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Kritik von Jens Adrian |
Hinzugefügt am 15. Juli 2026
Originaltitel: The Odyssey
Laufzeit: 172 min.
Produktionsland: Großbritannien / USA
Produktionsjahr: 2026
FSK-Freigabe: noch nicht bekannt
Regie: Christopher Nolan
Musik: Ludwig Göransson
Besetzung: Matt Damon, Tom Holland, Anne Hathaway, Robert Pattinson, Zendaya, John Leguizamo, Himesh Patel, Charlize Theron, Jon Bernthal, Lupita Nyong’o, Elliot Page, Benny Safdie, Will Yun Lee, Corey Hawkins, Mia Goth, Logan Marshall-Green, Samantha Morton, Bill Irwin, Travis Scott
Kurzinhalt:
Acht Jahre nach seinem in Liedern besungenen Sieg im Trojanischen Krieg ist König Odysseus (Matt Damon) von Ithaka immer noch nicht nach Hause zu seiner Frau Penelope (Anne Hathaway) und seinem beinahe erwachsenen Sohn Telemachus (Tom Holland) zurückgekehrt. Im Palast Ithakas scharen sich Freier, die Penelope drängen, einen neuen Ehemann zu wählen. Unter ihnen Antinous (Robert Pattinson), der die Macht an sich reißen will und vor einem Mord des Thronfolgers nicht zurückschrecken würde. Nicht einmal Odysseus’ treuer Gefährte Eumaeus (John Leguizamo) vermag ihn in die Schranken zu weisen. Während sich Telemachus aufmacht, seinen Vater zu suchen, und vom König Spartas, Menelaus (Jon Bernthal), Geschichten aus dem Trojanischen Krieg erzählt bekommt, erinnert sich Odysseus selbst, der nach einem Schiffbruch an der Insel der Nymphe Kalypso (Charlize Theron) angespült wurde, nach und nach an seine Irrfahrt, die begann, als er mit seinen Männern nach dem Sieg über Troja die Heimreise antrat. Dabei kommen sie weit vom Kurs ab und kämpfen auf verschiedenen Inseln gegen Geschöpfe, die der Magie zuzuschreiben sind. Verloren auf einem Meer, in dem sie den Launen der Götter ausgeliefert scheinen, vergisst Odysseus trotz seiner Visionen von Göttin Athena (Zendaya) nicht nur das Versprechen, das er Penelope gab, er werde nach Hause zurückkehren, sondern dass er überhaupt eine Heimat und eine Familie hat …
Kritik:
Um eines vorwegzunehmen, Christopher Nolans Die Odyssee ist ein Film für die größtmögliche Leinwand. Nur dort kann man die wahre Größe der Produktion und diese epische Geschichte richtig in sich aufnehmen. Für die bräuchte der Filmemacher in manchen Momenten, insbesondere bei zwei Wegstationen der fantastischen Heimkehr der Titelfigur, zwar mehr Zeit, dafür aber gewinnt er dessen größtem Triumph eine Bedeutung ab, die seine Heldentaten in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen.
Basierend auf dem dem griechischen Dichter Homer zugeschriebenen Epos erzählt die Geschichte diejenige des griechischen Königs Odysseus, der für Agamemnon, Anführer der Griechen im Krieg gegen Troja, in die Schlacht zieht. Zehn Jahre dauert die Belagerung, die Odysseus mit einer List beendet und den Sieg erringt. Doch die Seefahrt nach Hause dauert viel länger als gedacht. Mit seinen Männern stößt Odysseus auf Geschöpfe und Gefahren, die ihn an seinen Überzeugungen zweifeln lassen. Währenddessen wartet seine Frau Penelope auf Odysseus’ Rückkehr. Ihr gemeinsamer Sohn Telemachus ist noch nicht volljährig und kann den Thron nicht besteigen, weshalb die vielen Freier, die sich im Königreich versammelt haben, seit von Odysseus’ Tod berichtet wurde, die Königin drängen, einen neuen Mann zu wählen. Allen voran Antinous, der Pläne schmiedet, die Macht an sich zu reißen.
