Juror #2 [2024]

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6–8 Minuten
Wertung: 4.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 3. Oktober 2026
Genre: Krimi / Drama

Originaltitel: Juror #2
Laufzeit: 114 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2024
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: Clint Eastwood
Musik: Mark Mancina
Besetzung: Nicholas Hoult, Toni Collette, J. K. Simmons, Chris Messina, Zoey Deutch, Gabriel Basso, Cedric Yarbrough, Leslie Bibb, Kiefer Sutherland, Amy Aquino, Adrienne C. Moore


Kurzinhalt:

Als Journalist Justin Kemp (Nicholas Hoult) als Mitglied für eine Jury berufen wird, könnte es zu keinem ungünstigeren Zeitpunkt kommen. Seine Frau Allison (Zoey Deutch) steht kurz vor der Geburt einer Hochrisikoschwangerschaft und er wäre gerne für sie da. Doch die Richterin sieht darin keinen Grund, Justin aus der Verpflichtung zu entlassen. Bei der Verkündung der Anklage durch Staatsanwältin Faith Killebrew (Toni Collette) hört Justin zum ersten Mal von dem Mord, den James Sythe (Gabriel Basso) an seiner Freundin vor einem Jahr begangen haben soll. Er soll sie mit einem stumpfen Gegenstand erschlagen und sie von einer Brücke in den Wald geworfen haben. Doch als Justin Tatort und -zeit hört, erinnert er sich, dass er in jener regnerischen Nacht selbst mit dem Auto dort unterwegs war. Im Dunkeln hatte er etwas angefahren und geglaubt, es sei ein Reh gewesen. Was, wenn er selbst für den Tod der jungen Frau verantwortlich ist? Da es Pflichtverteidiger Resnick (Chris Messina) nicht gelingt, die Unschuld seines Mandanten zu beweisen, versucht Justin, die Geschworenen bei der Beratung zu beeinflussen, Sythe wegen begründeter Zweifel unschuldig zu sprechen. Aber sollte ihm das nicht gelingen, wäre Justin bereit, sich selbst anzuzeigen, gerade, als sein Traum einer Familie endlich greifbar scheint?


Kritik:
Zu Produktionsbeginn seiner letzten Regiearbeit Juror #2 war Filmemacher Clint Eastwood vor seinem inzwischen selbst gewählten Ruhestand bereits 93 Jahre alt. Darin erzählt er die Geschichte eines Mannes, der sich, nachdem er mit Hilfe seiner Frau eine schwierige Phase in seinem Leben überwunden hat, in einer moralischen Zwickmühle wiederfindet, aus der es kein Entkommen zu geben scheint. Das ruhige Krimidrama lebt darum nicht von dem Kriminalfall selbst, sondern von seinen Figuren. Das ist seine größte Stärke – und seine größte Schwäche.

Dass er als Teil einer Jury in Savannah, Georgia, berufen wird, kommt für Journalist Justin Kemp mehr als ungelegen. Seine Frau Allison befindet sich in der letzten Phase einer Risikoschwangerschaft und ihre bisherigen Versuche, Kinder zu bekommen, waren nicht erfolgreich. Doch die Richterin lässt ihn nich vom Haken und so findet er sich als einer von zwölf Geschworenen der Verhandlung des Falles von James Sythe wieder, der seine Freundin Kendall nach einem Streit in einer Bar auf dem Nachhauseweg getötet haben soll. Die junge Frau wurde von einem Wanderer mit tödlichen Verletzungen unter einer Brücke gefunden. Auch wenn Sythe die Tat bestreitet, für Staatsanwältin Faith Killebrew und die meisten Anwesenden ist eindeutig, dass er die Tat begangen hat. Doch schon als er von Tatort und Tatzeit hört, kommt bei Justin eine schlimme Befürchtung auf, denn auch er hatte sich an dem Tag zu der Zeit in jener Bar befunden und glaubte, auf dem Nachhauseweg bei einem schweren Unwetter nachts auf der Brücke ein Reh angefahren zu haben. Könnte es sein, dass er für den Tod der jungen Frau verantwortlich ist?

Kendalls Tod liegt beinahe genau ein Jahr zurück, als Justin, darauf aus, seinen damaligen Kummer zu ertränken, ebenfalls in dieser Bar war. An den Aufprall kann er sich noch erinnern und daran, dass er nichts gesehen hat. Auch nicht unter der Brücke, wo alles im Dunkeln lag. Von dem, was in ihm vorgeht, da er erkennt, dass er womöglich der Täter ist, den die Polizei nie ins Auge gefasst hat, da James Sythe mit seiner Vorgeschichte und seiner persönlichen Verbindung zu Kendall der günstigste Verdächtigte war, kann Justin niemandem erzählen. Insbesondere nicht seiner Ehefrau. Auch sein Anwalt rät ihm ab, das Thema weiterzuverfolgen oder gar der Polizei zu melden, weil er befürchtet, Justin würde bei seiner eigenen Vorgeschichte sein Kind nicht aufwachsen sehen, wenn er für die Tat verurteilt würde. Selbst dann nicht, wenn es als Unfall deklariert würde. Das Dilemma, mit dem Juror #2 seine Hauptfigur konfrontiert, könnte größer kaum sein. Der einzige Ausweg, nicht selbst ins Gefängnis zu gehen und Sythe vor einem Leben hinter Gittern zu bewahren, scheint, die übrigen Geschworenen zu überzeugen, dass es berechtigte Zweifel daran gibt, dass Sythe der Täter ist. Es ist ein Drahtseilakt, bei dem sich Justin immer wieder selbst zur Zielscheibe macht.

