionsjahr: 2025
FSK-Freigabe: ab 16 Jahren

Regie: Dylan Southern
Musik: Zebedee Budworth
Besetzung: Benedict Cumberbatch, Richard Boxall, Henry Boxall, Eric Lampaert, David Thewlis (Stimme), Vinette Robinson, Sam Spruell, Leo Bill, Tim Plester, Claire Cartwright


Kurzinhalt:

Der Vater (Benedict Cumberbatch) und seine zwei Söhne (Richard Boxall, Henry Boxall) stehen nach dem plötzlichen Tod der Ehefrau und Mutter unter Schock. An einen Alltag ist kaum zu denken und doch müssen sie irgendwie Ordnung in das Chaos bringen. Den Kindern fällt auf, wie wütend ihr Vater ist und wie sehr er sich nach und nach verändert. Der versucht, sich mit seiner Arbeit als Zeichner abzulenken. Hilfsangebote lehnt er ab, bis eines Nachts eine überlebensgroße Krähe (Eric Lampaert / David Thewlis) in menschlicher Gestalt in seinem Haus steht, die behauptet, sie werde erst wieder gehen, wenn sie nicht mehr gebraucht werde. Glaubt der Vater zuerst, er würde sich die Gestalt nur einbilden, hört er ihre Stimme und sieht sie in allen möglichen Situationen, als wäre sie ein Teil von ihm geworden …


Kritik:
In seiner Adaption der Novelle Trauer ist das Ding mit Federn [2015] von Max Porter erzählt Filmemacher Dylan Southern von einem Vater, der nach dem plötzlichen Tod seiner Frau mit den zwei Söhnen versucht, einen Weg zurück in ein normales Leben zu finden. Alle drei sehen eine überlebensgroße Krähe, die sich im Haus einquartiert hat und behauptet, erst dann zu gehen, wenn sie sie nicht mehr brauchen. Voller Symbolik führt das Drama Das Ding mit Federn zu Abgründen, die ein Verlust verursachen kann. Das ist preiswürdig gespielt, wird aber auf Grund der Präsentation nur ein spezielles Publikum ansprechen.

Unterteilt in verschiedene Kapitel, die teilweise wieder zur Zeit des Beginns zurückführen, handelt die Geschichte von einem Vater und seinen zwei Söhnen, deren Namen nie ausgesprochen werden. Wenn man sie zum ersten Mal sieht, sitzen bzw. liegen sie im Wohnzimmer, fein gekleidet. Die Trauerfeier muss gerade erst zu Ende gegangen sein. Obwohl man dem Vater ansieht, wie viel Überwindung es ihn kostet, die Fassung vor seinen Söhnen zu bewahren, wenn niemand zusieht, brechen die Emotionen aus ihm heraus. Als Zeichner bereitet er ein Comic vor und sieht man sein Arbeitszimmer, ist auf den Tuschezeichnungen immer wieder eine Krähe zu sehen. Ein Anruf auf dem Anrufbeantworter verheißt etwas Unheilvolles und wenig später hört der Vater nachts Geräusche im Haus. Dann sieht er sich urplötzlich einer überlebensgroßen, aufrecht gehenden Krähe gegenüber, die behauptet, bei ihnen im Haus zu bleiben. Auch seine Kinder sehen das Wesen, das immer und überall zu ihm zu sprechen scheint. Es vergehen Wochen, in denen sich der Vater immer mehr zurückzieht und von einer Dunkelheit umgeben wird, die ihn zu verschlingen droht.

Steht der Vater zum ersten Mal dieser seltsamen Gestalt gegenüber, die groß ist wie ein Mensch, dünne Beine und einen langen Kopf samt Schnabel hat, dann weiß man nicht richtig, ob sie nun böse ist, oder nicht. Die Krähe nimmt eine Stellung ein, die sich ändert, je nachdem, in welcher Stimmung sich der Vater selbst befindet. Zwar scheinen die Kinder das Wesen auch zu sehen, ob es wirklich da ist, muss das Publikum allerdings für sich entscheiden. Wofür die Krähe steht, verrät aber bereits der Titel der Vorlage. Es ist die Trauer, die sich in das Haus einnistet, ohne eingeladen worden zu sein. Das Ding mit Federn gibt dieser Trauer eine körperliche Form und stellt sie als etwas dar, das dem trauernden Familienvater mitunter etwas gibt, den Alltag zu bewältigen, wenn die Krähe sich um die die Söhne zu kümmern scheint, oder ihn verhöhnt, wenn er sich abends betrinkt und behauptet, er könne sich nicht um den Alltag kümmern. Mit dem ist er anfangs sichtlich überfordert, was seine Söhne spüren. Der Haushalt ist nicht organisiert, es herrscht eine Unordnung, die auch das Bemühen des Vaters, den Kindern eine gewisse Normalität zu bieten, indem er ihnen Gute-Nacht-Geschichten vorliest, nicht überdecken kann. Dabei bieten ihnen Menschen aus ihrem Umfeld an, zu helfen, angefangen vom Bruder des Vaters über Arbeitskollegen und ihnen vollkommen fremde Menschen, die von dem Verlust erfahren haben.

