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Kritik von Jens Adrian |
Hinzugefügt am 23. Mai 2026
Laufzeit: 98 min.
Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 2025
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren
Regie: Marcus H. Rosenmüller
Musik: Gerd Baumann
Besetzung: Hape Kerkeling, Christoph Maria Herbst, Fahri Yardım, Anja Knauer, Friedrich Mücke, Milan Peschel, Gaby Dohm, Katrin Röver, Patrick Joswig, Malene Becker, Andreas Windhuis, Rona Regjepi, Marlene Markt
Kurzinhalt:
Im Grunde ist es bei der Jahreshauptversammlung des Tennisclubs Lengenheide e.V. immer dasselbe. Heribert Bräsemann (Hape Kerkeling) wurde für das 25. Jahr seiner Vereinspräsidentschaft einstimmig wiedergewählt, der Neubau des Vereinsgebäudes wurde einstimmig beschlossen und auch sonst gibt es keine abweichenden Meinungen zu irgendeinem Tagesordnungspunkt – wie immer eben. Bis Heriberts Vertreter Matthias (Friedrich Mücke) auf den letzten Punkt der Tagesordnung hinweist: es soll ein neuer Grill beschafft werden. Der ist sogar schon ausgesucht, bis die erfolgreiche Doppelspielerin Melanie (Anja Knauer) darauf hinweist, dass ihr Tennis-Partner Erol (Fahri Yardım) als Moslem von keinem Grill essen kann, auf dem Schweinefleisch gebraten wurde. Sie wäre dafür, einen zusätzlichen Grill für ihn zu beschaffen. Torsten (Christoph Maria Herbst), Melanies Ehemann, ist wie das ein oder andere Vereinsmitglied ebenfalls dafür, aber nicht nur Matthias stößt es auf, dass hier eine „Extrawurst“ gebraten werden soll. So führt die gut gemeinte Idee zu einer Konfrontation bei der Versammlung, die am Ende den ganzen Verein zu zerreißen droht …
Kritik:
Basierend auf dem gleichnamigen Stück von Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob rollt Filmemacher Marcus H. Rosenmüller (Beckenrand Sheriff [2021]) in Extrawurst die großen, polarisierenden Themen unserer Gesellschaft vor dem Hintergrund einer zunehmend aus dem Ruder laufenden Mitgliederversammlung eines provinziellen Tennisclubs auf. Dabei bekommen am Ende alle Beteiligten ihr Fett weg, auch diejenigen, die stets um politische Korrektheit bemüht sind. Am Ende fehlt zwar ein wenig der Biss, doch hält das dem Publikum gelungen den Spiegel vor.
Sieht man sich an, wie wildfremde Menschen miteinander auf der Straße umgehen, kann man nicht anders, als zu dem Schluss kommen, dass der zwischenmenschliche Umgang immer mehr verroht. Einzig beim Tennisclub in Lengenheide ist die Welt noch in Ordnung. Das Vereinsmotto lautet „Im Frieden und im Krieg behält die Einigkeit den Sieg“. Seit über 70 Jahren existiert der kleine Verein bereits und gerade eben ist Heribert Bräsemann für das 25. Jahr seiner Vereinspräsidentschaft wiedergewählt worden. Alle Beschlüsse werden von den Mitglieder bei der Jahreshauptversammlung einstimmig getragen. Dass bei der Vergabe des Bauauftrags des neuen Vereinsheims oder anderer Beschaffungen Vetternwirtschaft eine große Rolle spielt, ist deshalb kein Thema, da man sich auf dem Dorf eben kennt. Der siebte und letzte Punkt auf der Tagesordnung ist an sich nur eine Formalie: es soll ein neuer Grill beschafft werden, den der Vizepräsident Matthias bereits ausgesucht hat. Doch dann wirft die vor einigen Jahren aus Berlin zugezogene Melanie ein, was mit ihrem Tennis-Partner Erol sei, der als Moslem kein Fleisch von einem Grill essen kann, auf dem auch Schweinefleisch gebraten wird. Melanies Ehemann Torsten pflichtet ihr bei, doch über den Grill und die vermeintliche Extrawurst, die für das einzige Vereinsmitglied mit türkischen Wurzeln gebraten werden soll, entbrennt ein Streit der den Verein in seinen Grundfesten erschüttert.
