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Kritik von Jens Adrian |
Hinzugefügt am 27. Februar 2026
Originaltitel: Blue Moon
Laufzeit: 100 min.
Produktionsland: USA / Irland
Produktionsjahr: 2025
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren
Regie: Richard Linklater
Musik: Graham Reynolds
Besetzung: Ethan Hawke, Margaret Qualley, Bobby Cannavale, Andrew Scott, Jonah Lees, Simon Delaney, Cillian Sullivan, Patrick Kennedy, John Doran, Anne Brogan, David Rawle
Kurzinhalt:
Mehr als zwei Dutzend Broadway-Musicals schrieben Lorenz Hart (Ethan Hawke) und Richard Rodgers (Andrew Scott) zusammen. Auch Songs, die sie abseits der Bühne zusammen schufen, wurden Hits, von Filmsoundtracks ganz zu schweigen. Doch nach über 20 Jahren werden Rodgers Harts teils auf den Alkohol zurückzuführende Ausfälle zu viel und der Komponist sucht sich mit Oscar Hammerstein II (Simon Delaney) einen anderen Lyriker für die Texte des Musicals Oklahoma!. Es ist eine Zurückweisung, die Hart nur schwer verkraftet, der sich während der Premiere in die Bar im Sardi’s zurückzieht. Dort erzählt er Barkeeper Eddie (Bobby Cannavale) und Musiker Morty Rifkin (Jonah Lees) nicht nur, was er von der kommenden Musicalsensation hält, sondern auch von der deutlich jüngeren Studentin Elizabeth (Margaret Qualley), in die er hoffnungslos verliebt ist. Nach Anerkennung und Bewunderung lechzend, ist er der Vorstellung von Elizabeths Anerkennung regelrecht verfallen. Aber nicht nur Eddie sieht bereits die nächste große Enttäuschung aufziehen …
Kritik:
Inspiriert von den Briefen von Elizabeth Weinland an den Liedtexte- und Musicalautor Lorenz „Larry“ Hart erzählt Filmemacher Richard Linklater in Blue Moon vor dem Hintergrund einer wichtigen Nacht wenige Monate vor dem frühen Tod des Künstlers mit entblätternden und teils bissigen Dialogen eine Charakterstudie, bei der es einfach fällt, die Figur in Zentrum als selbstverliebten Egozentriker abzutun. Hinter der Fassade findet sich allerdings nicht nur eine große Unsicherheit, sondern ein unerfülltes Verlangen, das sein Schicksal umso tragischer erscheinen lässt.
Wer in den großen Broadwayshows der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht bewandert ist, wird mit dem Namen Larry Hart nicht viel anzufangen wissen. Seine Songs, die er oftmals zusammen mit Richard Rodgers schrieb, der für die musikalische Untermalung verantwortlich zeichnete, sind aber nicht nur Teil des kulturellen Erbes, sondern teilweise immer noch bekannt. Nicht zuletzt der Titel gebende Song „Blue Moon“, der viele Male interpretiert wurde. Am 31. März 1943 feiert aber nicht Harts neue Bühnenshow Premiere, sondern das Musical, das Rodgers zusammen mit Oscar Hammerstein II als Autor auf die Beine gestellt hat: Oklahoma!. Hart schleicht sich aus der Vorstellung, findet er den Humor des Stücks platt und einfältig, während er die Figuren als lebensfremd und oberflächlich kritisiert. In der Bar im Sardi’s wartet er auf Rodgers, Hammerstein und die anderen Beteiligten, die nach der Aufführung die ersten Rückmeldungen der Presse abwarten und feiern wollen. Außerdem erwartet Hart seine Protegé Elizabeth, mit der er viel Zeit verbracht hat und in die er über beide Ohren verliebt ist. Die weiß von seinen Gefühlen, aber auch wenn sie sehr vertraut miteinander sind, Elizabeth empfindet nicht so für Larry, wie er für sie. Das scheint auch Barkeeper Eddie auf den ersten Blick zu erkennen. Nur je mehr Hoffnungen sich Larry macht, umso größer wird seine Enttäuschung.
Selbst wenn seine Gefühle für die 27 Jahre jüngere Studentin, die mehrere Köpfe größer ist als er, von außen als hoffnungslos und irrational wahrgenommen werden, hört man Larry über Elizabeth sprechen oder sieht, wie er sich in ihrer Gesellschaft gibt, besteht kein Zweifel, dass er es ehrlich mit ihr meint. Zumindest für den Moment. Lorenz Hart wird hier als jemand porträtiert, der auf unbeschreibliche Weise von sich selbst eingenommen ist. Es braucht keine Frage, keinen Anlass, dass er einen 10minütigen Monolog über sich selbst oder ein Thema halten kann, von dem er glaubt, dass er die einzig wahre Meinung dazu äußern könnte. Dabei ist er durchaus in der Lage zu erkennen, dass er in Anbetracht von Rodgers’ erster Zusammenarbeit mit einem anderen Autoren verbittert ist. Selbst wenn die Texte nicht seinen hohen Ansprüchen genügen mögen, er prophezeit dem Stück einen nie dagewesenen Erfolg – und er sollte Recht behalten. Mehr aber noch fürchtet Hart die Bedeutungslosigkeit. Mehr als 1.000 Lieder hat er mit Rodgers zusammen erschaffen, unzählige Hits sind dabei, die Menschen auch dann wiederkennen, wenn sein Name ihnen kein Begriff ist. Aber was ist ein Künstler, der keine Hoffnung hat, je wieder etwas Bedeutsames zu erschaffen?
