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Kritik von Jens Adrian |
Hinzugefügt am 15. Oktober 2026
Laufzeit: 106 min.
Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 2026
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren
Regie: Mariko Minoguchi
Musik: Yu-Chun Huang
Besetzung: Nina Hoss, Mariam Sanusi, Barbara Petritsch
Kurzinhalt:
Auch wenn sich Ärztin Hanna (Nina Hoss) allein in die Wälder zurückgezogen hat, selbst jagt und in einer Holzhütte lebt, bleibt sie doch dicht am Rest jener Zivilisation, die Menschen wie sie ausgeschlossen hat. Hanna ist mit einer hochansteckenden, tödlichen Krankheit infiziert. Die Wunden und Ausschläge an ihrem Körper sind Zeugnis dieses Erregers, der viele Todesopfer gefordert hat. Ein Heilmittel gibt es nicht, weshalb die Infizierten in Heimen untergebracht werden, wo sie nicht mehr tun können, als auf den Tod zu warten. Hanna hat sich für ein anderes Leben entschieden, darf aber nicht entdeckt werden, da sie sonst ebenfalls eingesperrt würde. Im Süden soll die Situation besser sein, weshalb sich Hanna auf den Weg macht und in der Nähe eines Camps von Infizierten einer jungen Frau begegnet, Lila (Mariam Sanusi), für die es sich lohnen könnte, die trügerische Sicherheit ihrer Isolation aufzugeben …
Kritik:
Die Bilder, die Filmemacherin Mariko Minoguchi in ihrem beängstigenden Drama Die andere Seite findet, sind wie die Darbietung im Zentrum derart stark, dass man lange Zeit nicht bemerkt, dass es der Geschichte an einem klaren Ziel ebenso mangelt, wie an deutlichen Charakterisierungen. Insbesondere ein erwachsenes Publikum kann sich dabei so leicht mit der Ausgangslage identifizieren, dass es beinahe enttäuscht, dass die Erzählung am Ende nicht mehr daraus zu machen versteht – oder nicht daran interessiert ist.
Die Geschichte wird aus Sicht der Ärztin Hanna erzählt, die isoliert in den Wäldern lebt. Sie hat alles verloren, ihre Familie, ihre Freunde und ihre Karriere. Als infizierte Überträgerin einer hochansteckenden, tödlichen Krankheit ist sie von der Gesellschaft nicht nur ausgeschlossen. Um den Ausbruch einzudämmen, werden Infizierte in Heimen zusammengetrieben. Eine Heilung gibt es nicht. Darum versucht Hanna, sich allein durchzuschlagen. Das gelingt ihr trotz der Infektion lange erfolgreich, aber in einem Camp von geflüchteten Infizierten trifft sie auf eine junge Frau, die in doppelter Hinsicht den Aufbruch in eine neue Zukunft verspricht. Doch der Weg ist voller Gefahren und als Infizierte sind sie scheinbar nicht nur Menschen ohne Rechte, sondern in gewisser Hinsicht gar nicht mehr Teil der Lebenden.
Die Inhaltsangabe klingt auch deshalb so oberflächlich, da Hanna auf diese andere Frau, Lila, erst im letzten Drittel der Erzählung trifft. Bis dahin verbringt Regisseurin Minoguchi in ihrem zweiten abendfüllenden Spielfilm viel Zeit damit, Hannas Alltag vorzustellen. In der sichtbar rauen Herbst- bzw. Winterwitterung trägt sie eine Jacke, die an vielen Stellen kaputt ist. Zu Beginn häutet sie ein Tier, das sie im Wald erlegt hat, nur um ihre Beute wenig später wieder zu verlieren. Sie ist zwar in der Lage, eine infizierte Wunde an ihrem Bein nicht nur oberflächlich zu versorgen, sondern auch zu nähen, aber die vielen anderen wunden Stellen an ihrem Körper, ihren Händen und ihrem Hals, verheilen nicht, sondern nehmen eher zu. In der ersten Filmhälfte weit überwiegend ohne eine Person, mit der sich Hanna austauschen könnte, verlässt sich Die andere Seite auf die Bilder und Hauptdarstellerin Nina Hoss, um diese Welt vorzustellen. Nachrichtenfetzen, die im Hintergrund zu hören sind, ist zu entnehmen, dass es keine Heilung gibt und die Menschen in den Süden fliehen, da die höhere UV-Strahlung bei einer Infektion helfen soll. Es ist eine umgekehrte Situation zu heute häufigen Fluchtbewegungen. Die Grenzen nach Italien sind geschlossen und wenn Infizierte entdeckt werden, auch wenn sie außer Landes fliehen wollen, werden sie in Heimen untergebracht, von denen Hanna überzeugt ist, dass sich die Menschen dort nur gegenseitig mit neuen Mutationen der Erkrankung anstecken, bis sie sterben. Selbst von einer Bekannten, die Hanna mit Medikamenten versorgt, wird sie aufgefordert, sich den Behörden zu stellen. Damit das Leben für den nicht infizierten Teil der Bevölkerung weitergehen kann, muss der infizierte Teil eben ein Opfer erbringen.
