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Kritik von Jens Adrian |
Hinzugefügt am 9. September 2026
Laufzeit: 118 min.
Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 2026
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren
Regie: Volker Schlöndorff
Musik: Annette Focks
Besetzung: Lars Eidinger, Martina Gedeck, Susanne Wolff, Ulrich Matthes, Detlev Buck, Michael Maertens, Maria Matschke, Angela Winkler, Josefin Platt, Ludwig Trepte, Matthias Hungerbühler, Stella Denis-Winkler, Wigand Witting, David Bennent
Kurzinhalt:
In den beinahe 100 Jahren, in denen auf dem geteilten Grundstück am Scharmützelsee ein Haus stand, haben dort und in dem kleineren Haus auf dem Nachbargrundstück viele Menschen gewohnt. Angefangen von dem Architekten (Lars Eidinger), der das Seehaus für seine zweite Frau (Susanne Wolff) nach ihren Wünschen entworfen und gebaut hat. Während des Zweiten Weltkriegs ist der Architekt für das menschenverachtende Regime tätig und kauft seinem jüdischen Nachbarn, dem Tuchfabrikanten (Ulrich Matthes) und seiner Frau (Josefin Platt) das kleinere Grundstück zu einem Spottpreis ab. Nach dem Krieg in der DDR profitiert er weiterhin von seinem guten Stand, wie später auch eine Schriftstellerin (Martina Gedeck), die mit ihrem Ehemann (Michael Maertens) und ihrer Familie die Sommer in dem Haus am See verbringt. Aber auch sie muss erkennen, dass die Regierung, von der sie überzeugt ist, eine Schattenseite besitzt. Diese bekommt ihre Enkelin (Maria Matschke) umso mehr zu spüren …
Kritik:
Basierend auf dem gleichnamigen, im Jahr 2007 von Jenny Erpenbeck veröffentlichten Roman, beleuchtet Filmemacher Volker Schlöndorff in etwa 100 Jahre deutsche Geschichte. Zwar bleibt Heimsuchung – Eine Jahrhundertgeschichte einer Perspektive am Märkischen Meer verhaftet, doch werden die Themen unumstritten klar. Was den Schilderungen aber fehlt, ist ein Kontext, so dass das Geschehen auf Grund wechselnder Hauptfiguren nicht nur kaum emotional mitnimmt, die Sympathien scheinen teilweise sogar in die „falsche“ Richtung zu tendieren.
Die Geschichte wird von einer Erzählerin begleitet, die die unterschiedlichen Figuren näher beleuchtet. Sie beginnt damit, wie ein Grundstück am Scharmützelsee, das an sich der Bauerstochter Klara gehören sollte, verkauft wird, nachdem der Bauer seine Tochter auf Grund überholter Vorstellungen enterbt. Das Grundstück wird aufgeteilt. Auf einer Seite errichtet ein Architekt in den 1930er-Jahren ein Haus am See für seine zweite Frau nach deren Wünschen. Auf dem Grundstück nebenan baut ein jüdischer Tuchfabrikant ein kleineres Haus, wo er mit seiner Familie die Sommer verbringt. Als die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht an sich reißen, sieht der Architekt eine Möglichkeit auf beruflichen Aufstieg, während die jüdische Familie zur Flucht gezwungen wird. Das Thema der Vertreibung wiederholt sich auch bei den späteren Bewohnern des Seehauses, einer Schriftstellerin und ihrer Familie, die während des Zweiten Weltkrieges in die Sowjetunion geflohen waren und nun zurückkehren. Als überzeugte Kommunistin muss sie im Verlauf der Jahre miterleben, dass auch ihre neue Heimat nicht sicher ist und ihre Enkelin, die viel mit dem Haus verbindet, erlebt dies schließlich am eigenen Leib.
Anstatt einer Familienchronik über viele Jahre, schildert Heimsuchung vom Blickwinkel dieses Grundstücks am See, wie die dargestellten Figuren die gesellschaftlichen und vor allem gesellschaftspolitischen Umbrüche dieses beinahe Jahrhunderts erlebten. Es ist eine Herangehensweise, die sich im Grunde für tiefgehende Gesellschaftsporträts eignet, die allerdings auch entsprechend Zeit benötigen würden. Insofern würde man sich tatsächlich wünschen, die Verantwortlichen würden sich dem Thema beispielsweise im Rahmen einer Miniserie nähern, die die jeweiligen Jahrzehnte der Erzählung genauer vorstellen könnte. So sieht man zwar die gesellschaftliche Entwicklung im Schnelldurchlauf, doch bleiben viele Darstellungen oberflächlich, was auch durch die eingestreuten Archivaufnahmen nicht ausgeglichen wird. Vor allem mangelt es der Darstellung an einem notwendigen Kontext, damit ein geschichtsinteressiertes aber nicht -versiertes Publikum die Darstellungen auch einzuordnen wüsste. Am deutlichsten wird dies am Architekten, tadellos gespielt von Lars Eidinger, dessen ideologische Überzeugung kaum thematisiert wird und dessen Beitrag als Architekt zu den Gräueltaten Nazideutschlands überraschend schemenhaft bleibt. Zwar scheint er darum bemüht, in der Gunst des damaligen Reichsministers Albert Speer aufzusteigen und hat sogar Zeichnungen der Barracken von Arbeits- bzw. Konzentrationslagern bei sich, scheint im Umgang mit seinen jüdischen Nachbarn aber auffällig unvoreingenommen.
