Mein neues altes Ich [2026]

Kategorien: 

, ,

Lesedauer: ca. 

5–8 Minuten
Wertung: 4.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 1. Februar 2026
Genre: Dokumentation

Originaltitel: Mysteriet om Menopausen
Laufzeit: 75 min.
Produktionsland: Dänemark / Deutschland / Norwegen
Produktionsjahr: 2026
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: Louise Unmack Kjeldsen
Musik: Astrid Fabrin
Personen: Pauline Maki, Alexandra Paget-Blanc, Jayashri Kulkarni, Anette Tønnes, Silje Mæland, Maren Kroymann (Stimme)


Hintergrund:

Nicht zuletzt, da sie selbst von Symptomen betroffen ist, macht sich Filmemacherin Louise Unmack Kjeldsen auf, herauszufinden, was geschieht, wenn Frauen in die Menopause gehen. Es scheint ein Mysterium, das seit jeher als Tabu gesehen und kaum öffentlich diskutiert wird. Dafür befragt sie sowohl betroffene Frauen aus unterschiedlichen Teilen der Welt als auch führende Wissenschaftlerinnen aus verschiedenen Teilbereichen. Pauline Maki beispielsweise ist Professorin für Psychiatrie in Chicago und forscht zu Auswirkungen hormoneller Veränderungen auf das Gehirn. Konkret geht es darum, ob sich Hitzewallungen und Schlafstörungen auf die Gedächtnisleistung betroffener Frauen auswirken können und dies womöglich sogar einen Einfluss im Falle einer Alzheimer-Erkrankung haben könnte. In ihrem Team untersucht die Neuropsychologie-Doktorandin Alexandra Paget-Blanc speziell, weshalb schwarze und lateinamerikanische Frauen unter schwereren Symptomen leiden und darüber hinaus früher und länger in die Wechseljahre kommen. In Australien studiert die Psychiatrie-Professorin Jayashri Kulkarni Frauen, die in der Menopause an Depressionen leiden, sogenannte Wechseljahrsdepression, und wie ihnen geholfen werden kann, während Gynäkologin Anette Tønnes in Dänemark zum Thema Wechseljahre und hormonelle Gesundheit forscht. Dass dabei Ergebnisse betreffend Hormonersatztherapien zum Teil falsch kommuniziert wurden, wirft nicht nur die Forschung zurück, sondern hat auch zur Folge, dass eine ganze Generation an Frauen nicht eine möglicherweise ihre Symptome lindernde Therapie wahrgenommen hat.


Kritik:
Die dänische Filmemacherin Louise Unmack Kjeldsen macht sich in ihrem Dokumentarfilm Mein neues altes Ich auf zu ergründen, weshalb ein Thema, das die Hälfte der Weltbevölkerung betrifft, kaum in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Alle Frauen sind von der Menopause betroffen, manche mit schwereren Symptomen, andere mit leichteren. Bei manchen dauert die Phase länger, bei anderen weniger lang. Dabei ergründet sie Mythen und lässt Betroffene zu Wort kommen. Doch so treffend ihre Beobachtungen sind, sie beleuchten letztlich nur einen Teil der Thematik und greifen damit schließlich zu kurz.

Die Regisseurin beginnt ihre Erzählung bei sich selbst und wie ihr Körper stets wusste, was er zu tun hat. Begleitet mit Videoaufnahmen, die einen überraschend persönlichen Einblick gewähren, erzählt sie, wie sie sich nach Erblühen ihrer Weiblichkeit verliebte, wie sie Kinder bekam und wie sie sich nun, mit Anfang 50, frei und stark fühlte, ehe sich etwas zu verändern begann. Wie es scheint, haben sich die Hormone, die ihren Körper im Hintergrund gesteuert haben, gegen sie gewandt. Nun, da ihr letzter Eisprung erfolgt war, sendet ihr Körper Signale, die Kjeldsen nicht versteht. Es ist, als wisse ihr Körper urplötzlich eben nicht mehr, was er zu tun hat. Sie beginnt, unter Schlafstörungen zu leiden, fühlt sich unglücklich, als hätte nichts einen Sinn. So macht sie sich auf, das Mysterium der Menopause zu ergründen und was die aktuelle Wissenschaft zu diesem so weit verbreiteten und doch kaum in der medialen Präsenz stattfindenden Thema zu sagen hat.

Die Wechseljahre geschehen dabei nicht nie einem Vakuum, wie Forscherin Silje Mæland berichtet, die den Zusammenhang zwischen Wechseljahren und dem Arbeitsleben von Frauen beleuchtet. Ein Drittel der Betroffenen leidet unter so starken Symptomen, dass ihr Berufs- und Privatleben massiv beeinträchtigt wird. Darum ist auch der Krankenstand bei Frauen in der Altersgruppe Mitte 40 bis Mitte 50 deutlich höher als bei jüngeren Frauen und Männern. Jede zehnte Frau hat gar ihre Arbeit auf Grund der Beschwerden in den Wechseljahren ganz aufgegeben. Warum also nimmt das Thema weder in den Medien noch der Forschung den Stellenwert ein, den es angesichts der gesellschaftlichen Auswirkungen haben sollte? Mein neues altes Ich wirft dafür einen Blick in die Jahrhunderte umfassende medizinische Erforschung des weiblichen Körpers – oder besser, die lange Zeit fehlende Erforschung desselben. Die Feststellungen, die im Zuge dessen präsentiert werden, werden einem informierten Publikum allerdings bereits bekannt sein.

