Junge Mütter – Jeunes Mères [2025]

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5–8 Minuten
Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 29. Januar 2026
Genre: Drama

Originaltitel: Jeunes mères
Laufzeit: 105 min.
Produktionsland: Belgien / Frankreich
Produktionsjahr: 2025
FSK-Freigabe: noch nicht bekannt

Regie: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
Besetzung: Elsa Houben, Lucie Laruelle, Babette Verbeek, Janaina Halloy, Samia Hilmi, India Hair, Christelle Cornil, Joely Mbundu, Claire Bodson, Selma Alaoui


Kurzinhalt:

Die Betreuerinnen des Mutter-Kind-Heims in Lüttich versuchen, den unterschiedlichen Bedürfnissen der jungen Frauen gerecht zu werden, die bei ihnen sind. Sowohl während der Schwangerschaft als auch nach der Geburt der Kinder. Manche von den jungen Müttern haben zuhause Gewalt erfahren, andere haben gar kein Zuhause und wissen nicht, ob sie ihr Kind nach der Geburt behalten sollen oder nicht. Die 15 Jahre alte Ariane (Janaina Halloy) hat ihre Tochter Lili bereits bekommen, möchte sie aber an sich in eine Pflegefamilie geben. Arianes Mutter Nathalie (Christelle Cornil) will dem widersprechen, aber Ariane möchte eben genau nicht so werden wie sie. Julie (Elsa Houben) hingegen versucht, mit ihrem Freund eine gemeinsame Wohnung zu finden, doch allein die Vorstellung, vor die Tür zu gehen, versetzt sie in Panik, dass sie rückfällig werden und sich nicht um ihre Tochter Mia kümmern könnte. Perla (Lucie Laruelle) auf der anderen Seite würde sich mit ihrem Freund und dem Baby Noé eine gemeinsame Zukunft wünschen, aber ihr Freund will nichts mit ihr oder seinem Kind zu tun haben. So ergeht es auch Jessica (Babette Verbeek), die sich hochschwanger daran klammert, ihre leibliche Mutter Morgane (India Hair) zu finden, die sie einst als Baby weggab. Es ist eine Entscheidung, vor der Jessica in Kürze selbst stehen und die ihr angesichts der ungewissen Zukunft, in die sie blickt, nicht leicht fallen wird …


Kritik:
Das belgisch-französische Drama Junge Mütter – Jeunes Mères erzählt von fünf jugendlichen Müttern, die in einer Einrichtung der Familienhilfe untergekommen sind. Auch wenn ihre jeweilige Situation unterschiedlich ist, gibt es doch Gemeinsamkeiten in ihrem Werdegang und der Ungewissheit, wie es weitergehen soll. Stark gespielt, wirkt die Erzählung beinahe dokumentarisch. Aber so wichtig und bedrückend das inhaltlich ist, der Film richtet sich nur an ein spezielles Publikum.

All die Mädchen und jungen Frauen im Mutter-Kind-Heim im belgischen Lüttich vereint, dass sie, wenn auch nicht allein, doch auf sich gestellt sind. Jessica scheint die jüngste von ihnen. Sie ist hochschwanger und sucht mit Hilfe der Betreuerinnen des Heims ihre leibliche Mutter, die sie selbst weggegeben hatte und sie nie kennengelernt hat. Geradezu trotzig meint sie noch, dass sie jetzt jünger sei als ihre Mutter damals, sie ihr Baby aber nicht weggeben wolle. Naïma hat ihr Kind bereits bekommen und inzwischen wenigstens wieder Kontakt mit ihrer Familie, auch wenn sie noch nicht wieder nach Hause zurück kann. Bei Ariane ist es genau umgekehrt, ihre Mutter Nathalie sucht aktiv den Kontakt zu ihrer 15jährigen Tochter und ihrer Enkelin Lili. Aber Ariane weiß um die Misshandlungen durch die Freunde ihrer Mutter und ihre Alkoholsucht, weshalb sie überlegt, ihr Kind in eine Pflegefamilie zu geben. Julie hingegen hat mit ihrem Freund Dylan den Absprung aus dem Drogenmilieu geschafft. Zwei Jahre lang ist sie clean, aber mit der Verantwortung für ihre neugeborene Tochter Mia steigt auch der Druck, dem sie selbst glaubt, nicht gewachsen zu sein. Perla hat dagegen ihren Freund Robin gerade aus dem Gefängnis abgeholt. Aber während ihr eine gemeinsame Familie mit Baby Noé und ihrem Freund vorschwebt, gibt sich der abweisend, was Perla wieder zum Alkohol greifen lässt.

