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Kritik von Jens Adrian |
Hinzugefügt am 27. Oktober 2026
Originaltitel: Wild Horse Nine
Laufzeit: 118 min.
Produktionsland: Großbritannien / USA / Chile
Produktionsjahr: 2026
FSK-Freigabe: noch nicht bekannt
Regie: Martin McDonagh
Musik: Carter Burwell
Besetzung: John Malkovich, Sam Rockwell, Steve Buscemi, Mariana di Girolamo, Ailín Salas, Tom Waits, Parker Posey, Paola Giannini
Kurzinhalt:
Es ist das Jahr 1973. Seit zwölf Monaten nun sind die CIA-Agenten Chris Carlisle (John Malkovich) und Lee Chesterfield (Sam Rockwell) in Santiago de Chile. Ihre Arbeit ist beinahe getan, die Pläne, den demokratisch gewählten, marxistischen Präsidenten zu stürzen, gehen in ihre letzte Phase. Aber insbesondere Chris wirkt nicht überzeugt oder glücklich mit seiner Arbeit. Er und Lee reisen darum für eine Woche auf die Osterinsel, wo Chris die riesigen Steinmonumente besichtigen will. Weshalb es ihn dorthin zieht, daran kann er sich in Anbetracht seines immer lückenhafteren Gedächtnisses nicht erinnern. Vielleicht auch deshalb erzählt er den beiden chilenischen Studentinnen Monica (Mariana di Girolamo) und Alicia (Ailín Salas) von den Umsturzplänen der CIA, was seinen Vorgesetzten MJ (Steve Buscemi) ebenso gegen ihn aufbringt, wie Chris’ Pläne, seine Memoiren zu schreiben. Darum soll Lee Chris im Auge behalten. Aber die Situation gerät zunehmend schwieriger und Lee ist hin- und hergerissen zwischen seiner Pflicht gegenüber seinem Land – und derjenigen gegenüber seinem Freund …
Kritik:
Mit erstklassigen, hintersinnigen Dialogen und zwei Darbietungen, die zusammen das Porträt einer stillen Freundschaft zeichnen, die keine Worte benötigt, richtet sich Filmemacher Martin McDonagh in Wild Horse Nine an ein Publikum, das in der Lage und bereit ist, auf Zwischentöne zu hören. Das heißt nicht, dass Vieles hiervon nicht ohnehin bereits immens amüsant wäre, wenn es den eigenen, düsteren Humor trifft. Aber die eigentliche und viel prägendere Geschichte spielt sich zwischen den Zeilen ab. Das ist heute selten und gerade deshalb ein wahres Fest.
Die Erzählung spielt im Jahr 1973 in Santiago de Chile. Vor kurzem erst wurde Salvador Allende als erster Marxist einer freien Demokratie in Lateinamerika zum Präsidenten gewählt. Das Land steht für einen sozialistischen Aufbruch, den die USA nicht hinnehmen wollen. Unter ihrem Vorgesetzten MJ haben die CIA-Agenten Chris Carlisle und Lee Chesterfield ihren Beitrag geleistet, beim geplanten Umsturz der chilenischen Regierung zu helfen. Für eine Woche brechen Chris und Lee zur Osterinsel auf, wo Chris die monumentalen Steinskulpturen sehen möchte. Doch bereits vor dem Abflug macht er am Flughafen auf sich aufmerksam, als er zwei jungen chilenischen Studentinnen von den Putschabsichten erzählt. Chris’ Gedächtnis ist nicht mehr das, was es einmal war, weshalb er sich gar nicht mehr erinnert, warum sie überhaupt auf die Osterinsel fliegen. Dort angekommen, beginnt Chris, seine Memoiren auf Tonband aufzunehmen und schildert dabei auch Details seiner verschiedenen Missionen für die CIA. Je mehr er in diesen Erinnerungen gräbt, umso mehr Reue empfindet er für seine Taten. Dabei hat MJ längst von Chris’ geplanten Memoiren erfahren und Lee darauf angesetzt, ein bestimmtes Beweisstück zu finden, das die nationale Sicherheit gefährden könnte. Dafür ist MJ sogar bereit, Lees Familie zu bedrohen.
Die Geschichte von Wild Horse Nine klingt wie ein klassischer Spionagethriller, tatsächlich jedoch nehmen diese Elemente erst in der zweiten Filmhälfte den überwiegenden Raum der Erzählung ein. Bis dahin wirkt es, spätestens, wenn Chris und Lee auf der Osterinsel ankommen, als sei dies ein Film über zwei Agenten, die Urlaub auf einer abgelegenen Insel machen. Sie besichtigen viele der eindrucksvollen Skulpturen, philosophieren über den Zustand der Welt und ihrer Arbeit, fluchen sehr, sehr viel und sprechen auch nicht immer positiv über ihre Beziehungen. Zumindest Lee, dessen Ehe mit seiner Frau Marge wenigstens kompliziert ist. Und doch schwingt in den Dialogen von Anfang an viel, viel mehr mit, als man im ersten Augenblick wahrnehmen würde, wobei sich Manches davon erst im Nachhinein erschließt. Denn dass Chris und Lee auf die Osterinsel reisen, hat einen bestimmten Grund. Dass sie dort immer wieder zwei Studentinnen begegnen, denen Chris ein ums andere Mal von Umsturzplänen erzählt, scheint zwar, als würde es die gesamte Operation der CIA in Chile gefährden. Tatsächlich jedoch steht hier etwas anderes im Vordergrund.
