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Kritik von Jens Adrian |
Hinzugefügt am 1. April 2026
Originaltitel: Le Mage du Kremlin / The Wizard of the Kremlin
Laufzeit: 152 min.
Produktionsland: Frankreich / USA
Produktionsjahr: 2026
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren
Regie: Olivier Assayas
Besetzung: Paul Dano, Jude Law, Alicia Vikander, Will Keen, Jeffrey Wright, Tom Sturridge, Kaspars Kambala, Andris Keišs, Magne-Håvard Brekke, Matthew Baunsgard, Dan Cade
Kurzinhalt:
Im Jahr 2019 trifft der Journalist Rowland (Jeffrey Wright) in Russland den sogenannten „Magier im Kreml“, Wadim Baranow (Paul Dano). Der Mann, der in dem abgeschiedenen Anwesen vor ihm sitzt, behauptet, er sei im Ruhestand, hat er doch die russische Politik der vergangenen zwei Jahrzehnte maßgeblich beeinflusst und geprägt. Durch sein Geschick, Dinge möglich zu machen, wurde er als der neue Rasputin bekannt, begann seine Karriere nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion aber beim Theater. In jener Zeit traf er auf Ksenia (Alicia Vikander), die sich wenig später für seinen Freund Dmitri Sidorow (Tom Sturridge) von Wadim trennte. Sidorow war in dem neuen, freien Russland der 1990er-Jahre schnell zu viel Geld gekommen. Wieder auf sich gestellt, entwickelt Wadim größere Ambitionen. Als er als TV-Produzent arbeitet, wird Boris Beresowski (Will Keen) auf ihn aufmerksam, der einen großen Fernsehsender leitet. Er möchte eine neue Partei und einen neuen Präsidenten für Russland medial aufbauen. Wadim soll der Architekt dieser Kampagne sein. Beresowski hat Wladimir Putin (Jude Law) für das Präsidentenamt im Blick, aber der hat eine eigene Vision für Russlands Zukunft und mit Wadim einen Berater an seiner Seite, der ihm bedingungslos hilft, diese Ziele zu erreichen …
Kritik:
Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Giuliano da Empoli, der kurz nach Beginn des völkerrechtswidrigen Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine 2022 erschien, erzählt Filmemacher Olivier Assayas in Der Magier im Kreml die Geschichte des späteren Chefberaters des russischen Präsidenten Wladimir Putins, Wadim Baranow. Die Figur ist angelehnt an den tatsächlichen Berater Wladislaw Surkow, der sich selbst als einen der Autoren des neuen russischen Systems bezeichnet. Während der literarischen Vorlage eine propagandistische Russlandfreundlichkeit vorgeworfen wird, was nur diejenigen beurteilen können, die sie gelesen haben, zeigt sich die filmische Umsetzung kritisch, vermag sich aber den Figuren letztendlich auch nicht vollends zu nähern.
Die Rahmenhandlung stellt ein Interview dar, das Baranow dem westlichen Journalisten Rowland auf seinem Anwesen in Russland gibt. Dabei beginnt er seinen eigenen Werdegang zu skizzieren, ausgehend von einer beinahe unbeschwerten Kindheit, bis er nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die neu gewonnene Freiheit in Russland erkundete. Als Theaterregisseur und späterer TV-Produzent hatte Baranow stets eine Intuition dafür, was die Menschen interessierte. Es ist eine Gabe, die sich der Eigentümer des künftigen Staatsfernsehens Boris Beresowski zunutze machen will, als er zuerst Präsident Boris Jelzin zur Wiederwahl verhelfen möchte, ehe ein Nachfolger für den Staatsmann auserkoren werden soll. Beresowski ist der Meinung, wenn er dem Geheimdienstchef Putin zur Präsidentschaft verhilft, könne er ihn im Nachgang kontrollieren. Tatsächlich vertritt Putin aber eine andere Vorstellung der Zukunft, die er für Russland sieht und mit Baranows Unterstützung, der dieser Vision eine durchsetzbare Strategie verleiht, scheinen sie unaufhaltsam. Dabei weiß Baranow, wie im Land mit denjenigen Menschen verfahren wird, die den politischen Zielen im Wege stehen, aber als er nach Jahren Ksenia wieder begegnet, ändern sich seine Prioritäten.
