The Testament of Ann Lee [2025]

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6–9 Minuten
Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 5. März 2026
Genre: Biografie / Drama

Originaltitel: The Testament of Ann Lee
Laufzeit: 137 min.
Produktionsland: Großbritannien / USA
Produktionsjahr: 2025
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: Mona Fastvold
Musik: Daniel Blumberg
Besetzung: Amanda Seyfried, Lewis Pullman, Thomasin McKenzie, Viola Prettejohn, Jamie Bogyo, David Cale, Stacy Martin, Christopher Abbott, Tim Blake Nelson, Scott Handy, Matthew Beard, Esmee Hewett, Millie Rose Crossley, Benjamin Bagota, Harry Conway


Kurzinhalt:

Bereits in Kindertagen war die 1736 geborene Ann Lee (Amanda Seyfried) Gott zugetan und empfand tiefe Abscheu vor der körperlichen Lust der Erwachsenen. Erst als sie und ihr Bruder William (Lewis Pullman) mit der Wardley Society und ihrem Glauben in Kontakt kommen, die unter anderem auf rituellen Tanz und eine offene Beichte als Ausprägung ihrer Religion setzt, nach deren Verkündigung Jesus Christus in Gestalt einer Frau zurückkehren wird, fühlt sich Ann wirklich angekommen. Nach traumatischen Verlusten und in einer Ehe, die sie sehr belastet, hat Ann im Gefängnis, in das sie geworfen wird, da die lauten Rituale der Glaubensgemeinschaft den Ortsansässigen ein Dorn im Auge sind, eine Vision von sich selbst sowie von Adam und Eva im Garten Eden. Sie erkennt als Ursünde, als den Grund, weshalb die Menschen aus dem Paradies vertrieben wurden, die Lust des Fleisches. Um Gott nahe sein zu können, muss der Mensch abstinent leben. Die Ältesten erkennen in „Mutter Ann“ den zurückgekehrten Messias und nachdem Visionen Ann einen klaren Weg zeigen, beginnen die Gläubigen, zu missionieren. Dafür werden sie in England angegriffen und ausgegrenzt. Darum reist Ann mit einigen Gläubigen 1774 nach Amerika, wo sie ihren Glauben in Frieden leben und verbreiten wollen. Nach einer entbehrungsreichen Zeit erfährt ihre in vielen Belangen progressive Gemeinschaft großen Zulauf und zieht damit erneut den Unmut der Menschen auf sich …


Kritik:
Mona Fastvolds The Testament of Ann Lee ist ein rätselhafter Film, der gleichzeitig all das in sich vereint, was Filme zu einem Erlebnis der ganz besonderen Art macht. Die Filmemacherin erweckt darin eine Gesellschaft in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zum Leben, von der vermutlich die allerwenigsten Zuschauerinnen und Zuschauer je gehört haben werden. Für die Beteiligten ist es eine Tour de Force, die nachwirkt, handwerklich erstklassig umgesetzt und mit einem greifbaren Detailgrad, den man erst zu schätzen weiß, wenn man sich im Nachgang mit der Thematik beschäftigt hat. Wenn man weiß, worauf man sich einlässt, ist das schlicht großartig.