Die Ausgangslage klingt hauptsächlich deshalb absurd, da Erol gar keinen eigenen Grill haben möchte und das Thema auch nicht aufgeworfen hat. Doch im Verlauf der Diskussion, für die sich Heribert, Erol, Torsten, Melanie und Matthias in die Tennishalle absetzen, während die übrigen Vereinsmitglieder im Versammlungsraum warten, kommen nicht nur unterschiedliche Auffassungen der Beteiligten zum Vorschein, sondern werden Vorurteile ausgesprochen, zugedichtet, hineininterpretiert oder unbedacht eingestreut, dass sich die Lage immer weiter zuspitzt. Eben weil diese kleine Gruppe von nur fünf Personen unterschiedliche Facetten unserer Gesellschaft so gut wiedergibt, übersieht man lange Zeit, dass die gesamte Situation auch die aktuelle politische Wirklichkeit widerspiegelt. Nicht nur, dass sich die fünf absetzen, um im Stillen eine Lösung für die Zukunft des Vereins zu suchen, die übrigen Vereinsmitglieder werden bei den Diskussionen außen vorgelassen. Als dann immer wieder Bruchstücke aus der Diskussionsrunde die übrigen Mitglieder erreichen, bricht bei diesen die bis dahin bestehende Ordnung ebenfalls auseinander, so dass sie sich gegeneinander wenden. So wie eine Gesellschaft Stück für Stück auseinanderbricht, wenn die politische Führung gegen statt miteinander Kompromisse für die gesamte Gemeinschaft findet. Das ist thematisch derart aktuell und treffend, dass es umso wichtiger wäre, wie Extrawurst das Dilemma auflöst, um einen Weg aus der angespannten, gesellschaftlichen Lage aufzuzeigen. Doch gerade hier weiß das Drehbuch offenbar nicht, wie es die so weit auseinander liegenden Parteien wieder an einen Tisch bringen soll. Das Ergebnis wirkt um ein Happy End bemüht, das sich die Figuren aber nicht erarbeitet oder darum verdient haben.
Bis es jedoch soweit ist, beweist Filmemacher Marcus H. Rosenmüller nicht nur ein tolles Gespür für Situationskomik, er fängt die teils spitzen Dialoge auf eine Art und Weise ein, dass sich daraus eine geradezu einnehmende Dynamik ergibt. Dadurch, dass Melanie, Torsten, Erol, Matthias und Heribert so unterschiedliche Auffassungen haben und in verschiedenen Konstellationen verbal aneinander geraten, ist es teilweise, als würde man ein Tennisspiel beobachten, bei dem der sprichwörtliche Ball von einer Seite zu anderen geschlagen wird. Man könnte nun meinen, dass sich Extrawurst über die provinziellen Figuren und ihre Sicht auf die Dinge lustig macht, tatsächlich jedoch lassen die Dialoge hinter die Fassade der Charaktere blicken. Sei es Heribert, der einerseits so sehr um Harmonie und Einigkeit bei der Entscheidungsfindung bemüht ist, dem aber nach Jahrzehnten im Verein auch etwas daran liegt, sein Erbe zu erhalten. Oder Torsten, der seine Unsicherheit ob der Treue seiner jüngeren Frau Melanie in überzogenen Humor verpackt, aber gleichzeitig an seinen Werten festhält. Ganz zu schweigen von Matthias, der immer im Schatten von anderen steht, sei es Heriberts im Verein oder der seiner Mutter sonst im Leben, und sich um Alles in der Welt beweisen will. Das mag nicht viel sein, aber es macht die Figuren greifbarer.