Von der Art der Erzählung her erinnert Juror #2 im Mittelteil stark an den Klassiker Die zwölf Geschworenen [1957], an den manche Szenen sogar wörtlich angelehnt sind. Auch hier zeigt Regisseur Eastwood eine Gruppe von Menschen, die zusammengestellt wurde, um über das Schicksal eines anderen zu entscheiden, wobei sie selbst am liebsten woanders wären. Darum würden sie auch schnell zu dem Schluss kommen wollen, dass Sythe schuldig ist, bis Justin mit seinen Einwendungen für Zweifel an der vorschnellen Überzeugung sorgt. Das ist gut geschrieben und von einer bis in die Nebenrollen stark ausgewählten Besetzung, beispielsweise in Form von J. K. Simmons, gelungen zum Leben erweckt. Doch wahrt der Filmemacher stets Distanz zu seinen Figuren, auch dann, wenn er hinter ihre Persönlichkeit blickt und andere Geschworene vorstellt, die persönlich von dem Fall betroffen sind und daher gar nicht hätten ausgewählt werden dürfen. Handwerklich ist das tadellos und routiniert, aber geradezu zurückhaltend zahm umgesetzt, wodurch dem Gerichtsdrama auch der Charakter eines Kammerspiels abhanden kommt, das an sich in der Story steckt.

Die namhafte Besetzung lebt maßgeblich von den Darbietungen von Nicholas Hoult und Toni Collette, deren beide Figuren erkennen müssen, dass wovon sie bislang überzeugt waren, vielleicht nicht der Wahrheit entspricht. Hoults Justin wirkt dabei zwar durchaus betroffen, gerät aber in seinem Vorhaben, die Beratungen der Jury zu lenken, ohne sich selbst zu verraten, nie dermaßen unter Druck, dass eine greifbare Spannung aufkommen würde. Selbst wenn die Staatsanwältin Justins Frau Allison besucht, entsteht keine wirkliche Dramatik. Dasselbe gilt für J. K. Simmons’ Figur, die leider nur wenig zu tun bekommt, und dem von Chris Messina gespielten Pflichtverteidiger, bei dem man immer erwarten würde, es käme zu einem richtigen Streitgespräch zwischen ihm und der Staatsanwältin, das aber nicht stattfindet. So bleibt der Eindruck, dass Juror #2 nie so emotional aufgeladen wird, wie es die Geschichte an sich verdienen würde. Dafür gibt die Story einem ruhigen Publikum genügend Anhaltspunkte, das eigene Verhalten in Justins Situation zu hinterfragen und wartet mit einer Auflösung auf, die einen nicht wirklich zufriedenstellen kann. Insoweit wirkt Clint Eastwoods Blick auf das amerikanische Rechtssystem und Gerechtigkeit im Allgemeinen regelrecht wettergegerbt, ein diffuses Grau statt schwarz oder weiß. Das mag zutreffend sein, es ist aber auch ernüchternd.


Fazit:
Die Situation, in der sich Justin wiederfindet, könnte schwieriger kaum sein. Sieht man, wie ihn die Erkenntnis bei Verlesung der Anklage trifft, dass er selbst womöglich für den Tod der jungen Frau verantwortlich sein könnte, ergeben sich daraus viele mögliche Konsequenzen. Der Vorfall ist ein Jahr her, ein Jahr, in dem die Erinnerung an jene regnerische Nacht verblasst ist, keine Beweise mehr vorhanden sind. War Justin es tatsächlich, oder könnte es nicht auch Sythe gewesen sein? Die Ungewissheit ist der stärkste Grund dafür, dass sich das Publikum auf Justins Seite schlägt, während er versucht, mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln Sythe vor einem Schuldspruch zu bewahren. Gleichzeitig porträtiert Regisseur Clint Eastwood das System der Jury als eines, das trotz der diversen Zusammensetzung aus einem Dutzend unterschiedlicher Menschen fehlerbehaftet sein kann. Sowohl auf Grund der vorangegangenen Ermittlungen als auch auf Grund der persönlichen Motivation der Jurymitglieder. Der Aspekt wirkt ebenso zurückgenommen wie der Krimi im Hintergrund, der hinter dem persönlichen Drama der Hauptfigur zurücktritt. Gut gespielt, wächst Juror #2 nie über diese Ausgangslage hinaus, bringt seine Figuren nie in eine Bedrängnis, aus der es kein Entkommen zu geben scheint. Handwerklich routiniert, ist das für ein ruhiges Publikum sehenswerte Unterhaltung, um sich mit einem Dilemma zu konfrontieren, mit dem man selbst nie konfrontiert werden möchte. An das Meisterwerk des Genres reicht dies trotz der interessanten Ausgangslage aber nicht heran.
 

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