The Piano Tuner [2025]

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5–8 Minuten
Wertung: 3.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 19. Juni 2026
Genre: Drama / Krimi

Originaltitel: Tuner
Laufzeit: 109 min.
Produktionsland: Kanada / USA
Produktionsjahr: 2025
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: Daniel Roher
Musik: Will Bates, Marius De Vries
Besetzung: Leo Woodall, Havana Rose Liu, Dustin Hoffman, Lior Raz, Tovah Feldshuh, Nissan Sakira, Gil Cohen, Jean Reno, C.S. Lee


Kurzinhalt:

Nicht einmal sein Mentor Harry Horowitz (Dustin Hoffman) ist der Überzeugung, dass sein Klavierstimm-Lehrling Nik (Leo Woodall) es fertig bringt, die Kombination des Tresors herauszubekommen, in dem Harry seine Hörgeräte eingeschlossen hat, ehe er die Zahlenfolge vergaß. Doch Nik verfügt über ein außergewöhnliches Gehör, das so empfindlich ist, dass er sogar eine vielversprechende Karriere als Klavierspieler aufgeben musste. Die Klänge waren schlicht zu laut. Nik knackt den Safe ohne Hilfsmittel und sieht sich einige Zeit später in einem noblen Anwesen, wo er ein Klavier stimmen soll, den Einbrechern um den Unternehmer Uri (Lior Raz) gegenüber, die einen Safe aufbohren wollen. Nik öffnet auch diesen Panzerschrank, weshalb Uri ihm ein Angebot macht, das Nik jedoch ablehnt. Solange, bis Harry krank wird und sich die Krankenhausrechnungen stapeln. Darum willigt Nik ein, bei Uris Einbrüchen zu helfen, bei denen sie Tresore leeren. Eine Zeitlang ist alles gut und Nik kommt der vielversprechenden Musikstudentin Ruthie (Havana Rose Liu) näher. Doch bei einem Einbruch werden sie überrascht und danach ist nichts wie zuvor …


Kritik:
Filmemacher Daniel Roher, der erst vor ein paar Jahren mit dem Oscar für einen Dokumentarfilm ausgezeichnet wurde, präsentiert mit The Piano Tuner ein Krimi-Drama, das sich anfühlt, als wüsste die Geschichte nicht, was sie eigentlich sein möchte. Umso episodenhafter gerät die Stimmung, die in den einzelnen Abschnitten für sich genommen durchaus gelungen ist, in der Summe aber so uneinheitlich erscheint, dass man letztlich mit einem Gefühl entlassen wird, als wäre den Figuren am Ende Unrecht getan worden.

Dabei beginnt die Erzählung überaus leichtfüßig. Harry Horowitz ist Klavierstimmer und bietet darüber hinaus Service und Reparaturen für die edlen Flügel an. Seit Jahrzehnten ist er im Geschäft und weiß selbst dann noch, ob das Piano korrekt klingt, wenn er seine Hörgeräte zuhause gelassen hat. Ein Großteil der Arbeit übernimmt ohnehin sein Lehrling Nik, mit dessen Vater Harry gut befreundet war. Nik leidet an einer seltenen Erkrankung: Hyperakusis. Er selbst meint dazu, dass er „allergisch“ auf laute Geräusche reagiert. Tatsächlich sorgt die Überempfindlichkeit dafür, dass selbst gewöhnlicher Straßenlärm ihm körperliche Schmerzen bereitet. Darum schützt er sich mit einem zweistufigen Gehörschutz. Sein außergewöhnliches Gehör weckt auch das Interesse der Musikstudentin für fortgeschrittene Komposition, Ruthie. Eines Abends, als Nik in einem noblen Haus allein ein Klavier stimmt, hört er Geräusche, die ihn zu Einbrechern führen, die einen Safe aufbohren wollen. Dank seines Hörsinns wäre Nik die perfekte Ergänzung des einbrechenden Trios, kann er doch einen Safe ohne Hilfsmittel „knacken“.

Dass er dazu in der Lage ist, beweist er bereits zuvor, als er Harrys Hörgeräte, die er in den Safe eingeschlossen hat, an dessen Kombination er sich nicht mehr erinnert, wiederbeschafft, indem er den Zahlencode mit seinem Gehör herausfindet. Selbst, als Nik für Uri, der seine Raubzüge dadurch tarnt, dass er Sicherheitssysteme in den noblen Villen installiert und überdies nur Kleinigkeiten aus den Safes von Menschen stiehlt, die so viel besitzen, dass sie sich nicht erinnern können, was sie alles haben, den ersten Safe öffnet, besitzt The Piano Tuner eine gewisse Leichtigkeit. Roher porträtiert Niks und Harrys Handwerk als eines, das von ihren Kunden kaum wertgeschätzt wird. Die Klaviere stehen in riesigen Anwesen, ohne dass sie überhaupt gespielt würden. Doch dann wird Harry krank und wie Nik von Harrys Ehefrau Marla erfährt, ist Harry nicht mehr krankenversichert. Nik fühlt sich verpflichtet und möchte helfen, doch er erhält keinen Kredit. Darum wendet er sich an Uri und beginnt, zusätzlich zu seiner Arbeit als Klavierstimmer, als Safeknacker tätig zu werden.

