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Kritik von Jens Adrian |
Hinzugefügt am 11. Januar 2026
Laufzeit: 122 min.
Produktionsland: Schweiz
Produktionsjahr: 2025
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren
Regie: Christian Frei
Musik: Jóhann Jóhannsson, Marcel Vaid
Personen: Peter Daszak, Linfa Wang, Zhengli Shi, Philipp Markolin, Jane Qiu, Stephen Bannon, Tucker Carlson, Michael Cloud, James Comer, Joni Ernst, Anthony Fauci, Matt Gaetz, Morgan Griffith, Alex Jones, Robert F. Kennedy Jr., Ayatollah Ali Khamenei, Debbie Lesko, Nicole Malliotakis, Roger Marshall, Richard McCormick, Donald Trump, Li Wenliang, Brad Wenstrup, Li-Meng Yan
Hintergrund:
Nach dem Ausbruch einer verheerenden Atemwegserkrankung in einer südchinesischen Provinz Ende des Jahres 2002 macht sich unter anderem Virologin Zhengli Shi daran, den Ursprung jenes SARS-Virus zu finden. Immunologe Linfa Wang hat die Vermutung, dass es von Fledermäusen stammen könnte und warnt, nachdem die Forschung Jahre später Erkenntnisse vorweisen kann, vor einem noch verheerenderen Virus, das auf den Menschen überspringen könnte. Mehr als 10 Jahre später sollte er recht behalten. Peter Daszak, der sich mit seiner Organisation dem Schutz von Menschen und Tieren vor neu auftretenden Infektionskrankheiten verschrieben hat, ist nach dem Ausbruch von SARS-CoV-2 ebenfalls ein gefragter Experte. Dokumentarfilmer Christian Frei schildert aus ihrer Perspektive, wie sich der Diskurs in der Öffentlichkeit kurz nach Ausbruch der Coronavirus-Pandemie verschoben hat und die Forschenden, die seit langem vor einem solchen Virus gewarnt hatten, durch Verschwörungstheorien und Falschinformationen zu Sündenböcken gemacht wurden. Eine zentrale Frage dabei ist der Ursprung des neuartigen Coronavirus und die immer wieder in den Raum gestellte Theorie, es stamme aus einem Institut in Wuhan, wo Zhengli Shi seit Jahrzehnten forscht.
Kritik:
Der preisgekrönte und für den Oscar nominierte Filmemacher Christian Frei schildert in seinem Dokumentarfilm Blame eindringlich, wie drei renommierte Wissenschaftler über 15 Jahre vor dem Ausbruch von SARS-CoV-2 vor einer globalen Epidemie durch ein mächtiges Coronavirus gewarnt haben. Nach dem Ausbruch im Dezember 2019 in Wuhan war ihre Expertise zunächst gefragt und geschätzt, ehe sich die öffentliche Debatte auf Schuldzuweisungen konzentrierte und eben diese drei Forschenden, die zuvor bereits die Alarmglocken geläutet hatten, als Schuldige auserkoren wurden. Als wäre das nicht erschütternd genug, ist es umso beunruhigender zu sehen, wie der öffentliche Diskurs dafür sorgt, dass die Menschheit gegenüber künftigen Pandemien heute schlechter gewappnet ist, als noch vor einem Jahrzehnt.
Nachdem in den Jahren 2002 und 2003 in einer südchinesischen Provinz eine schwere Atemwegserkrankung auftrat, die am Ende ca. 800 Todesopfer forderte, wollen die Wissenschaftler Linfa Wang aus Singapur, Zhengli Shi aus Wuhan und Peter Daszak aus New York dem Ursprung von SARS auf den Grund gehen. Es wird Jahre dauern, ehe Wangs Vermutung bestätigt wird, dass das für die Erkrankung ursächliche Coronavirus SARS-CoV-1 von Fledermäusen stammt. Bereits 2005 veröffentlichen sie erste Erkenntnisse in einem renommierten Wissenschaftsmagazin und warnen davor, dass ein solches Virus von Fledermäusen auf den Menschen überspringen kann. Immerhin sind Fledermäuse die einzigen fliegenden Säugetiere und wenn auch grundsätzlich gegen die meisten Erkrankungen immun, gleichzeitig aber doch Überträger von Krankheitserregern. In ihren natürlichen Lebensraum dringen die Menschen immer weiter vor, pferchen sie auf Tiermärkten lebend in Käfige, essen sie oder trinken ihr Blut. Die 1971 gegründete Nichtregierungsorganisation EcoHealth Alliance, der Dr. Peter Daszak lange vorsaß, hat sich den Schutz von Menschen, Tieren und der Umwelt vor neu auftretenden Infektionskrankheiten zum Ziel gemacht. Wie Zhengli Shi, die als Expertin am Institut für Virologie in Wuhan arbeitet, war auch Daszaks Expertise gefragt, als SARS-CoV-2 Ende des Jahres 2019 auftrat. Doch je mehr die Öffentlichkeit verlangte, dass jemand für die verheerende Pandemie zur Rechenschaft gezogen werde, umso mehr geraten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler selbst ins Visier der öffentlichen Meinungsbildung. Anstatt auf ihre Einschätzung zu vertrauen, erschaffen private wie politische Akteuere, die aus der Situation Kapital schlagen wollen, stattdessen eine eigene Erzählung.
