Mercy [2026]

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5–8 Minuten
Wertung: 4 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 21. Januar 2026
Genre: Krimi / Thriller / Action / Science Fiction

Originaltitel: Mercy
Laufzeit: 100 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2025
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: Timur Bekmambetov
Musik: Ramin Djawadi
Besetzung: Chris Pratt, Rebecca Ferguson, Annabelle Wallis, Kylie Rogers, Kali Reis, Chris Sullivan, Kenneth Choi, Rafi Gavron, Jeff Pierre, Tom Rezvan


Kurzinhalt:

Als der Polizist Chris Raven (Chris Pratt) zu sich kommt, hat er keine Ahnung, wie er dorthin gekommen ist. Er befindet sich im Verhandlungssaal des „Mercy Gerichts“, eines vor zwei Jahren eingeführten Gerichts, für das er sich selbst eingesetzt und den ersten Angeklagten dort eingereicht hat. In dem Saal sind keine Menschen anwesend. Verhandelt werden ausschließlich Kapitalverbrechen, über die eine KI-Richterin entscheidet und im Falle einer Verurteilung sofort die Todesstrafe vollstreckt. So sieht sich Chris der Projektion der KI-Richterin Maddox (Rebecca Ferguson) gegenüber, die ihn anklagt, an diesem Morgen seine Frau Nicole (Annabelle Wallis) ermordet zu haben. Die Leiche wurde von ihrer gemeinsamen Tochter Britt (Kylie Rogers) gefunden und Chris’ Fingerabdrücke waren auf dem Tatwerkzeug sowie seine Spuren am Tatort. Da die Verhandlungsdauer mit 90 Minuten angesetzt ist, bleibt Chris nur wenig Zeit, die Beweise zu sichten und seine Unschuld zu belegen. Zwar kann er dabei auf die Unterstützung seiner Kollegin Jaq Diallo (Kali Reis) setzen, die sich am Tatort befindet, aber die Beweislast ist erdrückend und da sich Chris nicht erinnern kann, was an diesem Morgen geschehen ist, nagt an ihm auch der Zweifel – hat er seine Frau vielleicht tatsächlich ermordet? Die Uhr tickt und in weniger als eineinhalb Stunden soll Chris hingerichtet werden …


Kritik:
In Mercy greift Filmemacher Timur Bekmambetov das ebenso allgegenwärtige wie aktuelle Thema der Künstlichen Intelligenz (KI) auf, präsentiert vor dem Hintergrund eines Crime-Thrillers aber keine die Technologie verteufelnde Dystopie. Stattdessen entwirft er ein generell erschreckendes Zukunftsszenario, das gleichermaßen nachvollziehbar wie absurd erscheint. Nichtsdestotrotz kann man sich hier lange gut unterhalten lassen, ehe die Erzählung auf der Zielgeraden so viele Klischees mitnimmt, dass man sich beinahe wünschen würde, die Verantwortlichen hätten einfach früher aufgehört.

Es ist das Jahr 2029. Los Angeles versinkt im Chaos des Verbrechens, Drogenbanden haben bestimmte Zonen selbst für die Polizei unpassierbar gemacht. Vor zwei Jahren wurde zur Beschleunigung der sich hinziehenden Gerichtsprozesse das sogenannte „Mercy Gericht“ eingeführt. Täterinnen und Tätern, die ein Kapitalverbrechen verübt haben, wird dort durch eine KI der Prozess gemacht. Die Künstliche Intelligenz ist Anklägerin, Richter, Geschworene und Henker in einem. Ein Prozess dauert maximal 90 Minuten, bei dem von der Schuld ausgegangen wird und die Angeklagten ihre Unschuld beweisen müssen. Gelingt das nicht, wird die Todesstrafe sofort vollstreckt. Vor eben dieser interaktiven KI-Projektion findet sich Polizist Chris Raven wieder, der die Einführung von „Mercy“ selbst vorangetrieben hat. Er wird beschuldigt, an diesem Morgen seine Frau Nicole ermordet zu haben und ihm bleiben 90 Minuten, seine Unschuld zu beweisen. Dafür darf er auf alle Cloud-Datenbanken der Stadt zugreifen. Das Problem ist nur, Chris kann sich an den Morgen nicht erinnern und er weiß nicht, ob er im Streit nicht tatsächlich etwas Schlimmes getan hat. Es beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit.

