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Kritik von Jens Adrian |
Hinzugefügt am 13. März 2026
Originaltitel: The History of Sound
Laufzeit: 128 min.
Produktionsland: USA / Großbritannien / Schweden / Italien
Produktionsjahr: 2024
FSK-Freigabe: ab 6 Jahren
Regie: Oliver Hermanus
Musik: Oliver Coates
Besetzung: Paul Mescal, Josh O’Connor, Chris Cooper, Molly Price, Raphael Sbarge, Hadley Robinson, Emma Canning, Emily Bergl, Briana Middleton, Gary Raymond, Alison Bartlett, Michael Schantz
Kurzinhalt:
Es ist ihre gemeinsame Liebe zur Musik, die Lionel Worthing (Paul Mescal) und David White (Josh O’Connor) im Jahr 1917 beim Studium in Boston zusammenbringt. Sie verstehen sich auf Anhieb und in der gemeinsamen Beziehung blühen sie beide auf. Doch dann wird David für den Großen Krieg in Europa eingezogen. Jahre später erhält Lionel eine Nachricht von David, der aus Europa zurückgekehrt ist und inzwischen selbst unterrichtet. David möchte Volkslieder auf Wachszylindern aufnehmen und so für künftige Generationen bewahren. Er bittet Lionel, ihn auf der Forschungsreise zu begleiten. So sehr sie die gemeinsame Zeit genießen, David bleibt in mancherlei Hinsicht distanziert. Es ist ein Vorbote dessen, dass ihr Glück auch diesmal nicht von Dauer sein wird …
Kritik:
Wie in seinem erstklassigen Living – Einmal wirklich leben [2022] erzählt Filmemacher Oliver Hermanus auch Ben Shattucks Adaption seiner eigenen Kurzgeschichte als zurückgenommenes Drama voller leiser Beobachtungen. Die emotionale Kraft, die The History of Sound dabei entwickelt, zeigt sich zwar erst ganz am Ende, dann jedoch ergibt die Geschichte um ein unerfülltes Leben oder das Glück einer Liebe, der man sich selbst verschließt, ein so treffendes Bild, dass es einen förmlich anhält, zu reflektieren.
Die Geschichte wird erzählt von Lionel Worthing, der im Jahr 1980 auf sein Leben zurückblickt. Bereits in Kindertagen sagte ihm sein Vater, dass Lionel eine Gabe besitze, denn er hat ein übermenschliches Verständnis für Klänge. Dank dieser Begabung erhält er ein Stipendium, um das harte Leben auf der Farm in Kentucky zu verlassen und Gesang an der Universität in Boston zu studieren. Dort lernt Lionel im Jahr 1917 den Komponisten David White kennen. Nicht nur, dass sie sich gut verstehen, es besteht eine Anziehung zwischen ihnen. Doch ihre Beziehung endet, als David für den Großen Krieg in Europa eingezogen wird. Da auch die Vorlesungen ausgesetzt werden, kehrt Lionel schweren Herzens auf die Farm zurück. Er ist dort derart unglücklich, dass für ihn Jahre später Davids Nachricht wie eine Befreiung erscheint, denn David, inzwischen selbst Dozent, möchte mit ihm über den Sommer nach Norden fahren, um dort Proben von Volksliedern aufzunehmen und sie für die Zukunft zu bewahren. Aber nicht nur, dass in der Zeit, die sie miteinander verbringen, auch Unterschiede zwischen ihnen zutage treten, David wirkt derart bedrückt, dass es sie beide belastet.
Als sich Lionel und David begegnen, ist das Knistern, das zwischen ihnen in der Luft liegt, beinahe mit Händen zu greifen. Blicke, die verweilen, ein gemeinsames Verständnis für Musik. David ergreift die Initiative und auch, wenn sie ihre Liebe in jener Zeit und Gesellschaft nicht offen ausleben (können), sie wirken glücklich. Zumindest Lionel, dem nach den Begegnungen mit David wie eine Last von den Schultern genommen scheint. Er ist zwar so schweigsam wie David, doch erzählt The History of Sound mehr über ihn. David hingegen ist regelrecht verschlossen und selbst wenn er Lionel auf ihrer Forschungsreise nach Maine von seinem Hintergrund erzählt, zwischen den Zeilen ist zu lesen, dass es Vieles gibt, was er Lionel nicht erzählt. Ob es Erlebnisse während des Krieges sind, die ihn nachhaltig geprägt haben, oder seine Jugend und Kindheit, man kann nur darüber spekulieren. Diesbezüglich befindet sich das Publikum in derselben Position wie Lionel, der Davids Distanz spürt, trotz der gemeinsamen Intimität. Es vergeht ein Jahr, in dem Lionels Briefe an David unbeantwortet bleiben und irgendwann entschließt er sich, sein Leben weiterzuleben. Es bringt ihn fort von der Heimat, beschert ihm Ruhm und menschliche Verbindungen. Doch das Leben hat eine Tendenz, die Menschen immer wieder dorthin zu bringen, wo alles angefangen hat.