Problematisch wird diese Darstellung dann, wenn Heimsuchung den Architekten und seine Frau als Opfer der Kriegsumstände darstellt. Sei es, wenn er eine zusätzliche Abgabe dafür zahlen muss, dass er das Nachbargrundstück seiner entrechteten jüdischen Nachbarn günstig abkauft, oder sie das teure Porzellan im See versenkt, aus Angst, nach dem Ende des Krieges könnten ihre Kostbarkeiten gestohlen werden. Dies nicht insoweit einzuordnen, dass sie als Regimetreue oder wenigtens Regimehörige überhaupt in die privilegierte Situation kamen, sich all dies leisten zu können, lässt sie ebenso als Opfer dastehen, wie wenn der Architekt vom Krieg gezeichnet zurückkehrt. Filmemacher Schlöndorff schildert all dies, ohne zu werten. Selbst die Kritik an der für die Schriftstellerin einstig Glück verheißenden Staatsform der DDR ist hier so leise, man kann sie beinahe überhören, wenn sie sich nicht traut, ihre Meinung öffentlich zu machen. Anders hingegen der Umgang mit den Bürgerinnen und Bürgern der DDR, die nach dem Mauerfall durch die Restitution des Besitzes ihr Hab und Gut verloren. Dieser Aspekt ist wichtig und die Kritik am Umgang mit den Menschen berechtigt, nur bedarf es in den anderen Darstellungen ebenfalls solcher Zusammenhänge, um die Bedeutung des Gezeigten einordnen zu können.
So kann sich ein informiertes Publikum sicher denken, wohin das Mädchen Doris, das in dem kleinen Haus am See gewohnt hat, mit ihrer Mutter gebracht wird, als sie von einem Wehrmachtssoldaten für einen Transport nach Polen abgeholt werden. Doch Heimsuchung ist weniger an einzelnen Schicksalen, als an der Darstellung der gesellschaftlichen Umwälzungen interessiert. Das ist nicht notwendigerweise ein Kritikpunkt, doch wirkt es in vielerlei Hinsicht tatsächlich wie eine verpasste Chance. Anstatt durch diese Perspektive die Möglichkeit wahrzunehmen, anhand von einzelnen Figuren die gesellschaftlichen Traumata nicht nur aufzuzeigen, sondern sie im geschichtlichen Kontext richtiggehend einzusortieren, präsentiert das Drama Charaktere, die die Gesellschaft zu jener Zeit lediglich schablonenhaft repräsentieren. Das erweckt durchweg den Eindruck, als würde es zu wenig in die Tiefe gehen, ungeachtet der tadellosen und namhaften Besetzung, die hier zu sehen ist. Auch an der Ausstattung gibt es nichts zu bemängeln und die vorgestellten Beobachtungen sind allesamt nicht falsch – sie wirken nur in vielerlei Hinsicht im übertragenen Sinne zusammenhanglos.
Fazit:
Man könnte es in gewisser Hinsicht noch verstehen, sich der Erzählung in Filmform zu nähern, wenn die unterschiedlichen Zeitebenen abwechselnd bzw. sich überschneidend vorgestellt würden, um etwaige Parallelen aufzuzeigen. Immerhin erfahren alle dargestellten Figuren in gewisser Hinsicht eine Vertreibung, einen Verlust von Heimat, wie sie sie empfinden. Doch Filmemacher Volker Schlöndorff folgt einer strikt chronologischen Erzählung, weshalb sich ein längeres Format einer Miniserie für die Thematik deutlich angeboten hätte. Dann wäre es auch möglich gewesen, die Charaktere vorzustellen und eine Entwicklung derselben aufzeigen, anstatt die unterschiedlichen Schicksale nur anzureißen. Dadurch, dass die Geschichte mehr als 70 Jahre abdeckt, blickt das Drama auf unterschiedliche Regierungs-, man könnte beinahe sagen Herrschaftssysteme. Es sind so gegensätzliche und unterschiedliche Ausprägungen, dass es hier kaum gelingt, sie wirklich vorzustellen. Kritik daran ist ohnehin überraschend rar. Heimsuchung – Eine Jahrhundertgeschichte ist toll besetzt und stark ausgestattet (insbesondere der Wandel des Hauses am See über die Jahrzehnte ist beeindruckend), doch fehlt es dem Drama an dem notwendigen Facettenreichtum, das Gezeigte auch einzuordnen. Das Ergebnis ist aus handwerklicher Sicht tadellos und in der Absicht ehrenhaft. Aber zu oberflächlich, um wirklich in Erinnerung zu bleiben, oder damit die dargestellten Schicksale packen würden.


