|
Kritik von Jens Adrian |
Hinzugefügt am 25. Mai 2026
Originaltitel: Future Council
Laufzeit: 81 min.
Produktionsland: Niederlande / Australien
Produktionsjahr: 2024
FSK-Freigabe: ab 0 Jahren
Regie: Damon Gameau
Musik: Sergio Escoda de Groot, Jesse Koch, Niels van der Wielen, Roby Rodgers, Ivo Janssen, MassiveMusic
Personen: Damon Gameau, Karla Alberg, Clemence „CC“ Currie, Hiva Tuki Grube, Aurvi Jain, Joaquin Minana, Skye Neville, Ruby Rodgers, Joseph Wijaya, Clover Hogan
Hintergrund:
Filmemacher Damon Gameau lädt acht engagierte Kinder und Jugendliche aus der ganzen Welt ein, mit ihm in einem gelben Schulbus – dem „Hummelbus“ – quer durch Europa zu reisen. Ihre Ziele sind zum einen zukunftsweisende, klimaschützende Projekte, die Mut machen können, dass die größte Herausforderung der Menschheit noch zu bewältigen ist. Zum anderen werden sie in die Zentralen des größten Lebensmittelkonzerns der Welt und einer einflussreichen Bank eingeladen. Die Kinder, die einen „Zukunftsrat“ formen, konfrontieren dort die CEOs mit ihren Sorgen und Ängsten betreffend ihre Zukunft und wie die Entscheidungsträger von heute unser aller Welt hinterlassen wollen. Es ist ein Austausch über Generationen hinweg und eine Übertragung des Protests von der Straße direkt in einen Dialog im Konferenzraum …
Kritik:
Insbesondere in Anbetracht der vielen Krisen dieser Welt ist es keine Überraschung, dass sich viele Menschen hilf- und ratlos fühlen. Aber wenn es Erwachsenen so ergeht, die dafür sorgen können, dass ihre Stimmen gehört werden, wie muss es erst Kindern ergehen, deren Interessen so gut wie nirgendwo vertreten werden? Filmemacher Damon Gameau lädt in Future Council – Komm an Bord acht engagierte Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 11 und 13 Jahren auf einen Road Trip durch Europa ein. Dabei werden ihnen nicht nur zukunftsweisende Projekte gezeigt, sie erhalten auch die Möglichkeit, die Verantwortlichen der großer Konzerne, die für eine verheerende Umweltverschmutzung mit verantwortlich zeichnen oder aber zukunftsfeindliche Investitionen tätigen, zur Rede zu stellen. Es ist ein Austausch über Altersgrenzen hinweg, der Hoffnung macht.
Für die meisten Erwachsenen ist es eine Selbstverständlichkeit, Kindern eine unbeschwerte Kindheit zu ermöglichen. Der Ernst des Lebens, so die alte Weisheit, wird ihnen früh genug begegnen. Doch entspricht dies heute kaum mehr noch der Realität. In einer Zeit, in der Informationen stets und überall verfügbar sind, in der sich die Gesellschaft austauschen und vernetzen kann, ist den meisten Kindern die prekäre Lage unserer Welt mehr als bewusst. Am offensichtlichsten wurde dies in der jüngsten Vergangenheit in Form der weltweiten Klimabewegung Fridays for Future, die wöchentlich Millionen junger Menschen mobilisierte, ehe die Corona-Pandemie das Momentum der Bewegung so stark einbremste, dass ihr Anliegen von immer neuen Krisenherden verdrängt wurde. Dabei ist die Klimakrise weiterhin eines der drängendsten Probleme unserer Zeit, wenn nicht gar das wichtigste. Viele Kinder sind sich dessen bewusst. Was sie über dieses Wissen hinaus vereint, ist ein Gefühl der Machtlosigkeit, dass ihre Interessen von denjenigen, die die Entscheidungen treffen, nicht erstgenommen werden.
Regisseur Damon Gameau (Voll verzuckert – That Sugar Film [2014]) schickt sich in Future Council an, diesen Kindern nicht nur eine Stimme zu geben, sondern sie mit den Entscheidungsträgern zusammen zu bringen. Dafür hat er aus über 1.000 Bewerbungen acht Kinder von überall auf der Welt ausgewählt, mit ihm im sogenannten „Hummelbus“ bei einer Reise durch Europa nicht nur Projekte zu besuchen, die Mut machen im Hinblick auf eine klimagerechte Zukunft, sondern auch in Konferenzräumen diejenigen zu treffen, die mit ihren Entscheidungen die Welt von heute prägen und diejenige von morgen beeinflussen. Zusätzlich lässt er die jungen Klimaaktivisten und -aktivistinnen zu Wort kommen und erklären, was ihnen selbst am Herzen liegt. Durch ihre unterschiedliche Herkunft verfügen sie über einen ganz verschiedenen Erfahrungsschatz und Interessen. Einer der Teilnehmenden interessiert sich für Vögel, eine andere für die Flora und Fauna im Meer, wo sie aufgewachsen ist. Wieder eine andere wurde auf die Problematik mit Fast Fashion aufmerksam und die immense Verschwendung, die zu Müllbergen an billig produzierter Kleidung führt, während sich wieder eine andere Teilnehmerin im Bereich der Plastikverschmutzung engagiert und sogar auf ihren Brief betreffend die Teilnahme an dieser Dokumentation eine Antwort des legendären Naturforschers und Dokumentarfilmers Sir David Attenborough erhalten hat.