Dass genau dieser Aspekt von Die andere Seite frappierend an die Situation während der Corona-Pandemie erinnert, überrascht nicht. Durch Hanna erlebt das Publikum die Welt aus der Perspektive derjenigen, die das Virus in sich tragen und von der Gesellschaft ausgeschlossen werden. Hanna distanziert sich aus mehrerlei Gründen. Zum einen, um nicht in ein Heim gebracht zu werden, zum anderen, um niemanden anzustecken. Auch wenn die Gesellschaft ihr den Rücken gekehrt hat, tut sie es ihr nicht gleich. Was in ihr vorgeht, in welcher Lage sie sich überhaupt befindet, muss sich das Publikum selbst erschließen. Ist sie anfangs ohne Tasche oder Rucksack im Wald, kann man erahnen, dass sie sich in einer Hütte zurückgezogen hat. Deren Fenster deckt sie abends ab, damit sie nicht entdeckt wird. Trotz der außergewöhnlichen Situation versucht Hanna, ein geregeltes Leben zu leben. Erkundet sie ein verlassenes Haus, dann scheint es, als würde sie das Schlafzimmer, auch das Kinderschlafzimmer, nur zögerlich betreten, als wisse sie bereits, was sie dort vorfinden werde. In diesen Situationen bleibt Filmemacherin Mariko Minoguchi, die auch das Drehbuch schrieb, so vage, dass es schwerfällt, sich ein richtiges Bild dieser Welt zu machen. Ähnlich ist es, wenn Hanna Menschen begegnet, die sie kennt, deren Beziehungen zu ihr aber nicht ausgesprochen werden. Man könnte fast meinen, die Erzählung sollte hier mehr in die Tiefe gehen und es würden Teile schlichtweg fehlen.
Über Vieles davon kann man hinwegsehen, aber gerade, wenn bestimmte Story-Bestandteile für den Fortgang essenziell wichtig sind, aber nicht erläutert werden, ist das beinahe frustrierend. Beispielsweise, wenn Zivilisten eingeführt werden, die die Infizierten zusammentreiben. Es ist ein Aspekt, der auch Aussagen über die Strukturen einer solchen Gesellschaft treffen kann, hier aber lediglich eingeworfen wird, um die Geschichte voranzubringen. So fragt man sich aber bereits bevor die Hälfte der Erzählung erreicht ist, worauf Die andere Seite überhaupt hinauslaufen soll. Hanna hat kein wirkliches Ziel vor Augen und wenn sie schließlich eines findet, wird nie deutlich, was sie dorthin treibt. So sehr es dem Drama gelingt, sie als Figur vorzustellen, darüber hinaus ausgearbeitet wird sie nicht, so dass ihre Charakterzeichnung am Ende auf demselben Niveau verbleibt, wie zu Beginn. Das schmälert nicht die visuelle Wucht der Erzählung oder die darstellerische Leistung im Zentrum. Ohne eine Substanz dahinter, wirkt beides aber merklich zusammenhanglos.
Fazit:
Bis auf den letzten Moment schildert Filmemacherin Mariko Minoguchi die ganze Erzählung aus Sicht ihrer Hauptfigur Hanna. Nina Hoss zeigt einmal mehr eine Tour de Force, die in vielen Situationen mitnimmt und auch ohne Dialoge vermittelt, was in ihr vorgeht. Doch so gelungen dieser Aspekt des apokalyptischen Dramas ist und so willkommen, dass man sich die Bedeutung der Geschichte selbst erschließen muss, inhaltlich bleibt Vieles so vage, dass man nicht weiß, worauf das hinauslaufen, geschweige denn, was es einem sagen soll. Sieht man, dass die Grausamkeit nicht von den Infizierten, sondern den Nichtinfizierten ausgeht, die allesamt Masken tragen und den Tod der Erkrankten in Kauf nehmen und diese denunzieren, um ihr bekanntes Leben weiterzuführen, scheint dies beinahe wie eine Anklage der politischen Entscheidungen der Corona-Pandemie und vermischt darin eine Darstellung der Flüchtlingsströme. Aber was Hanna antreibt, was ihren Überlebenswillen ausmacht, wird nie erläutert. Die Schuld der Überlebenden, auch wenn sie infiziert ist, verspürt sie nicht und scheint beinahe distanziert, wenn sie über den Verlust spricht, den sie erlitten hat. Kräftezehrend gespielt und mit natürlichen Lichtquellen und malerischen Landschaftsaufnahmen versehen, die die Rauheit der Welt gelungen widerspiegeln, ist Die andere Seite auf Grund dieser Aspekte überaus sehenswert. Momente, die die Macht der menschlichen Berührung unterstreichen und wie wir verkümmern, wenn sie fehlt, sind dabei stark umgesetzt. Aber sie existieren in einer Story, die über die Ausgangsidee hinaus kaum ausgearbeitet und letztlich überraschend ziellos erscheint.


