Vier minus Drei [2026]

Kategorien: 

, ,

Lesedauer: ca. 

5–8 Minuten
Wertung: 5.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 17. März 2026
Genre: Drama

Laufzeit: 121 min.
Produktionsland: Österreich / Deutschland
Produktionsjahr: 2026
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: Adrian Goiginger
Musik: Arash Safaian
Besetzung: Valerie Pachner, Robert Stadlober, Jonas Recklies, Victoria Wild, Stefanie Reinsperger, Hanno Koffler, Conrado Molina, Jona Wildling, Stephanie Heinrich, Paul Wolff-Plottegg, Michael Gampe, Petra Morzé, Margarethe Tiesel, Wolfgang Lampl, Felix Draschl, Ronald Zehrfeld


Kurzinhalt:

Als Barbara (Valerie Pachner) mit dem Auto auf dem Heimweg von ihrer Arbeit in Graz ist, erhält sie einen Anruf, nach dem sie bereits ahnt, was geschehen ist. Es hat einen Unfall gegeben und die Beschreibung passt auf die des Fahrzeugs, das ihr Mann Helmut (Robert Stadlober), genannt „Heli“, gefahren hat. Ihre beiden Kinder Thimo (Jonas Recklies) und Fini (Victoria Wild) waren ebenfalls an Bord. Kurz darauf bricht Barbaras Welt zusammen. In den Wochen danach erinnert sie sich an glückliche Zeiten mit ihrer Familie, wie sehr Heli von einem Leben in einem anderen Land geträumt hat, da er glaubte, dass er seine Kunst in Österreich nicht ausleben könne. Nicht nur, dass ihr alles genommen wurde, was ihr wichtig war, Barbara kann auch ihren Beruf nicht weiter ausüben. Und ohne dass sie die Trauer annimmt, kann sie sie auch nicht verarbeiten, oder einen Weg zurück in ihr neues Leben finden …


Kritik:
Auch wenn die Aussage der Erzählung eine andere ist, Adrian Goigingers Vier minus Drei fühlt sich an wie ein Tritt in die Magengrube. Das auf wahren Begebenheiten beruhende Drama erzählt von einem unvorstellbaren Verlust und wie die Frau, die ihn erlitten hat, einen Weg zurück ins Leben sucht. Ergreifend gespielt, ist das berührend, ohne rührselig zu sein, und ungemein bewegend. Im Zentrum steht die Erkenntnis, dass ein Weg nach vorn nur möglich ist, wenn man bereit ist, loszulassen. Dies hier zu beobachten, ist erschütternd und herzzerreißend zugleich.

Das Drama beruht auf Barbara Pachl-Eberharts im Jahr 2010 erschienener, gleichnamiger Autobiografie. Mit ihrem Mann Helmut „Heli“ und den Kindern Thimo und Fini lebt sie Anfang 2008 in Österreich. Über Heli fand sie ihren Traumberuf: Clown. Heli verdient mit Auftritten und als Spielpädagoge seinen Lebensunterhalt, würde aber am liebsten im Zirkus arbeiten. Barbara besucht als Teil des Rote Nasen Clowndoktor-Vereins vorwiegend Patientinnen und Patienten in Krankenhäusern. Am 20. März, Barbara ist auf dem Weg nach Hause, erhält sie einen Anruf, dass ein gelber Clownbus wie der ihrer Familie in einen Unfall an einem Bahnübergang verwickelt sei. Wenig später steht fest, dass Heli den Unfall nicht überlebt hat. Kurz darauf verliert Barbara auch ihre restliche Familie. Es ist ein Schicksalsschlag, den sie augenscheinlich gefasst verkraftet. Doch in der Zeit nach dem Unfall wird deutlich, dass Barbara das Trauma teils nur verdrängt, anstatt es zu verarbeiten.

Wie soll sie auch etwas so Unbegreifliches annehmen können? Bereits nach dem ersten Anruf hat Barbara ein Gefühl, dass etwas passiert ist. Kommt sie, nachdem sie erfahren hat, dass Heli gestorben ist, im Krankenhaus an, ist ihr der Schock zwar anzusehen, aber während ihre Schwiegereltern darauf drängen, die Kinder taufen zu lassen, kann sie sich mit dem Gedanken nicht beschäftigen. Ihre Selbstbeherrschung hängt an einem seidenen Faden, der ihr ebenfalls durchtrennt wird. Regisseur Goiginger lässt das Publikum an Erinnerungen von Barbara teilhaben, springt immer wieder zu Momenten des Familienlebens zurück oder wie sich Heli und Barbara kennengelernt haben. Es sind nicht nur Momente des Glücks, es gibt auch hitzige Streitgespräche, in denen aber deutlich wird, dass Barbara mit ihrer Familie und ihrem Beruf all das gefunden hatte, was ihr wichtig war im Leben. Der Unfall hat ihr eines genommen und als sie sich kurz nach der Beerdigung wieder in die Arbeit stürzen, wieder Teil des „ganz normalen“ Lebens werden will, wird ihr gesagt, dass auf Grund der medialen Aufmerksamkeit die Patientinnen und Patienten in Barbara nicht mehr ihre Clownfigur Heidi Appenzeller sehen würden, sondern die Frau, die ihre Familie verloren hat. So bricht ihr auch diese Säule schließlich weg.