Die Geschichte erzählt das Leben von Ann Lee, die im Jahr 1736 geboren wird. In Manchester aufgewachsen, kommt die religiöse Ann zusammen mit ihrem jüngeren Bruder William und ihrer Nichte Nancy mit der Religion des Quäkertums in Kontakt. Dort wird die Rückkehr von Jesus Christus gepredigt, der aber nicht als Mann, sondern als Frau zurückkehren soll. Die offene Beichte und Schreien als Form der Läuterung wird gepredigt. Ann wird innerhalb dieser Gruppe eine bedeutende Figur für die „shaking quakers“, die ihren religiösen Praktiken durch körperliche Bewegung Ausdruck verleihen. Der rituelle Schütteltanz verleiht der Religion des Shakertums seinen Namen. Für Ann, die seit Kindertagen körperliche Gelüste als Sünde empfindet, sind die sexuellen Vorlieben ihres Ehemannes Abraham ebenso traumatisierend, wie der wiederholte Verlust, den sie erleidet. Als die sogenannten Shaker mit ihren seltsam anmutenden Ritualen die Ortsansässigen gegen sich aufbringen, wird Ann ins Gefängnis geworfen. In jener Zeit der Entbehrungen hat sie eine Vision und wird von den Ältesten des Shakertums als weiblicher Messias erkannt. Sie trägt fortan den Titel „Mutter Ann“ und bestimmt als Ursünde, die für die Vertreibung der Menschen aus dem Paradies verantwortlich ist, die Unzucht. Mitglieder der Religion müssen abstinent bleiben, auch in der Ehe. Nur durch das Zölibat können die Menschen Gott nahe sein. Um ihren Glauben frei ausleben zu können, siedelt die Gemeinschaft in die neue Welt über, wo sich Anns Vision erfüllen soll, bis sie auch dort den Ansässigen ein Dorn im Auge werden.

Was The Testament of Ann Lee von anderen Verfilmungen des Wirkens von religiösen Predigern unterscheidet, ist nicht nur die Tatsache, dass hier eine Frau im Zentrum steht, sondern wie Regisseurin Fastvold sich der Thematik annähert. Sie lässt die Geschichte von Anns treuer Glaubensschwester Mary (spürbar nicht unvoreingenommen) erzählen und behält sich doch gleichzeitig jegliche Bewertung des Gezeigten vor. Stattdessen verdeutlicht sie sogar Anns Visionen und lässt das Publikum so an ihren tiefen Überzeugungen teilhaben. Sieht man die Mitglieder der Glaubensgemeinschaft beinahe wie in einem Konzert zucken und tanzen, schreien und klagen, könnte eine solche Darstellung ins Lächerliche gezogen werden, aber das Gegenteil ist der Fall. Die Erzählung behält sich eine Ernsthaftigkeit vor, die der Glaubensgemeinschaft mit Respekt begegnet, ohne den Glauben zu belächeln, oder ihn zu bewerben. Vielmehr wird man eingeladen, sich selbst ein Bild zu machen.

Dass dies gelingt, ist auch der Besetzung zu verdanken, der Amanda Seyfried mit einer sichtbar kräftezehrenden Darbietung vorsteht. Ihre Ann, aufgewachsen in einer entbehrungsreichen Zeit, kann nicht einmal lesen und schreiben, wirkt in der Glaubensgemeinschaft aber nicht nur endlich angekommen, sondern von ihren Visionen derart überzeugt, dass sie ein einnehmendes Charisma entwickelt. Als ihr treuer Bruder William ist Lewis Pullman ebenso stark und bis in Nebenrollen wie des von David Cale gespielten, überzeugten Gönners der Kongregation, besitzen die Darbietungen eine Authentizität, der man sich kaum entziehen kann. Dank dieser wirkt die Zuflucht, die Ann für ihre Glaubensgemeinschaft in der Niskayuna-Siedlung in New York erschaffen hat, umso greifbarer. Die Ausstattung ist makellos und die handwerkliche Umsetzung lässt einen manche Kernelemente dieser Glaubensgemeinschaft tatsächlich erleben. Die Gesangseinlagen, die The Testament of Ann Lee prägen, wirken auf den ersten Blick schlicht mit eintönigen Melodien und sich wiederholenden Texten. Das aber nur solange, bis man versteht, dass die Lieder des Shakertums eben so aufgebaut waren und überliefert sind. So befremdlich die lauten Einlagen insbesondere mit den zuckenden Bewegungen der Gläubigen wirken mögen, die Musik besitzt durchaus etwas Meditatives, bei der das Individuum hinter der Gemeinschaft zurücktritt und die körperliche Erfahrung für jede und jeden einzelnen doch einzigartig ist.

