Passenger [2026]

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5–7 Minuten
Wertung: 4.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 22. Mai 2026
Genre: Horror

Originaltitel: Passenger
Laufzeit: 94 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2026
FSK-Freigabe: ab 16 Jahren

Regie: André Øvredal
Musik: Christopher Young
Besetzung: Jacob Scipio, Lou Llobell, Melissa Leo, Joseph Lopez


Kurzinhalt:

Tylers (Jacob Scipio) großer Traum geht endlich in Erfüllung, als er mit seiner Freundin Maddie (Lou Llobell) die Wohnung in Brooklyn auflöst, um künftig in einem zum Wohnmobil umgebauten Sprinter Teil der Vanlife-Community zu werden. Tyler ist der Überzeugung, dass er, auf diese Weise ungebunden, freier atmen kann. Maddies Traum hingegen ist ein festes Zuhause, doch Tyler zuliebe lässt sie sich auf das Abenteuer auf der Straße ein. Etwa zwei Monate später treffen sie nachts auf eine Unfallstelle und halten an. Bereits kurz darauf bemerkt Maddie seltsame Geräusche und eine schemenhafte Gestalt, die sie immer wieder sieht und die ihnen zu folgen scheint. Bei einem Vanlife-Treffen merkt die erfahrene Camperin Diana (Melissa Leo), dass Maddie etwas beunruhigt. Viele Camper werden in der Gegend vermisst und wie es scheint, hat, welches Böse auch immer dafür verantwortlich ist, nun Tyler und Maddie im Visier …


Kritik:
André Øvredals Passenger wartet nach einer immens einnehmenden Eröffnung, bei der sich einem die Nackenhaare aufstellen, mit einer ersten Hälfte auf, die stimmungsvoller kaum sein könnte. Das hohe Niveau hält der Horrorfilm so lange, bis er versucht, mit vielen Erklärungen seinen Figuren einen Weg aus einer schier ausweglosen Situation aufzuzeigen. Was folgt, schwächt spürbar den mystischen Horror, ist aber immer noch gut umgesetzt und wartet darüber hinaus mit zahlreichen guten Ideen auf.

Im Zentrum der Geschichte stehen Tyler und Maddie, die ihre Wohnung in New York geräumt haben, um künftig mit einem Wohnmobil durchs Land zu ziehen, dessen Interieur Maddie designte. Dieses Leben ist Tylers Traum, während sich Maddie, die als Kind immer wieder umgezogen ist, im Grunde ein festes Zuhause wünscht. Eines Nachts, nachdem sie mehr als sechs Wochen bereits unterwegs sind, fahren sie an eine Unfallstelle heran. Maddie sieht noch, wie der schwer verletzte Fahrer von irgendetwas ins Autowrack zurückgezogen wird, doch als Tyler die Unfallstelle in Augenschein nimmt, ist die Szenerie eine andere. Kurz darauf glaubt Maddie immer wieder, eine schemenhafte Figur zu sehen und es dauert nicht lange, ehe sich die unheimlichen Begegnungen zuspitzen und körperliche Formen annehmen. Obwohl Tyler sagt, dass er ihr glaubt, kann sich Maddie tatsächlich sicher sein, dass was sie sieht, wirklich real ist?

Immerhin, das wird im Rahmen der Erzählung zwar nie ausgesprochen, aber impliziert, könnte all dies auch eine Manifestation dessen sein, wie sich Maddies Leben entwickelt. Nicht nur, dass sie Tyler auf einem nach seinen Wünschen nie enden wollenden Road Trip folgt, den sie selbst aber gar nicht möchte, zu allem Überfluss macht Tyler ihr auch noch einen Heiratsantrag, zu dem sie zwar „Ja“ sagt, bei dem sie aber nicht glücklich erscheint. Dazu passt auch die Bedeutung einer Markierung, die sie an ihrem Wohnmobil entdecken und die Maddie später als Warnung entschlüsselt. Ist Maddie, die Tylers Lebenstraum mit ihm erfüllt, also gewissermaßen in Gefahr und sei es „nur“, sich selbst zu verlieren? Es ist eine Idee, die Passenger zwar aufwirft, aber nie weiterverfolgt. Vor allem ergibt die Markierung letztlich, sieht man die übernatürliche Auflösung dessen, was sich an Maddie und Tyler heftet, keinen großen Sinn. Tatsächlich ist gerade die Auflösung der schwächste Punkt der Erzählung. Nicht in Bezug auf die Umsetzung, sondern hinsichtlich der Idee. Lange Zeit bleibt im Dunkeln, womit die zwei Frischverlobten es zu tun haben und so lange gerät die Bedrohung auch mysteriös. Die eigentliche Begründung geht dann jedoch derart ins Detail und bleibt hinsichtlich der Motivation dieser finsteren Macht doch so nebulös, dass die Erklärung wie ein kaum durchdachter Versuch erscheint.