Den meisten dieser jungen Mütter fehlt es an einer Perspektive, etwas, worauf sie hinarbeiten können. Sie träumen dabei nicht von Berühmtheit oder Reichtum, sondern von alltäglichen, man möchte meinen selbstverständlichen Dingen. Für Naïma ist es ein Praktikumsplatz und eine eigene Wohnung, für Julie die Ausbildung zur Frisörin und eine gemeinsame Zukunft mit ihrem Freund. Dafür muss sie aber zuerst ihre Angst überwinden, vor die Tür zu gehen, da sie fürchtet, rückfällig zu werden. Ariane scheint hingegen ebenso verloren wie Perla, die sich an eine Idealvorstellung der Beziehung mit ihrem Freund klammert, so dass seine Ablehnung ihre ganze Welt zusammenbrechen lässt. Sie wäre bereit, alles zu tun, damit Robin bei ihr bleibt. Er müsste nicht einmal die Vaterschaft anerkennen. Dass sie und ihr Kind allein bleiben, ist für sie keine Option. Die Situation könnte bei Ariane unterschiedlicher kaum sein. Sie erkennt, dass ihre Mutter in der Enkelin Lili eine zweite Chance sieht, die sie mit Ariane nie hatte. Wirft Nathalie ihrer Tochter vor, sie würde sich für sie schämen, ist sie es doch, die sich dafür schämt, welche Kindheit sie Ariane geboten hat und nun hofft, es wieder gutmachen zu können.

All diese Figuren sind oder waren gebrochen. Durch die Welt selbst, die Situation, in der sie sich befinden oder befunden haben. Dabei unterstreicht Junge Mütter – Jeunes Mères, wie sich die Geschichte wiederholt, wie Jessica wie ihre Mutter damals sehr jung schwanger wird und auf sich allein gestellt ist. Wie sie damit hadert, ob sie ihre Tochter Alba behalten soll oder nicht. Während der Schwangerschaft scheint Vieles so klar und eindeutig, doch nach der Geburt ist die Situation eine ganz andere. Müsste sie sich schämen, wenn sie Alba nicht so sehr liebt, dass sie sie behalten möchte und war es ihre eigene Schuld oder die ihrer Mutter, dass sie Jessica damals weggegeben hatte? Die Filmemacher Jean-Pierre und Luc Dardenne, zwei Brüder, die jeweils über 70 Jahre alt sind und beinahe ein halbes Jahrhundert im Filmgeschäft, erlauben einen Blick in die Situation und Generation dieser jungen Frauen, die mit unmöglichen Entscheidungen konfrontiert werden. Sie tun dies, ohne die jungen Mütter zu verurteilen für ihre Naivität, ihre fehlende Weitsicht oder dass sie sich über die Konsequenzen der jeweiligen Schwangerschaft nicht bewusst waren. Wie sollte man es ihnen auch vorwerfen, sind sie doch selbst allesamt noch Kinder?

Stattdessen scheint es, als biete Junge Mütter – Jeunes Mères den Figuren Raum, ihre Hoffnungen und Ängste ungefiltert und ungeschönt zu äußern. Das bedeutet mitunter, dass sie immer noch nicht in der Lage sind, ihre Situation zu reflektieren oder gar die Verantwortung zu erkennen, die sie nun nicht mehr nur für sich tragen. Das trifft auf Perla ebenso zu wie auf Jessica. Aber in diesem Rahmen erhält das Publikum die Gelegenheit, die Welt durch die Augen dieser jungen Frauen, dieser jungen Mütter zu sehen. Es ist ein Blick, der die Umwelt nicht anklagt für fehlende Absicherung oder mangelnde Perspektiven. Immerhin versuchen die Mitarbeiterinnen der Familienhilfe, sie so weit wie möglich zu unterstützen, ob sie sich nun entscheiden, das Kind in eine Pflegefamilie zu geben, oder nicht. Aber die Perspektive erzeugt eine Atmosphäre der Empathie und Verständnis. Beides bleibt bei einem, auch wenn der Abspann bereits lange vorüber ist.


Fazit:
Dass es für keine der Geschichten dieser fünf jungen Frauen ein Happy End im klassischen Sinne gibt, dass sich ihre Situation vollständig zum Guten wendet, zeichnet sich bereits früh ab. Manche fallen vielmehr gerade dann ins Bodenlose, wenn sich ihr Leben an sich auf einem guten Weg befindet. Dieses Bild zieht sich in der Erzählung von Jean-Pierre und Luc Dardenne buchstäblich durch Generationen, was die persönlichen Geschichten der Figuren komplettiert, ohne dass alle Fragen beantwortet würden. Dass die junge Naïma kaum vorgestellt wird, ist schade, aber vermutlich darin begründet, dass sich ihre Zeit im Mutter-Kind-Heim dem Ende zuneigt. Junge Mütter – Jeunes Mères ist von allen Beteiligten greifbar, geradezu unmittelbar gespielt. Die langen Einstellungen fordern die Besetzung sichtlich und erwecken gleichzeitig den Eindruck, man wäre mit den Figuren in eben diesen Zimmern. Rau und authentisch wirkt dieser Einblick in das Leben der Protagonistinnen geradezu dokumentarisch. Behält man das im Hinterkopf, ist man auch nicht enttäuscht, dass es keinen wirklichen Abschluss für die Erzählung gibt. Die richtet sich an ein Publikum, das bereit ist, sich auf das Drama einzulassen. Es wird vermutlich kein großes sein, aber das macht den Inhalt nicht weniger wichtig oder sehenswert.
 

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