In gewisser Weise bietet ihm Elizabeth genau die Bewunderung, nach der er sich sehnt und Larry möchte nicht weniger, als dieses Gefühl erhalten. Darum klammert er sich an die Hoffnung, dass sie ebenso für ihn empfindet, wie er für sie. Würde sie ebenso nach Bewunderung streben, müsste sie nicht ihre Gefühle für ihn entdecken, wenn sie erkennt, dass er sie anhimmelt und nie so enttäuschen wird, wie all ihre bisherigen Beziehungen? Dreht sich jedes Gespräch bei Larry nach wenigen Sekunden um ihn, zeigt er bei Elizabeth ehrlich Interesse an ihr und lässt sich von ihr aus ihren Beziehungen mit anderen Männern erzählen. Es ist eine charakterliche Schattierung, die nicht im Widerspruch zu dem steht, wie Blue Moon ihn ansonsten zeigt. Nicht nur im Gespräch mit Rodgers ist er laut und extrovertiert, insgeheim jedoch zutiefst deprimiert und unerfüllt. Er biedert sich seinem ehemaligen Kollaborationspartner regelrecht an, kritisiert aber dessen neues Werk dafür, dass es dasselbe beim Publikum tun würde mit der Darstellung eines Mittleren Westens, den es so nie gegeben hat. Lorenz Hart ist hier beides, ein Heuchler und aufrichtig gleichermaßen. Das eine im Bezug auf sich selbst, das andere hinsichtlich seiner Gefühle für die junge Elizabeth.
Auch wenn man ihn schnell als die Sorte Mensch erkennt, um die die allermeisten im wirklichen Leben einen großen Bogen machen würden, dass man seinen Ausführungen hier folgt, ist zum einen den Dialogen zu verdanken, die nicht nur in einem geradezu halsbrecherischen Tempo ohne Pausen dargebracht werden, sondern auch inhaltlich die Figur stärker definieren, als man auf den ersten Blick vermuten würde. Zum anderen trägt auch Ethan Hawkes Darbietung dazu bei, dass Larry Hart ein trotz allem anziehendes Charisma entwickelt. Wie Hawke im englischen Original seine Stimme verstellt, um Harts Worten ein anderes Gewicht und eine eigene Klangfarbe zu verleihen, je nachdem, ob dieser jemanden zitiert, oder tatsächlich aus der eigenen Seele spricht, ist umwerfend. Auch legt er in den Blick des Lyrikers abwechselnd eine Verachtung, beispielsweise gegen das Stück Oklahoma!, das für ihn bereits eine Beleidigung ist, da dessen Ansprüche seinen nicht genügen, eine Sehnsucht, wenn es um Elizabeth geht, oder eine tiefe Melancholie, wenn er erkennt, dass ihm ein weiteres Glück offenbar verwehrt bleibt, dass es eine Freude ist, ihm zuzusehen. Zumindest für ein Publikum, das bereit ist, sich auf ein dialoggetriebenes Drama einzulassen.
Fazit:
Es fällt ein wenig schwer, Richard Linklaters Erzählung als Biografie zu sehen, immerhin wird Lorenz Harts Werdegang kaum beleuchtet. Auch was zum Bruch zwischen ihm Richard Rodgers führte, wird nur erwähnt, obwohl man sich in Anbetracht dessen, wie Lorenz Barkeeper Eddie entgegen seiner früheren Anweisungen überredet, ihm doch Alkohol auszuschenken, ausmalen kann, wie schwierig der Alkoholiker Larry im Umgang sein muss. So sehr er andere kritisiert und nach anfänglicher Zurückhaltung unverblümt spricht, so sehr fühlt er sich angegriffen, wenn seine Kunst kritisiert wird. Selbstverliebt und arrogant, sorgt er dafür, dass sich Gespräche im Nu um ihn drehen, wenn er seinem Gegenüber überhaupt die Gelegenheit gibt, das Thema selbst auszuwählen. Doch dies ändert sich, sobald er in der Gegenwart von Elizabeth ist. Von ihr ist er aufrichtig hingerissen und regelrecht hoffnungslos verliebt. Es ist ein Spagat, durch den Ethan Hawke in der Hauptrolle sichtlich glänzen kann. Vor allem von ihm sehenswert gespielt, sprüht Blue Moon vor temporeichen und hintersinnigen Dialogen mit viel Wortwitz. Doch die dahinterstehende Charakterzeichnung ist an sich tragisch und regelrecht traurig. Für ein Publikum, das sich darauf einlässt, dies zu entdecken, wird die Laufzeit wie im Flug vergehen, selbst wenn das Ende am Anfang bereits vorweggenommen wird und die kammerspielartig inszenierte Charakterstudie viele Aspekte um die Figur im Zentrum weglässt.