Manche der Kinder haben Projekte in ihrer Heimat gestartet, andere engagieren sich anderweitig. Sie alle vereint, dass sie Angst haben um diese Welt und die Zukunft, die die Erwachsenen ihnen hinterlassen werden. Sie sind sich auch des Drucks bewusst, der auf der Jugend lastet und verfügen über ein Bewusstsein der Klimakrise und der Probleme auf der Welt, die sie verstärken. Filmemacher Gameau gibt ihnen hier Raum, von ihren Sorgen zu erzählen und bietet ihnen die Möglichkeit, sich unmittelbar mit Entscheidungsträgern auszutauschen. Nur, wie werden sie reagieren, wenn sie von den Kindern zur Rede gestellt werden und wie reagieren die Kinder auf deren Erklärungen ihrer Handlungen? Sei es bei Nestlé in der Schweiz, wo die Kinder Fragen zur Verwendung von Plastik stellen, oder bei der ING Bank, wo sich der CEO in Anbetracht der Investitionen der Bank in klimaschädliche Projekte hinterfragen lassen muss, es sind Begegnungen, die nachwirken. Nicht allein, weil die Kinder in der Lage sind, den Erwachsenen zuzuhören und auf ihre Argumente einzugehen, sondern weil sie ihrerseits Fragen stellen, die man in den meisten Interviews von Erwachsenen nicht zu hören bekommt. Sie fragen eben nicht, was unter Berücksichtigung der Interessen der Anteilseigner getan werden kann, um ohne eine Gefährdung der Dividende und mit minimalem Aufwand etwas zu unternehmen, sondern bringen vor, was getan werden muss, um diesen Planeten auch für die kommenden Generationen als lebenswert zu erhalten. Es ist ein Konzept, von dem sich viele Erwachsene entweder nicht angesprochen zu fühlen scheinen, oder insbesondere der reichste Teil der Gesellschaft bereits verabschiedet hat.
Dabei geht es Future Council nicht darum, die unterschiedlichen Ansichten einander lediglich gegenüber zu stellen, sondern Möglichkeiten aufzuzeigen, wie die Interessen künftiger Generationen bei heutigen Entscheidungen mit berücksichtigt werden können. Hier kommt der Titel gebende „Zukunftsrat“ ins Spiel und zu sehen, wie nicht nur ein Austausch zwischen der Führungsebene dieser Firmen und den Kindern stattfindet, sondern beide hiervon profitieren, ist ungemein ermutigend. Man mag sich in Anbetracht der Vielzahl und der unvorstellbaren Größe der Herausforderungen, mit denen unsere Gesellschaft konfrontiert ist, mehr wünschen und eine klarere Antwort auf viele Zukunftsfragen. Regisseur Damon Gameau zeigt jedoch, dass es möglich und sinnvoll ist, die Zukunft mit denjenigen zu gestalten, die sie auch erleben werden. Das ist wichtig sowie wertvoll und sollte Mut machen, selbst aktiv zu werden.
Fazit:
Jede und jeder Erwachsene sollte vor Scham im Boden versinken, wenn man hier sieht, wie Kinder und Jugendliche angesichts der katastrophalen Aussichten für unsere Welt und der alarmierenden Klimakatastrophe in Tränen ausbrechen. Nicht, weil man es ihnen bildlich vor Augen geführt hätte, sondern weil es sie selbst derart beschäftigt. Wie Regisseur Damon Gameau treffend feststellt, nimmt man den Kindern nicht nur ihre Zukunft, die Tatsache, dass die Erwachsenen nicht handeln, nimmt den Kindern nun ebenfalls noch die Unbeschwertheit ihrer Kindheit. Zu Recht verlangen sie, dass ihre Stimmen gehört und sie an Entscheidungen, die die Zukunft betreffen, beteiligt werden. Glücklicherweise endet die Dokumentation nicht auf einer solch deprimierenden Note, sondern zeigt auf, wie man Kinder an solchen Entscheidungen teilhaben lassen kann. Der Zukunftsrat ist dabei mehr als eine bloße Idee, es ist ein Instrument, dessen Wirksamkeit hier aufgezeigt wird. Dabei muss neben einer Konfrontation unterschiedlicher Interessen auch eine Zusammenarbeit möglich sein und zu sehen, wie die Kinder des Zukunftsrats Einfluss nehmen können, welche Ideen sie einbringen und wie sie sich auch über das Internet organisieren, ist so unumwunden positiv und inspirierend, man kann es gar nicht genügend unterstreichen. Zwar wünscht man sich dennoch, dass der Dokumentarfilm stärker auf die zukunftsorientierten Projekte eingehen könnte oder mehr Firmen vorgestellt werden, die mit dem Zukunftsrat zusammenarbeiten wollen. Aber nicht erst der Appell am Ende ist ein Aufruf, aus dem Teufelskreis der Verzweiflung und der negativen Gedanken auszubrechen, und aktiv zu werden. Future Council ist für junge Zuschauerinnen und Zuschauer ein Plädoyer, sich zu beteiligen und beweist, dass dies auch in den Entscheidungsebenen möglich ist. Gleichzeitig ist es ein Aufruf zur Generationengerechtigkeit. Wichtig und inspirierend, nicht nur für ein junges Publikum.