Die Geschichte selbst ist, sieht man von den weitverzweigten Verbindungen der Figuren zueinander ab, nicht allzu komplex. Vor allem ist sie, ähnlich wie Nolans Filme zuletzt, nicht in chronologisch richtiger Reihenfolge erzählt. Diesen Aspekt teilt die Verfilmung jedoch mit der mehr als 2.500 Jahre alten Vorlage. Die Erzählung springt immer wieder zwischen Momenten, in denen sich Penelope und Telemachus der zunehmend ungehalteneren Flut an Bewerbern für die Nachfolge des Königs gegenübersehen, und Berichten der Abenteuer auf der Heimreise Odysseus’ hin und her. Letztere schildert der sich kaum an seine Vergangenheit erinnernde Protagonist der Nymphe Kalypso. Zentraler Ankerpunkt ist dabei verständlicherweise die Geschichte der List, mit der Odysseus den Trojanischen Krieg entschied. Diese Schlacht stellt aber nicht den eigentlichen Höhepunkt von Die Odyssee dar, vielmehr ist sie aus unterschiedlichen Perspektiven immer nur teilweise in mehreren Abschnitten des Films zu sehen und gewinnt dabei eine andere Bedeutung, je nachdem, wer sie erzählt. Dass trotz der Laufzeit von beinahe drei Stunden nicht alle Zwischenstationen von Odysseus’ Heimreise beschrieben werden, ist nicht verwunderlich. Wie sehr die Erzählung den Fantasyaspekt annimmt, aber durchaus. Kyklopen, Zauberinnen, sogar die Unterwelt Hades wird gezeigt. Zwar lässt das Drehbuch viele andere Elemente der Vorlage außen vor, doch der Umfang und die Weitläufigkeit der Mythologie werden ebenso greifbar, wie man ihr Zusammenspiel versteht. Dabei erschließt sich erst ganz am Ende, was es mit Odysseus’ Visionen von Athena auf sich hat.
Die Frage stellt sich damit durchaus, was an der Erzählung der Odyssee ist tatsächlich real, was ist Legende, vielleicht sogar eine, die sich Odysseus selbst erzählt? Und welche Schilderung der fantastischen Abenteuer ist glaubwürdiger? Gerade dann, wenn ein vermeintlicher Bettler Penelope von den Sagen des Odysseus erzählt, verleiht Die Odyssee dem Titel gebenden Helden eine ganz andere Bedeutung. Es ist der stärkste Moment des Films, unterlegt mit Bildern einer Schlacht, deren schieres Ausmaß einen sprachlos macht. Die Größe der Erzählung, die Regisseur Christopher Nolan auf die Leinwand bringt, ist kaum in Worte zu fassen. Die Landschaftsaufnahmen, Bilder der Schiffe auf See, aber auch die Paläste und Bauten, was von Troja zu sehen ist oder das riesige Holzpferd, sehen atemberaubend aus. Nicht einmal bei den Riesen, gegen die Odysseus und seine Männer kämpfen, sieht man irgendeine Art von Trickeffekt und beim Kampf gegen den Kyklopen an sich nur, weil man weiß, dass es ein solches Wesen nicht gibt. Hier wie auch bei der Zauberin Kirke finden die Verantwortlichen Mittel und Wege, der Umsetzung der Mythologie etwas Neuartiges abzugewinnen, sodass man selbst dann nicht das Gefühl bekommt, all das bereits gesehen zu haben, wenn man sich vorige Verfilmungen der Sage angeschaut hat. Sie verleihen der fantasylastigen Geschichte einen Realismus, der sie auch in der heutigen Zeit verankert und Spielraum für Interpretation lässt.
