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Kritik von Jens Adrian |
Hinzugefügt am 14. Oktober 2026
Originaltitel: Whalefall
Laufzeit: 106 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2026
FSK-Freigabe: ab 16 Jahren
Regie: Brian Duffield
Musik: Joseph Trapanese
Besetzung: Austin Abrams, Josh Brolin, Elisabeth Shue, John Ortiz, Jane Levy, Emily Rudd
Kurzinhalt:
Der Besuch im Haus seiner Eltern Mitt (Josh Brolin) und Zara (Elisabeth Shue) ist für Jay (Austin Abrams) mehr eine lästige Pflicht. Seit einem Jahr schiebt er als jüngstes von drei Kindern etwas vor sich her, das er nun endlich in Angriff nehmen will. Darum schnappt er sich noch vor Sonnenaufgang seine Taucherausrüstung und macht sich auf zum gefährlichen Strand Monastery Beach. Dort will er tauchen gehen, unweit einer Stelle, wo der Meeresboden steil in ein dunkles Nichts abfällt. An der Kante angekommen, erblickt Jay unter Wasser zuerst einen Riesenkalmar, der mit seinen Tentakeln länger ist, als Jay groß. Der Kalmar wird von einem Pottwal gejagt und als Jay versucht, der Situation zu entkommen, wird er von dem Pottwal zusammen mit dem Kalmar verschluckt. Er wacht kurz darauf im Vormagen des Wals auf, aber nicht nur, dass der Kalmar ebenfalls noch lebt, Jay hat lediglich Sauerstoff für weniger als eine Stunde übrig. Es beginnt ein Kampf ums Überleben, bei dem Jays Optionen immer weniger werden …
Kritik:
Brian Duffields Adaption von Daniel Kraus’ Roman Whalefall – Im Wal gefangen [2023] ist ein bedeutend besserer Film, als man in Anbetracht der hanebüchen erscheinenden Geschichte um einen Taucher, der von einem Pottwal verschluckt wird, sollte erwarten dürfen. Dabei setzen die Verantwortlichen die Geschichte mit einer Ernsthaftigkeit um, die gleichermaßen überrascht und nicht zuletzt die zentralen Darbietungen sorgen dafür, dass man bei Whalefall öfter als nicht die Luft anhält.
Die eigentliche Erzählung beginnt, als der junge Jay zu seinem Elternhaus in Carmel, Kalifornien, zurückkehrt. Dort liegt auch die Monastery Beach, wo Jays Vater ihm das Tauchen beigebracht hat. Der Meeresboden fällt hier steil ab und als Jay dort einen Tauchgang absolviert, sieht er zuerst einen Riesenkalmar, kurz darauf außerdem einen Pottwal. Bei dem Versuch, der gefährlichen Situation davon zu schwimmen, wird Jay von dem Kalmar erfasst und zusammen mit ihm in das Maul des Pottwals gezogen. Er erwacht im Vormagen des Wals und muss feststellen, dass auch der Riesenkalmar noch lebt. Mit weniger als einer Stunde Restsauerstoff beginnt ein zunehmend verzweifelter Kampf ums Überleben.
Wenn man darüber nachdenkt, wie absurd die Geschichte von einem Taucher klingt, der von einem Wal verschluckt wird, sollte man bedenken, dass Pottwale offenbar tatsächlich die einzigen Wale sind, deren Speiseröhre groß genug ist, dass ein Mensch hindurchpasst. Außerdem kauen sie ihre Nahrung nicht, sondern zerquetschen diese mit den Muskeln in ihrem Vormagen. Man kann sich also vorstellen, was Jay blüht, nachdem er verschluckt wurde. Es ist eine so abwegige wie erschreckende Situation, dass man, sobald Jay erkennt, wo er sich befindet und versucht, sich zu befreien, zusammen mit ihm die Luft anhält. Nicht einmal mit einem Messer ausgestattet, scheint es ein aussichtsloser Kampf zu sein, noch schlimmer gemacht dadurch, dass Jay in diesem beengten, lebensfeindlichen Raum nicht einmal alleine ist. Whalefall greift eine ureigene Angst des Publikums auf und erzählt daraus einen Thriller, dem es gelingt, Jays Situation tatsächlich fortwährend zu verschlimmern.