Die Story von Mercy erinnert an eine Mischung aus Minority Report [2002] und Searching [2018]. Chris ist an den Stuhl gefesselt, auf dem er hingerichtet werden soll, und um seine Unschuld zu beweisen, kann er auf alle möglichen Datenbanken, Überwachungskameras (Livebilder und Aufzeichnungen), E-Mails, Mobiltelefone und sogar Firmendaten zugreifen. Zusammen mit einer Künstlichen Intelligenz, die die restliche Zeit einblendet, ehe das Urteil vollstreckt wird, ohne mit Empathie oder Intuition reagieren zu können, klingt das so aktuell wie erschreckend. Auf den ersten Blick. Auf den zweiten ist die Story im besten Fall hanebüchener Unsinn. Ohne allzu sehr ins Detail zu gehen und eventuelle Wendungen vorwegzunehmen, sei hier nur auszugsweise erwähnt, dass Chris beispielsweise verurteilt werden soll, während die Ermittlungen der Polizei ja noch im Gange sind. Zwar verfügt die Mercy-Richterin über alle möglichen Aufzeichnungen, die sind aber durch die ermittelnde Behörde noch gar nicht ausgewertet. Kommt er in dem interaktiven Gerichtssaal zu sich, ist er noch benommen, erhält aber keinerlei medizinische Versorgung. Ganz abgesehen davon, dass er als Angeklagter hier die Ermittlungen durchführt, dafür seine Kolleginnen und Kollegen einspannt und während er den Fortschritt live über Body-Cams oder Überwachungskameras verfolgt, Firmen-E-Mails auf deren Server liest, Kontoauszüge von Dritten prüft, oder auf Telefondaten von Menschen zugreift, an die er sich wie an einen rettenden Strohhalm klammert. Der Eingriff in die Privatsphäre und die Geschäftsgeheimnisse anderer ist derart groß, dass der auf den Stuhl gefesselte Chris mehr Befugnisse hat, als die Gerichte oder die Strafverfolgung selbst.

Aber sei es darum, lässt man sich auf diese Grundvoraussetzung ein, fallen zwar immer noch scheunentorgroße Logiklöcher auf – warum sollte man nicht Fingerabdrücke prüfen, wenn sich herauskristallisiert, dass eine Person, die von Interesse ist, etwas berührt hat oder weshalb hat eine Richter-KI Zugriff auf alle möglichen Systeme in der ganzen Stadt und sogar Polizeifahrzeuge –, aber man kann sich von dem Gezeigten durchaus mitnehmen lassen. Regisseur Timur Bekmambetov fängt das Geschehen gelungen ein, selbst wenn die vielen verwackelten Kameraaufnahmen von Body-Cams oder Mobiltelefonen etwas zu sehr an Found Footage-Filme erinnern. Die geballten Einblicke in das Familienleben von Chris und Nicole bringen dafür den Stand der Ehe und wie sie sich in den vergangenen Jahren verändert hat, auf den Punkt, so dass man trotz der kompakten Laufzeit den Eindruck erhält, man würde die Figuren kennen. Chris Pratt bringt dabei vor allem in der ersten Hälfte den emotionalen Ausnahmezustand seiner Figur greifbar zur Geltung, weshalb man in Anbetracht des tickenden Countdowns durchaus mit ihm mitfühlt.

Vieles hieran kommt einem bekannt vor, nicht wenig vermutlich beabsichtigt. Seien es subtile Verweise an die Figur Jason Bourne, während sich Chris selbst nicht sicher ist, wozu er im Stande war, oder an Auf der Flucht [1993], wenn Nicoles letztes aufgezeichnetes Wort sein Name war. Dass all das nicht wie eine billige Kopie erscheint und Mercy trotz der absurden Geschichte durchaus funktioniert, liegt an der Umsetzung, die zwar trotz allem Zeit lässt, dass einem die Ungereimtheiten in der Geschichte auffallen, die aber vor allem im Mittelteil überraschend viel Tempo vorlegt und mit einigen guten Ideen aufwartet. Wäre es nicht um das Finale, das geradezu verkrampft auf Action setzt und inhaltlich keinen wirklichen Sinn ergibt, würde der Thriller sogar besser in Erinnerung bleiben. Das sollte ein geneigtes Publikum aber nicht abhalten.


Fazit:
Lichtet sich der anfängliche Nebel und versteht man die Rahmenbedingungen des buchstäblich kurzen Prozesses mit der KI-Richterin, drängt sich vor allem eine Frage förmlich auf: warum bleibt Chris nur so wenig Zeit, seine Unschuld zu beweisen? Er befindet sich nicht nur in einem körperlichen, sondern auch in einem emotionalen Ausnahmezustand, die Beweise wurden von der Polizei nicht einmal alle erhoben, geschweige denn ausgewertet. So sehr es für ihn von Vorteil ist, dass er als Polizist die Arbeit der Ermittlungsbehörden kennt, wie sollen sich angeklagte Laien in einem solchen Prozess verteidigen können? All das sind Fragen, die man sich besser nicht stellen sollte und sieht man über sie hinweg, entwickelt die Story vor allem im zweiten Drittel, wenn Chris nach knapp einer Stunde tatsächlich mit seinen Ermittlungen beginnt, durchaus Tempo. Hier wartet das Drehbuch auch mit interessanten Fragestellungen und guten Dialogen auf, wenn sich Chris selbst hinterfragt. Versucht aber ein Mensch, eine KI zu überzeugen, einer Intuition zu folgen, ist das so abwegig wie vorhersehbar. Ebenso die großen Überraschungen am Ende, die Krimifans lange werden kommen sehen, selbst wenn manche Zusammenhänge durchaus einfallsreich aufgebaut sind. Im letzten Akt überrollen die Verantwortlichen das Publikum schließlich mit Klischees und so viel Action, dass das kaum zum vorigen Krimi passen mag. Mit seiner in Bezug auf das Thema Künstliche Intelligenz geradezu (zu) versöhnlichen Aussage, ist Mercy aber ein überaus unterhaltsamer, futuristischer Crime-Thriller, über den man weniger nachdenken sollte, als sich von der flotten Erzählung mitreißen zu lassen.
 

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