Lionels Reise führt ihn schließlich zu einer Erkenntnis. Das Glück einmal gefunden zu haben und es loszulassen, ohne dafür zu kämpfen, scheint wie ein größerer Verlust, als es nie gekannt zu haben. The History of Sound begleitet ihn auf dieser Reise, bei der Höhen und Tiefen dicht beieinander liegen und es von letzteren mehr gibt, als von ersteren. Filmemacher Hermanus inszeniert dies nicht als konfliktreiches Drama, in dem die Figuren aus sich herausgehen. Vielmehr fechten sie die Kämpfe mit sich selbst aus, im Stillen. Sei es, wenn Lionel und David zum Ende ihrer Forschungsreise eine Meinungsverschiedenheit haben und kaum ein Wort mehr miteinander wechseln – auch wenn sich Lionel später an die unbeschwerten Zeiten zwischen ihnen erinnern wird. Oder wenn Lionels Welt vollends in sich zusammenbricht und er nur mit Mühe ein gefasstes Auftreten bewahren kann. Es sind Momente wie diese, in denen die Verletzlichkeit der Figuren offenbar wird, ohne dass dies in den Mittelpunkt gerückt würde. Paul Mescal beweist hier einen Facettenreichtum, der von Josh O’Connors gleichermaßen magnetischer wie enigmatischer Darbietung als David noch übertroffen wird. Ihn vollends zu verstehen, gelingt einem selbst erst zu spät. Als älterer Lionel beweist Chris Cooper in den letzten Minuten einmal mehr, was ihn zu einem Ausnahmetalent macht.
Der Besetzung gelingt es, zusammen mit der bedachten und im besten Sinne entschleunigenden Umsetzung, den Blick des Publikums auf das Ungesagte zu lenken. Das, was die Figuren bewegt, ohne dass sie es mit Worten ausdrücken würden. Einer der Protagonisten braucht lange, um zu erkennen, was für ihn im Leben das Wichtigste ist. Der andere findet sich in einer Situation wieder, die ihn innerlich zerreibt. Das mag inhaltlich nicht überraschen und länger erzählt sein, als es notwendig ist. Doch überzeugt The History of Sound mit einer handwerklichen Finesse, die allenfalls von den bewusst zurückgehaltenen Darbietungen übertroffen wird. Ein Publikum, das sich darauf einlässt, kann sich in die Welt dieser Figuren hineinversetzen lassen, die einem nicht alles erklären, sondern einen lediglich teilhaben lassen. Die Subtilität wird nicht viele Zuschauerinnen und Zuschauer ansprechen. Aber sie ist gerade heute so selten in der Art der Erzählung, dass das Drama umso mehr hervorsteht.
Fazit:
„Jeder, den Du kennst, wird sterben“, sagt David, als Lionel ihm aus seinem Leben erzählt. Es ist eine Aussage, die die Traurigkeit unterstreicht, die David zu umgeben scheint, als würde er um die Vergänglichkeit des Glücks wissen. Macht er Musik, weicht diese Aura, während Lionel in Davids Nähe aufblüht. Nach dem harten Leben auf der Farm, auf der er nach seiner Rückkehr zusehends verkümmert, wirkt David wie seine Sonne. Filmemacher Oliver Hermanus setzt sein Drama handwerklich makellos um, angefangen von der Beleuchtung, der Ausstattung, oder wie die Geräuschkulisse, Klänge und Musik gleichermaßen, mit Bedacht zurückgenommen sind. Dies ist ein Lehrstück hinsichtlich einer zurückhaltenden Erzählung, die das Publikum fordert, die vielen Beobachtungen zu entdecken, die hier vorgestellt werden. Melancholisch und doch nicht hoffnungslos, unterstreicht The History of Sound in den letzten Minuten, welche Bedeutung und Macht Musik entfalten kann. Wie sie uns bewegt, unsere Emotionen ausdrückt oder verstärkt, je nachdem, in welcher Stimmung wir sind. Es ist ein später Lohn für eine Geschichte, die gleichermaßen unterstreicht, wie dicht Glück und verpasste Chancen beieinander liegen und uns so auffordert, beides festzuhalten und nicht verstreichen zu lassen. Ein ruhiges Publikum wird das umso mehr zu schätzen wissen.