Entsprechend wenig ist diesbezüglich auch die Besetzung gefordert, die zwar eine gelungene Chemie besitzt, die größten Konflikte in der Beziehung der Figuren aber gar nicht austragen darf. Immerhin, und das ist eine gelungene Überraschung, beweisen die trotz einiger gestellt klingender Dialoge eine realistische Weitsicht, die vielen Figuren in Horrorfilmen oftmals fehlt. Sie versuchen nicht, ihre Beobachtungen zu verschleiern, holen Hilfe, sobald sie sich bedroht fühlen und wenn Tyler sich in einem Moment freiwillig zurückzieht, weil er zu verstehen beginnt, was Maddie seit geraumer Zeit bereits sieht, spricht er dem Publikum damit aus der Seele. Passenger macht hier Vieles richtig, zumal Regisseur André Øvredal (Die letzte Fahrt der Demeter [2023]) ein tolles Gespür für einen packenden Szenenaufbau beweist. In langen Einstellungen zwingt er das Publikum nicht nur in das Auto zu Beginn der Erzählung, sondern erzeugt sogar auf einem Parkplatz eine geradezu klaustrophobische Atmosphäre. Da verzeiht man sogar, dass die meisten Schreckmomente doch wieder mit lauten Geräuschen einhergehen, die am Ende einen Großteil des Schocks ausmachen.

Der grundsätzlich dichten wie beunruhigenden Stimmung tut das keinen Abbruch, doch die büßt vor allem im letzten Drittel merklich von ihrer Stärke ein. Das liegt weniger daran, dass Passenger auf eine letztendliche Konfrontation zusteuert, die das Wesen, in dessen Visier Maddie und Tyler geraten sind, jederzeit beenden könnte, es aber aus unerfindlichen Gründen nicht tut. Vielmehr werden zum zweiten Mal in der Erzählung viele Informationen auf einmal präsentiert, die der Kreatur viel von ihrer Mystik nehmen. Nichtsdestotrotz liefert Filmemacher Øvredal nicht nur ein Plädoyer dafür, zuhause zu bleiben, statt einen Road Trip zu planen, ihm gelingt eine Inszenierung, die viele Schwächen in den Hintergrund treten lässt. Horrorfans werden hier auf ihre Kosten kommen.


Fazit:
Auch wenn es kurzzeitig den Anschein hat, als würde Maddie, die bei einem Camper-Treffen viele Informationen zu dem erhält, was sie beobachtet hat, den Rest selbst recherchieren, arbeitet die Story doch wieder auf einen Moment hin, in dem der Rest der Mythologie auf einmal präsentiert wird. Das wirkt unnötig plump, zumal Manches hiervon keinen richtigen Sinn ergibt und andere interessante Ansätze wie die Verkörperung von Maddies Ängsten, ganz fallen gelassen werden. Vielleicht hätte es eine bessere Möglichkeit gegeben, die Geschichte zu einem Ende zu bringen, ohne zu viele Details zu verraten. Die erste Hälfte ist derart gelungen und die Ausgangslage so einfach wie eingängig, dass das Ende dem nicht gerecht zu werden vermag. Insbesondere deshalb, weil das, womit Maddie und Tyler es zu tun haben, kein greifbares Ziel zu verfolgen scheint. Dennoch und auch wenn manche Dialoge etwas steif klingen, die Figuren sind durchaus sympathisch und zu sehen, wie sich die vermeintliche Unbeschwertheit des Camperlebens in Luft auflöst, trägt zur unheimlichen Atmosphäre merklich bei. Passenger ist ein überraschend guter wie einfallsreich und gelungen inszenierter Genrefilm, sieht man von einigen unnötig wackeligen Passagen einmal ab. Er beweist, dass man auch trotz vieler bekannter Elemente eine Story präsentieren kann, die packt. Gerade weil dem Publikum Figuren vorgestellt werden, mit denen mitzufiebern sich lohnt, anstatt sie lediglich zur Opferbank zu führen. Horrorfans sollten das auch honorieren und selbst wenn die Story das Rad nicht neu erfindet, es ist eine packende Fahrt, an die man sich spätestens nachts im Straßenverkehr länger erinnern wird, als einem Recht ist.
 

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