Dafür beeindrucken die Aussagen der vorgestellten Frauen, die von ihren eigenen Symptomen in den Wechseljahren berichten, umso mehr. Es gehört unvorstellbar viel Mut dazu, vor laufender Kamera zu erzählen, dass man sich der persönlichen Situation nicht mehr gewachsen fühlte. Oder dass man bemerkt, wie der eigene Verstand einem sprichwörtlich entgleitet, man nicht mehr Frau der eigenen Sinne ist. Dass diese Erfahrungen bislang auch nicht von einer Generation an die nächste weitergegeben wurden, Frauen vielmehr beigebracht wurde, einem Ideal zu entsprechen und die Symptome als Schwäche denn als medizinische Folge einer körperlichen Veränderung zu sehen, macht all das nicht einfacher. Jede der Berichtenden erzählt davon, wie allein sie sich in der Situation fühlte und dementsprechend von niemandem verstanden. Insofern bietet Mein neues altes Ich auch eine Möglichkeit, Betroffenen im Publikum aufzuzeigen, dass sie eben nicht allein sind, sondern Hilfe suchen und in Anspruch nehmen dürfen.

Doch genau hierin liegt auch die größte Schwäche des Dokumentarfilms. Denn obwohl Filmemacherin Louise Unmack Kjeldsen eingangs die Vielseitigkeit der Symptome vorstellt, die von Muskel-Skelett-Erkrankungen über geistige wie körperliche Erschöpfung, Vergesslichkeit oder Osteoporose reichen können, beleuchtet sie in der kompakten Laufzeit doch „nur“ die Symptome der Hitzewallungen und Schlafstörungen. Die übrigen werden gewissermaßen ausgeklammert. Gleichzeitig beleuchtet die Filmemacherin den Aspekt der Hormonersatztherapie und zuvor die Auswirkungen des Östrogens auf den weiblichen Körper, während Hormone wie das Progesteron oder Testosteron aber ebenso außen vor bleiben wie die unterschiedlichen Arten der Hormonersatztherapien. Ganz zu schweigen von anderen Behandlungsmöglichkeiten.

Insbesondere in Anbetracht dessen, dass die Regisseurin selbst zum Ende hin bemerkt, dass sie den Film unter anderem für ihre Tochter drehen wollte, sodass ihr eines Tages mehr Informationen über die Wechseljahre, die Gründe und Zusammenhänge wie die möglichen therapeutischen Maßnahmen zur Verfügung stehen würden, als ihr selbst, wirkt dieser eng gefasste Blick auf dieses wichtige Thema wie eine verpasste Chance. Das schmälert nicht die Aussagen, die die Betroffenen oder die Forscherinnen hier treffen, ganz unabhängig davon, wie wichtig es ist, sich frühzeitig damit zu beschäftigen. Doch hätte die Möglichkeit bestanden, Mein neues altes Ich als umfassendere Dokumentation zu den Hintergründen, Auswirkungen und Behandlungsmöglichkeiten der Menopause aufzubauen. Das ist leider nicht gelungen, war aber womöglich auch nicht der Anspruch.


Fazit:
Wie unvorstellbar zermürbend es sein muss, wenn man sich an verschiedene Ärztinnen und Ärzte wendet und einem gesagt wird, es fehle einem nichts, man aber gleichzeitig unter Symptomen leidet, machen die eindringlichen Berichte der Betroffenen hier deutlich. Die Menopause wird auch heute noch kaum in der Öffentlichkeit diskutiert. Vielmehr empfinden die betroffenen Frauen Scham, wenn sie auf Grund dessen ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen können. Viele fühlen sich alleingelassen und auch in der Forschung herrscht eine Angst vor, dass man Frauen mittleren Alters durch eine bereitere Wahrnehmung der Auswirkungen der Wechseljahre für den Arbeitsmarkt unattraktiv machen könnte. Es klingt geradezu absurd, bis man sich vor Augen führt, wie Frauen bereits vor Jahrzehnten und Jahrhunderten in der Medizin stigmatisiert wurden. Denjenigen Frauen, die unter verschiedenen Folgen der Wechseljahre leiden, verleiht Filmemacherin Louise Unmack Kjeldsen hier eine Stimme und rückt gleichzeitig in den Mittelpunkt, dass durchaus daran geforscht wird, die Symptome zu lindern. Selbst wenn sich hieran Widerstand regt. Dass sich viele Betroffene darum wiederkennen werden und sich vielleicht zum ersten Mal gehört fühlen, ist ungemein wichtig, zumal trotz der bedrückenden Einblicke der Schlusspunkt durchaus ermutigend gerät. Doch beleuchtet Mein neues altes Ich das komplexe Thema letztlich zu wenig tiefgehend, um einen umfassenden Überblick über die verschiedenen Symptome, die biologischen Prozesse im Hintergrund oder die unterschiedlichen Therapie- und Behandlungsmöglichkeiten zu bieten. Als Ausgangspunkt für betroffene Frauen, die sich ausgehend hiervon durch Ratgeber sowie Ärztinnen und Ärzte weiter informieren können, eignet sich der Dokumentarfilm aber ebenso, wie es ihm gelingt, ein Tabuthema in den Mittelpunkt zu rücken, das die Hälfte der Bevölkerung betrifft.
 

Tags:


Springen zu:

WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner