Silent Night: Stumme Rache [2023]

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5–7 Minuten
Wertung: 3 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 24. Juni 2026
Genre: Action / Thriller

Originaltitel: Silent Night
Laufzeit: 104 min.
Produktionsland: USA / Mexiko
Produktionsjahr: 2023
FSK-Freigabe: ab 18 Jahren

Regie: John Woo
Musik: Marco Beltrami
Besetzung: Joel Kinnaman, Kid Cudi, Harold Torres, Catalina Sandino Moreno, Yoko Hamamura, Valeria Santaella, Vinny O’Brien, Acoyani Chacon


Kurzinhalt:

An einem unbeschwerten Heiligabend wird die Familie um Brian (Joel Kinnaman) und Saya Godlock (Catalina Sandino Moreno) auseinandergerissen, als ihr Sohn beim Spielen im Vorgarten im Kugelhagel rivalisierender Gangs getroffen wird und stirbt. Brian selbst wird bei dem Versuch, die Täter aufzuhalten, lebensgefährlich verletzt und verliert seine Stimme. Doch er überlebt und findet, nachdem er in der Trauer beinahe untergeht, einen neuen Zweck im Leben. Die Polizei um Detective Vassel (Kid Cudi) scheint nicht bemüht oder willens genug, das Verbrechen aufzuklären oder die Gangs in die Schranken zu weisen. Darum trainiert Brian, absolviert ein Schießtraining und bereitet sich darauf vor, am Jahrestag der Ermordung seines Sohnes eine stumme Rache zu verüben. Doch die Gangs um Anführer Playa (Harold Torres) besitzen viele gewaltbereite Mitglieder und Brian kann kaum überblicken, mit welcher Übermacht er es zu tun hat …


Kritik:
Die Ausgangslage vor und hinter der Kamera von Silent Night: Stumme Rache klingt derart interessant, dass es umso mehr enttäuscht, wie wenig der Actionthriller davon letztlich zu nutzen weiß. Wenig zimperlich umgesetzt, erzählt die Geschichte von einem Vater, der sich, nachdem sein Sohn im Kugelhagel eines Bandenkrieges ums Leben kommt, auf einen Rachefeldzug begibt. Das klingt bekannt, ist hier aber beinahe durchweg ohne Dialoge in Szene gesetzt. Woran es aber spürbar mangelt, sind greifbare Figuren – und mitreißende Action.

Die Geschichte spielt in der fiktiven texanischen Stadt Las Palomas, wo Brian Godlock als Elektriker arbeitet. Gewaltbereite Gangs sorgen immer wieder für Tote und Verletzte, wobei auch Zivilisten unter den Opfern sind. So auch Brians Sohn Taylor, der an einer Schussverletzung stirbt. Als Brian den Schützen verfolgt, wird er von Playa, einem der Anführer der Gangs, niedergeschossen und schwer verletzt. Doch Brian überlebt und während er sich von seiner Frau Saya immer mehr entfremdet, nimmt er sich zum Ziel, den Tod seines Sohnes selbst zu rächen, da auf die Polizei offenbar kein Verlass ist. Ein Jahr nach den tödlichen Schüssen, an Heilabend, begibt sich Brian auf eine Mission, bei der es kein Zurück gibt und für deren Abschluss er bereit ist, alles zu geben.

Was mehr könnte man ihm auch nehmen? Die Idee einer Selbstjustizstory, nachdem das eigene Kind ermordet wurde, ist nicht neu. Ungewohnt ist jedoch, auf welche Art und Weise Filmemacher John Woo dies bei seinem ersten US-amerikanischen Spielfilm in 20 Jahren (sein letzter in Hollywood produzierter Film war Paycheck [2003]) umsetzt. Silent Night kommt tatsächlich ohne Dialoge aus. Es gibt zwar einige Nachrichtenbeiträge im Hintergrund und Umgebungsgeräusche, aber keinen einzigen richtigen Dialog zwischen den Figuren. Das bedeutet, dass die Verantwortlichen alles, was in Brian und Saya vor sich geht, was er plant und wie sehr sich die Figuren auseinanderleben, durch Gestik und Mimik zum Ausdruck bringen müssen. So schwer vorstellbar das klingt, genau dieser Aspekt gelingt der Produktion besser, als viele andere. Das ist maßgeblich Hauptdarsteller Joel Kinnaman (RoboCop [2014]) zu verdanken, der seine Figur des trauernden Vaters mit einer Vehemenz und einer geradezu überspringenden Wut zum Leben erweckt, dass ihm der stumme Schmerz regelrecht anzusehen ist. Als Brians Frau Saya ist Catalina Sandino Moreno zwar weniger gefordert, aber auch sie trägt maßgeblich zum emotionalen Gewicht der Geschichte bei, die bedauerlicherweise kaum auf andere Figuren setzt.