Ungeachtet des Titels steht bei Der Magier im Kreml nicht nur der Politberater in Zentrum. Vielmehr verlagert das Drehbuch mehrmals den Fokus weg von Baranow, hin zur politischen Karriere Putins und jeweils wieder zurück. All das vor dem Hintergrund des sich nach dem Ende der Sowjetunion stets verändernden gesellschaftlichen Klimas in Russland, in dem zuerst alles möglich erscheint, ehe Oligarchen die Stimmen der breiten Bevölkerung so stark übertönen, dass sich die Menschen wieder nach einem starken Anführer sehnen. Wladimir Putin wird dieser Mann, der von Baranow auch nur der „Zar“ genannt wird. Die Erzählung stellt es so dar, als würde er mit einer politischen Karriere konfrontiert, die er selbst nie wollte, aber ihr Potential erkannte, als sie ihm aufgezeigt wurde. Regisseur Assayas schildert den russischen Präsidenten als einen Machtpolitiker, der mit Kalkül seine Ziele verfolgt, wobei ihm das Ausschalten politischer Gegner ein legitimes Mittel scheint. Dass dies hier ausgerechnet an Dmitri Sidorov gezeigt wird, einem Freund Baranovs vor vielen, vielen Jahren, soll wohl unterstreichen, wie weit Baranow bereit ist, zu gehen. Doch genau hier liegt die größte erzählerische Schwäche des Drehbuchs, das sich merklich schwer damit tut, die zentralen Figuren in irgendeiner Form einzugrenzen.
Während Jude Law eine teils beinahe unheimliche Darbietung als Wladimir Putin zeigt, porträtiert Paul Dano dessen Chef-Berater als einen Mann, der keinerlei moralischen Kompass zu kennen scheint. Seine Stimme klingt regelrecht monoton und variiert nur selten. Er wirkt stets hochkonzentriert, aber gleichzeitig distanziert. Inwieweit ihn die Tragweite der Entscheidungen, die er hilft, herbeizuführen, oder die er unmittelbar selbst zu verantworten hat, wenn er beispielsweise die gegen das völkerrechtliche Gewaltverbot verstoßende Annexion der Krim durch Russland im Jahr 2014 koordiniert, überhaupt berührt, wird nie klar. Der einzige Moment, in dem er tatsächlich emotional mitgenommen erscheint ist, wenn er erfährt, dass er auf internationalen Sanktionslisten aufgeführt wird und nicht mehr wie gehabt ins Ausland verreisen kann. Für eine realistische und greifbare Biografie Surkows eignet sich Der Magier im Kreml daher kaum, vom Ende ganz abgesehen, das nicht zutrifft. Auch Putin selbst wird einerseits nur für den Zeitraum, den die Erzählung abdeckt, beleuchtet, und zudem in seinen Ansichten und Überzeugungen kaum vertieft.
Dass die zweieinhalbstündige Laufzeit dennoch wie im Flug vergeht, ist aber genau diesen Figuren zu verdanken, die insbesondere einem politisch interessierten Publikum nicht nur bekannt vorkommen, sondern gleichzeitig einen Einblick in den russischen Machtapparat suggerieren. Wie realistisch dieser ist, sei dahingestellt, auch wenn die Umsetzung durchaus authentisch erscheint. Doch geht Der Magier im Kreml auch hier kaum in die Tiefe, stellt weder die umfassende politische Verfolgung von Oppositionellen in den Mittelpunkt, noch die Strategie, mit der Baranow die Kreml-Ideologie vorantreibt, einschließlich der Gleichschaltung der russischen Medien. Dafür wird das Familienleben des Beraters angerissen, das aber letztlich kaum in Erinnerung bleibt. Es unterstreicht vielmehr, wie viel Potential die Verantwortlichen ungenutzt lassen.
Fazit:
Am Ende der überraschend kurzweiligen Laufzeit wünscht man sich, dass Filmemacher Olivier Assayas die Möglichkeit erhält, die Erzählung ähnlich wie bei seinem dreistündigen Carlos – Der Schakal [2010] im Miniserien-Format auszudehnen. Sein Blick sowohl in das sich verändernde Russland nach dem Zerfall der Sowjetunion wie auch den generellen Aufstieg von Wadim Baranow oder Wladimir Putins politischen Start sind so interessant, dass man sich wünschen würde, er würde hierbei tiefer einsteigen. Tatsächliche Nachrichtenbeiträge helfen, die Handlung zeitlich und weltpolitisch zu verorten. Das wirkt authentisch, bleibt aber am Ende doch oberflächlich. Ob das daran liegt, dass die realen Figuren schlicht zu unnahbar sind, mag sein, aber insbesondere, da es sich um eine fiktionale Erzählung handelt, hätte man sich hier Freiheiten nehmen können. So wird nie greifbar, was vor allem in der Titelfigur vorgeht, die einen derart enormen, teils direkten Einfluss nimmt, dabei aber stets unbeteiligt erscheint. Vielleicht ist aber auch genau diese Darstellung realistisch für politische Figuren, die um der Macht willen frei jeglicher moralischer Leitlinien agieren und deshalb gut in dem sind, was sie tun. Für ein politisch interessiertes Publikum ist Der Magier im Kreml nicht trotz, sondern gerade auf Grund der vielen Dialoge und komplexen Zusammenhänge durchweg interessant, dabei gut gespielt und tadellos ausgestattet. Man sollte nur im Hinterkopf behalten, wie viel die Verantwortlichen ausblenden und wie skrupellos und erschreckend ein realistisches Porträt der Figuren im Grunde sein müsste. Dies mag Fiktion vor einem realen Hintergrund sein, völlig abwegig ist es zwar nicht, aber zu harmlos.

