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Kritik von Jens Adrian |
Hinzugefügt am 4. Februar 2026
Laufzeit: 104 min.
Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 2025
FSK-Freigabe: ab 6 Jahren
Regie: Sönke Wortmann
Musik: Helmut Zerlett
Besetzung: Sebastian Bezzel, Anna Schudt, Kya-Celina Barucki, Philip Müller, Judith Bohle, Thomas Loibl, Nilam Farooq, Enzo Brumm, Holger Dexne, Glenn Goltz, Philip Günsch, Claude Heinrich
Kurzinhalt:
Romanautor Hannes (Sebastian Bezzel) hat es nicht leicht. Während seine Frau Sara (Anna Schudt) als Richterin den ganzen Tag unterwegs ist, ist er zu Hause und soll sich etwas für seinen neuen Roman einfallen lassen, wie Agent Markus (Thomas Loibl) ihm mitteilt. Eine Fortführung seiner inzwischen acht Bände umfassenden Romanreihe will der Verlag aber nicht, dabei liebt Hannes Verlässlichkeit und will nicht, dass sich etwas ändert. Darum trifft es ihn gleich doppelt, als zuerst seine 21jährige Tochter Carla (Kya-Celina Barucki) mitteilt, dass sie ausziehen will, und im selben Zug Sara sagt, dass sie mit ihrer Tochter zusammenzieht. Sie findet, die Ehe mit Hannes sei eingefahren und langweilig und sie müsse sich darüber klar werden, was sie von ihrem Leben erwarte. Hannes erwartet dabei nur, dass alles bleibt, wie es ist. So bleibt er aber mit Sohn Nick (Philip Müller) zurück und muss versuchen, den geänderten Alltag irgendwie mit seiner Liebe für die Routine in Einklang zu bringen. Da begegnet er Vanessa (Judith Bohle), die ihn in gewisser Hinsicht aus seiner Komfortzone zwingt …
Kritik:
Sönke Wortmanns Adaption des gleichnamigen Bestsellerromans von Jan Weiler ist in einer Hinsicht genau das, was man in Anbetracht der Story erwarten würde, andererseits aber überhaupt nicht. Die Komödie um eine Familie, die, als die Tochter auszieht, gewissermaßen zerbricht, schildert aus dem Blickwinkel des „weißen, alten Mannes“, der Jahrzehnte damit zugebracht hat, für Beständigkeit zu sorgen, wie dieser erkennen muss, dass die Welt um ihn herum schon lange nicht mehr diejenige ist, die er sich einredet. Die Ältern ist amüsant und in mancherlei Hinsicht entblätternd, wenn auch nie so böse, wie es sein könnte.
Dabei schlägt Filmemacher Wortmann am Ende den Bogen zum Beginn, in dem seine Figuren Anfang der 1990er-Jahre in Köln im Auto sitzen und den Sonnenaufgang beobachten. Sara ist lebensfroh und voller Erwartungen, Hannes bezeichnet sich als Realist, sieht aber immer nur die möglichen Katastrophen, die eintreten können. Jahrzehnte später wohnt ihre Familie in Hamburg, Sara ist Richterin und Hannes hat als Autor mit einer Romanreihe Erfolge gefeiert. Sein Agent und der Verlag warten auf sein neues Buch, mit dem Hannes aber wohl wieder auf vertrautem Gebiet bleiben wird. Er liebt Verlässlichkeit, dass sich die Dinge ändern, ist ihm ein Graus. Darum geht es seit Jahren immer in dasselbe Urlaubsland und das tägliche Frühstück mit den Kindern ist seine Zeremonie, den Tag zu beginnen. Umso mehr trifft es ihn, dass Tochter Carla ankündigt, ausziehen zu wollen. Schlimmer noch, seine Frau Sara will ebenfalls ausziehen. Die Ehe sei festgefahren. So bleibt Hannes mit Sohn Nick allein zurück, der gefährdet ist, das Abitur zu bestehen, und auch sein Agent teilt Hannes mit, dass der Verlag etwas Neues und keine weitere Fortsetzung will. So bricht Hannes’ Welt stückweise über ihm zusammen.
Hannes erlebt insofern keine klassische Mid-Life-Krise, denn für ihn hätte alles bleiben können, wie es war. Wie die Treppenstufe, die seit Ewigkeiten quietscht, er jedoch immer noch nicht repariert hat. Aber wie er aus dem Off das Geschehen begleitet, nimmt man sich selbst meist 20 Jahre jünger wahr, als man eigentlich ist und wenn die Kinder aus dem Haus gehen, ist es an den Eltern, ihr Leben neu aufzubauen, das sich zuletzt zu einem großen Teil um den Nachwuchs gedreht hat. Regisseur Wortmann verpackt diese durchaus existenziellen Themen zwar in leichte Situationen mit dem unter anderem aus den Eberhofer-Filmen bekannten Sebastian Bezzel in der Hauptrolle des durchaus reflektierten Hannes. Aber die ernsteren Untertöne schimmern gelegentlich durch, wenn auch weniger häufig oder stark, als man sich wünschen würde. Als Hannes zufällig die etwas jüngere Vanessa kennenlernt, stürzt er sich nicht in ein außereheliches Abenteuer, sondern blüht in ihrer Gesellschaft, die ihn auch fordert, seine Haltungen und Einstellungen zu überdenken, merklich auf. Am Ende ist es aber eine Begegnung mit seinem Sohn, die ihm den notwendigen Anstoß gibt, aus seiner neu gewählten Routine auszubrechen, denn die legt er sich nach Saras und Carlas Auszug unbemerkt wieder zu.