Die Heimvideoveröffentlichung von Extrawurst bei STUDIOCANAL GmbH wartet mit einer tadellosen Bild- und Tonqualität auf. Einen verlustfreien Surround-Sound-Mix braucht es für eine solche Art Komödie im Grunde nicht, aber er ist ebenso enthalten, wie eine Hörfilmfassung für seheingeschränkte Menschen und deutsche Untertitel für Hörgeschädigte. Das Bonusmaterial wächst über ein dreiminütiges Mini-Making of und dem offiziellen Kinotrailer zum Film jedoch leider nicht hinaus. Vor dem Filmstart sind allerdings noch Trailer für andere Filme enthalten. Das ist bedauerlicherweise sehr wenig und man hätte sich ohne große Mühe mehr interessante Extras vorstellen können. Seien es türkische Untertitel, um auch ein mögliches Publikum anzusprechen, über das hier nur gesprochen wird, das aber doch unterrepräsentiert ist. Oder aber einen Audiokommentar mit den beiden Drehbuchautoren, die auch für die Vorlage verantwortlich zeichnen und die Unterschiede bzw. Herausforderungen hätten erläutern können, ihr Stück von der Bühne auf die Leinwand zu bringen. Insofern wirkt die Heimkino-Veröffentlichung von Extrawurst, als wäre sie etwas stiefmütterlich behandelt worden. Wer am Film selbst interessiert ist, dem kann man sie dennoch empfehlen, denn eine bessere Präsentation wird man kaum finden.
Fazit:
Dass sich die gesamte Geschichte während der Mitgliederversammlung des Tennisclubs abspielt, unterstreicht nicht nur den Kammerspielcharakter der Erzählung, sondern sorgt dafür, dass man gewissermaßen in Echtzeit beobachten kann, wie die ursprünglich so hoch gehaltene Einigkeit den Bach hinuntergeht. Die Dialogdynamik ist überraschend spritzig und teils so geballt, dass einem Seitenhiebe wie wenn Heribert kommentiert „Der Erol wird so behandelt, als wäre er wie Du und ich“ beinahe entgehen – denn auch hier stellt der sonst so neutrale Heribert fest, dass Erol offenbar nicht gleich ist, sondern nur so gesehen wird. Während die fünf Hauptfiguren endlos diskutieren,0 bekommen sich auch die übrigen Mitglieder zunehmend in die Haare. Alle möglichen polarisierenden Themen kommen dabei zur Sprache. Politik, Religion, die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau und die unterschiedlichen Erwartungen an beide Geschlechter. Verletzte Eitelkeiten und Ambitionen sowie der große Themenblock Integration. Hierfür durchweg Lösungsansätze zu bieten, kann man von Filmemacher Marcus H. Rosenmüller nicht erwarten, doch die Auflösung enttäuscht gerade deshalb, weil der Film zuvor die unterschiedlichen Ansichten so gelungen vorgestellt hat und sie am Ende beinahe unversöhnlich scheinen, dass der Versuch der Zusammenführung einen Hoffnungsschimmer dargestellt hätte. So wird die Situation aufgelöst, ohne eine Lösung aufzuzeigen. Ein ernüchternder Abschluss wäre vielleicht die passendere Wahl gewesen. Auch wenn der vorliegende für das Publikum einfacher zu akzeptieren ist, ein wenig mehr Biss hätte hier nicht geschadet. Doch das ändert nichts daran, dass Extrawurst mit seinen gesellschaftlichen Beobachtungen den Nagel auf den Kopf trifft. Das zu sehen, ist immens unterhaltsam, mitunter auch unbequem, aber sehenswert und regt doch an zu hinterfragen, ob man die eigene Haltung stets so kompromisslos vertreten sollte.
| Features der Blu-ray bzw. DVD | ||
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| DVD (Angaben laut Vertrieb) |
Blu-ray-Disc | |
| Tonspuren |
• Deutsch Dolby Digital 5.1 • Hörfilmfassung für Sehbehinderte |
• Deutsch DTS-HD Master Audio 5.1 • Hörfilmfassung für Sehbehinderte DTS-HD Master Audio 2.0 |
| Untertitel | Deutsch für Hörgeschädigte | |
| Extras |
• Making of (3 min.) • Kinotrailer (2 min.) |
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Extrawurst ist seit dem 18. Mai 2026 von STUDIOCANAL digital und ab 28. Mai 2026 auf Blu-ray und DVD erhältlich! |
| Urheberrecht des Bildes liegt bei STUDIOCANAL GmbH Verwendet mit freundlicher Genehmigung. |
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