Die Umsetzung ist grandios, was in vielen Momenten auch für die Musik gilt, für die der mit dem Oscar ausgezeichnete Komponist Ludwig Göransson verantwortlich zeichnet. Setzt er aber in manchen Situationen auf spürbar basslastige Klänge oder sogar aufdringlich elektronische Musik, wirkt das merklich unpassend. Dafür entschädigt ein namhaftes Ensemble, das durchweg gefordert ist. Wie kräftezehrend die Dreharbeiten gewesen sein müssen, ist insbesondere Hauptdarsteller Matt Damon anzusehen, aber auch Anne Hathaway und John Leguizamo zeigen preiswürdige Darbietungen. Jede und jeder einzelne Beteiligte darf in einem Moment glänzen und sie alle treten hinter den Rollen dieser epischen Geschichte zurück. Genau diesen Aspekt der Vorlage bringt Die Odyssee zur Geltung, angefangen von den Andeutungen einer Welt, die viel größer ist, als sie hier gezeigt wird, über schicksalshafte Begegnungen und ein erzählerisches Gewicht, als würde was mit den Figuren geschieht den Verlauf der Menschheitsgeschichte beeinflussen. Sieht man diese überwältigende Größe, die sich in allen Details der Umsetzung widerspiegelt, kann man sich nur schwer eine Verfilmung der Vorlage vorstellen, die all dies besser einfangen würde. Dabei übergeht Regisseur Nolan zugegebenermaßen viel und blendet die göttlichen Mächte, die Odysseus’ Schicksal lenkten, in gewisser Hinsicht vollkommen aus. Aber genau das macht die Adaption sie für ein breites Publikum zugänglicher als die Vorlage selbst, das hier ein Filmerlebnis erwartet, das in der getragenen Dramatik eher an Dune [2021] denn an sonstige Fantasy-Geschichten erinnert. Das ist beeindruckend und uneingeschränkt empfehlenswert, wenn man weiß, worauf man sich einlässt.
Fazit:
Odysseus’ Überheblichkeit und Arroganz besiegeln letztlich nicht nur sein Schicksal und das seiner Männer, über die er ganz langsam die Kontrolle verliert, nachdem seine Handlungen sie ihrer Meinung nach in der Gunst der Götter haben in Ungnade fallen lassen. Ihr Abstieg beginnt vielmehr zuvor. Kaum ein Ereignis verbindet man mit der Odyssee und mit Odysseus selbst so sehr wie seine List des Trojanischen Pferdes. Hier steht es für den Verlust all dessen, was den menschlichen Zusammenhalt ausmacht. Statt eine Heldengeschichte, erzählt Filmemacher Christopher Nolan die Geschichte eines Mannes, der im Moment seines scheinbar größten Triumphs erkennt, dass er seinen Weg verloren hat, noch bevor seine Irrfahrt beginnt. Er verleiht dem übermenschlichen Strategen damit im letzten Drittel eine Menschlichkeit und dem auslösenden Moment der Odyssee eine Bedeutung, die man aus der Vorlage nicht herauslesen muss, die sie aber ungemein bereichert. In überraschend kurzweiligen drei Stunden deckt die Erzählung allerdings nur einen Teil des Epos ab. Überlebensgroß in Szene gesetzt, scheinen die Sequenzen mit dem Kyklopen oder aber Zauberin Kirke, als stammten sie aus einem Horrorfilm. Der Auftritt von Letzterer gerät merklich zu kurz, was man sogar einzelnen Szenenübergängen anmerkt, dafür wartet eine Interpretation der Unterwelt, die einem einen Schauer über den Rücken jagen kann. Überragend in Szene gesetzt und auf eine heute kaum mehr vorstellbare Art und Weise greifbar real in Szene gesetzt, mutet dies an wie ein Ben Hur [1959] unserer Zeit. Mit unvorstellbar vielen Komparsen und einer grandiosen Ausstattung zum Leben erweckt, verleiht die wuchtige Optik allem hier eine Größe, dass man sich darin verlieren kann. Wenn nicht Ehrfurcht, gebietet das zumindest Respekt vor einer Produktion, wie man sie wohl nie wieder auf der großen Leinwand wird bestaunen können. Dabei sollte man sich vor Augen führen, welche Geschichte erzählt wird; dass diese sich stellenweise wiederholt oder episodenhaft anmutet, mit Sprüngen in der Erzählung, die wie Erinnerungsfetzen anmuten, kommt nicht von ungefähr. Ohne den Fantasyaspekt auszuklammern, erzählt Die Odyssee eine Sage über die Opfer des Krieges und wozu Menschen fähig sind, über Hochmut und Verrat. Für die herausragende Besetzung ist das sichtlich kräftezehrend und insgesamt so monumental und episch umgesetzt, wie nie zuvor. Nicht weniger verdient die Odyssee und Nolan erweist ihr diese Ehre. Großartig!