Anstatt also eine Geschichte über die gesamte Familie zu erzählen, steht in Die Ältern tatsächlich Hannes im Zentrum. Carla und Sara sieht er Monate nicht und wie insbesondere Sara mit der Situation klarkommt, war sie anfangs doch ausgezogen, um sich darüber im Klaren zu werden, was sie von ihrem Leben erwartet, erfährt man so gut wie gar nicht. Dafür belebt Hannes alte Hobbys wieder und begibt sich sogar auf eine Lesereise, die zu einer absurden Situation führt. Letztlich sind es aber die gelungenen Beobachtungen des Lebens im mittleren Alter, die die Komödie auszeichnen. Wenn sich Hannes selbst anders einschätzt, als seine Mitmenschen, oder er mit Verwunderung – aber nicht ablehnend – manche Veränderungen in der Gesellschaft wahrnimmt, wie beispielsweise das Verhalten an Nicks Schule, wo selbst eine alphabetische Aufzählung bei der Zeugnisvergabe aufgegeben wird, um diejenigen mit Nachnamen im hinteren Teil der Buchstabenreihe nicht zu diskriminieren. Zugegeben, manches hiervon hört sich an, als würde ein „weißer, alter Mann“ die moderne Gesellschaft kommentieren, doch das macht die Argumente nicht weniger treffend.
Was man der Erzählung allerdings vorhalten kann und auch muss, ist der Umstand, dass Die Ältern beinahe vorsätzlich darum bemüht ist, der Geschichte keinen Tiefgang zu verleihen. Beide Kinder lächeln darüber hinweg, dass die Eltern sich trennen werden und auch zwischen Hannes und Sara kommt es nie zu einem ernsthaften Gespräch oder gar einem Streit. Das mag auch der Gemütlichkeit geschuldet sein, die Hannes an den Tag legt, aber hier hätte die Möglichkeit bestanden, verschiedene Aspekte und Blickwinkel auf den Stand der Ehe zu beleuchten, anstatt diese mit dem Prädikat „eingerostet“ zum Alteisen zu geben. Sieht man darüber hinweg, ist die Komödie als solche aber nicht nur amüsant, sondern durchaus gelungen und kommt immerhin ohne überbordend peinliche oder erzwungene Momente aus. Sie scheint vielmehr wie ein weicher Blick auf ein Leben, das sich an einem Scheideweg befindet. Darüber kann insbesondere ein älteres Publikum oft schmunzeln, aber auch den ein oder anderen Denkanstoß davon mitnehmen.
Fazit:
Hannes ist derart versessen darauf, alles beim Alten zu belassen, dass er sogar mit einer seit Monaten, wenn nicht gar Jahren, kaputten Lesebrille auf Lesereise geht. Dabei dauert es lange, bis er zu der Erkenntnis gelangt, dass die neue Situation mit Saras Auszug keine vorübergehende Maßnahme ist. Das mag naiv klingen, macht ihn aber zu einem großen Teil auch sympathisch, zumal er eben nicht weltfremd oder abweisend agiert, sondern seine Familie so sehr gewohnt ist, dass er sich nicht vorstellen kann, wie es ohne sie sein soll. Ihn auf seinem Weg zu beobachten, macht den Reiz der Erzählung aus, die viele humorvolle Momente bereithält und einige ziemlich treffende Kommentare. Dabei ist Sönke Wortmann aber nicht auf eine beissende oder zynische Gesellschaftssatire aus und es geht ihm auch nicht darum, seine Figuren zu einem klassischen Happy End zu führen. Einen Abschluss, bei dem alle offenen Fragen beantwortet werden, sollte man daher nicht erwarten. Selbst wenn die Geschichte Potential ungenutzt lässt, indem weder die übrigen Figuren entsprechend vertieft oder auch unbequeme Wahrheiten der Beziehung zwischen den Hannes und Sara offengelegt werden, Die Ältern hält viele wahre Aussagen zum Leben insgesamt und dem Älterwerden bereit. Das ist durchweg amüsant und unterhaltsam, mit einer schönen Botschaft am Ende, dargebracht auf vielleicht genau die Art und Weise, in der man am ehesten bereit ist, zuzuhören und sich im Anschluss das eigene Leben anzuschauen.