Sieht man Chris zu, wie er von geheimen Aufträgen erzählt, die er für die CIA ausgeübt hat, mischt sich in seinen Blick immer mehr ein Bedauern über das, was er getan hat. Das bricht in dem Moment förmlich aus seinem zynischen Stoizismus heraus, wenn er mit seinem Bruder Jim telefoniert. Es ist beinahe, als würde Chris versuchen, seine Taten wiedergutzumachen, oder wenigstens Vergebung dafür zu erhalten. Letztendlich bleibt ihm nur Lee, mit dem ihn trotz ihrer unterschiedlichen Lebenseinstellungen eine Freundschaft verbindet, die weniger davon geprägt scheint, was sie zusammen erlebt haben, als davon, dass sie beide um die unausweichliche Endlichkeit von allem wissen – und dass man manchmal etwas Schlimmes tun muss, um etwas noch Schlimmeres zu verhindern. Dennoch muss er sich die Frage stellen, wie soll er jemandem vertrauen, wenn er seiner eigenen Erinnerung nicht vertrauen kann? Den Kern dieser Freundschaft arbeitet Regisseur McDonagh ohne viele Dialoge heraus, sondern lässt seine Besetzung Wild Horse Nine in den amüsanten wie in den ernsten Momenten tragen.
Die wechseln sich mitunter unerwartet abrupt ab, wobei der Film seinen düsteren Humor weniger aus absurden Situationen zieht, als aus seinen teils bissigen, meist zynischen Dialogen, die stellenweise so dicht gepackt präsentiert werden, dass man kaum alle Seitenhiebe mitbekommt. Das komödiantische Timing von John Malkovich und Sam Rockwell ist hier schlicht grandios und zu sehen, wie diese beiden Darsteller jeweils dem anderen die Bühne überlassen, um das Publikum vollends für sich einzunehmen, ist eine der größten Stärken von Wild Horse Nine. Auch wenn Malkovich mit seinem unvergleichlichen Charisma dabei im Zentrum vieler Momente steht, zeigt Sam Rockwell in den unerwartetsten Augenblicken eine Seite seiner Figur, die man kaum kommen sieht.
Für die Art der Erzählung, die wie ein Agentenkrimi anmutet, aber im Kern vielmehr die US-amerikanische Politik in jener Zeit seziert, braucht es ein Publikum, das mit dem trockenen Humor umzugehen weiß. Das findet hier ein Lehrstück in der Art, wie man Geschichten für ein aufmerksames und informiertes Publikum erzählen kann, ohne diesem die Antworten jeweils auf die Nase zu binden. Preiswürdig gespielt und erstklassig in Szene gesetzt, ist Wild Horse Nine ein Film, der vom wiederholten Ansehen immens profitiert. Das ist selten und gerade deshalb umso wertvoller.
Fazit:
Auch wenn die Erzählung augenscheinlich mit einem Interview beginnt, das Lee mit Chris führt, über die Figuren erfährt man erst nach und nach im Laufe der Erzählung mehr. Auch darüber, weshalb Lee überhaupt mit auf die Osterinsel gekommen ist. Die Landschaftsaufnahmen dort sind schlicht großartig und verleihen dem Geschehen, wie die erstklassige Ausstattung ebenso, ein geradezu mystisches, friedvolles Flair. Immer wieder begegnet Chris wilden Pferden, die so skurril wirken, wie viele der Situationen insgesamt. So verletzend Chris mitunter gegenüber den Studentinnen auftritt, mit der Zeit versteht man seine wahre Intention und erkennt, dass er an dem Punkt in seinem Leben angekommen ist, an dem er nicht mehr bereit ist, Entscheidungen mitzutragen, die er nicht für richtig hält. Mehr noch, es scheint beinahe, als würde er mehr bereuen, als dass er stolz auf andere Dinge ist. Diese Beobachtungen sind so leise wie die wortlose, verständige Freundschaft zwischen diesen zwei Männern, wenn Lee Chris deckt und schützt. Mit fantastischen Dialogen versehen und Momenten, die der Besetzung viel abverlangen, gerade weil sie zwischen Ernst und Humor abrupt wechseln, fühlt sich Martin McDonaghs Film an wie eine geradezu melancholische Ballade. Teils beißend, teils offen witzig und unerwartet tiefgründig, ist Wild Horse Nine eine bittere Abrechnung der US-amerikanischen Außenpolitik in Südamerika und der innenpolitischen Entwicklungen jener Zeit im Allgemeinen. So skurril und amüsant das lange Zeit wirkt, wenn die Stimmung kippt, zieht es einem merklich den Boden unter den Füßen weg. Ein Tipp für ein anspruchsvolles Publikum!