Inwieweit sich Vier minus Drei an die Ausführungen der Autobiografie hält, vermag nur deren Leserschaft zu beurteilen. Filmemacher Adrian Goiginger (Der Fuchs [2022]) stellt Barbara aber nicht als unumstrittene Figur vor. Nicht nur, dass sie bei der Beerdigung, bei deren Inszenierung sie sich bewusst gegen ihre Schwiegereltern stellt, die ein zurückgenommenes, traditionelles Begräbnis wollten, während Barbara Clowns einlädt, so dass gesungen wird, Seifenblasen und Ballons aufsteigen, da sie der Überzeugung ist, Heli hätte das gefallen, sie sucht nach Möglichkeiten, schnell wieder schwanger zu werden, in dem Glauben, sie könne ihre Tochter Fini so zurückbekommen. Auch mag man nicht so ganz nachvollziehen, weshalb sie sich nur wenige Monate nach dem Unfall auf eine Beziehung mit dem Schauspieler Friedrich – wohl basierend auf Ulrich Reinthaller – einlässt. Zumindest ersterer Punkt mag der Verdrängung geschuldet sein, durch die Barbara mit dem Verlust umzugehen versucht. Immer wieder erinnern sie Situationen an glückliche Zeiten, doch lange wirkt sie trotz allem distanziert.

Darstellerin Valerie Pachner bringt diesen brodelnden und teils alles verzehrenden Schmerz in einer Darbietung auf den Punkt, die, spätestens, wenn Barbara von dem traumatischen Verlust vollends überrollt wird, durch Mark und Bein geht. Macht einen selbst beim Zusehen betroffen, was ihr und der restlichen Familie widerfahren ist, dass die Kinder im Krankenhaus nicht gezeigt werden, ist eine taktvolle Entscheidung, reißt Barbaras Zusammenbruch einen mit ihr in den Abgrund. Vier minus Drei bringt hier eine Erfahrung greifbar zum Ausdruck, die man sich kaum vorzustellen vermag. Diese Momente definieren das Drama mehr, als dass es vorstellen würde, wie Barbara einen Weg findet, wieder am Leben teilzuhaben. Die Verarbeitung der Trauer wird gleichgesetzt mit der Anerkennung des Verlusts. Man hat das Gefühl, als würde der Erzählung ein Epilog fehlen, der diese Entwicklung von Barbara abschließen würde. Aber vielleicht ist es auch passend, dass es kein klares Ende der Trauer und einen Beginn vom Rest des Lebens gibt. Erstere verändert sich mit der Zeit, verschwindet aber nicht, während die, die zurückbleiben, nie nicht am Leben teilnehmen. Es ist nur nicht mehr das Leben wie zuvor.


Fazit:
Wie kann man weitermachen, wenn die ganze Welt auf einmal wegbricht? Filmemacher Adrian Goiginger begleitet seine Hauptfigur weniger auf dem Weg zurück in so etwas wie eine Normalität, als vielmehr auf dem ersten Schritt, das Geschehene überhaupt anzunehmen. Barbara geht von Beginn an anders mit dem Verlust um, als der Rest ihrer Familie oder ihrer Freundinnen und Freunde. Sie scheint nach außen hin lange unvorstellbar stark, dabei hat sie das Unvorstellbare gar nicht akzeptiert, geschweige denn verarbeitet. Sie kann es nicht annehmen – was sie verloren hat, war nicht weniger, als alles, was ihr im Leben etwas bedeutet hat. Sie spricht von ihrem Mann und ihren Kindern nie in der Vergangenheit. Erinnert sie sich an sie, sind diese Rückblicke nicht in der chronologisch richtigen Reihenfolge, wie es Erinnerungen normalerweise ebenfalls nicht sind. Und sieht man Barbara, wie sie versucht, die Lücke in ihrem Leben zu füllen, entfremdet einen das von ihr. Dennoch oder gerade deshalb erscheint die Darstellung authentisch. Behutsam und mit viel Feingefühl erzählt Vier minus Drei von Trauer, unendlichem Schmerz und Verzweiflung, verkörpert durch eine der erschütterndsten und packendsten Darbietungen, die man dieses Jahr vermutlich sehen wird. Und doch verbirgt sich in dem Schlusspunkt eine andere Botschaft, die gleichzeitig einen Ringschluss bildet zu den Aussagen des Clownlebens. Der Clown ist eine lebenslange Kunstfigur, in der alle Erfahrungen, Höhen und Tiefen, verarbeitet werden. Der Blick des alten Clowns und auch Heidis könnten treffender kaum sein. Wer sich erlaubt, loszulassen, gibt sich selbst aber die Möglichkeit, nach vorn zu blicken. Wie so oft, ist dieser erste Schritt der schwerste.
 

Tags:


Springen zu:

WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner