Shelby Oaks [2024]

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6–9 Minuten
Wertung: 3 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 22. März 2026
Genre: Horror / Thriller

Originaltitel: Shelby Oaks
Laufzeit: 91 min.
Produktionsland: Belgien / USA
Produktionsjahr: 2024
FSK-Freigabe: ab 16 Jahren

Regie: Chris Stuckmann
Musik: James Burkholder, The Newton Brothers
Besetzung: Camille Sullivan, Sarah Durn, Brendan Sexton III, Robin Bartlett, Michael Beach, Keith David, Eric Francis Melaragni, Anthony Baldasare, Caisey Cole, Charlie Talbert, Derek Mears, David Greathouse, Jon Michael Simpson, Emily Bennett, Lauren Ashley Berry, Brenna Sherman, Sloane Burkett


Kurzinhalt:

Im Jahr 2008 verschwand Riley Brennan (Sarah Durn), Moderatorin eines investigativen Videoformats, das im Internet über paranormale Phänomene berichtete, spurlos. Zwölf Jahre später glaubt ihre Schwester Mia (Camille Sullivan) weiterhin daran, dass Riley noch lebt. Als sie im Rahmen einer Dokumentation über Rileys Verschwinden interviewt wird, erhält Mia von dem ehemaligen Strafgefangenen Wilson Miles (Charlie Talbert) ein Videoband, das Riley in der Nacht ihres Verschwindens zeigt. Mia enthält das Band Polizist Burke (Michael Beach) vor, da sie fürchtet, dass die Aufnahmen nicht als Grund für die Wiederaufnahme der Ermittlungen gesehen werden, sondern als Beleg, sie endlich abzuschließen. Vom ehemaligen Gefängnisaufseher Morton Jacobson (Keith David) erfährt Mia mehr über den verheerenden Aufstand, der vor Jahren das Darke County Gefängnis erschütterte. Die Spur führt Mia in die Geisterstadt Shelby Oaks, wo Riley einst verschwand. Ohne es zu ahnen, gerät sie immer mehr in den Bann dessen, was ihre Schwester heimsuchte …


Kritik:
In seinem ersten abendfüllendem Spielfilm erzählt der zum Filmemacher avancierte YouTube-Filmkritiker Chris Stuckmann eine Geschichte, die trotz der bekannten Erzählweise interessanter beginnt, als sie endet. Der durchaus atmosphärische Szenenaufbau tröstet lange darüber hinweg, dass keine Idee in Shelby Oaks wirklich neu ist und man all dies bereits zu oft gesehen hat. Doch im letzten Drittel, wenn die Story den Fantasyaspekt vollends aufgreift, fällt auch die Stimmung merklich in sich zusammen.

Die Erzählung beginnt als Dokumentation, die sich mit dem Verschwinden von Riley Brennan im Jahr 2008 beschäftigt. Sie war Moderatorin des erfolgreichen Internetrechercheteams „Paranormal Paranoids“, das übernatürliche Phänomene untersuchte. Bei einer Recherche in der Geisterstadt Shelby Oaks verschwand das Team schließlich und zwölf Jahre später ist Riley immer noch nicht wieder aufgetaucht. Ihre ältere Schwester Mia hat die Hoffnung aber nach wie vor nicht aufgegeben und als ihr nach einem schrecklichen Ereignis ein Videoband in die Hände fällt, das Riley in der Nacht zeigt, in der sie verschwand, entdeckt Mia einen Hinweis, der sie zurück nach Shelby Oaks führt. Was sie erfährt, lässt nicht nur Mias Ehemann Robert an ihrem Verstand zweifeln. Es deutet auf etwas viel Finstereres hin, das in Shelby Oaks seit Jahrzehnten darauf wartet, diese Welt betreten zu können.

Beginnt Regisseur Stuckman, der mit seiner Frau auch die Drehbuchvorlage liefert, seine Erzählung mit vielen Found Footage-Einspielungen der Paranormal Paranoids, erinnert das nicht von ungefähr an Blair Witch Project [1999], wenngleich das Geschehen hier nicht ganz so verwackelt ist. Im Gegensatz hierzu wirkt die Inszenierung der eigentlichen Handlung beinahe statisch, was auch daran liegen mag, dass Shelby Oaks zwischen verschiedenen Bildformaten wechselt. In jedem Fall erscheint der insgesamt 17 Minuten dauernde Teaser, der die Vorgeschichte vermittelt, in Anbetracht der Laufzeit von nur 80 Minuten relativ lang (ohne Abspann, der derart langsam läuft, als wollte man sich lediglich über die magische Laufzeitgrenze von eineinhalb Stunden retten). Dabei ist die Eröffnung der stärkste Aspekt des mystischen Horrorfilms, gelingt es den Verantwortlichen doch überaus greifbar, eine Hintergrundgeschichte um Riley und die übrigen Beteiligten des Rechercheteams aufzubauen. Wechselt die Erzählung schließlich ins Jahr 2020 und zeigt, wie Mia mit neuen Hinweisen versucht, ihre Schwester zu finden, häufen sich aber Elemente, die man aus anderen Genrefilmen zur Genüge kennt und die auch dort oftmals keinen großen Sinn ergeben.

Das beginnt bereits damit, dass sich hier Figuren stundenlang (fremdes) Blut nicht aus dem Gesicht wischen, um den dramatischen Effekt zu erhalten, oder dass sie ganz auf sich gestellt von einer unheimlichen Kulisse zur nächsten fahren, mitten in der Nacht versteht sich. Kurzum, das Publikum soll mit Personen mitfiebern, die unnatürliche Entscheidungen treffen, was in aller Regel nicht sonderlich lange funktioniert. Dass dies hier trotz allem lange Zeit gelingt, ist Camille Sullivan zu verdanken, die in der Rolle der Mia die Geschichte nicht nur solide trägt, sondern greifbar die Wut und Verzweiflung ihrer Figur ebenso zur Geltung bringt, wie ihre Furcht und Panik, wenn sie das erlebt, was Riley erlebt hat. Sie hält die Story zusammen, bei der Keith David leider nur in einer Szene zu sehen ist und auch Michael Beach kaum gefordert wird. Bei all dieser Kritik muss man fairerweise ergänzen, dass Shelby Oaks kein gewöhnlicher Film ist. Regisseur Chris Stuckmann hat das Budget der Independent-Produktion mittels Crowdfunding zusammengetragen. Die bekannte Produktionsfirma Neon kam erst nach Ende des hauptsächlichen Drehs an Bord, wie auch Produzent Mike Flanagan (Doctor Sleeps Erwachen [2019], The Life of Chuck [2024]). Dadurch stieg zwar nochmals das Budget, so dass ursprünglich gestrichene Ideen doch noch umgesetzt werden konnten, doch das sieht man dem Horrorfilm leider an.

Die Trickeffekte sind allzu offensichtlich und Szenen, wie wenn Mia und ihr Mann bei der Polizei Informationen über einen ehemaligen Straftäter erhalten, wirken unfertig, als wenn hier mehr mitgeteilt werden sollte, die Szenen aber zu kurz sind. Gleichzeitig erscheint das letztliche Ende von Riley unnötig und aufgesetzt, war in der ursprünglichen Fassung so aber auch nicht vorgesehen. Informationen wie Hintergründe zum übernatürlichen Teil der Story werden vorgestellt und in der nächsten Minute aufgegriffen, als wenn man dem Publikum nicht zutrauen würde, die Geschichte Stück für Stück zu entdecken, und die Farb- und Kontrastgebung bei Shelby Oaks mag nur selten zu dem im Grunde unheimlichen Setting passen. Viele Szenen wirken schlicht zu hell, man bedenke das geradezu akribisch ausgeleuchtete Gefängnis, andere sind hingegen spürbar dunkel, wie einige der Found Footage-Aufnahmen. Selbst die Farben wirken von Schnitt zu Schnitt nicht immer ganz stimmig. Zudem wahrt Stuckman oft einen großen Abstand zu seinen Figuren, beispielsweise wenn Mia in Normas abgelegenem Haus eintrifft, und anstatt den Charakteren ununterbrochen längere Zeit zu folgen und das Publikum so mit ihnen in Situationen gefangen zu halten, aus denen sie nicht entkommen können, reißt ein Schnittwechsel die Stimmung auseinander.

Das klingt negativer, als es gemeint ist, denn dank des langsamen Szenenaufbaus und auch des Tons gerät Shelby Oaks durchaus stimmungsvoll sowie stellenweise spannend. Es mangelt lediglich an neuen oder einfallsreichen Ideen. All das hat man schon zig Mal gesehen, so dass genau in dem Moment, wenn man es erwarten würde, die Geräusche in der Nacht aufhören, um anzukündigen, dass gleich etwas geschieht … unterstrichen durch laut eingespielte Musik. Das überschaubare Budget trägt nicht als Entschuldigungsgrund und wäre ein guter Ansatzpunkt gewesen, die Dialoge zu polieren, beispielsweise zwischen Mia und Robert. Doch ihre wenigen Gespräche laufen nach altbekanntem Muster ab. Dass auch Horrorfilme einen anderen Weg gehen können, hat nicht zuletzt Heretic [2024] eindrucksvoll bewiesen und Nope [2022] ist das beste Beispiel dafür, dass sich übernatürliche Phänomene und nachvollziehbare Reaktionen nicht gegenseitig ausschließen müssen. Von diesem Niveau ist Chris Stuckmann weit entfernt. Aber da mag man auch schlicht zu viel erwartet haben.


Fazit:
Man kann durchaus sehen, dass in die Ausstattung der Sets und die Auswahl der Bilder viel Überlegung geflossen ist. Nur ändert das nichts daran, dass die Story entweder viele Informationen auf einmal preisgibt, oder gefühlt auf der Stelle tritt und handwerklich mit vertrauten Stilmitteln umgesetzt ist. Shelby Oaks ist kein schlechter Genrefilm, aber einer, der dem Genre kaum etwas hinzuzufügen vermag. Filmemacher Chris Stuckmann bedient lieber Genreklischees, anstatt beispielsweise auch beim Ende einen andern Weg zu gehen und nicht vielen anderen Vertretern des übernatürlichen Horrors nachzulaufen. Eine greifbare Mythologie ergibt sich so nicht. Das ist schade ums Potential, denn so wirkt nicht nur das teils unnötig blutig ausgelegte Finale aufgesetzt, sondern der übernatürliche Aspekt im letzten Drittel so stark vertreten, dass der gruselige Horror beinahe vollständig zurücktritt. Hauptdarstellerin Camille Sullivan gelingt es zwar, die Erzählung zusammen zu halten und ohne große Schwächen inszeniert, ist das Ergebnis anfangs durchaus stimmungsvoll, lässt aber Momente vermissen, die herausstehen. Die vielen Klischees zum Ende hin sorgen vielmehr dafür, dass die erste Hälfte der Erzählung einen deutlich besseren Eindruck hinterlässt, als die zweite. Man sollte im Hinterkopf behalten, dass dies Stuckmanns erster Spielfilm ist und auch wenn es kein Talk to Me [2022] ist, eine Enttäuschung ist er auch nicht.
 

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