Diesen Wandel, seine Auswirkungen und Bedeutungen für die einzelnen Personen zeichnet Regisseur Frei in der zweiten Hälfte seines Dokumentarfilms Blame nach. In der ersten beschäftigt er sich mit den Erkenntnissen, die Linfa Wang und Zhengli Shi aus dem SARS-Ausbruch vor über 20 Jahren gewonnen haben. Er beschreibt ihre unermüdlichen und zeitaufwändigen Recherchen, den Ursprung des verursachenden Virus zu finden. So schnelllebig unsere Welt heute ist, in der Schlagzeilen im Minutentakt abwechseln und komplexe Sachverhalte in 15-Sekunden lange Beiträge in den Sozialen Medien passen sollen, so langsam und scheinbar behäbig ist die wissenschaftliche Arbeit, bei der Forschungsergebnisse überprüft und gegengeprüft werden müssen, ehe sie als Fakt veröffentlicht werden. Trotz aller Widrigkeiten konnten die Forschenden das SARS-Virus identifizieren und auch seinen Ursprung, doch ihre Warnungen vor einem noch mächtigeren Virus verhallten ungehört. Erst, als die Welt zu Beginn des Jahres 2020 sprichwörtlich stillsteht, hört die Öffentlichkeit ihnen zu. Aber es dauert nicht lange, ehe verlangt wird, dass jemand die Verantwortung für die globale Gesundheitskatastrophe übernimmt. Und während die wahrscheinlichste Erklärung unbequem klingt, weil sie uns alle auffordern würde, unser Verhalten zu überdenken, gewinnt eine Behauptung zunächst medial an Bedeutung: das Virus stamme aus einem Labor in Wuhan.
Es ist eine Erzählung, die sich, als der damalige und jetzige US-Präsident sie aufgreift, wie ein Lauffeuer verbreitet und zwei Personen an den öffentlichen Pranger stellt: Zhengli Shi, die an eben diesen Viren geforscht hat, und Peter Daszak, dessen Organisation Pandemien verhindernde Forschung auch in Wuhan unterstützt hat. Diejenigen, die seit vielen Jahren vor einem solchen Ausbruch gewarnt haben, werden als Schuldige abgestempelt. Wie Blame aufzeigt, ist es der erste Schritt einer Kampagne, die dazu dient, wissenschaftliche Erkenntnisse insgesamt zu diskreditieren und diejenigen, die sich offen für die Bekanntmachung von Forschungserkenntnissen einsetzen, einzuschüchtern. Zu sehen, wie sich das auf die zwei vorgenannten auswirkt, die Morddrohungen erhalten und im öffentlichen Diskurs regelrecht zerrissen werden, ist erschütternd. Filmemacher Frei verwendet viel Zeit darauf, die stets wiederkehrende Erzählung der sogenannten „Laborursprung-Theorie“ zu entkräften und tatsächlich hat sogar der Geheimdienst CIA im Jahr 2023 festgehalten, dass es keine Beweise gäbe, die diese Theorie unterstützten. Eine Neubewertung im Jahr 2025, kurz nach der Übernahme des Geheimdienstes durch einen vom US-Präsidenten ernannten Vorsitzenden, fußt nicht auf neuen Erkenntnissen.
Diese Ablehnung von wissenschaftlichen Erkenntnissen und der der Schnelllebigkeit widerstrebenden Geschwindigkeit der wissenschaftlichen Forschung führt, wie Blame greifbar zusammenfasst, dazu, dass der Forschung heute weniger Aufmerksamkeit geschenkt wird und ihr weniger finanzielle Mittel zur Verfügung stehen. Das ist beunruhigend und eine Bedrohung für die Zukunft und Sicherheit von uns allen. Man mag Filmemacher Frei vorwerfen, dass er sich hierfür mehr Zeit nimmt, als er müsste, und sich in der zweiten Hälfte zu oft wiederholt. Auch seine beruhigende Stimme sorgt dafür, dass sich der Dokumentarfilm länger anfühlt. Doch das schmälert nicht seine Aussage, die heute vielleicht wichtiger ist, als je zuvor.
Fazit:
Filmemacher Christian Frei weckt Erinnerungen, die man beinahe vergessen glaubte, wenn er die Anfänge der Coronavirus-Pandemie aufarbeitet und mit Eindrücken aus China und Wuhan unterlegt, die so beängstigend wie unheimlich sind. Was folgt, unterstreicht die oberflächliche Kurzlebigkeit unserer Gesellschaft. Komplexe Antworten der Wissenschaft stoßen ebenso auf taube Ohren wie der Umstand, dass Erkenntnisse Zeit benötigen. Dagegen haben es Falschbehauptungen sowie Desinformation leicht, Menschen zu mobilisieren und polarisieren. Zu sehen, wie die Forschenden hier diskreditiert werden und dass all dies auch noch Wirkung zeigt, ist beunruhigend. Beschuldigungen und Klagen kosten Kraft und Zeit, selbst wenn sei haltlos sind. Vor allem aber sorgt der Entzug finanzieller Mittel dafür, dass die eigentliche Arbeit nicht fortgeführt werden kann. Blame wandelt sich von einer Nacherzählung des Pandemieverlaufs zu einer Schilderung, wie diejenigen, die jahrelang vor einem solchen Ausbruch gewarnt haben und die Öffentlichkeit davor beschützen, bezichtigt werden, sie zu verursachen. Es ist eine Manipulation, die so zermürbend ist, wie gefährlich, da sie auch dafür sorgt, dass das Vertrauen in die Wissenschaft insgesamt schwindet. Dass wir in einer Zeit leben, in der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unter Polizeischutz stehen, ist unvorstellbar. Insofern ist der eindringliche Dokumentarfilm ein wichtiger und stark dargebrachter Appell, der mehr aufrütteln als erschüttern soll. Einfach fällt das aber nicht.