Weder wird Polizist Vassel richtig in die Erzählung eingebunden, noch präsentiert Silent Night Bösewichte, die mehr sind, als bloße Pappfiguren. Bis es soweit ist, dass sich Brian überhaupt auf seinen Feldzug begibt, vergeht dabei erstaunlich viel Zeit. Währenddessen zeigt Regisseur Woo Brians Vorbereitungen, wie er trainiert, ein Auto umbaut, um im Kugelhagel der Banden bestehen zu können. Auch beobachtet er die Bösewichte und legt sich einen Plan zurecht, deren Ausführung er mit „Alle töten“ im Kalender markiert, damit das Publikum es auch versteht. Wie der Plan aber letztlich aussehen soll, verschweigt das Drehbuch ebenso, wie es tatsächlich einen Plan zu geben scheint. Zwar wird kurzzeitig angedeutet, dass Brian die unterschiedlichen Banden gegeneinander aufstacheln könnte, so dass sie sich gewissermaßen selbst auslöschen, doch diesen Aspekt verfolgen die Verantwortlichen leider nicht weiter. Stattdessen prescht Brian schwer bewaffnet, aber kaum kampferprobt, in einen hochgradig gefährlichen Konflikt und steht an sich zwischen allen Fronten. Das mag zu einem bleihaltigen Finale führen, wirklich Sinn ergibt das aber nicht, zumal Brian sein ganzes Ziel verfehlen würde, würde er von den vielen Kugeln niedergestreckt.

Unbestritten, womöglich ist auch die Erwartungshaltung an eine Geschichte wie diese zu hoch, doch dass man über den Inhalt nachdenken kann, liegt auch daran, dass sich die Erzählung merklich Zeit lässt, ehe die Action – nach dem Auftakt – überhaupt in Fahrt kommt. Dass die darüber hinaus stellenweise mit arg offensichtlichen Trickeffekten (beispielsweise beim Überschlag des Autos zu Beginn) und vollkommen unnötigen wie langgezogenen Zeitlupen in Szene gesetzt ist, macht es am Ende nicht besser und erweckt mehr den Eindruck, als wäre Silent Night mehr an solchen Schauwerten, denn an einem packenden Szenenaufbau interessiert. All das hat man bereits gesehen, so dass Momente, die an The Raid [2011] erinnern, ohne aber in irgendeiner Art und Weise an dessen klaustrophobisches Setting oder die kompromisslose Ausführung heranzureichen, doch kaum mitreißen können. Immerhin gerät die Erzählung nie langweilig und man fragt sich durchaus, welchen Ausgang Regisseur John Woo für seine Figur wohl vorsehen wird. Aber nicht nur, dass der Weg dorthin keine wirkliche Erlösung bereithält, am Ende scheint all das beinahe vergeblich. Was die Beteiligten hier an der Ausgangslage gereizt haben mag, ist kaum zu übersehen. Man würde sich nur wünschen, sie würden die Geschichte und die Figuren über eben diese Ausgangsidee auch hinaus entwickeln.


Fazit:
Auf dem Papier hört sie die Idee so interessant wie die Beteiligten vielversprechend an. Anstatt auf ein großes Studio zu setzen, inszeniert Regisseur John Woo den Rachethriller als Independent-Produktion. Dass es dementsprechend keine riesigen Schauplätze gibt, sondern in der Regel kompakte, kleinere Lokalitäten, in denen sich das Geschehen abspielt, ist kein Kritikpunkt. Aber was sich dort ereignet, ist weder so packend in Szene gesetzt, dass man vor Anspannung die Luft anhält, noch so einfallsreich, dass man sich verwundert die Augen reibt. So gut wie alles, was hier zu sehen ist, kommt einem bekannt vor und für gewöhnlich aus Geschichten, die mehr mitnehmen. Dass im Grunde gar nicht gesprochen wird, ist vielleicht der größte Pluspunkt von Silent Night: Stumme Rache. Doch es fehlen sowohl Figuren, die über die ersten Auftritte hinaus definiert werden, als auch eine Story, dich sich eben die fehlenden Dialoge in irgendeiner Art und Weise zunutze machen würde. So bleibt der in viel zu vielen Aspekten durchschnittliche Actionfilm mehr Konzept als durchdachte Umsetzung. Immerhin, langweilig gerät er nie.
 

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