Aber wie soll man Hilfe annehmen, wenn man sich bislang zur Bewältigung des Alltags auf einen anderen Menschen verlassen hat, der nun urplötzlich nicht mehr da ist? Das Ding mit Federn gibt zwar kaum Einblicke in das Familienleben vor der Tragödie, sieht man aber, wie schnell der Vater inzwischen gereizt reagiert und hört die Kinder erzählen, dass ihr Vater leiser und wütender wurde, dann kann man erahnen, dass er sich seit dem Tod seiner Frau stark verändert hat. Die Krähe ist mehr als nur sein Begleiter, sie ist ein Teil von ihm geworden. Dabei ist Trauer von sich aus nicht gut oder schlecht. Sie ist ein notwendiger Prozess, um einen Verlust verarbeiten zu können. Aus dem Grund ist die Krähe selbst nicht unbedingt böse, sondern kann auch wohlwollend sein. Was geschieht, wenn man die Trauer aber nicht als solchen Wegbegleiter versteht, sondern sie zum Teil der eigenen Persönlichkeit wird, lotet die Erzählung im letzten Drittel aus, das nochmals düsterer gerät, als diejenigen davor. Dann droht die Schwermut, den Vater von innen heraus aufzufressen, was ihn an noch dunklere Orte bringt.

Die Bilder, die Das Ding mit Federn hierfür findet, sind durchaus gelungen und auch die Krähe als Symbol der Trauer ist ein gelungenes Symbol. Doch die Art, wie Regisseur Dylan Southern die Geschichte erzählt, ist nur schwer zugänglich. Zum einen wirkt die Krähe mit ihren vulgären Kommentaren aus dem Off stellenweise, als sollte dies lustig klingen, während sie aber in einigen Momenten doch die vierte Wand durchbricht und sich direkt an das Publikum richtet. Dass sie zu sehen und zu hören ist, auch wenn sich ihr Schnabel nicht bewegt, lässt sie in einem Schwebezustand zwischen präsent und Einbildung erscheinen, der dem Drama ebenfalls nicht guttut. Hinzu kommt, dass die Inszenierung selbst kaum über das Niveau einer Fernsehproduktion hinauswächst, auch wenn es einen Aspekt gibt, der besser kaum sein könnte: Benedict Cumberbatch. In der Rolle des trauernden Vaters zeigt er eine derart packende Darbietung, die unbeschreibliche Tiefen und größtmögliche Verzweiflung auslotet, dass es einen unversehens mitnimmt. Er veredelt eine Geschichte, die sich weniger auf den langsamen Abstieg der Hauptfigur von der Trauer zur Depression oder der Verzweiflung im alltäglichen Kontext konzentriert, sondern auf Szenen mit der Krähe, die zwar mitunter regelrecht beängstigend sind, aber die charakterliche Entwicklung doch kaum voranbringen.


Fazit:
Wie soll man mit dem Verlust eines Menschen umgehen, der der Mittelpunkt der eigenen Welt war? Was den Vater in eine unbegreifliche Krise stürzt, bedeutet für seine Söhne, dass sie in gewisser Hinsicht beide Elternteile verloren haben, denn auch ihr Vater ist nicht mehr der, der er zuvor war. Seine eigene Persönlichkeit tritt immer mehr in den Hintergrund, ersetzt durch eine Trauer, die physische Formen annimmt. Trauer ist es etwas hochindividuelles. Manche wollen über den verstorbenen Menschen sprechen, um die Erinnerung lebendig zu halten, andere wollen dies nicht, vielleicht aus Angst, die Erinnerung könnte entweichen, wenn sie ausgesprochen wird. Filmemacher Dylan Southern findet in seinem Drama viele treffende Beobachtungen nebst Sinnbildern und zeigt die Trauer als etwas, das die Menschen schützen kann vor dem noch viel Schlimmeren, was sonst von ihnen Besitz ergreift. Getragen von einer preiswürdigen Darbietung von Benedict Cumberbatch, der dieser Rolle alles gibt, was er geben kann, nähert sich Das Ding mit Federn einem schweren Thema in einer atmosphärischen Umsetzung auf eine ungewöhnliche Art und Weise. Düster und dunkel, wird sich aber daran entscheiden, ob dies gelungen ist, welche Erfahrungen das Publikum selbst mit Trauer gemacht hat. Die Figur der Krähe wirkt hier oftmals aufgesetzt um Provokation bemüht und wie die Figuren die Verzweiflung zu überwinden versuchen, kommt merklich kurz. So tritt die Erzählung lange auf der Stelle und geht zum Ende hin zu schnell über den dunkelsten Teil des Prozesses hinweg. Das ist schade, aber mutig in der Herangehensweise und für die Darstellung des Vaters sehenswert.
 

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