Selbst in diesem Stadium fühlt sich The Piano Tuner noch „harmlos“ an, was daran liegt, dass die Mitglieder von Uris Einbrecherteam für heitere Momente sorgen sowie Nik und Ruthie sich näherkommen. Leo Woodall, der als Nik eine sehenswert starke, weil zurückhaltende Darbietung liefert, und Havana Rose Liu harmonieren gut miteinander. Sie entwickeln eine Chemie, dass man ihnen wünschen würde, es würde alles funktionieren. Doch im letzten Drittel wandelt sich die Geschichte zu einem stellenweise unerwartet gewalttätigen Krimi, dass einen der Stimmungswechsel beinahe kalt erwischt. Würde Filmemacher Roher nun darauf hinarbeiten, dass Nik schlauer sein muss, als seine Gegner, um am Ende alle gegeneinander auszuspielen und halbwegs unbeschadet aus dem Schlamassel zu kommen, in den er sich selbst manövriert hat, könnte das noch funktionieren. Doch wie die Erzählung endet, hat man das Gefühl, als hätten alle Figuren schließlich verloren. Das mag realistisch sein, lässt aber insbesondere Nik naiver erscheinen, als er zu Beginn wirkt und ist vor allem für das Publikum alles andere als mitreißend.

Denn nicht nur, dass die Unbeschwertheit vollständig verloren geht, je länger die Erzählung dauert, man wünscht sich beinahe, dass die Geschichte nach dem zweiten Akt enden würde, um die Situation für die Charaktere, die trotz dessen, was sie mitunter Rechtswidriges tun, nicht unsympathisch sind, nicht noch schlimmer zu machen. Das, was Nik dabei kurzzeitig in Händen hält, was seine ganze Quälerei mitunter aufwiegen könnte, wird am Ende einfach ausgeblendet und spielt keine Rolle mehr. Hier hätte mit Leichtigkeit die Möglichkeit bestanden, die Geschichte in eine andere Richtung zu lenken, einen richtigen Crime-Thriller aufzubauen. Doch daran hat Regisseur Daniel Roher offenbar kein Interesse.

Der versieht The Piano Tuner durchaus mit einer gelungenen Atmosphäre, die sich aber nicht natürlich über den Film hinweg entwickelt, sondern sich so plötzlich wandelt, dass man lange nicht weiß, was für eine Art Geschichte er eigentlich erzählen möchte. Das ist dennoch gut gespielt und tadellos in Szene gesetzt. Wie es Nik mit seiner ungewöhnlichen Erkrankung ergeht, veranschaulichen die Verantwortlichen greifbar und trotz seiner Entscheidungen bleibt er ein Sympathieträger, dem man gerne folgt. Doch sein Weg nimmt eine derartige Wendung, dass man sich fragen muss, ob es das alles wert ist. Die Antwort mag bei einer und einem jeden anders ausfallen, kaum jemand wird aber sagen, dass dies die beste Art ist, die Geschichte zu erzählen. Schade.


Fazit:
Dass die Geschichte lange braucht, ehe sie Fahrt aufnimmt, verzeiht man ihr ebenso, wie dass die großen Schauspielnamen Dustin Hoffman und Jean Reno zwar gelistet sind, aber kaum in Aktion treten dürfen. Oder dass vollkommen absehbar ist, welcher Fehler Nik schließlich verraten wird. Immerhin wird er als Hauptfigur gelungen vertieft und seine Beziehung zu Ruthie fühlt sich stimmig an, auch dann noch, wenn zwischen ihnen ein Streit entbrennt, bei dem Nik seine Freundin zutiefst verletzt. Nur, Filmemacher Daniel Roher präsentiert eine Story, die überhaupt nicht so verläuft, wie man erwarten würden – oder sich wünschen. So leichtfüßig die erste Filmhälfte, so düster wirkt insbesondere das letzte Drittel. Vor allem jedoch wirkt der Verlauf der Erzählung erzwungen. Angefangen von der Liebesgeschichte, über den Aspekt des Lehrlings und des Mentors, der ohne Versicherung durchs Raster fällt, weshalb Nik mit Überfällen beginnt, die anfangs noch harmlos wirken, bis die Stimmung kippt, erscheint The Piano Tuner nicht nur zusammengewürfelt, sondern beinahe bewusst disharmonisch. Für sich genommen sind die unterschiedlichen Ansätze gelungen, doch das Gesamtbild ist so diffus, es gerät geradezu enttäuschend.
 

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