Die allermeiste Zeit über muss man sich dabei erschließen, was in Jay vor sich geht und was er vorhat, denn nicht nur, dass er der einzige Mensch im Magen des Wals ist und somit niemanden hat, mit dem er sich unterhalten kann, die Gase dort sind auch nicht atembar, weshalb er weiterhin den Atemregler im Mund behält. Zwar weicht Filmemacher Duffield dies im Verlauf ein wenig auf und lässt Jay durch zusammengebissene Zähne sprechen, ganz zu schweigen davon, dass er – wenn der Sauerstoff zur Neige geht und die Schmerzen ihn übermannen – zu halluzinieren beginnt, weit überwiegend fragt man sich aber wie Jay, wie er aus dieser Situation entkommen soll und leidet mit ihm mit, wenn er es wieder und wieder versucht, nur um immer wieder zu scheitern. Wie gesagt, wird die Lage, in der er sich befindet, stets dramatischer und beinahe jeder seiner Versuche, sich daraus zu befreien, geht mit einer weiteren Verletzung einher. Die Altersfreigabe von Whalefall ist insoweit nicht zu hoch angesetzt.
So gefährlich der Überlebenskampf selbst ist, er ist nur ein Aspekt der Geschichte, die immer wieder in Situationen mit Jay und seinem Vater Mitt springt. Es ist eine schwierige Beziehung, geprägt von einem raubeinigen Vater, der mit dem Meer verbunden ist und hofft, dass sein Sohn ihm nachfolgt, während dieser nie das Gefühl hat, den Erwartungen gerecht werden zu können. Das klingt kitschig und klischeehaft, doch gelingen Whalefall hier viele gelungene Momente auch dank Austin Abrams und Josh Brolin, die insbesondere in einer gemeinsamen Szene beide nicht zurückhalten. Es ist ein Porträt, das die Story stärker prägt, als man vermuten würde. Dass es Abrams außerdem tadellos gelingt, die Panik und zunehmende Verzweiflung von Jay trotz der Taucherbrille zum Ausdruck zu bringen, gestaltet sein Dilemma nur umso greifbarer.
Regisseur Brian Duffield findet tolle Perspektiven, um das Innere des Wals zum Leben zu erwecken. Dass hier die verschiedenen Bereiche, in denen sich Jay aufhält, in unterschiedlichen Farben fluoreszieren, macht es zwar einfacher, die Geschichte zu erzählen und zu unterscheiden, wo sich Jay innerhalb des Wals befindet, wie realistisch oder sinnvoll das ist, steht jedoch auf einem anderen Blatt. Nichtsdestotrotz ist Whalefall einfallsreich wie tadellos in Szene gesetzt, versetzt das Publikum unmittelbar an Jays Seite innerhalb des Wals und findet auch unter Wasser Bilder, die die Entwicklung der Hauptfigur widerspiegeln, ohne zu sehr mit dem Finger darauf zu zeigen. Dass die Story ihre Themen am Ende aber offen ausspricht, anstatt den Zuschauerinnen und Zuschauern die Interpretation zu überlassen, ist schade und zugegeben, auch der Verlauf der Story ist nicht neu. Doch sie ist durchweg unterhaltsam, sobald Jay im Wasser ist, bis zum Ende hin durchgehend spannend und wie sein Tauchgang endet, ist lange Zeit alles andere, als sicher.
Fazit:
Die Ausgangslage klingt, als würde Hollywood inzwischen nichts mehr einfallen bzw., als würde man Fabelgeschichten als bare Münze verkaufen wollen. Über die wissenschaftliche Genauigkeit oder Machbarkeit mögen sich die entsprechenden Expertinnen und Experten unterhalten, Filmemacher Brian Duffield gelingt mit Whalefall jedoch ein unerwartet packender Thriller, dessen Idee aus einem Alptraum stammen könnte, bei dem es einem buchstäblich den Atem verschlägt. Stringent und überraschend wenig zimperlich umgesetzt, mutet die Geschichte ihrer Hauptfigur mehr zu, als man vermuten würde. Bis hin zu einem konsequenten Ende, das nicht jedem gefallen dürfte. Jays Martyrium in dem Wal spiegelt dabei allerdings nur wider, was er sich selbst durch seine Entscheidungen aufgebürdet hat, die hier in Rückblicken aufgegriffen werden. Insofern sind der Wal und Jays Gefangenschaft darin ein treffendes Sinnbild auf mehreren Ebenen. Es verleiht der Geschichte ein emotionales Gewicht, das man schlichtweg nicht vermuten würde. Toll umgesetzt und stark gespielt, ist dies eine wirkliche Überraschung – und eine Empfehlung für ein Publikum, das bereit ist, sich mit in die Tiefe ziehen zu lassen, tatsächlich und im übertragenen Sinn. Toll!