Dass vermutlich die wenigstens Menschen vom Shakertum gehört haben werden, liegt schlicht daran, dass es Stand heute gerade noch drei Gläubige gibt. Zur Hochzeit im Jahr 1840 waren es 6.000 Gläubige in verschiedenen Siedlungen auf der Welt. Dabei handelte es sich hierbei um eine überaus fortschrittliche Gemeinschaft. Nicht nur, dass Jesus Christus in Form einer Frau wiederkehren und den Menschen Erlösung bringen sollte, es gab trotz klarer Rollenverteilung von Männern und Frauen eine Gleichberechtigung beider Geschlechter. Aber auch sonst waren die Shaker überaus modern. Als Selbstversorger waren sie hinsichtlich der Landwirtschaft und des Handwerks effizient und erfinderisch, verbesserten die herkömmliche Waschmaschine und erfanden die Kreissäge. Selbst der flache Besen wird auf die Shaker zurückgeführt und die Menge an Patenten, die sie damals beantragten, unterstreicht ihren Erfindungsreichtum, abgesehen davon, dass ihre handwerklichen Fähigkeiten auch außerhalb der Gemeinschaft geschätzt waren. Es ist ein Aspekt, der bei The Testament of Ann Lee zwar ausgeblendet wird, sich aber offenbart, wenn man sich im Nachgang mit der Glaubensgemeinschaft beschäftigt. Nicht nur, dass es den Verantwortlichen hier gelingt, ein Interesse daran zu wecken, sie erschaffen der die Gemeinschaft prägenden Ann Lee ein filmisches Denkmal, das es dem Publikum ermöglicht, in ihre Welt einzutauchen. Das mag nur ein bestimmtes Publikum ansprechen, es ist aber ein einmaliges Erlebnis.


Fazit:
Die erste Frage, die sich noch während Mona Fastvolds biografischem Drama stellt, lautete für diesen Kritiker: wen soll das ansprechen und gibt es dafür überhaupt ein Publikum? So mutig es erscheint, ein solches Projekt mit einem sichtbaren Aufwand umzusetzen, dass sich das finanziell lohnen wird, scheint beinahe hoffnungslos. Dabei kann man interessierte Zuschauerinnen und Zuschauer nur ermutigen, dem biografischen Drama eine Chance zu geben. Stärker noch als beim Besuch eines historischen Shaker Museums, von denen es in den Vereinigten Staaten mehrere gibt, oder bei einer Dokumentation, die eine gewisse Distanz zu den vorgestellten Themen behält, kann man hier vollends in jener Welt eintauchen. Wenn Ann Lee als erste geistliche Führerin in Amerika mit unerschütterlichem Gottvertrauen und Beharrlichkeit das ewige Evangelium verkünden will oder Gläubige, die sich nicht an das Zölibat halten, verstoßen werden, dann ist das nicht anklagend geschildert, oder belächelt die rituellen Überzeugungen der Glaubensgemeinschaft, sondern lediglich beobachtend. Durchweg erstklassig und von Amanda Seyfried furchtlos wie preiswürdig gespielt, nimmt die Biografie nicht nur die Titel gebende Figur, sondern ihren Glauben insgesamt ernst und macht ihn gleichzeitig greifbar. Ungemein authentisch, gerät The Testament of Ann Lee mit den langen, teils befremdlich anmutenden Lied- und Tanzeinlagen regelrecht anstrengend, ist aber stilistisch durchweg derart gelungen umgesetzt, dass man einem Besuch dieser ungemein fortschrittlichen Gemeinschaft an Gläubigen kaum näher wird kommen können, als hier. Als geschichtliches Lehrstück ist dies darum ebenso gelungen und gleichzeitig für ein aufgeschlossenes Publikum ein ganz eigenes, filmisches Erlebnis. Klasse!
 

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